Spätfolgen von Diktatur und Krieg
Vortrag von Tilmann Moser anlässlich der Tagung der Katholischen Akademie "Erinnern wider den Krieg" zum Gedenken an die Zerstörung Freiburgs vom 19. November 1994.
Meine Damen und Herren,
da ich als Psychoanalytiker zu Ihnen spreche, erlaube ich mir, Ihnen zunächst einen relativ durchschnittlichen Patienten der sogenannten "zweiten Generation" vorzustellen. Er ist etwa 1950 geboren und versucht, mit einem vierten Versuch einer Psychotherapie, seinem ihm als verpfuscht erscheinenenden Leben doch noch einmal eine Wendung zu geben. Er bringt sein Schicksal nicht im geringsten mit Diktatur und Krieg in Verbindung und setzt meinen Versuchen, die Zusammenhänge aufzudecken, lange einen skeptischen, ja spöttischen Widerstand entgegen. Ich zitiere zum Teil aus dem in manchen Details veränderten Antragsgutachten für die Krankenkasse, um zugleich auch die Probleme des Krankheitswertes von zum Teil auf die politischen Katatrophen zurückgehenden Störungen zur Diskussion zu stellen. Diese Thema ist bis heute umstritten. Wir kennen die unwürdigen Diskussionen in der deutschen Nachkriegspsychiatrie um die Entschädigungsgutachten für KZ-Opfer.
Der Patient erscheint mir an der Tür sofort um mindestens zehn Jahr älter als das am Telefon genannte Alter von 42 Jahren. Er sieht zermürbt und hoffnungslos aus. Er klagt über Erstarrung und Depression, Verzweiflung über seine scheiternde Ehe. Er schleppe sich durch den Tag, sei lustlos im Dienst als Lehrer an einer Grundschule, lasse sich häufig mal krank schreiben und liege dann einfach im Bett herum. Der Patient ist als drittes Kind eines kleinen Spediteurs in der Nähe einer Großstadt geboren. Der Vater, arbeitswütig und zackig, sei innerlich und in seinem Gehabe NS-Offizier geblieben: Drill, Leistung, Härte, unnahbarer Stolz. Die Mutter sei blass, unselbständig, offen auf Vaters Seite, heimlich aber in einer Verwöhnungsbindung dem Patienten zugewandt, der sie treu stützte auf einer kindlichen Ebene, sich dennoch immer wieder an den Vater verraten fühlte, der abends strafte. Der Patient fühlte sich in der Familie gezwungen, um nicht zu viel Prügel zu beziehen, ein "falsches Selbst" zu leben: angepasst, pflegeleicht, widerspruchslos unauffällig. Er wurde in der Schule oft verprügelt, vom Bruder geschützt, aber auch von ihm abhängig gehalten. Die Schwester lebte während des Studiums mehrmals für einige Zeit in einem Kibbutz in Israel, brachte von dort ein Kind mit, wagte es aber dann doch nicht, nach Israel zu heiraten. Sie konnte die missbilligung der Eltern nicht ertragen. Erst in der Pubertät wird der Patient zum Schläger und Klassenstärksten, ohne Freunde, aber stolz darauf, von nun an die anderen einschüchtern zu können. Vielleicht wäre er heute bei den Skins oder bei den Rechtsradikalen gelandet.
