Erinnerungen an eine Kindheit in der NS-Zeit

oder Wieviel musste Martin Walser wissen vom damaligen Schrecken?

 

Von Tilmann Moser. Deutschlandfunk, Köln, am 11. Dezember 1998.

 

Es ist ein merkwürdiges Paradox: im Spätsommer 1998 erhielt Martin Walser für den Roman seiner Kindheit von den meisten Kritikern einhelliges, teilweise begeistertes Lob. Und doch findet sich in einigen wichtigen Rezensionen mehr oder weniger explizit die Frage: Ist dem Nationalsozialismus, in dem sich diese Kindheit und Jugend vollzieht, in genügender, geeigneter, wahrhaftiger Form Rechnung getragen? Neben der ästhetischen Rezeption steht also, als mehr oder weniger deutlicher Hintergrund, die geschichtstheoretisch unterfütterte moralische Kritik. Hajo Steinert im "Focus" meint zwar noch, der politische Tadel wäre Walser eher in den sechziger oder siebziger Jahren sicher gewesen: "Wäre der Roman in den sechziger oder siebziger Jahren erschienen - die Wächter der politischen Korrektheit hätten von Verharmlosung gesprochen." Doch diesen Vorwurf gab es auch heute.

Die große, bei vielen Kritikern sogar fast hymnisch klingende Welle der Rezensionen war gerade vorübergerauscht, als das Literarische Quartett am 14. 8, 1998 die ethische Dimension radikal in den Vordergrund rückte. Dabei wird Walser von Marcel Reich-Ranicki nicht nur vorgeworfen wurde, er könne nicht erzählen; der weit schwerwiegendere Vorwurf lautete: die NS-Zeit sei ausgespart geblieben, und es gebe ausgesprochen antisemitisch tönende Stellen. Andreas Isenschmid sagte in der NZZ: es handle sich um eine "Kindheitsgeschichte im deutschen Faschismus, in dem das Wort Auschwitz nicht vorkommt, das Wort Dachau vielleicht dreimal vorkommt, aber der Schrecken des Faschismus, wie wir ihn kennen, eigentlich beinahe ausgeblendet ist.... Martin Walser hat sich dazu entschieden, diese Jugend.... mit Scheuklappen zu schildern. Ganz bewusst hat er das Wissen, das im Buch dargestellt ist, reduziert auf das Wissen, das er damals gehabt hat und das ist kläglich wenig, und er weigert sich sozusagen hinzutun so etwas wie Vergangenheitsbewältigung, ja geradezu auch nur Scham zu zeigen über die damalige Zeit." Walser sollte sich also schämen, entweder für die NS-Zeit als ganze oder sein damaliges Erleben oder sein Sich-Einlassen auf sein damaliges Empfinden.

Es gibt zu diesem Vorwurf allerdings auch ganz andere, gegensätzliche Stimmen. So schreibt Peter Glotz in der "Woche":

"Die `Dachauer`, die KZ-Häftlinge also, kommen nur in einer winzigen Szene vor, die Judenmorde im Osten nur indirekt, in zwei verstörten Figuren. Wasserburg war nicht Auschwitz. Aber Auschwitz ist gegenwärtig.... das Grauen, das dieses Regime auslöst, ist spürbar, und sei es nur in der unkommentierten Art, in der die Schuldfreunde Adolf und Johann kämpfen, um einander auf die Knie zu zwingen."

Was Reinhard Baumgart in der "Zeit" stummen Protest nennt, bezeichnen andere als Trotz, mit dem sich Walser gegen ein nachträgliches Wissen-Sollen oder Beurteilen wehrt. Auf jeden Fall wird deutlich, dass an Walser ethische Ansprüche gestellt werden, die sich gegen Verharmlosung, Idyllisierung, Selbstimmunisierung, Abschottung, Flucht vor der Geschichte richten.

Nun ist es in der Tat verwunderlich, dass zwar sehr viele szenische Beobachtungen über die NS-Zeit im Städtchen Wasserburg am Bodensee in den Text hineinkomponiert sind, wir aber über die Seelenlage der Personen, vor allem der Mutter, wenig erfahren, und kaum etwas über seine damaligen Reaktionen oder Nicht-Reaktionen auf das, das der Beobachtung zugänglich war oder war man hören konnte. Die Mutter war schließlich früh, 1932, in die Partei eingetreten, um den Konkurs der Familiengaststätte abzuwenden und sie mit Erfolg für die Versammlungen der SA anzubieten. Es fehlt nicht an Passagen, in denen über brutale Vorfälle und die langsame Veränderung von Personen hin zu braunen Verhaltensweisen berichtet wird; aber es fehlt an der Wahrnehmung der Innenperspektive, dem Seelenhaushalt des Walserschen Hauses, nachdem der Parteieintritt und die Öffnung des Hauses für die später so genannten "braunen Horden" geschehen war. Und auch Johann, der vieles und oft in frühreifer Differenziertheit erlebt und reflektiert hatte, nimmt diese Episoden und Ereignisse sozusagen nur als Bilder wahr, fast ohne emotionalen Nachhall. Insofern ist sicher manches "ausgespart", aber vermutlich nicht nachträglich, sondern bereits im Wahrnehmungsvermögen des Kindes und des Jugendlichen, dem sich Walser ganz anvertraut.

