Ziele und Motive der Rechtsradikalen

Moser, Tilmann: Ziele und Motive der Rechtsradikalen. Der vergessene intergenerative Aspekt. In: Gewerkschaftliche Monatshefte (April 1993), S. 203-212.

 

Eine provozierende These gleich zu Beginn: So quälend Dauer und Tenor der asylpolitischen Debatte waren; so demütigend der äußerst zögerliche Gang wirksamer polizeilicher und strafrechtlicher Verfolgung der zunächst noch "Randalierer" genannten Gewalttäter; so erschütternd das Schicksal der Todesopfer in den angezündeten Heimen; so empörend die geschändeten Friedhöfe und Gedenkstätten: ein Erwachen der Deutschen in großer Zahl wäre nicht früher erfolgt. Die ausgepfiffene großdemonstration mit dem Bundespräsidenten in Berlin im November und die Lichterketten in München mit 300.000 Teilnehmern Anfang Dezember 1992 und danach invielenanderen Städten führten dazu, dass hunderttausende auf die Strasse gingen, die in ihrem Leben noch nie an einer Demonstration teilgenommen hatten. Es hat eine Politisierung von Menschen stattgefunden, die sich sonst nur "privat" Sorgen machen und besorgt sind. Inzwischen bilden sich viele Initiativen, Nachbarschaftshilfen, Telefonketten für Gefahrensituationen. Man engagiert sich, Industrie, Vereine, Sport, Kirchen "schämen" sich, warnen und führen Menschen zusammen. Das Erschrecken ist endlich tiefer gegangen, aber es bleibt die traurige Tatsache, dass es ohne die Morde von Mölln nicht so weit gekommen wäre. Die Widerstandsschicht in der Wahrnehmung einer Gefahr, vielleicht einer sozialen Erkrankung, scheint durchbrochen.

Natürlich gibt es bei vielen Politikern und an vielen Stammtischen noch, im Sinne der "Reduktion von Komplexität", eine Zentrierung auf die paar hundert Täter und die vielen Mitläufer oder "Mitschwinger" und Sympathisanten. Die vereinfachte Maxime würde lauten: Festnehmen und aburteilen, verbieten und überwachen, dann hat der Spuk bald ein Ende! Die Rechtsradikalen sind auch brauchbare Prügelknaben.

Es ist vielen Nachdenklichen inzwischen aber auch klar, dass nach den "Ursachen" geforscht werden muss, und sie werden zunächst vorwiegend im Ökonomischen (Chancenlosigkeit) und im Sozialen (gesellschaftlicher Umbruch mit Desorientierung und Wertverlust) gesehen. Doch das würde noch immer bedeuten, dass es halt die Labilen und die Anfälligen, die "Primitiven" und die Ewiggestrigen wären, der "Mob" und der "Pöbel" und die "Glatzköpfe", die aus ihrer aktuellen Beunruhigung, Heimatlosigkeit, ungerichteten Aggression, den Minderwertigeitsgefühlen und dem Neid heraus, auf eine rein "gegenwärtige" Krise mit Gewalt und Rückzug in rassistische oder fremdenfeindliche Ideologien ausweichen. Allenfalls kommen noch gruppendynamische Deutungen hinzu (an denen viel Richtiges dran ist), die das situationsbezogene "Aufheizen" und den Kontrollverlust durch wechselseitige Ansteckung erklären wollen. Auf der individualpsychologischen Ebene kommen noch einige Motive und Mechanismen hinzu: ein Kampf gegen die innere Leere, die solidarische Verschmelzung in der spannenden Aktion, die Kanalisation von Wut, die sich sonst gegen das eigene Selbst richten würde.