Er beunruhigt als Kind die Familie lange durch starke nächtliche, Unruhe, es wurden später noch die "Löcher" in der Wand gezeigt, die durch das schwingende Bett geschlagen wurden. Zärtlichkeit galt als "verboten!", weil verweichlichend. Der Vater veranstaltete unvorhersehbar nächtliche Alarmübungen als Vorbereitung auf einen möglichen Überfall oder Brand. Er galt als jemand, der sich für die Familie "aufopfert", und der deshalb Kritik und Auseinandersetzung nicht zuzulassen brauchte. Der Mutter verbot der Vater, in ihrem Beruf, den sie zum Teil noch im Krieg erlernt hatte, zu arbeiten. Das schicke sich nicht für eine Frau, das hätten sie auch nicht nötig, und das diskreditiere ihn als Familienoberhaupt. Der Patient lebt zum Teil hinter einer Maske verborgen, hinter der ein eingeschüchterter kleiner Junge durchscheint, mit den Augen eines geprügelten Hundes, der um ein Lebensrecht bettelt. Er spürt die eigene Erstarrung und wird im Kontakt zusätzlich durch seine immense Scham darüber behindert. Die Leeregefühle werden durch Arbeit betäubt, die aber beim Direktor, wie er meint, wenig Anerkennung finde. Er schweigt im Kollegium, bekommt Schweißausbrüche, wenn er sich äußern soll, schwelgt aber in heimlichen Größenphantasien, zu denen auch ausschweifende Rachebilder für alle Kränkungen gehören. Krankheitseinsicht ist vorhanden, aber überdeckt durch tiefe Resignation und Angst vor erneutem Scheitern, auch in der Therapie. Bevorzugte Abwehrmechanismen sind: Wendung gegen die eigene Person (das heißt er beschuldigt sich selbst und wird depressiv); er schwankt zwischen Verleugnung seiner Situation und periodischer Überwältigung durch seine Lebensbilanz; er identifiziert sich mit den Normen des Vaters, obwohl er weiß, dass er nach denen ein hoffnungsloser Schwächling ist.
Der Patient ist von einer versorgenden Mutterbindung nicht freigekommen. Jede neue Frau erscheint ihm als rettende Fee, aber nach wenigen Wochen ist sie entwertet, er verachtet sie und kommandiert sie herum, obwohl er weiß, dass er sie verlieren wird. Wenn er Kummer hat, ruft er die Mutter an und läßt sich trösten.
Das sind Identifikationsfragmente mit dem tyrannischen Vater, die seiner ihm eigenen Sensibilität eigentlich widersprechen, die ihn anziehend macht. Wenn diese Herrenmenschen-Attitüden wieder durchbrechen, ist er zerrissen: er kommt sich scheußlich vor, und ist doch voll heimlichem Stolz auf die ihm unbewusste Anerkennung durch den Vater.Er fühlt sich dann, wenn die Frauen "dahinterkommen", dass er noch keinen eigenen Kern hat, als Blender. Die Trennung in das "Vorzeigbare" und das "Heimliche" durchzieht sein Leben, auch in der Schule. Das Studium verdiente er partiell als LKW-fahrer (wieder ein Identifikationsfragment zur Lebensbewältigung mit dem Vater, den er auf der bewussten Ebene zutiefst ablehnt). Das hochidealisierte Berufsziel war immer Leiter einer Sonderschule, seit er als Student eine sehr stützende, aber kurze Erfahrung mit einem pädagogischen Mentor machte.
Eine erste Gesprächstherapie half ihm, das Studium zu beenden. In zwei späteren Analyseversuchen sei er "beinahe eingegangen", er ging "auf der Couch verloren", wie er sagt. Es kam keine Beziehung zustande, die Therapeuten blieben in der Übertragung bedrohliche, ja monströse Herrscherfiguren. Unvermittelt brach er die Behandlungen ab. Dies habe ihn seit zehn Jahren erstarren lassen. Das Gefühl des Scheiterns schwebe, wie von Gottheiten ausgesprochen, über ihm. Er hat Angst, vielleicht nicht "therapierbar" zu sein.
Die Übertragungsangebote "böser" oder "guter" Vater und "überlegener Bruder" oder verächtliche weiche Mutter sind oft so stark, dass in meiner Reaktion darauf ein bewusstes Gegensteuern notwendig ist, damit sich nicht ein Hörigkeitsverhältnis mit der zugehörigen Abwehr einspielt. Gelegentlich ist es schwierig, bei dem Ausmaß von verzweifelter Ratslosigkeit die Linie zwischen Stützung und Förderung der Autonomie zu finden. In mir wechseln oft Mitleid mit Langeweile und extremer Wut, wo ich ihn maltraitieren möchte, als wäre ich ein schneidiger Offizier wie einen dummen und widerspenstigen Rekruten auf dem Kasernenhof.