Martin Walser hat viel nachgedacht über Fragen der Erinnerung, der geschönten, gereinigten, der aufgefrischten, opportunistischen oder modernisierten Erinnerung. Es ist auch bekannt, dass er diesen Roman, der nicht nur der Roman seiner Kindheitsentwicklung sein sollte, sondern auch ein Portrait seiner Mutter, mit vielerlei lange vor sich hergeschoben hat.

Das Problem war also längst deutlich: Wieviel kann oder muss ein Kind und junger Mann bemerkenund bedenken, der, 1927 geboren, sehr viel hätte wahrnehmen können, wenn er auch nur einen bescheidenen Teil seiner spürbaren seelischen Kraft und Auffassungsgabe diesen Fragen zugewandt hätte. Und wenn er sich dann erinnert: Wieviel nachträgliches Wissen darf oder muss einfließen in die Bewertung, ja vielleicht sogar die Darstellung der versunkenen Zeit, über deren Schreckenshinter-grund wir heute so viel mehr wissen als damals. Oder um es anders zu formulieren: Gibt es eine subtile oder auch deutliche Nötigung zur politischen correctness, die es verbieten würde, einen Entwicklungsroman aus jener Zeit ohne tieferes Berührtsein durch den immer schon spürbaren Schrecken des Dritten Reiches zu schreiben?

In seiner berühmten Rede vom Herbst 1988 in den Münchner Kammerspielen mit dem Titel "Über Deutschland reden" nähert sich Walser gleich eingangs wie folgt dem Thema, das schon vollkommen deutlich in seinem Bewusstsein war:

"Ist man fähig oder gar verpflichtet, Kindheitsbilder nachträglich zu bewerten, oder darf man sich diesem allerersten Andrang einfach für immer überlassen? Ich habe das Gefühl, ich könne mit meiner Erinnerung nicht nach Belieben umgehen. Es ist mir, zum Beispiel, nicht möglich, meine Erinnerung mit Hilfe eines inzwischen erworbenen Wissens zu belehren." Das klingt wie eine vorweggenommene Einleitung zum "Springenden Brunnen".

Martin Walser hat sich immer wieder sarkastisch oder auch wütend über die political correctness geäußert, mit der über Auschwitz zu reden sei, und die Walser-Bubis-Debatte im Anschluß an seine Friedenspreisrede hat das Thema zu einem heiß umkämpften gemacht. Walser wollte sich 1988 aus seinem eigenen Gründen schämen, und nicht, weil ihm der Diskurs der Scham von außen vorgeschrieben, ja aufgezwungen werde. Insofern höre ich bereits aus der Einleitung seiner großen Rede über Deutschland einen trotzigen Unterton heraus. Und dieser Unterton begleitet auch das Buch "Ein springender Brunnen."

Eben dieses fast trotzige Ausklammern bestimmter Wahrnehmungen, Assoziationen, Gedanken, Erinnerungen an Konflikthaftes aus

s e i n e r NS-Zeit, mögen Sigrid Löffler von der "Zeit", Andreas Isenschmid und Reich Ranicki auch gespürt haben. Es gibt aber noch andere mögliche Motive als diesen in der Zeit des Schreibens vermuteten Trotz. Sie ergeben sich aus der frühen Familienstruktur, aus Loyalitäten, vor allem zur Mutter, aus Konflikten, die für das Kind zu groß gewesen wären, hätte es sie selbst durch bewusste Wahrnehmung vertieft. Das bedeutet folgendes: Die Ausblendung des Wahrnehmens, Fühlens und Denkens damals ist nicht ein seelisches Handeln des gegenwärtig schreibenden Autors, sondern eher eines, das sich segmenthaft im Kind und im Jugendlichen vollzieht. Neben subilsten Einsichten in zwischenmenschliche Vorgänge und Wahrnehmungen von höchster Präzision auch über politische Dorfereignisse stehen ganz unterschiedliche Niveaus der Perzeption wie der seelischen Verarbeitung. Es ist, als ob Johann keinen inneren Raum hätte haben dürfen für politische Konflikte. dass er ihn potentiell in sich trug, zeigen Walsers spätere lebenslängliche Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Fragen. Die germanistische Gretchenfrage, inwieweit Johann und der junge Walser in eins gesetzt werden dürfen, lasse ich hier unglöst stehen, nehme vielmehr an, dass Walser eine Form gesucht hat für die Struktur seiner eigenen Erinnerungen, wie er es ijn der erwähnten Münchner Rede angedeutet hat.

Martin Walser ist kein Freund der Psychoanalyse. Sie ist für ihn ein starres Theoriesystem, das Deutungen in seelische Vorgänge hineinträgt, die der Dichter viel authentischer erfaßt, ohne sie auf einen zerstörerischen Begriff zu bringen. Trotzdem wage ich es, aus der therapeutischen Erfahrung mit NS-verstrickten Patienten der zweiten Generation, in dieser Diskussion über Erinnerungen an die NS-Zeit einige psychoanalytische Begriffe zu benutzen.