Von hier aus führt die Brücke zur Sündenbock-Theorie: die Schwächsten werden ausgesucht, um an ihnen den Frust abzulassen, aus Schwäche Stärke zu machen, den Selbsthass auf Ziele zu lenken, die den eigenen Grössenwahn oder wenigstens die Arroganz nähren durch Verachtung, und die sich mit "Reinheits-Theorien" von Volkstum und Rasse leicht idelogisch rechtfertigen lassen. Zwar ist vom Wiederaufflackern von nationalsozialistischem Gedankengut, von Haltungen und Handlungsbereitschaft die Rede, und ein Teil der Rechtsradikalen tut alles mit ihrem Hitler-, Kampf- und Fahnenkult alles, um diese These zu bestätigen, so, als wäre alles nur eine Fortsetzung oder Wiederanknüpfung nach zwei Generationen. Aber dennoch bleiben alle diese Erklärungsversuche historisch flach. Ein soziales Symptom wird zum Problem einer Randgruppe herunterstilisiert. Die Statistik soll, vor allem dem Ausland, gegenüber beweisen, wie marginal das Phänomen im Grund ist. außerdem kommen die Erklärungsversuche schwer mit dem Widerspruch zwischen politischer Dämonisierung und der Jugendlichkeit vieler Täter zurecht. Neben den organisierten Gruppen gibt es - und das mindert die Gefährlichkeit nicht - die vielen Feierabendtäter, die nach einem normalen Arbeitstag als Lehrlinge oder Arbeiter mal eben "zündeln" und auch hilflos erschrocken sind, wenn die Dimensionen der versuchten "Säuberung" eines Stadtteils von Asylanten in Mord übergehen. Das "Erwachen" der demokratischen Kräfte ist auf Aktion, Wachsamkeit, Bekenntnis hinausgerichtet, also auch hier: ein Bezug auf Handlungsmöglichkeit in der Gegenwart. Aber das Handeln bezieht sich auf die gefährlichen Erscheinungsformen des Symptoms, dessen Quellen tiefer liegen. Was oft fehlt, ist der Rückbezug der Täter mit ihren Motiven auf die Gesellschaft als ganze; auf die Formen der untergründigen Bewertung und Tradierung von Gewalt in den Familien; auf das unkenntlich gewordene Fortleben total unverdauter und inzwischen intergenerativ entstellter Fragmente nicht nur von NS-Ideologie, sondern auch von unverdautem Leid, von inneren Spaltungen, von schwelenden Seelenfragmenten und eingemotteten Teilen der Biographien der Eltern und Großeltern.

Fernsehinterviews mit Eltern der Brandstifter und Asylantenjäger zeigten oft eine erschreckende Beziehungslosigkeit zwischen Eltern und Jugendlichen. Manche Eltern schienen gar nicht erschrocken. Die Jugendlichen wohnen zwar vielfach noch zuhause, aber sie sind nicht Teil einer Familie, die sich austauscht, sie leben außerhalb eines Gesprächszusammenhanges, außerhalb einer gemeinsamen Welt geteilter Werte, vor allem aber: geteilter Erinnerung.

Die Täter zwischen 17 und 25 Jahren sind Söhne und Enkel. Ihre Väter und Mütter sind Kinder von Kindern, Jugendlichen und junge Erwachsenen, die noch in der Hitlerjugend waren, die nichts anderes kennengelernt hatten als ein Aufwachsen in Diktatur, Krieg, Flucht, schwieriger Integration als Flüchtlinge. Es wurde nirgends geredet in den Familien. Die öffentliche Meinung sprach von der braunen Diktatur, der Barbarei, den Verbrechen des Holocaust und des Krieges. Zwar verhehlten eng umrissene Gruppen, Seilschaften, Hilfsgemeinschaften (etwa der SS, oder Soldatengruppen) in den Nachkriegsjahren nie, dass sie sich nicht zu lösen vermochten. Aber die Schicht der neuen demokratischen Erziehung schob sich wie frische geologische Sedimente über das Unbewältigte, erlaubte nicht Transformierung, individuelle Aneignung, Betrachtung, langsame Integration.

Die Psychoanalyse hat unter großen Mühen inzwischen zutage gefördert, wie tief unterirdisch und weit außerhalb der bewusstseinsbildenden Sprache seelische Gewaltsamkeit und unverarbeitete Traumata weitergegeben werden: als Lebensstile, unerledigte Aufgaben, Geheimnisse, Mythen, Aufträge, Verleugnungen usw. Man könnte deshalb von massenhafter Nicht-Authentizität sprechen. Geschichte und seelisches Wachstum waren nur durch blinde Kräfte, nicht durch heilsames Sprechen verknüpft.

