Körperpsychotherapie, NS-Zeit und Krieg

Vortrag von Tilmann Moser bei der Münchner Arbeitstagung für Körpertherapie am 14. Oktober 1994.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

lassen Sie mich mit einigen provokanten Thesen beginnen: Ich habe, soweit ich mich erinnere, noch keine körpertherapeutische Abhandlung oder gar ein Lehrbuch gelesen, in dem von den Engrammen der Geschichte oder der geschichtlichen Katastrophen die Rede gewesen wäre. Die einzige Ausnahme vielleicht: der körpertherapeutische Umgang mit Folteropfern in einigen wenigen Zentren. Auch die Körpertherapie scheint sich, wie die Psychoanalyse, soweit sie Biographisches berücksichtigt, an das kleinfamiliale Modell zu halten. Die bedeutsamste Ausweitung ist vielleicht der körpertherapeutische Umgang mit prä- und perinatalen Stadien der Existenz.

Die Erforschung der seelischen Belastungen der Holocaust-Opfer in der Psychoanalyse war wohl bahnbrechend für Erkenntnisse über das Ausmaß seelischer Traumatisierung durch Verfolgung, Terror und Krieg. Auf körperliche Erkrankungen wird dabei zwar verwiesen, aber der Körper wird nicht in die Behandlungsprogramme direkt einbezogen.

Das Ausmaß der in Terror und Verfolgung, Demütigung und Todesangst, aber auch bei aktiver Grausamkeit erlebten Regression bringt es aber mit sich, dass auch Erlebnisse im Erwachsenenalter noch zu Traumatisierungen führen, die den in der Kindheit erlittenen gleichen können. In Opfer- wie in Täter- oder Mitläuferfamilien werden ganze historische Schichten tabuisiert, beschwiegen, oder wie Alexander Mitscherlich es nennt, "derealisiert". Die usprünglichen Tramata wie deren innerfamiliäres Beschweigen haben Folgen, die sich auch in leibseelischen Phänomenen niederschlagen müssen. Vielleicht erklärt die Tatsache, dass die meisten Formen von Körpertherapie, obwohl ursprünglich aus auropäische Anregungen entstanden, in verwandelter Form aus den USA zu uns zurückgekehrt sind: ich denke an Bioenergetik, Primärtherapie, Gestalttherapie usw. Ihre Pioniere sind von den durch die Deutschen angerichteten Katastrophen verschont geblieben. Manchmal meint man deshalb, ihnen fehle eine ganze Dimensionen der Aufmerksamkeit auf körperliche Engramme, die auf Leid infolge politischer Katastrophen verweisen. Dies hat sich auch auf die Ausbildungsinhalte in Deutschland ausgewirkt. Der Vorwurf aber, die Psychotherapie habe die politisch induzierten Traumatisierungen ausgeblendet, trifft alle Schulen nahezu gleichermaßen. In der Psychoanalyse hat allerdings ein langsamer Prozeß der Besinnung auf das Ausmaß der "Verschwörung des Schweigens" begonnen, und einige Forscher sprechen von der vielleicht notwendigen Latenzzeit, die nötig war, um sich fast zwei Generationen später dem Thema zu stellen.

Durch die neuen Formen des Zugangs zu leib-seelischen Traumatisierungen, die uns die Entdeckungen der Körperpsychotherapie gebracht haben, kommt ihr, nicht zuletzt durch die größere Flexibilität in der Annäherung an die Patienten, hinsichtlich der Kriegs- und NS-Folgen, eine besondere Verantwortung zu, die sie bisher, aus einer Reihe von Gründen, kaum wahrnimmt. dasshier Angehörige verschiedener Schulen versammelt sind, möchte ich Sie durch einen kurzen Abriß der Probleme, wie sie sich mir als Analytiker und Körpertherapeut stellten, einladen, in der Diskussion vielleicht Wege für einen neuen Zugang zu finden. Das Thema berührt nicht nur behandlungstechnische, sondern ethische Probleme, oder, um es etwas pathetischer zu sagen: die Frage nach unserer sozialen und historischen Rolle. Sie dürfte sogar verknüpft sein mit den berufspolitischen Überlegungen, zu denen Sie sich zusammengefunden haben.

Dass in vielen körpertherapeutischen Schulen inzwischen die Themen von Übertragung und Gegenübertragung zunehmendes Gewicht erhalten, nehme ich an, dass eine Diskussion dieser Probleme in analytischen Begriffen auch für die Körpertherapie bedeutsam sein kann. Über die diagnostische Wahrnehmung von NS-und Kriegstraumen in der Körpertherapie können wir vielleicht in der Diskussion Erkenntnisse zusammentragen.

In den Stichwortverzeichnissen der großen psychoanalytischen Lehrbücher der letzten Jahre kommen Hitler und der Nationalisozialismus nicht vor. Eine wirkliche Diskussion der behandlungstechnischen und menschlichen Probleme bei der Analyse von Täter- und Mitläuferkindern ist noch kaum in Gang gekommen; vor allem, nachdem die Pionierleistungen, etwa die von Anita Eckstaedt ("Nationalsozialismus in der 'zweiten Generation'. 1989), fast unisono der Schuldentlastung der Deutschen und des Antisemitismus geziehen worden waren.