Damit komme ich zu einigen tiefenpsychologischen Aspekten des Themas, das die Schweizer Psychoanalytikerin Alice Miller von Jahren schon durch einen Buchtitel auf den Begriff gebracht hat: "Du sollst nicht merken". Damit sind Gebote angesprochen, die durch unbewusste oder auch bewusste Anweisungen in der Familie das regeln, von dem gesprochen werden darf; ja sogar, was wahrgenommen und gefühlt werden darf. Die Sanktionen, die hinter diesen Geboten stehen, sind weniger konkrete Strafen als vielmehr die Angst vor Liebesverlust, die Angst, eine Katastrophe in der Familie anzurichten, eines oder mehrere Familienmitglieder zu verletzen oder aus dem Gleichgewicht zu bringen, sie zu überfordern oder schlicht Schmerz und Sorgen zu bereiten. Wie tief diese Gebote reichen, wie tief ihre auch die Kindheit überdauernde Wirksamkeit ist, hat vor allem die Familientherapie herausgearbeitet. Dort spricht man dann von der Kollusion des Schweigens, ja der Verschwörung zum Schweigen, aber auch von Wahrnehmungs- und Denktabus, die bis zur Herausbildung familiärer Wahnwelten führen können, wie sie zum Beispiel Horst Eberhard Richter in seinem Buch "Patient Familie" analysiert hat.

Im folgenden soll also versucht werden, anhand einzelner Passagen in Walsers Roman Zeichen solcher Schweige- oder Wahrnehmungstabus zu orten und zu analysieren, um zu einem möglichen Bild des Familienklimas zu gelangen, das vielleicht beim jungen Martin Walser ganze politisch relevante Fragmente von seelischem Erleben ausgeblendet hat. Die Erfahrungen meiner eigenen Kindheit und Jugend mit Wahrnehmungs- und Thematisierungsverboten spielen hier sicher mit herein.

Es wäre sowohl falsch, später von gereinigten Erinnerungen zu sprechen, wie auch falsch, Walser vorzuwerfen, er habe an einseitig idyllischen Erinnerungen festgehalten, die übrigens so idyllisch gar nicht sind. Eher handelt es sich um Leerstellen, und an diesen Leerstellen entfaltet sich, so viel sei vorweggenommen, ein grobes Filter gegen die Vertiefungen einer Wahrnehmnung gefährlicher Inhalte in entscheidenden Momenten.

Mit deutlich fühlbarer Wirkung gibt es ein mütterliches Psst, oder süddeutsch Pscht, oder, noch deutlicher, ein: "Könnt ihr denn von nichts anderem reden", wenn die Rede auf die gefährliche Politik kommen will. Und dassschließen sich sofort die Münder, das Thema wird gewechselt. Manchmal heißt es auch aus "zischendem" mütterlichem Mund etwa: "Nicht vor den Buben!" Dieses Ausschließen von politischen Themen ist um so auffallender, als in Geschäftsdingen der junge Johann früh eingeweiht wird in heikle Angelegenheiten. Er wird zum Geschäftspartner der Mutter, dem sie Geheimnisse anvertraut, die selbst der Vater nicht wissen darf. Ganz anders in Sachen Politik. Lapidar heißt es gleich im ersten Teil des Romans, als es um die Gefahr des Bankrotts der Gastwirtschaft geht, über die ersten auffälligen Veränderungen der Menschen und die drohenden Feindschaften:

"Der Großvater sagte leise vor sich hin: Wenn i bloß ge Amerika wär. Stand mühsam auf und ging hinaus. Die Mutter sagte: Der Brugger Max hat gesagt: Jetzt hilft bloß noch der Hitler. Der Vater sagte: Hitler bedeutet Krieg. Dann sagte er, er müsse ins Bett. Ja, sagte die Mutter, du bist arg blaß." (59)

Damit ist der seelische Handlungsspielraum der drei Hauptpersonen in der Familie knappstens gekennzeichnet.

Erhalten wir also in das affektive Innere des Helden einen geradezu akribischen Einblick, so werden die übrigen Figuren, vor allem die Eltern, fast nur deskriptiv wahrgenommen mit dem, was sie sagen und tun, allenfalls noch wie sie es sagen und wie sie es tun. Man spürt die Stimmung, manchmal die Gewalt der innerfamiliären Verhältnisse, die latenten Konflikte über die Hitlerei, aber sie werden weder benannt noch beschrieben, höchstens andeutend wahrgenommen. Sie bleiben sozusagen ohne seelische Entfaltung, und damit fallen ganze Themenbereiche weg, die einige Kritiker so sehr vermissen.