Ein Freund aus einer anderen Stadt, knapp über vierzig, erzählte im Dezember 92 bestürzt von einem ersten Gespräch mit den Eltern, das von den überquellenden Bildern aus dem Fernsehen ausgelöst war. Er habe seine Mutter kaum wiedererkannt: Fragmente absolut unverändert bewahrter NS-Ideologie kamen zum Vorschein. Er wusste nicht, ob er wüten, trauern oder verzweifeln sollte. Die Eltern schwärmten von Hitlerjugend und Arbeitsdienst, von der strengen Ordnung unter Hitler, von der Lüge von Auschwitz. Er hatte es nicht gewusst, aber sein jahrelanger sozialer und politischer Einsatz für Ausländer und deren Integration erschien ihm auf einmal wie ein unbewusstes Aufarbeiten einer nie ausgesprochenen elterliche Fixierung auf die einfach verschütteten Sedimente einer NS-Verklärung. Die Politisierung im Gefolge der 68er-Bewegung war vollkommen getrennt von der weitgehend unbekannten Geschichte der Eltern erfolgt, aber doch in einem unterirdischen Zusammenhang mit ihr. Das Ausmass der Fremdheit aber erschütterte den Freund; es blieb das Erschrecken, von dermassen "Unbelehrbaren", die doch seit Jahrzehnten treue Demokraten waren, abzustammen.

Seine Eltern hatten weder brutale Gewalt erlebt noch begangen. Es sind süddeutsche Kleinbürger aus einem Dorf, von dem man aus der Ferne das Bombardement der nahegelegenen Stadt beobachten konnte. Kaum eigene Kriegsschäden, kein Besatzungsterror, keine Flucht, kein Verlust von Haus und Heimat, kaum Hunger, kaum Angst nach dem "Zusammenbruch". Sie hatten sich damals angepasst und, ohne viel Korrektive, die NS-Ideologie aufgesogen. Sie hatten sich später wieder angepasst, denn die öffentliche Stimmung war: das Vergangene war böse. Aber davon ging es nicht weg in den Seelen. Sie wussten ja auch um die schlechte Kontinuität in Justiz und Verwaltung, in den Schulen. Sie nahmen am Gespräch der Intellektuellen nicht teil. Ihre Bildung reichte nicht aus für ein selbständiges Weiterdenken.

Aber die Eltern vieler Rechtsradikaler dürften aus Familien stammen, in denen verübte und erlittene Gewalt im Untergrund der Familien fortbestand. Ihre Großmütter waren vielleicht Trümmerfrauen, Heimatvertriebene, Ausgebombte, Vergewaltigte, die Eltern Vaterlose, oder Kinder von Spätheimkehrern, Verwundeten, Krüppeln, Kriesgversehrten. Dann herrschte mindesten bei vielen seelische Gewalt in den Familien. Die Chancen der seelischen und geistgen Selbstständigkeit waren begrenzt, die Härte des Überlebens spürbar. Die Mitscherlichs sprechen von Verleugnung und Entwirklichung der Taten wie der erlebten Katastrophen in ihrem Buch "Die Unfähigkeit zu trauern" (1967).

Es kommt noch mehr hinzu. Im Osten ohnehin, aber auch im Westen waren die Kleinbürgerschichten abgeschnitten von aller Psychotherapeutisierung und Pädagogisierung der Biographien, selbst wenn man, was nicht stimmt, annähme, dass ein "therapeutisches Klima" ein Brücke zu den Verstrickungen hätte geschlagen werden können. Auch die Soziologie hat sich kaum um die verdrängten Seeleninhalte der Deutschen gekümmert, erforscht wurden eher aktuelle Einstellungen und Verhaltensweisen. Was will ich damit sagen? Dass man im Kleinbürgertum, aber nicht nur dort, bei den NS-Generationen höchstens von eingekapselten Schwelbränden der NS-Ideologie sprechen kann. Nicht im geringsten von Bewältigung.