Die Analytiker, die auf dem Weg der Übertragungs- und Gegenübertragungsanalyse sich auf das Terrain des Grauens gewagt haben, berichten von schweren Belastungen und Verstrickungen, von kaum erträglichen Gefühlszuständen, wenn sie in der therapeutischen Rolle selbst zum Objekt massiver negativer Projektionen, Übertragungen oder gar projektiven Identifikationen geworden sind, wenn sie in die Gestalt der Verfolger und Dämonen rückten. Dazu eine kurze Passage von Gottfried Appy (1992):

"Der Analytiker schien unteredessen projektiv mit negativen Gefühlen vergiftet worden zu sein, die sie ausgrenzt und in ihn hineingesteckt hatte. Für sie war er neidisch und verfolgend geworden,, sodass sie ihm nicht mehr vertrauen und Deutungen nicht mehr hilfreich annehmen konnte. Sie war nahe daran, in eine Totalidentifizierung mit den omnipotenten sado-masochistischen Vernichtungsimpulsen ihres Traumes abzugleiten und akut psychotisch zu werden." (S. 33)

Trotz der fast einstimmigen Berichte über die seelischen Belastungen findet aber folgender paradoxer Vorgang statt: das Bekenntnis zum "Aushalten" und zur strikten Anwendung der reinen Übertragungsanalyse intenisiviert sich. Und dies, so meine wichtigste These, obwohl die Probleme der Überlastung des Analytikers es immer fraglicher erscheinen lassen, ob die Instrumente von Übertragung und Gegenübertragung geeignet, oder vorwiegend geeignet sind, die Thematik einigermaßen bewältigen zu können. Liest man Fallberichte von solchen Analysen, so fällt der heroisch-masochistische Ton auf, in dem das Leid in Übertragung und Gegenübertragung geschildert werden. Es ist nicht verwunderlich, ja vielleicht sogar förderlich oder notwendig, wenn bei den Kollegen, die das NS-Erbe in ihren Behandlungen thematisieren, die späte Entdeckung der eigenen Familiengeschichte als paralleler Prozeß abläuft. Ich habe an anderer Stelle schon betont, wie wenige Kollegen meines Alters die Thematik in ihrer Lehranalyse berührt haben. Meine These ist, dass die Durcharbeitung der eigenen NS-Familiengeschichte in der körpertherapeutischen Ausbildung noch viel dürftiger sein wird.

Es ist nicht schwer zu folgern, dass es also, neben der mangelnden Schulung und Ermutigung und dem rein subjektiven Widerstand im Therapeuten auch einen Widerstand gibt, der ein direktes Resultat einer Überlastung der Analyse durch einige Regeln des Settings gibt. Inwieweit die verschiedenen mehr oder minder strengen Arragements und Interventionsregeln der Körpertherapien tendenziell die politisch induzierten und inzwischen an die zweite und dritte Generation weitergegebenen Traumen ausblenden, möchte ich ebenfalls der Diskussion überlassen.

Ralf Zwiebel hat in seinem Buch "Der Schlaf des Analytikers" (1993) einiges von der Mühsal dargestellt, vor die uns Übertragungsformen mit kumulierter Negativität, verbunden mit rettenden Verschmelzungserwartung stellen. Das NS-Thema wird dabei nicht erwähnt. Im Nachwort des verdienstvollen Buches "Psychoanalysen, die ihre Zeit brauchen" (Hrsg. von H. Henseler und P. Wegener, Opladen 1993), das nicht im geringsten dem NS-Thema gewidmet ist, heißt es im Schlusswort über die Dauer der Analysen weit über die Kassenleistung hinaus:

"... zwar erreichten die Behandlungen bis zur 300. Stunde gewisse, zum Teil erfreuliche Besserungen der Symptomatik und des Befinden der Patienten, gleichzeitig verlagerte sich die pathogene Problematik im Sinne der Übertragungsneurose in die Beziehung zwischen Patient und Analytiker. dass dies erst jetzt geschah, mag unterschiedliche Gründe haben: die Art der ... Störung, das Angstpotential, die Rigidität oder die Kompliziertheit der Abwehr, u. ä. Möglicherweise brauchen Patienten mit einer Störung der Beziehung zum Primärobjekt Zeit, um soviel Vertrauen zu finden, dass sie bereit und in der Lage sind, die entsprechenden Konflikte nicht mehr nur im äußeren Leben, sondern auch und gerade in der Beziehung zum Analytiker zuzulassen." (S. 235)