Verlangt man nun nicht, dass der Autor sein Wissen von heute dem Knaben oder Jugendlichen von damals überstülpt oder introjiziert, so muss doch das Urteil, dass die NS-Zeit in dem Roman beinahe ausgespart bleibe, zurückgewiesen werden. Sie ist in vielen Ereignissen, Konflikten, Veränderungen der Menschen und Gewaltszenen präsent. Aber sie ist nicht präsent als innerlich wahrgenommene, reflektierte Gefahr, als Inhalt familiärer Gespräche oder Brüche, oder als Denkinhalte des einsamen Jungen. Um es ganz verkürzt zu sagen: Die Mutter geht in die Partei und öffnet die Gastwirtschaft den Nazis, um überleben zu können und den Konkurs abzuwenden. Wie sie selbst zu deren Ideologie steht, wird nie deutlich. Doch dasssie sehr katholisch orientiert ist, vermutet man, dass die Mutter mit gespaltenem Bewusstsein gelebt hat, aus opportunistischem Mitmachen und ländlich-katholischer Distanz, die sich in gelegentlich sarkastischen oder entwertenden Äußerungen gezeigt haben mag. Man spürt in kleinen Splittern einen Widerwillen gegen ein seelisches Eintauchen in jede Form von nationalsozialistischer Ideologie, die doch in ihrer krudesten SA-Form die Gaststube überschwemmt. Aber über die Mutter nachzudenken scheint sich der Junge wie der Jugendliche verboten zu haben, wie überhaupt das Nachdenken äußerst selektiv bleibt. Wir erfahren nicht, ob die Mutter nachgedacht hat oder sich bestimmte, nach außen sichtbar werdende Gefühle überhaupt erlaubt hat. Aber wie sie die Armbewegung des "deutschen Grußes" fast zu einer Karikatur machte, zeigt doch viel an innerer Distanz.

Entsprechend gibt es bei Johann eine deutliche Tendenz, die Nazis, und hier besonders die frühe SA im Dorf und ihre öffentlichen Auftritte, mit despektierlicher Komik wahrzunehmen, fast auf der literarischen Ebene kurioser Moritaten.

Der ironische Blick ist nicht der eines sechs- bis siebenjährigen Kindes, nicht einmal der des pubertierendenKnaben, sondern vielleicht der mütterliche oder der katholisch-dörfliche im Jahr dreiunddreißig. Denn der junge Johann selbst übt fasziniert bei seinem Freund Adolf vor dem Hitlerbild im Wohnzimmer des SA-Führers das Strammstehen und Grüßen und erinnert sich an seine Bewunderung für den Freund, der einen so mächtigen Vater hat.

Der eigene Vater ist schwach und wird von Adolfs Vater verachtet und bedroht. Der Konflikt zwischen den Eltern über die Politik taucht immer wieder auf, er muss das Familienklima untergründig bestimmt haben, doch er wird nie ausgetragen, ja kaum formuliert, und wenn er ausbricht, müssen die Buben aus dem Zimmer, und es wird deutlich, dass Krankheit droht. Die Mutter hat im Januar 1933 Hindenburg am Radio reden hören, sie kommt aufgeregt ins Zimmer:

"Hindenburg hat gesprochen, sagte sie. Im Radio. Man hat ihn gehört, wie wenn er vor einem stehen würde.

Der Vater: Was hat er gesagt? Die Mutter: dass es so nicht mehr weitergeht. Diesen Winter kann Deutschland, sagt er, nicht überleben! .... Dann gibt es eine Katatrophe, eine Katastrophe durch nichts als Not und Hoffnungslosigkeit.

Der Vater: Die Katastrophe heißt Hitler.

Die Mutter: Das hat er nicht gesagt.

Der Vater: Aber gemeint.

Ins Bett jetzt, die Buben, sagte die Mutter und preßte ihre Hand an die rechte Seite. Der Vater sagte sofort: Die Galle? Die Mutter setzte sich auf den Bettrand, stand aber gleich wieder auf und sagte: Das wird sich weisen. Sie sagte das natürlich in einer anderen Sprache als der Vater. Sie sprach ja eine andere Sprache als der Vater." (87/8)

Meine Hauptthese ist die folgende: Aus einer Reihe von Gründen ist der Pakt mit dem Nationalsozialsmus das Äussere, für die Mutter das zum Überleben Notwendige. Aber er darf um des Überlebens wie um des Familien- und des Seelenfriedens willen kein Thema werden, kein Seelenstoff. Er tritt sozusagen nicht ins Denken und nicht in die Gefühlswelt ein. Er ist übermächtig wirklich und gleichzeitig unwirklich, oder, wie die Mitscherlichs es für die Nachkriegszeit formulierten, seelisch derealisiert. ("Die Unfähigkeit zu trauern, München 1967) Eine rationale und emotionale Thematisierung würde diese Menschen überfordern, oder sie fürchteten es, und so entstanden Mechanismen des Selbstschutzes. Einer der wirksamsten ist die sogenannte Abspaltung: Ein ganzer Teil der Realität enthält keinen Zutritt mehr zur Welt der Gefühle.

Nur das Klima der Sorge und der ohnemächtigen väterlichen politischen Spinnerei wird deutlich. Wer will schon einer ewig bekümmerten Mutter, auf deren Schultern die Last des Erhalts der Familie liegt, noch tiefere Sorgen machen; wo der Vater schon den Fluchtweg zu den unschuldigen poetischen Wörtern bahnt, als einer zunächst konfliktfreien Zone der Freiheit?