Die Eltern und Großeltern der heutigen Täter, so kann man unschwer sagen, leben und lebten mit ihren frühen Erinnerungen in einem katastrophen- und gewaltdurchzogenen seelischen Niemandsland. Die autoritätsverhafteten Gefühle sind selten gereift. Sie geisterten durch die Erziehungsstile, wie Anita Eckstaedt es für Angehörige auch von gehobenen Schichten herausgefunden hat. Sie haben unverstandene Verbiesterungen geerbt und weitergegeben. Wo die Verbiegungen gehäuft wirkten, mag es zu den plötzlich aufflammenden Charakterstörungen gekommen sein, die in der sozialen und ökonomischen Krise durchbrechen. Das Potential unverdauter Gewaltsamkeit ist da als eine beschwiegene Schicht. Sie ist in vielen Deutschen noch da. Es gibt auch in der Achtundsechziger-Bewegung viel seelische Brutalität, erst recht dann in den darauf folgenden Kadergruppen und, noch einmal gesteigerter, in der Rote-Armee-Fraktion. Dass die "wehrhafte Demokratie" dagegen mit einer Art gesellschaftlicher Militarisierung vorgegangen ist, mag damit zusammenhängen, dass sie einer entstellten eigenen Fratze aus dem Untergrund der nächtlichen Alpträume ins Gesicht sehen musste, aber eben einer seitenverkehrten Fratze: nunmehr linke Gewalt, dämonisiert als bolschewistische Revolutionsgefahr.

Glücklicherweise haben die quälenden Vorgänge: Ausländerhass und die monatelange Hilflosigkeit bei ihrer Verfolgung - bis dann die Morde geschahen und aus dem Ausland der Renazifizierungsverdacht gegen das ganze Volk zurückschwappte - nebenbei noch etwas ganz anderes bewirkt: das große innerfamiliäre Schweigen kommt in Bewegung. Natürlich sind viele Eltern und Großeltern, die Augen- und Erlebenszeugen waren, längst tot. Sehr viele 50-jährige merken bestürzt, dass ihnen der Zugang, jetzt, wo die rückblickende Wissbegier aufkommt, für immer verschüttet ist. Eltern und Großeltern haben ihre Geheimnisse mit ins Grab genommen. Aber viele sehen sich doch noch einmal neu mit ihren lebenden siebzig- bis achtzigjährigen Eltern und Verwandten konfrontiert.

Wenn in Psychotherapien die Thematik unabweislich wird, wenn die Patienten bestürzt vor der Tatsache stehen, dass sie von ihren Eltern so gut wie nichts wissen, entsteht eine merkwürdige Phase. Die Patienten durchlaufen noch einmal die Entstehung des alles überdeckenden Schweigens. Wissbegier rückt in die Nähe von Unverschämtheit, Schuld und Elternquälerei. Bei dem Gedanken des fünfzigjährigen Hochschullehrers, seinen alten Vater, der Rechtsanwalt war, über seine politische Vergangenheit und seine Aktivitäten im Krieg zu befragen, kommen Kinderängste hoch: Angst vor Liebesverlust, Angst vor einer Katastrophe, Angst vor den Herzanfällen des Vaters, Angst, er könne sterben an seinen Fragen. Oder die Erinnerungen an die Panik der Mutter kommt hoch, mit der sie die Kinder beschworen hat, den Vater nicht aufzuregen, den Familienfrieden nicht zu gefährden. Der besagte Rechtsanwalt hatte seinem Sohn, dem er nach dem Muster unerbittlicher Autoritätsausübung, die durchaus mit Güte und Sorge gepaart sei konnte, das Kreuz brach, als Lebensmaxime mitgegeben: "Tarnung ist mehr als das halbe Leben." Ein anderer Vater, heute über siebzig Jahre alt, hatte nach seiner Heimkehr aus der russischen Gefangenschaft mit seiner Familie mit kleinen Kindern nächtliche Alarmübungen gemacht, sie aus dem Schlaf gerissen wie Rekruten, die einem feindlichen Überfall ausgesetzt sind. Hinterher gab es Manöverkritik und Schläge. Dieser Vater war aus der Schützendgrabenidentität nie mehr herausgekommen, sobald es um pädagogische Fragen ging: ein erneuter Beweis, dass der ansonsten unauffällige Mann Fragmente mit sich herum trug, die aller "Bearbeitung" unzugänglich blieben.