Die Diagnose für den Gutachter der Kasse lautet: Depression mit Leere- und Erstarrungsgefühlen. Extrem geringes Selbstwertgefühl mit Neigung zu trostsuchender Anklammerung an Frauen und ängstlich-wütender Unterwerfung unter Männer bei gleichzeitigen illusionären Heldenphantasien. Das Behandlungsziel: Wiederherstellung des Grundvertrauens und beginnender männlicher Identifikation, Entwicklung der verloren gegangenen Fähigkeit zu Gefühlen ausserhalb der "eingeschüchterten" Identität, Abbau der ängstlichen Hörigkeit und des Vermeidungsverhaltens in konflikthaften sozialen Situationen." Der Gott des Krieges wohnt noch in ihm.
Die Prognose: Voraussichtlich handelt es sich um einen differenzierten, kontaktfähigen Menschen mit grosser Einfühlungsfähigkeit, dem diese aber nicht zur Verfügung steht, sondern der Rückzug, Sehnsucht, Hass und Rachetendenzen mit Gewaltphantasien und passiven Erlösungshoffnungen verbindet. Die Einfühlungsfähigkeit in seine Schüler funktioniert dort gut, wo er sie sich als ähnlich empfindet. Aber oft steht er einfach befremdet vor ihnen und wünscht sie zum Teufel. Autoritätspersonen und potentiele männliche Konkurrenten sind immer bedrohlich, werden in der Phantasie aber "ausgelöscht". Er ist häufig krank und kann bei Anfällen von Depression ein aufwendiges Konsumverhalten nicht steuern, wobei er manche Stücke bis zu fünf Mal umtauscht und die Verkäufer entnervt. Er sehnt sich nach Familie und Kindern, ist sich aber vollkommen unsicher, ob er Kinder nicht durch ein Schwanken zwischen Anklammerung und Ablehnung und ein Pendeln zwischen Härte und Verwöhnung zu seelischen Krüppeln machen würde. Soweit der Bericht.
Meine These für diesen Vortrag lautet: Menschen, die an seelischen NS-und Kriegsfolgen erkranken wie er, sind nicht selten. Dieser Patient leidet. Es gibt aber viele, die andere leiden machen, um nicht selbst zu leiden. Der Titel des letzten Buch von Horst Eberhard Richter lautet: "Wer nicht leiden will, muss hassen." Der Vater dieses Patienten hat die Jahre seiner persönlichen und prägenden Entfaltung in der Hitlerjugend und auf dem Kasernenhof, später im Krieg verbracht. Er ist über den Zustand von Unterwerfung, Gehorsam und Idealisierung, Enttäuschung und Sinnverlust nie hinausgekommen, konnte sich nichts gönnen, kaum neue Kontakte schließen. Das Trauma der Niederlage wie der Verlusts der das Selbst stützenden Ideologie wurde nicht aufgearbeitet. Nur in der verbissenen Weigerung, jemals eine abhängige Stellung einzunehmen, komt etwas von dem Hass und der Desillusionierung über Vorgesetzte oder die ganze Nazizeit zum Vorschein. Das Famlienmodell entspricht dem, was Horst Eberhard Richter die paranoide Festungsstruktur genannt hat: es dominieren misstrauen nach außen und eine von Minderwertigkeitsgefühlen durchzogene Selbstüberhöhung nach innen; Kriegserinnerungen schwappen als Abenteuer- oder Leidensberichte in die Familie, aber nicht als ein hinterfragbares Erleben, das irgendwie politisch einzuordnen wäre. dass alles falsch und verbrecherisch gewesen sein soll, wie es nach 1945 hieß, wird an der Oberfläche akzeptiert, im Innern macht es trotzig und verstockt.