Anita Eckstaedt und andere analytische Kollegen haben gezeigt, dass Nazi-Herrschaft und Krieg, vor allem durch die Abfolge von Begeisterung, Sorge, Angst und Panik, auch angesichts fehlender Väter, die Primärbeziehung massiv beeinträchtigt haben, zum Teil in schwer erkennbarer Weise. Was Zwiebel beschreibt, potenziert sich also unter Umständen bei Kindern von NS-verstrickten Eltern, weil die Übertragungsfragmente bedrohlicher und in ihrem Ursprung und ihrer psychischen Konsistenz schwerer zu erkennen und auszuhalten sind. Es kommt hinzu, dass durch den Holocaust und seine Vorbereitungshandlungen, aber auch auf Seiten der Deutschen, die aus dem Siegestaumel in Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung stürzten, häufig totale Brüche in der äußeren wie der inneren Lebenskontinuität eine Rolle spielen, sodass man von einer massenhaft induzierten Borderline-Struktur als Sozialcharakter bei Millionen von Eltern unserer heutigen Patienten sprechen kann, aber auch der Kriegs- und Nachkriegskinder selbst.

Die traumatisierenden Formen der Weitergabe dieser Belastungen hat die Familientherapie in den siebziger Jahren und achziger Jahren hervorragend dargestellt, wiederum, ohne den Bezug zur NS-Zeit anfangs auch nur zu erwähnen. Es kommt hinzu, dass die psychische Dynamik bei der inneren Deponierung der seelischen Erbschaft wahrscheinlich nicht umfassend mit den klassischen Abwehrmechanismen zu begreifen ist. dassviele Traumen mit einer für die Psychoanalyse irritierenden Desymbolisierung verbunden sind und in eher in diffusen Angstzuständen und psychosomatischen Störungen manifestieren, bin ich überzeugt, dass, wenn das Thema erst einmal ernst genommen wird, auf die Körperpsychotherapie eine gewaltige Aufgabe zukommt, von der ich noch nicht weiß, ob sie sich ihr stellen wird. Ich scheue mich aber nicht, mit diesem Vortrag einen moralischen Appell zu verbinden, sich diesem dunklen Kapitel der Spätfolgen politischer Katastrophen zuzuwenden.

Verdrängung gilt als gegen Trieb und Triebangst gerichtet. Verleugnung dient dem Schutz des Ichs von vorwiegend äußeren Gefahren. Abspaltung dient der Isolierung und Entschärfung von überwältigenden Gefahren, für das individuelle Ich keine Verarbeitungsmöglichkeiten hat. Die destruktiven Schrecken von NS-Zeit und Krieg sind aber zum großen Teil durch überindividuelle Abwehrformen der Bearbeitung entzogen worden. Die Mitscherlichs haben sie zusammengefaßt unter dem Ausdruck der Entwirklichung. Es gehören dazu kollektive Muster der inneren Abtrennung, des Besetzungesentzugs, der historischen Umdefinition von Erlebnissen, der völligen Abwendung des individuellen wie des kollektiven Ichs von ganzen inneren Epochen der Erinnerung. Deshalb spreche ich von den inneren Giftmülldeponien, für deren Zugang die Landkarten zum Teil verloren, zum Teil noch gar nicht erstellt worden sind. Der ZusammenSchluss der Familien zum Überleben nach dem Krieg, oder schon während, und auf der Flucht, haben bei den Kindern zu Formen der Loyalität geführt, die zum Schutz der unbewältigten Deponien der Eltern führten.

In Goethes Faust wird die Sorge als ein zentrales Grundgefühl benannt. Nach meiner Einschätzung ist dieser Zustand und seine Folgen in den Kindern neben den "klassischen Affekten" um Angst und alle Formen der Wut herum, mit denen umzugehen wir lernen, nicht ausreichend erforscht und therapeutisch berücksichtigt. Aber wenn man bedenkt, in wievielen vaterlosen Familien in dem Jahrzehnt zwischen 1943 und 1953 die Sorge, neben der Angst, das tragende Grundgefühl war, dann wird manches von der oft schier unüberwindlichen Parentifizierung der Patienten meiner Generation eher verständlich. Mit Parentifizierung meine ich hier sowohl die praktische wie die seelische Überlebenshilfe, die die Kriegs- und Nachkriegskinder ohne viel Aufhebens zu leisten hatten, und die sie für die Mechanismen der Implantation des Unbewältigten in sie so verwundbar machten. Jürgen Müller-Hohagen hat in seinem jüngsten Buch "Geschichte in uns" (München 1994) noch einmal deutlich darauf hingewiesen und die These mit einer Fülle von Beispielen belegt. Die Wucht der Anklage der 68er-Generation gegen diesen von der Geschichte erzwungenen kollektiven parasitären Mißbrauch ist ohne die konvulsivische Kündigung dieses Schweigevertrages kaum zu verstehen. Es hätte damals auch keinerlei Hilfe gegeben, mit den geerbten Belastungen anders als durch beschuldigende Ausstoßung der Elternbilder umzugehen.

Damit komme ich auf den Beitrag der Psychoanalyse zur psychischen Bewältigung des NS-Erbes. Auch die psychoanalytischen Schulen waren verstrickt in das Ringenum Entlastung und Beschuldigung, in rituelle Kämpfe um Unschuld, Reinheit oder Verstrickung. Martin Beland hat in einem DPV-internen Vortrag gezeigt, wie sehr sich junge Analytiker kollektiv auf der richtigen Seite fühlen konnten, ohne ihre politische Familiengeschichte aufzuarbeiten, wenn sie sich zur Freud'schen Ausbildung entschlossen.