Die unbewusste Weitergabe seelisch unverdauter Inhalte lässt sich auch noch anders fassen, nämlich dann, wenn es sich um eine gezielte, wenn auch unbewusste Erbschaft handelt an ausgewählte Träger destruktiver Rollen. Es kann ein Kind, nach dem Prinzip unbewusster "Delegierung", ausgewählt werden, um "keine Einfühlung" zu bekommen; es können Lücken im Gewissen auftreten; das Verfallensein an Ideologiebereitschaft, an Hass, an Reinheitsphantasien, an Judenhass, an Rachetendenzen ungerichteter Art, die sich ihr Ziel erst suchen müssen. Die Eltern der Täter haben Bilder des Hasses, der Verachtung, ja von Ausrottungsphantasien, noch aus tausend kleinen Bemerkungen der Großeltern oder aus Ausfällen in Zorn und Suff gezogen. Es sind Einsprengsel daraus geworden, mobiliserbar nach innerem Bedarf, abrufbar aus einem Pool, der nie von einem erwachsenen Ich gesichtet und vereinheitlicht wurde. Ganze Generationen haben sich also mit inneren Spaltungen einrichten müssen.

Die Heidelberger Schule der Familientherapie unter Helm Stierlin hat diese unbwussten Delegationen gründlich untersucht, sie finden sich auch in den frühen Büchern von Horst Eberhard Richter. Die Göttinger Schule der Mehr-Generationen-Familientherapie mit Eckhard Sperling als führendem Kopf hat das Aufspüren der "Leichen und Lügen im Keller" weiterentwickelt, aber der Ansatz hat sich nur wenig ausgebreitet: die Psychoanalyse hat ihn nicht als legitimes Kind anerkannt.

Zurück zu den Brandstiftern und Asylantenjägern: sie schreien ein Erbe hinaus und setzen es in die Tat um, das sich in ihnen nur zugespitzt hat, aus einer Reihe von Gründen. Und trotzdem ist es kein Erbe in direkter Kontinuität, auch wenn es sich in alte Kostüme kleidet. Die Jugendlichen sind als lebendige Individuen in lebendigem Austausch nie gesehen worden. Sie sind einerseits leer, was ein lebendiges mitmenschliches Selbst angeht, und suchen deshalb die Gruppe, um die Leere auszuhalten. Und andererseits sind sie vollgestopft mit unverdautem Seelenmüll. Sie ahnen nicht einmal, wie er in sie hineingeraten ist. Weil es um so viel fauligen Müll geht, sind sie anfällig für Ideologien der Reinheit, auf deren Seite sie sich zu schlagen meinen.

Der Frankfurter Psychoanalytiker Werner Bohleber ist vor kurzem dem Thema tiefer auf den Grund gegangen (in Psyche, August 92). Am Beispiel der Behandlung eines rechtsradikalen Jugendlichen gelingt es ihm zu zeigen, wie eine "Familienschande" (ein versagender Vater, den die Mutter zur Verachtung freigibt) ihn in eine unlösbare Bindung zur Mutter führt, die seinem männlichen Selbstgefühl beschämend widerspricht und es schwächt. Er wird von der Gruppe abhängig wie von einem Korsett. Ohnmacht wird durch Macht- und Gewaltphantasien ersetzt. "Dabei erlebt er keine Schuldgefühle". Die Nation wird symbolisch zum "Körper der Mutter", deren Reinheit es zu verteidigen gilt. Bedroht wird sie vom "Schmutz" des Fremden, die seine rettenden Verschmelzungs- wünsche mit einer idealisierten, bergenden großgruppe stören. Das Muster stammt also aus der frühkindlichen Mutter-Kind-Beziehung. Vaterland ist in Wirlichkeit Mutterland, verbunden mit einem "ozeanische Gefühl der Erweiterung". Das Fremde wird darin wie Gift erlebt, das ohne Rücksicht ausgeschieden werden muss. Die Nation wird nicht politisch, sondern als biologischer "Stamm" verstanden. Dies führt zu einem "übermässigen Purismus" mit einer "wahnhaften Vermischungsangst." Es bleibt nur "absolute Homogenisierung" der Assimilierbaren, also höchstens der Deutschstämmigen (die Bundesregierung spielt hier mit durch ihr blutmässiges, ethnisches Verständnis der Einbürgerung). Es bleibt seelisch nur die Wahl zwischen "Verdauung" des Fremden oder seiner Ausscheidung. Die häufige Verwendung von Worten wie Dreck oder Schmutz oder Abschaum für die Ausländer spricht für diese elementare und biologische Auffassung von Nation als "reiner Mutterleib", mit dem man allmächtig verbunden sein will. "Der andersartige Fremde stellt diese Allmacht infrage, weshalb das Anderssein des Fremden bekämpft werden muss...weil eigene Vorstellungen von Identität und Integrität gesichert werden müssen."