In einer Welt ohne Orientierung hielt der Vater fest an den militärischen Tugenden, als ob sie wenigstens Rettung in der Not verheißen könnten. Die Mutter kannte als Mädchen ein kurzes Erblühen im BDM und Arbeitsdienst, verglichen mit einem eng-frommen Milieu, aus dem sie stammte. Sie war aber nicht stark genug, sich dem Druck des Vaters gegen ihre vom Krieg erzwungene Emanzipation zu widersetzen, als er nach kurzer Gefangenschaft und Internierung heimkehrte und wieder die Herrschaft übernahm. Nach außen wurde das in der Jugend indoktrinierte Rollenbild von Mann und Frau hochgehalten. In der Nacht musste die Frau Trösterin sein für einen Mann, der regelmäßig in Todesangst ausbrach, schrie, an Schlaflosigkeit litt und die Bilder des Grauens nicht los wurde, die er sah oder in Rußland mit angerichtet hatte. Die zerfetzten Kameraden neben sich im Schützengraben, beim Angriff oder später auf der Flucht machten Todesangst und extremen Verlust zu einem festen Bestandteil seines seelischen Gefüges. Innere Lösungsversuche seiner Frau beantwortete er mit Panikanfällen, in die er die Kinder mit hineinzog.
Ich kann Ihnen nur einen einzigen Menschen in diesem Vortrag etwas detaillierter schildern, erwähne aber noch ein Erlebnis in einer Gruppensitzung des amerikanischen Körpertherapeuten Albert Pesso, bei dem sich langjährig analysierte psychotherapeutische Kollegen, die Verfolgung, Bombardierung, Eroberung oder Flucht als Kind erlebt hatten, trauten, mit körperlichem Halt ins Zentrum des Erlebens zu gehen, das sie damals überschwemmt hatte und erstarren ließ. Die seelische Biographie eines französischen Patienten, der bei einem Bombardement als Kleinkind verschüttet wurde, habe ich in meinem Buch "Der Erlöser der Mutter auf dem Weg zu sich selbst" (Frankfurt 1993) dargestellt. Es war häufig derselbe Ablauf in den auf Krieg bezogenen Sitzungen : unter der Anleitung des Therapeuten und mit dem Halt mehrerer Gruppenmitglieder, deren Körper den Körper einer idealen haltenden Mutter darstellte, konnten sie sich dem drohenden Wahnsinn, dem Entsetzen und dem Schrecken überlassen. Sie zitterten und schrien, waren außer sich, konnten sich lange nicht beruhigen . Die Stimme überschlug sich, sie fürchteten zu zerspringen, und nur das Vertrauen in den äußeren Halt erlaubte es ihnen, durchzugehen durch das Grauen.
Sie hatten im Halt die elementare konvulsivische Antwort gefunden, die es beim ursprünglichen Erleben nich gab. Sie lagen dann meist lange, erschöpft und wie formlos. Aber etwas hatte sich verändert: eine jahrzehntelange Anstrengung des Niederhaltens, der künstlichen Gefaßtheit und oft starren Erwachsenheit fing an abzufallen. Natürlich bringt ein einmaliger Durchgang nicht die endgültige Lösung, aber der Körper und die Seele glauben wieder an den Austritt aus dem Fegefeuer, das im Untergrund der Seele weiterbrannte, so wie die Krematorien in den Erinnerungen von geretteten Juden weiterbrennen bis ans Ende ihres Lebens. Zahlreiche Menschen leben mit solchen eingekapselten Traumen, die sie beiseitedrängen, und die sie höchstens im Schlaf heimsuchen, in immer gleichen Alpträumen oder Erschöpfungszuständen. Die Traumatisierung, die Kinder erleiden, geht ohnehin tief. Aber die Schrecken des Holocaust wie etwa des Bombenkrieges haben auch Erwachsene zurückgeworfen in die Verletzbarkeit von Kindern, sodass ihre seelischen Strukturen verstört sein können, als handle es sich um Traumen aus der Kindheit. Die Folter wirkt ähnlich: sie prägt sich unauslöschlich ein.