Noch viel drastischer drückten dies Elisabeth Brainin und Isidor J. Kaminer aus in ihrem Aufsatz über "Psychoanalyse und Nationalsozialismus", (1982). Sie sprechen ebenfalls von der Ausblendung des NS-Themas aus den Lehranalysen und fahren fort:

"Man kann sogar annehmen, dass der Beruf des Analytikers als eine Art 'Deckidentität' benutzt wird, wenn Schuld und Scham über die eigene Geschichte unbearbeitet bleiben, aber auch dazu, dem Konflikt mit den Anteilen der Elternimagines zu entgehen, die abgelehnt werden und in Zusammenhang mit dem Naziregime stehen." (S. 103) Das kann ich für mich selbst uneingeschränkt akzeptieren.

Hierfür noch ein kleines persönliches Beispiel: Mitte der sechziger Jahre habe ich einige Monate der Frankfurter Ausschwitz-Prozeß als Journalist beobachtet. Ich war gleichzeitig in therapeutischer Analyse bei einem inzwischen verstorbenen, sozial engagierten Kollegen. Wir haben, trotz wildester Träume und anderer Konvulsionen meines Unbewußten, mit keinem Wort daran gedacht, die politische Geschichter meiner Familie anzuschauen; eben sowenig geschah dies später in der Lehranalyse. Die Gründe sind vielfältig, institutionell, kollektiv wie individuell. Aber es ist ein Stück Scham zurückgeblieben, und ein Entidealisierungsschock, als mir deutlich wurde, in welchem Ausmaß die Psychoanalyse behindert war, ihr aufklärerisches Ideal in den Dienst der individuellen oder familiären oder gesellschaftlichen Wahrheit über die historischen Katatrophen zu stellen.

Dass in der DPV die Themenstellungen im wesentlichen umrissen waren durch den Forschungskanon der IPV, war es wohl auch kaum möglich, die deutschen Hausaufgaben mit neuen und eben vielleicht vorübergehend nur "nationalen" Fragestellungen und technischen Überlegungen zu erledigen. Das Schwergewicht der Arbeit lag aus vielen Gründen auf der Erforschung der Folgen des Holocaust. Die Identifikation mit den Opfern des Holocaust und die manchmal wohlfeile Desidentifikation mit den Deutschen und die Abwendung von der politisch-seelischen Leidensgeschichte des Täter- und Mitläufervolkes waren die Folge. Mit diesem Ausdruck "Leidensgeschichte des Tätervolkes" ist zugleich das unauflösbare Paradox bezeichnet, das einem Tabu gleichkam: wer sich anders als denunzierend für die seelischen Abgründe bei den Deutschen im Gefolge von NS-Zeit und Krieg interessierte, war rasch politisch verdächtig. So viel, fast stichwortartig, zu den Hindernissen auf dem therapeutischen Zugang zu den Katastrophen, die uns, davon bin ich überzeugt, im Untergrund noch lange beschäftigen werden. Man kann sie, wie Peters Heinl in seinem Buch über Kriegskinder ("Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg...". Seelische Wunden aus der Kriegskindheit. München 1994) gezeigt hat, noch nach 50 Jahren in den Gesichtern erkennen, wenn man erst einmal aufmerksam geworden ist.

Der seelische Niederschlag der historischen Katatrophen findet in Formen statt, die mit den herkömmlichen Bildern innerer Repräsentanzen und dem vertrauten Umgang mit ihnen ebenfalls nicht ausreichend zu fassen sind. Anita Eckstaedt hat in ihrem Buch wiederholt darauf hingewiesen, wie die Verstörungen auf ihrem Weg durch die Generationen unkenntlich werden. Man könnte sagen, dass es die Gefährlichkeit der Wahrheit ist, die mit den entsprechenden Angstaffekten dafür sorgt, dass die Erkennbarkeit vor allem der parasitären Beziehungsaspekte und der destruktiven Implantate sich zunehmend verschleiert. Was Freud für die Entstellung der Triebwünsche geleistet hat, wäre für die Wirksamkeit dämonischer innerer Instanzen erst noch zu leisten. Das gilt auf viel allgemeinerer Ebene auch für die Wirkungsweise religiöser Introjekte, die sich oft mit den von den Elternbildern abgeleiteten Reräsentanzen nicht ausreichend erklären und vergleichen lassen. Ihre Reduktion auf projektive Zerrbilder der Elternfiguren ist irreführend. Sie verkennt die Eigenständigkeit, ja die Andersartigkeit religiöser oder politisch-ideologischer Introjekte, vor allem dann, wenn sie als dämonische oder terroristische Einheiten, vor deren Macht die Eltern selbst zittern und keinen Schutz bieten, aufgefaßt werden.