Im gleichen Heft der "Psyche" kann die langjährige Leiterin der Jugendabteilung des psychotherapeutischen Fachkrankenhauses Tiefenbrunn, Annette Streeck-Fischer, anhand des Familienhintergrundes einer Reihe von westdeutschen rechtsradikalen Jugendlichen, die als Patienten bei ihr eingewiesen waren, das Ineinandergreifen von sozialen und tiefenpsychologischen Faktoren aufzeigen: "Jugendliche rechtsextreme Skinheads entstammen nicht selten einem familiären und sozialen Umfeld, in dem sie früh und in ihrer weiteren Entwicklung anhaltend traumatisiert wurden. Die rechtsextreme Gruppe dient ihnen als Elternersatz und Heimat, in der sie jene Gewalt wiederfinden und perpetuieren, die ihnen immer schon selbst angetan worden ist." Deshalb scheint es ganz psycho-logisch: "Nicht Achtung vor der Würde und der Unversehrtheit des Menschen bestimmen das Verhalten, sondern gerade deren Verletzung und Zerstörung."

Obwohl die Autorin weiss, dass es sich um generationsübergreifende Weitergabe handelt, wird aber gerade dieser Aspekt in den Fallbeispielen nicht vertieft. Er wird nur gefordert: "Mit Blick auf die rechtsextrem orientierten Jugendlichen müssen wir uns einmal mehr die Frage stellen, wie vergangen die Nazivergangenheit wirklich ist, und wir müssen uns vor allem fragen, wie weit hier psychoanalytische Erklärungen von Nachwirkungen des Nationalsozialsmus bis in die dritte und vierte Generation tatsächlich ausreichen." A. Streeck-Fischer fand bei den Jugendlichen regelmässig die "frühe Erfahrung, von der Mutter allein- und fallengelassen worden zu sein" (vom Vater ganz zu schweigen!).

Aber hier wäre nach der Verknüpfung von politischem Schicksal der Mütter und späterem seelischem Fallenlassen zu forschen. Das Fehlen intergenerativer Fallgeschichten macht sich hier besonders bemerkbar, und das kleinfamiliale Modell der Psychoanalyse hat diese historischen Verkürzungen in den letzten Jahrzehnten zementiert. Aber auch A. Streeck-Fischer fand als einen der wesentlichen Faktoren "den abgebrochenen Dialog und die Erfahrung von Ausgrenzung, die diese Jugendlichen gemacht haben". Nun, eben dieser Abbruch des Dialogs durch die Generationen ist etwas überindividuelles, historisches, massenhaftes, das die Nichtbewältigung des Nationalsozialismus in den Familien kennzeichnet.