Über Gefühle wird natürlich ohnehin nicht geredet. Aber zur Hilfe bei ihrer Entzifferung, zum Verstehen, Gestalten und Erleben hat Johann die schöngeistige Literatur, sozusagen den Schatz der Innerlichkeit, der er verfällt, um sich überhaupt wahrzunehmen. Er formt oder produziert seine Seele durch das Schreiben von Gedichten. Es wird deutlich, dass die Mutter, dassder Vater Hitler für eine Gefahr hält, sich aber nicht durchsetzen und die Familie nicht ernähren kann, den kaum sechsjährigen Johann als emotionale Stütze braucht für ihre Entscheidung, die SA in die Gaststube zu lassen. Das rechtfertigende Beweisstück ist eine Postkarte, die der Ortsgruppenleiter der als kirchlich-katholisch bekannten Wirtin am Ende seiner kleinen Werberede für Hitler überreicht:

"Die schenk ich Ihnen, sagte er. Die Mutter hielt die Karte Johann hin, als sei es wichtiger, dass er sie anschaue. Christus am Kreuz, vor ihm einer im Braunhemd mit der Hakenkreuzfahne, ein zweites Braunhemd neben ihm hebt die Hand zum Schwur. Kannst du lesen, was dasssteht, sagte die Mutter. Johann buchstabierte und sagte dann den ganzen Satz: Herr, segne unsern Kampf. Adolf Hitler." Meine wohlbegründete Vermutung ist die: Ein Kind würde die Mutter nicht mehr stören, durch Wahrnehmung, Zweifel oder Aufgebehren, wenn sie in einfachster und verzweifelter Seelenarbeit versucht, zum Überleben Christus und Hitler zusammenzubringen, in der uns heute fast wahnwitzig erscheinenden Hoffnung, dass der zweite sich dem ersteren unterstellen werde.

Es musste also viel ausgeblendet werden, um Versammlungslokal der SA bleiben zu können. Und es wird immer deutlicher, dass die Sorge der Mutter übergeht in Krankheit, deren Anzeichen, die Koliken, dann am heftigsten werden, wenn es um Schritte auf den Nationalsozialismus zugeht. Aber der ist nicht eine Ideologie, sondern eine Partei, mit der es aufwärts gehen soll.

So kommt es, dass Johann zwar SA-Szenen in der Gaststube genau schildern kann, aber sie bringen keine Emotionen und kaum Gedanken mit sich. Sie gleiten an ihm ab.

Walser schreibt an mehreren Stellen nicht nur, dass er ein Ereignis oder eine Person vergessen habe, sondern er betont: er habe sogar vergessen, dass es es vergessen habe. Mir scheint das eine Umschreibung einer vollständigen Tilgung eines unliebsamen Inhalts aus dem Bewusstsein, eben das, was man eine vollständige Verdrängung nennt, angereichert durch weitere Mechanismen wie Verleugnung, Derealisierung und Abspaltung.

Der Umgang der Mutter mit gefährlichen Inhalten gleicht einer aus der angenommenen Lebensgefahr entstammenden Einschwörung. In der Wirtschaft erzählt ein gewisser Battist politisch gefährliche Dinge. Die Mutter spürt die Gefahr für und durch das Kind:

"Als Johann mit der Mutter wieder allein ist, sagt sie, was er von Battist gehört habe, dürfe er niemandem sagen, sonst verlören alle ihr Leben, der Gast, die Mutter und Johann. Die Mutter sagt für alle Arten von Sterben immer: das Leben verlieren."

Und nun folgt unmittelbar eine kleine Passage, die entweder zeigt, dass die Mutter eine übertriebene Angst hatte, oder aber, dass Johann sich den gefährlichen Wahrnehmungen bereits durch Weghören entzog:

"Johann nickt; eigentlich hätte er ihr sagen sollen, dass er gar nicht zugehört habe, also nicht wisse, was er niemandem sagen dürfe."

Eine Seite später wird die Technik der Entwirklichung genauer geschildert. Wolfgang, ein Freund, und Johann begegnen einem Zug von KZ-Zwangsarbeitern. Wolfgang flüstert:

"Die Dachauer. dassfällt Johann ein, dass er jenen Battist vergessen hat und auch vergessen hat, dass er ihn vergessen gehabt hat. Das einzige, was Johann an dem Sonntagmorgen bei seinem Nichtzuhören gehört hat, ist: Dachau. Als Johann nach der Flak-Ausbildung heimkommt, in die Küche kommt,... sagt der Großonkel gerade: Büßen müssen wir es sowieso. Die Mutter sagt: Pscht. Ihr Gesicht täuscht etwas vor. Johann erinnert sich an das Gesicht der Mutter, nachdem sie mit Battist gesprochen hat. Dieses Gesicht hat er vergessen gehabt und vergessen, dass er es vergessen gehabt hat." (123) Man könnte geradezu von einer Technik der Reinigung des Bewusstseins sprechen. Zur Wiedererkennung bedarf es nicht nur bestimmter Auslöser, sondern auch Situationen geringerer Gefahr, in denen Erinnerung wieder möglich wird.