Die Deutschen haben kaum Formen gefunden, um mit den seelischen Wunden, besonders denen der Täter und Mitläufer und ihrer Familien, angemessen umzugehen, weder im stillen Kämmerlein, noch im Gespräch der Familien. Der Wiederaufbau war auch eine gigantische Ablenkungsaktion. Die Medien und viele Trends und Moden taten ihre Wirkung: Freßwellen, Reisewellen, Hausbau, Konsum, Süchte. Vielleicht war es aus anthropologischer Begrenzheit nach einer Katastrophe und Verbrechen dieses Ausmaßes, nicht anders möglich.
Das Leben in zerstörten Städten
Nun ist mir bei der Vorbereitung zu diesem Vortrag noch ein anderer Zusammenhang aufgegangen, über den ich nie nachgedacht hatte. Uns sind die Bilder des Holocaust allen geläufig, einschließlich der scheußlichen Vorgeschichte der langsamen Ausgliederung und Entmenschlichung der Juden. Und uns sind die Bilder dessen vertraut, was die Deutschen in den überfallenen Ländern angerichtet haben. Und wir kennen die Bilder der zerstörten Städte, die Erzählungen der Vertriebenen und Vergewaltigten. Aber wenn wir über die Wirkungen der Bombardierungen nachdenken, so stehen natürlich die 600.000 Toten und die Verstümmelten im Vordergrund, die dreieinhalb Millionen zerstörter Häuser. Und doch vergessen wir nicht mehr, dass vorher fast sechs Millionen Juden ermordet und 20 Millionen Russen getötet worden waren. Aber in der psychischen Wirkung dieser vermutlich sinnlosen Bombardierungs-Strategie fiel mir erst jetzt auf, dass die Menschen ja nicht nur Tage oder Monate oder einige wenige ahre in diesen zerstörten Städten wohnten, sondern dass ein wirkliches Aufräumen, gar ein Wiederaufbau ja erst in den fünziger Jahren begann. Ich habe nie etwas darüber gelesen, wie sich das Leben in Trümmern im Unbewussten ausgewirkt hat; welchen Niederschlag es in der seelischen Strukturbildung fand, die wir als Spätschäden diagnostizieren könnten - doch ich bin überzeugt, es gibt sie. Es muss sich ausgewirkt haben auf die Fähigkeit, sich "aufarbeitend" mit der politischen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich vermute aber, und es läßt sich durch viele Familien- und Patientengeschichten belegen, dass das Leben in Trümmern die scheinbar endgültige Verschüttung der Erinnerung an die NS-Zeit, ihre Deponierung in schier unzugänglichen unterirdischen Lagerstätten, beschleunigt und gefördert hat.
Aber wir bekommen heute eine zweite Chance des Gedenkens an alle Opfer. Das Ende des Ostblocks und der politischen Instrumentalisierung der Folgen des 2. Weltkriegs und die Wiedervereinigung rücken die seelischen Folgen von Holocaust, NS-Zeit und Krieg endlich mehr in den Vordergrund. Die fünf Jahrzehnte, die vergangen sind, haben ein moralisches Potential und die Fähigkeit zur Einfühlung nachreifen lassen: sicher nicht bei allen, aber bei vielen Enkeln, und bei vielen Angehörigen der zweiten Generation. Vielleicht läuft Erinnerung immer arbeitsteilig; sie wird bewahrt und gehütet von denen, die dazu fähig sind. Anderen liegt mehr der Blick nach vorn, das Machertum, die Zukunft ohne allzuviel Vergangenheit.