Für mich selbst war die Lektüre von Eva Sternheim-Peters Buch "Die Zeit der großen Täuschungen" (Bielefeld 1987) eine Quelle der Erkenntnis, in welchem Ausmaß NS-Introjekte prägend waren, die zum Teil von den Eltern vermittelt oder geteilt wurden, die aber weit über das personal Vermittelte im Elternhaus hinausreichten: als Rasse, Volk, Führer, Partei, Aufrag, Mission, aber auch als idealisierte Affekte wie Treue, Unterwerfung, Gehorsam, Verschmelzung und Ähnliches. Wenn die (politisch gewollte) Dämonisierung hinzukommt: SS, Gestapo, der Feind, der Russe, die Verräter, die Volksschädlinge usw., später der Krieg, die Front, die Bomberflotten, dann wachsen diese Instanzen weit über das hinaus, was wir als Introjekte in der Übertragung zu erkennen und zu handhaben gewohnt sind.

Was die therapeutische Technik im Umgang mit den dämonischen Instanzen und ihren Wirkungen schwierig macht, ist ihre plötzliche und kollektive Verschüttung um und nach 1945, die einer geologischen Katastrophe gleichkommt. Sie reichte durch den Umsturz und den auferlegten Sprachwandel bis hin zur verbalen und bildlichen Unbenennbarkeit, zu einem Verlust an "Bezug" zu den dämonischen Gewalten. Mit dämonisch meine ich natürlich nicht eine enthistorisierende Kategorisierung, eine Abkehr von Schuld, Analyse, Ursächlichkeit und Erkennbarkeit, sondern ich spreche von der innerseelischen Wirkung und von den Größenverhältnissen, den anderen Dimensionen im Vergleich mit "menschlichen" Repräsentanzen. Ich könnte es auch anders nennen: das Dämonische wächst in dem Maß, als eben die Elternimagines vor diesen Gewalten nicht nur nicht schützen konnten, sondern ihrerseits als terrorisiertes Spielmaterial erlebt wurden. Und dies, auch wenn nur wenige Jahre frühe Eltern und Großeltern noch berauscht mit der Macht Identifizierte waren und dem Kind als partizipierend Mächtige erschienen.

Der Raum der Übertragungs- und Gegenübertragungsgefühle wird bei einer wirklichen Regression auf die Auswirkungen der dämonischen Instanzen überstrapaziert und droht in ängstigender Konfusion unterzugehen. Die inneren Terrorfiguren der Eltern oder Großeltern, oder auch ihre einstmals übermächtigen Abgötter, die sie, ohne Trauer und unter dem Eindruck der archaischen Strafe des Bombenkrieges, ohne viel Affekt fallen ließen, verharren nach meiner Erfahrung in Deponien oder Silos, die im Unbewußten durchaus leck oder geborsten sein können. Helen Epstein spricht in ihrem Buch "Die Kinder des Holocaust" (deutsch 1987 München) vom "eisernen Kasten", in dem alles verschwand. Bei der Annäherung an sie schrillten Warnanlagen, oder die Kommunkation erstarrte in Schweigen. Das geschah weniger in Worten, als über unbewußte Signalsysteme mit Tabucharakter.

Bei der therapeutischen Annäherung an diese derealisierten Schreckensdeponien wird eine verwirrende mehrstufige Abwehr mobilisiert, die um so stärker wirkt, je mehr die drohenden Übertragungsfragmente den haltenden Aspekt der therapeutischen Allianz gefährden. Die Körperpsychotherapien bieten für die Annäherungen an die inneren Schrecken den nicht zuüberschätzenden Vorteil, dass körperlicher Halt, der natürlich eine rale und eine symbolische Bedeutung hat, geboten werden kann. Viele Affekte in den Deponien sind in einem archaischen Zustand verblieben, sie müssen zunächst einmal auch inarchaischer Form ausgedrückt werdne können.

Bei Rosenkötter 1) finde ich ein kleines Fallbeispiel, in dem auch von den borderline-artigen, politisch erzwungenen Spaltungen der Identität in der Zeitachse die Rede ist: "Herr P. (etwa Jahrgang 1929, T. M.) wollte lieber seine früheren Identitäten wie alte Masken abstreifen und vergessen." (S. 238) Und nun kommt, bei mehrfachem Hinweis auf die Konfusion und die Gegenübertragungsspannung bei mehreren Patienten, der Bruch der Behandlung, für den ich nicht den Analytiker kritisieren möchte. Es handelt sich wohlgemerkt um einen Patienten, der selbst noch Mitglied der Waffen-SS war, also ein Täter-Mitläufer der ersten Generation. Rosenkötter schreibt:

"Der selbstbeobachtende Über-Ich-Anteil wurde auf mich projiziert; ich wurde in der Übertragung zur Spruchkammer, der man sich möglichst günstig darstellen möchte, vor der man aber ständig auf der Hut sein muß, nicht das Falsche zusagen. In dieser Übertragungskonstellation stagnierte die Behandlung und wurde schließlich in beiderseitigem Einvernehmen beendet." (S. 239)

Ganz ähnlich heißt es bei Appy (1992 S. 34) über das Ende der bereits zitierten Behandlung:

"Der analytische Dialog entleerte sich und verflachte zusehends zur Bedeutungslosigkeit. Nachdem die Krankenversicherung nach 300 Sitzungen die Bezahlung der Analysekosten einstellte, nahm sie alternative Finanzierungsangebote nicht mehr wahr und brach die Behandlung ab."