Es ist wahr: es gibt Szenen, in denen das Kind oder der jugendliche Johann überwältigt wird von Gefühlen. Und dann gibt es wieder Szenen, die Johann oder Walser über Johann so aus der Distanz berichtet, als habe er sie wie hinter Glas erlebt, während dem Leser beinahe der Atem stockt. Auch dieses Phänomen ist aus der Psychotherapie bekannt: Patienten konnten als Kinder, auch noch als Erwachsene, bestimmte Ereignisse gar nicht fühlen, erleben, sie waren kalt oder erstarrt, leblos oder innerlich gespalten. Dann muss der Therapeut ihnen seine Gefühle leihen, damit sie auch für den Patienten erlebbar werden, nachdem sei Ich gestärkt wurde. Ich will Johann beileibe nicht zum Patienten machen, sondern hervorheben, dass er in einer Situation der Spaltung gelebt hat. Der Reichtum der Gefühle wie der sensiblen Wahrnehmung ist in manchen Bereichen einfach nicht angesprungen, und so ging es, schrecklich zu sagen, vielleicht Millionen Deutschen, auch Erwachsenen. Man kann es moralisch sehen, verurteilen, oder psychologisch oder sozialpsychologisch oder massenpsychologisch deuten. Aber auch dies gehört vielleicht zu Walsers Kunst wie zu seiner Aufrichtigkeit: Er unterschiebt dem Johann keine Gedanken und Gefühle, die er damals nicht hatte, auch auf die Gefahr hin, beschuldigt zu werden als Verharmloser der NS-Zeit.

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, möchte ich noch eine Familienszene der Einschwörung zitieren, bei der Johann sehr nahe an ein gefährliches politisches Fühlen und Denken und Handeln herankommt, weil es einem hitlerkritischen Clown zustößt, Axel Munz: Dieser hat für Johann dadurch eine hohe emotionale Bedeutung, als er zum Zirkus La Paloma gehört, der auf der Walserschen Wiese spielt, und Johann verliebt ist in ein Zirkusmädchen Anita. Der Clownn wird wegen seiner Anti-Nazi-Scherze nachts fast halbtot geschlagen. Darüber berichtet Johann in der Küche. Der HJ-Führer Edi Fürst habe gesagt:

"Ein übles Subjekt sei der Dumme August schon gewesen, aber verprügelt hätten ihn Auswärtige. Er vermute, dass das die vom SS-Landsturm gewesen seien. Jetzt seid doch stil, sagte die Mutter.... Jetzt hört doch endlich auf, sagte die Mutter. Man kann doch über etwas anderes reden. Und fing an zu weinen. Alle schwiegen. Der kleine Anselm, der auf ihrem Schoß saß, zog die Augenbrauen in die Höhe, sah von einem zum anderen, vorwurfsvoll. Ihr seid schuld daran, dass sie jetzt weint. So schaute er seine Brüder an. Die Mutter sagte, es reiche doch, dass der Vater nichts als Schwierigkeiten gehabt habe mit den neuen Leuten.... Man könne doch still sein jetzt, oder! Ob denn noch nicht genug Unglück über die Familie gekommen sei."

Klarer kann ein Schweigegebot nicht ausgesprochen werden. Und es ist leichter einzuhalten, wenn man die bedrohlichen Dinge nicht mehr wahrnimmt, nicht über sie nachdenkt. Das Schweigegbot läßt auch die seelische und mentale Kompetenz schrumpfen oder sich gar nicht erst entwickeln, mit der die bedrohlichen Dinge verarbeitet werden könnten. Und die schrumpfende Kompetenz wiederum macht mutlos, ja sogar regressiv, und in dieser Regression verstärkt sich wiederum die Loyalität zur Familie, die durch Widerspruch, Fragen und Thematisieren bedroht würde.

Ich mache einen Zeitsprung, um dem späteren, wissenden Walser zuzuhören, in einer Rede mit dem Titel "Auschwitz und kein Ende", die er 1979 zur Eröffnung der Ausstellung "Überleben und Widerstehen" mit Zeichnung von Häftlingen des Todeslagers hielt, und die er mit folgenden Worten schloß:

"Es genügt ein Blick auf ein Auschwitzbild, und jeder gesteht sich wenigstens ein: Wir sind nicht fertig damit. Du kannst nicht bewältigen lassen. Die Gewalt, die in diesen Bildern erscheint, ging von dir aus, jetzt kehrt sie zurück, zu dir. Es genügt nicht, seine Eltern und Großeltern zu fragen: wie war das und das. Frag doch dich, wie es ist.

Ich möchte immer lieber wegschauen von diesen Bildern. Ich muss mich zwingen hinzuschauen. Und ich weiß, wie ich mich zwingen muss. Wenn ich mich eine Zeitlang nicht gezwungen habe hinzuschauen, merke ich, dass ich verwildere. Und wenn ich mich zwinge hinzuschauen, merke ich, dass ich es um meiner Zurechnungsfähigkeit willen tue."

Der erwachsene Walser hat sich immer wieder der deutschen Vergangenheit zugewandt, aber er wollte Johann nicht mit diesem späteren Programm bedrängen. Das Walser sein Genug-Haben vom öffentlich-drängenden NS-Thema in seine maßlose Pauls-Kirchen-Rede goß, steht auf einem anderen Blatt.