Die öffentliche Bewältigung der Vergangenheit kam nicht ohne Denkregeln und ritualle Proklamation aus. Es gab Sprachregelungen, politische, pädagogische, die nicht immer bis ins Innere der Menschen vordrangen. Und es gab Veränderungen in den meisten unserer Institutionen, die sich als stabil erwiesen haben. Auch die Rechtsradikalen stellen, trotz unserer hektischen Scham vor dem Ausland, keine wirkliche politische Gefahr dar. Jetzt wird vielleicht und hoffentlich auch Introspektion in den Einzelnen und in den Familien, der Blick auf die seelischen Spätfolgen. Die gigantische Ablenkungsmaschinerie der Medien scheint zwar manchmal alles zuzudecken, aber die Neugier ist geweckt, auch die Neugier der Enkel. Die Zusammenhänge sind in Büchern, Filmen und öffentlichen Diskussionen zugänglich. Unser diagnostisches Wissen über die Spätfolgen wächst.
Und so wende ich mich im 2. Teil meines Vortrags noch einmal dem zu, was als gesichertes Wissen über die Folgen von NS-Zeit und Krieg gelten kann. Doch zuvor noch einige Bemerkungen zum Thema Täter-Opfer. Es kommt neu zum Tragen, wenn nach 50 Jahren in vielen Bereichen auch die Leiden der Deutschen noch einmal bedacht werden ohne den Druck steter kollektiver Beschuldigung. Von Hannah Arendt bis Mitscherlich ist auf die oft unerträgliche Larmoyanz der Deutschen über ihr Kriegs- und Nachkriegselend hingewiesen worden, so, als hätten sie buchstäblich alles vergessen, was sie angerichtet haben. Rolf-Dieter Müller und Gerd R. Ueberschär schreiben in ihrem Buch "Kriegsende 1945" (Frankfurt 1994), lapidar zusammenfassend:
"Die Täter... suchten sich zu verbergen oder zu tarnen. Eine scheinbar vollständige Metamorphose war zu beobachten: Es gab plötzlich in Deutschland keine Nazis mehr. Auch die Millionen ´Mitläufer´ sahen sich nur noch als Opfer, verfluchten die Politik und kümmerten sich fortan allein um das eigene Wohlergehen." (S.143) Doch auch diese Verwandlung hat ihre Vorgeschichte: nicht nur hatte der NS-Antisemitismus die Deutschen zu Opfern des Judentums erklärt. Selbst in Hitlers letzten Äußerungen wird deutlich, dass er sich und die Deutschen als Opfer böser oder dämonischer Übermächte sieht. So heißt es im letzten Tagesbefehl an die Soldaten der Ostfront vom 16. 4. 45: "Zum letzten Mal ist der jüdisch-bolschewistische Todfeind mit seinen Massen zum Angriff angetreten. Er versucht, Deutschland zu zertrümmern und unser Volk auszurotten." Was e r plante, wird einfach umgedreht. Das Selbstmitleid als eine der Triebkräfte destruktiver Aggression war bei ihm und vielen Nazis immer gegenwärtig. Und so heißt es denn auch in Hitlers politischen Testament kurz vor seinem Selbstmord:
"Es ist unwahr, dass ich oder irgendjemand anderer in Deutschland den Krieg im Jahre 1939 gewollt haben....." Er hämmert es den Deutschen noch einmal ein, wer "der eigentlich Schuldige an diesem mörderischen Ringen ist: das Judentum! Ich habe weiter keinen darüber im Unklaren gelassen, dass dieses Mal nicht nur Millionen Kinder von Europäern der arischen Völker verhungern werden, nicht nur Millionen erwachsener Männer den Tod erleiden und nicht nur Hunderttausende an Frauen und Kindern in den Städten verbrannt und zu Tode bombardiert werden dürften, ohne dass der eigentlich Schuldige, wenn auch durch humanere Mittel, seine Schuld zu büssen hat." (beide Zitate aus Müller/Ueberschär, Kriegsende 1945)
Doch zurück zu den seelischen Spätfolgen. Ich folge dabei, neben den eigenen therapeutischen Erfahrungen, den immensen Erkenntnissen, die Judith Lewis Herman in ihrem Buch "Die Narben der Gewalt" (München 1994) zusammengetragen hat. Die ganze Bandbreite von Traumatisierung durch die Folgen von Politik und Krieg wird uns erst allmählich bewusst. Ebenso die Verletzungen durch die Gewalt zwischen den Geschlechtern wie die zwischen Eltern und Kindern. Zwischen diesen disparat erscheinenden Ebenen bestehen kausale, aber komplizierte Verbindungen. Doch es gab bisher wenig Arbeiten, die die fundamentalen Mechanismen von Traumatisierung quer durch die politischen wie die familiären Katastrophen erforschen. Ihr gemeinsamer Grund sind Erfahrungen des Schreckens, einmalig oder dauerhaft, in denen jedes autonome Handeln sinnlos wird.