Eine Spruchkammer-Übertragung gehört noch nicht in den Bereich dessen, was ich dämonische oder terroristische Instanzen nenne, sie steht wohl am Übergang zu etwa überindividuell Drohendem, eine feindliche ideologische Instanz, die zwar nicht mehr lebensbedrohlich, aber doch existenzgefährdend war. Übertragung ist nun die uns geläufige Form der Externalisierung einer inneren Instanz. Ich zweifle zwar, ob sich das Introjekt Spruchkammer mit den "selbstobachtenden Über-Ich-Anteilen" gleichsetzen lässt. Denn

die politischen und erst recht die dämonischen Instanzen sind auf eine andere Art und an einem anderen Ort internalisiert sind als das, was wir für gewöhnlich das Überich nennen. Sie bleiben nämlich mindestens halb-extern und partiell abhängig von ihrem äußeren Fortbestande, bevor sie ein einem kaum bekannten Ort im Unbewußten "entsorgt" werden. Aber ihre volle Externalisierung in der Übertragung legt das Arbeitsbündnis lahm.

dasswir aber mit dem szenischen Denken in der Psychoanalyse vertraut sind, bedeutet es für mich nur einen kleinen Schritt innerhalb psychoanalytischer Möglichkeiten, die Externalisierung durch eine Inszenierung zu variieren. Dies ist vielen Körpertherapeuten vertraut, was ihnen nicht so sehr vertraut ist, ist der historisch informierte inszenierende Umgang mit den die Eltern transzendierenden Gewalten, die sich im Innern der Seele verborgen halten und auch gar nicht aufgedecht werden möchten. Wir müssen also in allen Therapieformen mit bisher unbekannten Widerständen rechnen, einschließlich derer in unserer eigenen Person.

Ich würde also diesem Patienten vorschlagen, er möge mit Stühlen oder anderen Symbolen eine Spruchkammer darstellen und sich ihr stellen; ich würde ihn bei dieser Konfrontation begleiten. Der Analytiker wird also zu einem Regisseur, verlässt das Zentrum der Übertragung, wird Hilfsich, Zeuge, Ermutiger. Er erscheint als neues Objekt, das sachkundigen wie empathische Beistand bietet, eine Art Anwalt, wenn auch ohne politische Parteinahme. Er ist nicht mehr in das Tribunal verwickelt.

Noch viel zentraler ist diese Variante, wenn die dämonischen Instanzen überlebensbedrohlich sind - für den Einzelnen oder die Familie oder eine verfolgte Gruppe - und erst recht, wenn, wie von mehreren Kollegen berichtet (z. B. von Simenauer) 2), die Opfer- und die Täterübertragungen in konfusem Wechsel die Situation bedrohen.

Dazu noch ein Beispiel aus der eigenen Praxis: Es handelt sich um eine Kollegin, die, kurz vor der Machtergreifung geboren, trotz intensiver Verstrickung in bedrohliche Situationen zwischen Angehörigen als Mitläufern, latenten Gegnern und umgekommenen jüdischen Opfern der Nazis in ihrer langjähigen Lehranalyse nichts davon bearbeitet hatte, sondern eine aufgezwungene Frömmigkeit beim Überleben in einem frommen Internat direkt auf die psychoanalytische Institution übertrug. Sie ging mit einer der Goebbelstöchter in die Klasse und war neidvoll geblendet vom gesellschaftlichen Glanz und der Macht der Nazis. Von den konflikthaften Größenphantasien: dass sie mit einem Verrat Teile ihrer Familie, die zuhause ungeniert ihre Gegnerschaft äußerten, will ich hier nicht sprechen; sondern vom therapeutischen Umgang mit dem dämonischen Introjekt Goebbels und seiner dämonischen Macht (Person und Nazimacht sind partiell eins und sollten doch in gewisser Weise unterschieden werden). Der Glanz der Tochter, die einige Male ihre Nähe gesucht hatte, und ihre Ermordung durch den Vater bei Kriegsende waren eng verbunden, ebenso dann Liebe, Neid, Bewunderung und Tod. Die rettenden Lehrer des späteren Internats in den letzten beiden Kriegsjahren waren selbst von NS_Verfolgung bedroht. Trotzdem wurden die alliierten Bombergeschwader noch zum absoluten Feind, dem eines Tages die Stadt und die Schule zum Opfer fiel.