Und doch ist der Holocaust auf beklemmende Weise präsent im Kindheitsroman, aber in den Emotionen eines Anderen, in den Tagen von Johanns militärischer Ausbildung, ebenso wie das Thema Verrat und Denunziation. Ein Obergefreiter der Kurland-Armee auf Heimaturlaub erzählt: "dassgab`s Urlaub nur, wenn man einen Kameraden, der am Endsieg zweifelte, denunzierte." Und der hatte Urlaub bekommen. Und dann sagt er, "er müsse dauernd Hundegebell nachmachen, weil er als SA-Mann bei der Judenverfolgung mitgemacht habe und jetzt dauernd daran denken müsse, ob er das büßen müsse.... Was er denn getan habe, fragte Johann. Angezündet, sagte er, und geschlagen." Und der Soldat wimmert fortwährend bei der Erinnerung. Aber wieder bleibt es offen, ob Johann eine emotionale Reaktion verspürt. Und Walser unterschiebt sie ihm nicht. Er folgt ihm in das knappe Abbrechen der Szene. Johann will ja noch in den Krieg, vielleicht um sich vor dem toten Bruder zu beweisen. Er weiß: wer am Endsieg zweifelt, kann das Leben verlieren. Verblendet zieht es ihn in den Kampf. Und dann geht es ganz rasch mit der Flucht aus der sich auflösenden Einheit, mit der Kapitulation, mit die Heimkehr.

Und wieder läßt Walser dem fast zum Mann gewordenen Johann seine Unfähigkeit, emotional zu reagieren. Zurück in Wasserburg sieht er den Nazilehrer am Pranger sitzen, im Schaufenster eines Cafés:

"Lange konnte Johann nicht hinschauen. Sobald er das Schild, das dem Hauptlehrer umgehängt worden war, gelesen hatte, rannte er davon. Ich war ein Nazi, stand auf dem Schild.... Johann ging dann gleich wieder langsamer. Er wollte nicht auffallen."

Mir scheint, Walser überläßt es dem Leser, diese Unfähigkeit zu erkennen, vielleicht zu bedauern, oder auch die Aufrichtigkeit Walsers zu würdigen. Die "Unfähigkeit zu trauern" ist vielleicht nie aufrichtiger eingestanden worden als gegen Ende des Romans, als Johann heimkehrt und vieles hört von den Grausamkeiten der letzten Kriegstage, von den gefallenen Schulfreunden, aber auch von den letzten Hinrichtungen von Polen wegen Rassenschande. Er stürzt sich in neue Bücher, fühlt sich euphorisch:

"So gestimmt, konnte Johann von nichts Schrecklichem Kenntnis nehmen. Alles, was entsetzlich war, fiel ab an ihm, wie es hergekommen war. Er wollte nicht bestreiten, was rundum als entsetzlich sich auftat. Aber er wollte sich nicht verstellen. Und er hätte sich verstellen müssen, wenn er getan hätte, als erreiche ihn das Entsetzliche. Es erreichte ihn nicht." (389)

Der seelische Stupor, so möchte man fast sagen, wird noch deutlicher. Er begegnet dem halbjüdischen Jungen, dessen demütigenden Ausschluß aus der HJ er miterlebt hatte. Johann ist unfähig, etwas zu sagen. Und dann hört er vom Schicksal von dessen Familie, die gerade noch emigrieren konnte. Und nun kommt wieder das Geständnis des doppelten Vergessens:

"Wolfgang hatte ihm leid getan, als Edi Fürst ihm das Fahrrad den Rain hinuntergeworfen hatte. Er hatte Wolfgang dann vergessen und vergessen, dass er ihn vergessen gehabt hatte."

Und als Wolfgang ihm von der Geschichte ihres Überlebens erzählt, spürt er wohl, er sollte fühlen und sprechen, aber er verhakt sich in der Beschreibung des Gesichts von Frau Haensel, der Jüdin, und er schildert es so, dass Walser von Reich-Ranizcki der Vorwurf des Antisemitismus gemacht wurde. Doch nehme ich an, dass Walser zu seiner damaligen Wahrnehmung steht, obwohl er weiß, es ist politisch nicht korrekt mitzuteilen, wie Johann damals dieses jüdische Gesicht sah, vielleicht verzerrt oder vergröbert durch seine bedenkenlos aufgesogenen Vorurteile.

"Woher hätte er wissen sollen, dass Frau Haensel Jüdin ist?" (Er muss zuhause die Frage unterdrückt haben nach jener Ausschlußszene, was ein Halbjude ist.) "Er wollte von sich nichts verlangen lassen. Was er empfand, wollte er selber empfinden. Niemand sollte ihm eine Empfindung abverlangen, die er nicht selbst hatte. Er wollte leben, nicht Angst haben.....Er musste wegdenken von ihr und ihrer Angst.....

Seit er wusste, in welchser Angst sie gelebt hatte, wusste er nicht mehr, wie er ihr begegnen musste." Von seiner Familie her war er nicht vorbereitet auf Gefühle zur Politik und zum Schrecken. Dann wird deutlich, dass der Stupor nicht nur den Verfolgten gilt, sondern auch dem eigenen toten Bruder.