Judith L. Herman, langjährige Therpeutin in den USA mit Kriegs- und Gewaltopfern, faßt nicht nur die riesige Literatur zusammen, sondern führt ein in die Geschichte von Diagnostik und Therapieversuchen der letzten hundert Jahren. Sie kommt zu dem resignierenden Ergebnis, dass es immer besonderer politischer Umstände bedarf, um die Langzeitfolgen wirklich zu erforschen und ins öffentliche bewusstsein aufzunehmen. Resigniert spricht sie von "periodisch auftretender Amnesie", in der wieder verloren geht, was schon gewußt war. Zu oft sind Macht und erzwungenes Schweigen im Bunde. Nach NS-Zeit, Holocaust und Weltkrieg fehlten zunächst für Jahrzehnte die Kategorien, um die Spätfolgen überhaupt einzuschätzen.
Nach dem verlorenen Vietnam-Krieg war es anders in den USA: die Veteranen forderten und organisierten selbst Kampagnen, Forschung und Therpie, später unterstützt von Regierungs- und privaten Programmen. Deshalb durchziehen immer wiederkehrende Hinweise das Buch, in welchem Ausmaß auch die Täter als Gestörte und Verstörte aus dem Krieg hervorgehen. Man könnte geneigt sein zu triumphieren: man mordet nicht ungestraft, und auch Tätervölker können generationenlang büßen. "Der beste Teil meines Vaters... starb im Krieg, seine Seele wurde im Krieg beschädigt", schreibt Doris Lessing über ihren Vater.
Die Verstörungen der Holocaust-Überlebenden paßten in keine überkommene Diagnostik. Erst allmählich bildeten sich Kategorien: Erstarrung, tote seelische Zonen, Spaltung, Empfindungslosigkeit, Doppelleben mit den beschwiegenen Deponien der Erinnerung, die die Gegenwart unterhöhlen, das Weiterleben "roboterisieren" können.
Die Symptome sind bei fast allen Traumen durch Gewalt ähnlich: Schlafstörung, Reizbarkeit, Depressionen, Panik, psychosomatische Beschwerden, Übererregung dadurch, dass die nicht verarbeitbare Einwirkung seelisch "gegenwärtig" bleibt, einen Alarmzustand aufrechterhält. Deshalb spricht die Autorin auch von "Physioneurose" als der Steigerung von Psychoneurose: weil alle frühen leibseelischen Körperfunktionen in Mitleidenschaft gezogen sein können. Doch die "Sintflut" der traumatischen Affekte droht dauernd, weil kleine Auslöser sie abrufen können. Deshalb ist auch eine Dauerpanik, oder Panikbereitschaft, meist begleitendes Gefühl.
Es gibt vermutlich, bei dem Ausmaß an Gewalt, Angst, Gehorsam, Machtmissbrauch, Trauer und Zerstörung, durch die Generationen hindurch Wirkungen, deren genauen Verlauf wir nie werden erforschen können. Deshalb schließe ich mit offenen Fragen: Wieviele von den Drogentoten mögen noch auf das Konto der Spätfolgen gehen, weil zu viel seelisches Elend im Familiengrund keine Ausheilung gefunden hat? Wieviel Kindesmissbrauch ließe sich zurückverfolgen bis zur jahrelangen Entfremdung in den Familien durch den Krieg und der Verrohung durch Gewalt und zu lange Entbehrung von Zärtlichkeit und Sexualität? Wieviel alltägliche Gewalt am Arbeitsplatz, wieviel Ausländerhass, wieviel Bereitschaft, den Fremden als Ungeziefer zusehen, mag zurückgehen auf die Rechtfertigung der Gewalt für eine überlegene Rasse? Die Psychotherapeuten, die sich auf die Erforschung der Spätfolgen eingelassen haben, sprechen einerseits von den tiefsitzenden Wirkungen von Diktatur und Krieg im Unbewussten von Einzelnen wie von Familien, aber sie sprechen auch von der wachsenden Unkenntlichkeit dieser Wirkungen.