Zu Beginn war ich in der Übertragung zunächst wieder Repräsentant einer Kirche oder Ideologie, die Gehorsam und Unterwerfung forderte, also eine Preisgabe des Selbst. Sollte ich warten, bis all die Schrecken, die widersprüchlichen Dämonen, die zu inneren Spaltungen geführt hatten, in der Übertragung wieder auftauchten? Ich sah keine Chance und wollte das Unmögliche auch nicht versuchen. Denn das Bild ihres Analytikers war, trotz mancher Dankbarkeit, verschwunden hinter Enttäuschung und Wut: über die eklatanten Lücken in der Durcharbeitung, über das Mitagieren bei der religiösen Idealisierung der Analyse, über einen gewissen Missbrauch in einer neuen Parentifizierung der Patientin. Die Substanz eines möglichen Vertrauensvorschusses bei Beginn der erneuten Arbeit mit mir war schon aufgebraucht. Die ersten Monate dienten vor allem der Reinszenierung der Beziehung zum Analytiker und zum Institut als einer quasidämonischen, unangreifbaren, aber korrupten Macht. Dann kam die Inszenierung der Beziehung zu den verfolgten klösterlichen Rettern, mit Dankbarkeit, Loyalität, Wut und Enttäuschung, dass Zuneigung nur um den Preis einer ideologischen Gleichschaltung möglich war, verbunden mit der Erwartung einer eigenen religiösen Karriere. Erst dann kamen Goebbels und die Nazis an die Reihe, immer bedroht von totalen Übertragungseinbrüchen, die mit verzweifelten Abbruchsphantasien verbunden waren. Spät tat sich auch der Zugang zu dem Knäuel der Familienübertragungen auf, das, verwickelt mit ideologischen Fronten, ebenfalls mit Mord-, Opferungs- und Untergangsphantasien getränkt war.

Dadurch, dass ich im wesentlichen Regisseur blieb und sie oft körperlich hielt, wenn die Konfrontationen mit den Dämonen unerträglich oder vernichtend zu werden drohten, ließ sich die Arbeitsbeziehung halten und drohende Übertragungsfragmente ins andere Setting überleiten. Die Affekte blieben in der archaischen Stärke erhalten, der Analytiker und das andere Setting bildeten einen stabileren und weiteren Container für die noch immer lebensbedrolichen Rückstände der historischen Katastrophen. Allerdings wird damit die "Produktion" von Übertragung nicht gestoppt, sie drängt permanent in die Therapie, kann in der Regel aber wieder szenisch gestaltet werden. Nach der Lektüre dieses Textes wies die Patientin, bei voller Zustimmung zur Bedeutung der Inszenierung, auf drei besonders wichtige Grundmuster von Übertragung parallel zum Prozeß von Inszenierung hin:

1. Eine starke, wenn auch immer wieder bedrohbare Idealisierung des Therapeuten als Regisseur als einer Figur, der eine Position als Kenner der Gesichte und der dämonischen Prozesse zugeschrieben wird. Sie gebrauchte sogar einmal das Bild des Riesen Atlas.

2. Eine Art Spiegelübertragung mit dem Inhalt: wir beide forschen gemeinsam und stellen uns mutig der NS-Geschichte, und

3. ein drohender Absturz in das Undenkbare, wenn der Analytiker mit dem Teuflischen direkt kontaminiert wird oder sich in einen Dämon in historischer Gestalt verwandelt. Trotzdem kommt es im Analytiker nicht zu den qualvollen Verstrickungen, weil er, manchmal mit einer gewissen Autorität, auf die Regeln die Inszenierung veweisen kann, die beide wieder aus der drohenden Sackgasse befreit. Idealtypisch könnte man tatsächlich, ohne an Magie zu glauben, auch von der Kraft der Alchimie sprechen, wenn der Analytiker mit den Kräften des Schreckens umgeht, ohne von ihnen selbst vergiftet oder verschlungen zu werden.

Ich komme zum Schluss: auf die Psychoanalyse wie auf die Körperpsychotherapie kommen, auch wenn es kaum noch Patienten gibt, die im Erwachsenenalter direkt, aktiv oder passiv oder beides, an den Schrecken von NS-Zeit und Krieg beteiligt waren, große Aufgaben bei der Bewältigung der NS-Katastrophe zu. Ich meine sogar, die Psychotherapie, gleich welcher Schule, hätte etwas nachzuholen oder wiedergutzumachen. Nach langen Jahren der "Latenz" drängt das NS-Thema in vielen Therapien an die Oberfläche. Aber ich halte es auch für notwendig, es dort anzusprechen, wo es nur indirekte Zeichen für einen infizierten seelischen Untergrund gibt. Er ist größer, als wir bisher angenommen haben. Die Wucht des Themas erfordert Modifikationen unserer Technik. Mehrere Autoren haben längst darauf hingewiesen, dass abwartende Neutralität, auf die wir so stolz waren, rasch zu einer Kollusion des Verschweigens führt.

Als vorsichtige Anregung möchte ich auf einige körpersprachliche Zeichen beim Patienten und auf einige Erlebnisformen im Therapeuten hinweisen, die zu einer klareren Sicht eines politisch induzierten Traumas führen können.