"Die Toten warteten auf ihn. Er konnte sich Josef nicht tot vorstellen. Er sah Josef immer lebendig vor sich. Vielleicht würde er sich im Winter die Toten vorstellen. Jetzt nicht. Nicht in diesem glühenden Sommer." (401)

Man könnte hinzufügen: im Sommer des Überlebens, und wäre dann rasch bei dem düsteren Paradox, dass der Sommer des Überlebens für viele Deutsche fünf Jahrzehnte gedauert hat.

Ich habe schon erwähnt, dass Walser kein Freund der Psychoanalyse ist, und doch umschreibt er mit dichterischen Worten die Wirkung des Unbewussten: Etwas, das, obwohl unterdrückt, ausschlaggebend ist. Allerdings hat er eine, wie ich meine, idealisierende Vorstellung, ein Wunschbild, wie Vergangenheit wieder sichtbar und fühlbar werden könnte: durch passives, geduldiges Abwarten. Aber so scheint mir, der Mut des Schriftstellers, sich auf das Unbewusste einzulassen, ist nicht der Mut des durchschnittlichen Zeitgenossen, der sich ohne Hilfe erinnern soll.

"Wunschdenkens Ziel: Ein interesseloses Interesse an der Vergangenheit. dass sie uns entgegenkäme wie von selbst."

So mag sich der Schriftsteler über die Jahre des Schreibens gefühlt haben: geduldig wartend aus das, was aufsteigen will und nach Worten sucht. Offensichtlich hat er kaum Hilfmittel gebraucht, sondern sich nur geöffnet. Deshalb klingen für mich als Psychoanalytiker die folgenden Sätze streng, puristisch, ja sogar falsch. Denn eine Reihe von therapeutischen Schulen arbeitet sehr wohl, und mit Erfolg, mit der Hilfe von kleinen Zeichen, Gegenständen, Auslösern, die die Schleusen der Erinnerung zu öffnen vermögen, und ebenso machen es viele Lehrer und Erwachsenenbildner, die Erinnerungsstücke verwenden. Natürlich können auch sie nicht alle Widerstände überwinden; aber sie können hilfreich sein. Doch Walser meint:

"Die Vorstellung, Vergangenheit könnne man wecken wie etwas Schlafendes, zum Beispiel mit Hilfe günstiger Parolen oder durch einschlägige Gerüche oder andere weit zurückreichende Signale, Sinnes- oder Geistesdaten, das ist eine Einbildung, der man sich hingeben kann, solange man nicht merkt, dass das, was man für wiedergefundene Vergangenheit hält, eine Stimmung oder Laune der Gegenwart ist, zu der die Vergangeheit ehe den Stoff als den Geist geliefert hat." (281) Als Psychoanalytiker weiß ich, wie viel helfende Ermutigung es brauchen kann, um, manchmal nach jahrelanger Arbeit, einige Tor zu öffnen.

Walser hat sicher hauptsächlich die gesellschaftlich manipulierte Vergangenheit im Sinn, die von dokumentarischen Eindrücken überflutete Erinnerung, die ständig angemahnt wird. Und Walser denkt auch an die geschönte Vergangenheit, die sich viele Menschen nach 1945 zugelegt haben.

Der Psychotherapeut weiß, dass Patienten, die nicht Walsers schriftstellerische Geduld und die Fähigkeit des Abwartens haben, Hilfe brauchen, die verborgenen oder verschütteten Erinnerungen zu ertragen. Zwar kommen heute viele Patienten, weil sie als Angehörige der zweiten Generation an Kriegs- oder Verfolgungstraumen leiden. Aber die bewusste Absicht, sich dem Abgründigen in sich zu stellen, muss nicht bedeuten, dass die Offenheit und Bereitschaft nicht unterwegs erlahmen will. Der Therapeut hilft beim Aushalten der kleinen und größeren Schritte. Er ermutigt auch, und stellt aktive Vermutungen an, was im Familienuntergrund schwelen könnte. Er muss sich mit den Erinnerungswiderständen der Patienten wie deren Familien auseinandersetzen.

Walsers Buch öffnet durch seine literarische Qualität wie die Kraft seiner Erinnerung, Türen des Mutes. Der Therapeut steht oft genug vor der Situation, dass er ahnt, ja fast weiß, dass im Patienten ein düsteres Geheimnis von Erinnerung lastet, das er ansprechen muss, auch wenn der Patient Widerstand leistet. Er ahnt die Loyalitäten, die bedroht sind, wenn es an die Leichen im Keller geht. Die Beziehungen zu den verstrickten Angehörigen verändern sich, es gibt Schuldgefühle, Strafbedürfnisse, Träume, in denen Rache angedroht wird. Und so ist es nicht schwer vorauszusagen, dass Walser, obwohl das natürlich nicht in seiner Absicht lag, Erinnerungshilfe gibt, gerade weil es so konsequent beim Beobachten und Mitteilen geblieben ist und alles Mahnen und Kommentieren vermeidet. Man kann ihn begleiten, sich identifizieren oder sich abgrenzen, sich zumuten, wieviel man erträgt, an manchen Stellen aber auch weitergehen, oder bewusster reflektieren, warum so viel Erinnerung in der eigenen Lebensgeschichte im Dunkeln geblieben ist, soweit die NS-Zeit betroffen ist.