Es wäre viel gewonnen, wenn wir freier würden, uns in Gesprächen einzugestehen, wie tief wir selbst oder Angehörige von den Nachwirkungen der Katastrophen noch geprägt sind. Ich plädiere nicht für eine Fixierung auf die Vergangenheit, sondern für unser Offen-Sein gegenüber dem, was oft nur verschüttet ist in biographischen Deponien, für die wir den Zugang verloren hatten. Manche Gespräche unter Freunden oder in Familien gleichen in den letzten Jahren, wenn die Scham geringer geworden ist, Momenten der gemeinsamen Forschung. Wir erhalten fünf Jahrzehnte später tatsächlich eine neue Chance. Die Historisierung des Schreckens ist nicht nur schuldhaft, sie öffnet auch Möglichkeiten, genauer hinzuschauen. Wir dürfen eigenes Betroffensein mit der Neugier von Historikern mischen, die einen neuen Blick auf die eigene Familiengeschichte oder die Geschichte von Gruppen werfen, in die wir eingebettet leben. Wir können unserer Erbschaft nicht ausweichen. Der Beitrag eines jeden von uns zur Aufarbeitung unserer deutschen Geschichte kann darin bestehen, dass er sich seiner eigenen Geschichte vergewissert. Die öffentliche Aufarbeitung der Geschichte hat kein Fundament ohne den Blick auf die eigene Familiengeschichte.
Zahlreiche Angehörige der NS- und Kriegsgeneration, aber auch viele Kriegskinder, berichten, dass sie nach traumatischen Erlebnissen eigentlich nicht mehr wirklich gelebt, eine gewisse Erstarrung oder Unwirklichkeit nie ganz überwunden hätten. Von den Holocaust-Opfern wissen wir dies schon länger. Die letzten Bücher, die ich zu Thema NS-Zeit gelesen habe, heißen "Weiterleben" von Ruth Klüger und "Lügen in Zeiten des Krieges" von Louis Begley, Berichte von jüdischen Kindern aus Wien und aus Polen, die durch Zufall dem Holocaust entkamen. Und zwei andere: "´Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg...´" von Peter Heinl (München 1994), sowie das Buch "Kindheit und Krieg. Erinnerungen" (Hrsg. vom Chrisine Lipp, Frankfurt 1992) Ich vermag noch immer nicht ineinanderzudenken, was wir Deutschen angerichtet haben, und was wir danach zu erleiden hatten. Aber wenn wir das durch uns angerichtete Leid nicht vergessen oder gar aufrechnen wollen, dann scheint es mir auch möglich, aus dem Erinnern von deutschen Opfern auch ein Erinnern wider den Krieg und wider Verfolgung, Rassismus und Völkermord zu machen. In München wurde unlängst zu einem Gedenktag 1994 eine Aktion verboten, bei der fünf als SA-Männer verkleidete Schauspieler drei mit Männer mit Judenstern durch die Straßen führen sollten, mit der Begründung, die Passanten könnten das Arrangement vielleicht als solches nicht erkennen und irritiert sein oder sich bedroht fühlen. Es klang, als ob Erinnerung und Gegenwart plötzlich ineinander übergehen könnten. So bedrohlich gegenwärtig sind für viele auch die Bombennächte, mindestens in ihren Alpträumen noch, und das Leben war danach nicht mehr das gleiche, auch wenn man sich bemüht hat zu vergessen.