Aber in die Auseinandersetzungen über Familiengeschichten zwischen den Generationen kommt endlich Bewegung, der seelische Untergrund weicht auf. Dabei kommt es allerdings zu einer merkwürdigen Spaltung in der politischen und privaten Reaktion: nichts führt an einem haltsetzenden Durchgreifen gegen die mörderische Aggression vorbei auf der Ebene des aktuellen Handelns. Eine ganz andere Ebene ist die des nachzuholenden immerfamiliären Verstehens, das zunächst einmal fast meditativer, gesprächshafter oder streitbarer Natur ist. Das eine soll das andere nicht lähmen, sondern langfristig ergänzen. Das Symptom der innerseelischen, massenhaften Fortwirkung des Nationalsozialmus (mit Holocaust, aber auch den Kriegsfolgen für die Deutschen), also einer scheinbar unsichtbaren Erkrankung, ist nun gewalttätig explodiert. Die Aufarbeitung des Symptom muss auf mindstens zwei Ebenen erfolgen: rasche Eingrenzung seiner destruktiven Auswirkungen, und geduldige Erhellung seiner Genese. Auch hier verweist A. Streeck-Fischer auf ein Phänomen, das sowohl im Individuellen wie im Politischen seine Wirkung entfaltet: nämlich auf besondere Vorgänge in der Pubertät, die diese Jugendlichen aber ohne Hoffnung auf Bewältigung durchlaufen müssen (die mangelnde schulische Entwicklung erwähnt auch sie). Sie spricht von einem besonderen "Gespür für widersprüchliches, doppelbödiges und unehrliches Verhalten von anderen". "Mit ihrem labilisierten Selbst tasten sie, was ihnen vorgelebt wird, daraufhin ab, inwieweit sie es für sich selbst als sinnvoll, vorbildhaft und lebenswert akzeptieren können", und stossen häufig genug auf das , was Alexander Mitscherlich 1970 schon in einem Aufsatz "Protest und Revolution" als einen Angelpunkt der Entfremdung bezeichnet hat, auf "Hypokrisie, auf das Unvermögen der vorangehenden Generation, die Ideale, auf die sie pocht, mit den tatsächlich geforderten Lebenspraktiken in Einklang zu bringen." Den Prozess des Herausfallens der Jugendlichen aus der Einbindung in eine vertrauensvolle Wechselseitigkeit kennzeichnet A. Streeck-Fischer so: "Widersprüchliches oder zurückweisendes Verhalten nehmen sie übersteigert wahr. Es bestätigt nur ihre misstrauische, feindselige Einstellung gegenüber den Erwachsenen."

Bei einer zusätzlichen sozialen Labilisierung führt dies rasch in die Gewalt, und die Gewalttätigkeit kann süchtig machen, weil sie die Verletzbarkeit vorübergehend aufhebt. Insofern hat sie die Wirkung einer Droge, weil sie Heilung verspricht, jedenfalls für den Augenblick. Heilung wovon? Auch hier noch einmal die Verzahnung von Geschichte und individueller Biographie: "Die Erfahrung von sozialer Ausgrenzung ist eine wiederkehrende Konstellation....Sie zieht sich wie ein roter Faden durch die Lebensgeschichte der militanten Jugendlichen. Als unerwünschte Kinder auszerbrochenen Beziehungen bleiben sie in neugegründeten Familien lästige Störenfriede, können in der Schule nicht Fuß fassen, fühlen sich als Aussenseiter und erleben in der extremistisch orientierten Gruppe erstmals so etwas wie Zugehörigkeit."