Natürlich gibt es keine unvermischten, monokausal bedingten Symptome, und auch im Therapeuten keine absolut eindeutig zuzuordnenden affektiven Signale. Es handelt sich um Hinweise, die uns ermutigen, berechtigen, auffordern, Vermutungen zu nähren oder zu äußern, Hypothesen zu bilden, szenische Phantasien zuzulassen und schließlich auch aktiv zu fragen nach möglichen Zusammenhängen. Dabei hat es sich für mich als wichtig erwiesen, nicht so sehr Deutungen zu geben, sondern in Bildern Einfühlung zu äußern über mögliche Erlebnisformen: der Großeltern, der Eltern und des Patienten, oder wichtigen Verwandten.

Ich nenne Ihnen ungeordnet ein paar Signale, die mich hellhörig machen würden:

Es gibt die klassischen Anzeichen von Kampfbereitschaft oder Flucht, mit aggressiven erstarrten Gesten, Blicken, geronnener Handlungsbreitschaft; oder die defensiven Haltungen, körperlichen Schutzmaßnahmen, Einigelung, einem quasi köperlich sichtbaren Mauerbau, Bunkerbau, Schützengraben- oder Bombenkellerdeckungshaltungen, aber auch Unterwerfungsgesten oder gemischte Signale zwischen Unterwerfung und Mordimpuls.

Es gibt Fluchttendenzen im Raum, quasi partisanenhafte Orientierungsversuche im Zimmer, bei denen einem Phantasien von Rückzug, Überfall oder Sturmangriff kommen.

Schließlich werden Ihnen die gleichen Szenen geläufig sein über den Blick.

Das große Schweigen in den Familien führt aber auch zu einem Ausdruck von gespielter, aber unbewußter Unschuld oder Scheinunschuld, von Nicht-Wissen und Wegschauen; von Komplizenschaft und Verschwörung.

Folge ich mehr den inneren Zeichen, so ergeben sich analoge, gehemmte Handlungsimpulse im Therapeuten, Schutzmechanismen, aber vor allem Gefühle des Bedrohlichen, Unheimlichen, auftauchende Mord- und Verfolgungsphantasien, ein Zusammenziehen des Körpers, ein diffuse Angst oder ein Gefühl unklarer Verstrickung. Ferner eine nicht lokalisierbare Wut, die uns manchmal sogar berechtigt erscheinen will, bis wir spüren: es gab noch keinen ausreichendn Anlaß für sie. Sie dringt also, wie die anderen Gefühle, quasi unterirdisch in uns ein, einschließlich von Verdächtigungen oder ideologischem Misstrauen, Kompetenzangst oder unmotivierte Größenphantsien, und besetzt und aktiviert unsere eigenen Konflikte. Die Folge ist Unsicherheit darüber, ob wir spinnen oder der Patient, oder beide.

All diese Gefühle sind natürlich bekannt aus dem riesigen Forschungsgebiet über die projektive Identifizierung aus der Psychoanalyse, und sie könnten zustandekommen in einer "normalen" Familie aus einem Land ohne Krieg und Dikatur. Hier gilt das Prinzip der Ergänzungsreihen: wieviel exklusive Familienpathologie und wieviel politisch induziertes Trauma wirksam sind, muß entwirrt werden, erst recht die Mischungen: denn Fanatismus, Opferidentität, Verbrechertum und familienpathologische Prädisposition arbeiten sich entgegen oder gegeneinander.

Peter Heinl hat in seinem Buch "'Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg...' Seelische Wunden aus der Kriegskindheit". (München 1994) eine ganze Physiognomie der Kriegskindertraumen geliefert. Einziger Mangel des lesenswerten Buches: er blendet die NS-Herrschaft und ihre Folgen total aus, reduziert die Traumen ausschließlich auf Kriegseinwirkung. Er ist ein kreativer Klassiker der Entpolitisierung und insofern vielleicht sogar prototypisch für die Annäherungsweise von Körpertherapien an die historischen Katastrophen.

Meine Damen und Herren,

ich habe versucht, Sie auf ein wuchtiges, aber vernachlässigtes Thema im Bereich der Psychoanalyse wie der Körpertherapien aufmerksam zu machen: die Traumen, die aus den Folgen von NS-Herrschaft und Krieg stammen. Sie waren vergraben in unterirdischen, vielfach gesicherten geiftigen Deponien, zu denen der Zugang über Jahrzehnte verschüttet war. Wenn wir trotzdem den Zugang finden, so werden wir als Therapeuten auf doppelte Weise belohnt: nicht nur durch die Linderung von seelischen Elend, sondern durch unseren Beitrag an der Aufarbeitung unserer Geschichte, für die uns das beginnende sechste Jahrzehnt nach 1945 ein zweite Chance gibt.

 

1) Rosenkötter, Lutz: Schatten der Zeitgeschichte auf psychoanalytischen Behandlungen. In: Lohmann, Hans-Martin (hg.): Psychoanalyse und Nationoalsozialismus. Beiträge zur Bearbeitung eines unbewältigten Traumas. Frankfurt 1984, zit. n. 1994, S. 236-249.

(Dieses Literaturverzeichnis ist noch nicht vollständig.)