Genau diese individuelle Geschichte wird, von den ostdeutschen Jugendlichen jedenfalls, auf historischer Ebene wiedererlebt. Sie fallen aus einer - wie immer unglücklichen und repressiven - Staatsgemeinschaft heraus und erleben die neue Freiheit als Bedrohung und Grenzenlosigkeit: das Ende de Repression führt zur Explosion. Etwas anders liegen die Dinge bei den "Feierabend-Brandstiftern": "Andere Jugendliche sind in Familie, Schule und Lehre zwar halbwegs integriert, zahlen dafür aber den Preis, dass sie zentrale Persönlichkeitsanteile verbergen müssen. Sie sind vordergründig angepasst, und unauffällig, haben aber frühe oder spätere Erfahrungen erlittener Misshandlung und Gewalt abgepalten. Sie führen eine Art Doppelleben, verhalten sich Erwachsenen gegenüber angepasst, um die Wiederholung früher traumatischer Erfahrungen zu vermeiden, schliessen sich aber zugleich Gruppen an, in denen sie diesen abgespaltenen Teil ausleben können." Es kommt noch zu einer weiteren Verschränkung von individuellen und kollektiven Bedürfnissen. Wer in seiner Entwicklung vorwiegend Manipulation und Gewalt erlebt hat, fühlte sich nie in seinem lebendigen Selbst erkannt und gesehen. Also bleibt ein gestautes Bedürfnis nach Gesehen-Werden erhalten. Sie suchen "in ihren Gewaltaktionen letztlich danach, endlich gesehen, anerkannt und akzeptiert zu werden." Die Fernsehgesellschaft kommt ihnen dabei entgegen. Es entsteht ein Wettlauf ums Gesehen-Werden von den Kameras. Kommt dazu noch eine tragende Identifikation oder Zustimmung der Zuschauer auf offener Szene hinzu, dann hat sich die ursprüngliche Sehnsucht nach dem "Glanz im Mutterauge" in ein perverses Gewalttheater verwandelt, bei dem sich die Aktionsbühne noch einmal im Fernsehen spiegelt. Kein Wunder, dass das Auftauchen eine Kamera die Jugendlichen gelegentlich wie elektrisiert und sie auch bereit sind, die destruktiven Rituale zu wiederholen, "um Lähmungs-, Ohnmachts- und Leeregefühle zu überwinden."

Die schwerer Gestörten hält die Autoren im Grunde "nicht für gruppenfähig". Sie brauchen die permanente "Gegnersymbiose", um ihren Zusammenhalt nicht zu gefährden. Daher die aktive Suche nach Gegnern, das Durchschweifen der Stadt nach Feinden, die Provokation und der Kampf mit der Polizei. Das Ausmaß der inneren Selbstentwertung, die gar nicht zu ertragen ist, wird deutlich an der seelischen Dehumanisierungspolitik, wie sie uns aus der propagandistischen und juristischen Dehumanisierungspolitik gegenüber den Juden im Dritten Reich und davor vertraut ist. "Als Person wird der Fremde durch Verzerrungen zunehmend entmenschlicht, zu 'Ungeziefer' animalisiert oder als 'arschgefickter Kanacke' zu einem verabscheuungswürdigen Perversen herabgestuft." So weit die tiefenpsychologischen Analysen. Trotzdem handelt es sich nicht um eine einfache Fortsetzung von Nazi-Verhalten. Die Adaptation von Symbolen und Versatzstücken von Ideologien greift auf das zurück, was die heutige Gesellschaft, auch vor dem Ausland, am meisten blamiert und in Verlegenheit bringt.

Mit den Bekenntnisanzeigen, die gegenwärtig durch den Blätterwald rauschen, wird vorwiegend moralische Selbstbefriedigung betrieben, ein Abzahlungsbonus geleistet gleich einem Ablassbrief, und das Vorzeigen einer weissen Weste inszeniert. Je mehr öffentliche Beschwörungen des good-will man liest, desto weniger scheint einem verstanden, dass es mit klappernden Ritualen nicht getan ist. Politisches Eingreifen u n d Veränderung in den Seelen ist gefragt.

In Zehntausenden von Familiengesprächen über die Generationsgrenzen hinweg hat sie endlich begonnen. Was aber die "Hypokrisie" angeht, von der Mitscherlich sprach, so ist sie auf weltpolitischer Ebene tagtäglich auch für die jungen Rechtsradikalen im Fernsehen präsent: Europa schaut ja tatenlos zu, wie vor unserer Tür mit unvorstellbarer Gewalt "ethnische Säuberung" betrieben wird!

Und die Jugendlichen sehen, dass es straflos geschieht, dass Lamentieren, große Gesten und ein bisschen Embargo alles sind, was die Staatengemeinschaft gegen das tut, was man den Jugendlichen vorwirft. In ihren Motiven können sie sich, mit Recht, noch edler vorkommen als die Serben, die fremdes Land verwüsten und entvölkern. Die völkische Ungeziefertheorie wird in Bosnien seit über einem Jahr täglch exekutiert, Waffen werden den Entrechteten verweigert. Was sollen denn die Jugendlichen anders lernen, als dass Gewalt triumphiert und der Schwächere keinen Schutz findet?