Die Wiederkehr des Verdrängten. Psychotherapie und NS-Zeit.
Von Tilmann Moser. In: Blickpunkt. EFL-Beratung (Oktober 2002).
Erlebnisse, Erinnerungen, Traumata können jahrzehntelang ruhen, abgelagert in unzugänglichen Deponien. Auf ihre Existenz könnte man allenfalls schliessen aus Träumen und aus dem oft erschöpfenden Kraftaufwand, sie unbewusst, verdrängt, entwirklicht zu halten. So ist es auch mit der überwiegenden Summe politisch induzierter Traumata aus NS-Zeit, Holocaust und Krieg gegangen, vor allem dann, wenn die Leiden, die Verfolgung und Angst bei den Opfern wie die Schrecken, die die Täter verbreitet haben, in ihrer Wirkung an die zweite Generation "abgetreten" oder ihr aufgezwungen wurden. Fünf Jahrzehnte nach Kriegsende wird vieles überhaupt erst zugänglich, auch für Menschen, ja für Psychotherapeuten, die bereits durch lange Therapien und Lehranalysen gegangen sind.
Das vierfache Vaterbild einer nach dem Krieg geborenen Tochter
In einer Fortbildungsgruppe für Kollegen zum Thema "Spätfolgen von NS-Zeit, Holocaust und Krieg" meldete sich eine Psychotherapeutin, geboren 1947, zu einer sogenannten Familienaufstellung. Ziel einer solchen Inszenierung ist es, unausgesprochene, verheimlichte oder auch unbewusste Gefühle zu den Eltern oder Großeltern oder anderen wichtigen Personen von Kindheit und Jugend zu klären und auszusprechen. Diese Personen werden entweder auf leeren Stühlen symbolisiert oder in einer Gruppe durch andere Teilnehmer dargestellt.
Nach einem kurzen Bericht über die äußeren Daten der Familie entschloss ich mich, die Rolle des Vaters vierfach besetzen zu lassen, aus folgender Überlegung heraus: Als ein einzelner Kollege noch in der Rolle des (nur zuhörenden) Vaters saß, wurde deutlich, dass die Kollegin in ganz verschiedenen Tonlagen zu ihm sprach. Dominant zunächst war zunächst die Anklage: "Du hast zweimal moralisch versagt in deinem Leben, erstens indem du keinen Widerstand geleistet hast im Dritten Reich, sondern freiwillig in den Krieg gezogen bist; und zweitens, dass du später nie wirklich umgedacht und bereut hast. Und drittens vielleicht, aber das hängt damit zusammen, dass die ganzessNS-Geschichte von fast totalem Schweigen umhüllt blieb: dass du nie über dein früheres Leben, deine Ziele und deine gescheiterten Hoffnungen, gesprochen hast. Ich konnte immer nur ahnen, dass du, oder ihr Eltern, so ganz andere Lebensentwürfe hattet als nach dem Krieg."
Dazwischen traten aber, nach einer Pause, Mitleid mit dem gebrochen zurückgekehrten Vater auf, Dankbarkeit für den zugewandten Vater der Kleinkindzeit, und schließlich unklare Gefühle gegenüber einem unbekannten Vater, der gesund und stolz in Uniform in den Krieg gezogen war, und dessen Foto sie einige Male gesehen hatte.
Mein Ziel bei der vierfachen Besetzung der Vaterrolle war es, sowohl didaktisch wie auch therapeutisch im Sinne der Kollegin einen Überblick über die Beziehungsfragmente zum Vater zu gewinnen und, soweit es in einer Sitzung möglich war, einen Schritt in Richtung Aufarbeitung einzuleiten. Denn es war deutlich, dass in ihrer Lehrtherapie das NS-Thema zum großen Teil ausgeklammert blieb oder aber in einer gewissen Verwirrung steckengeblieben war. Die Komplexität und widersprüchliche Vielschichtigkeit der Vaterbeziehung war im Dunkeln gelassen wurden.
Die Dreijahresphasen in der psychosozialen Wirklichkeit in der NS-Zeit
Für einen kurzen Exkurs verlasse ich die Inszenierung mit der Kollegin und wende mich kollektiven Gesetzmässigkeiten in der Einwirkung der NS-Politik auf die Famklienatmosphäre zu.
Sehr vereinfach gesprochen bedeuten in NS-Zeit und Krieg für die meisten nicht-verfolgten und ns-gläubigen Deutschen jeweils drei Jahre bereits einen völligen Wandel der äußeren, zum Teil auch der inneren Einflüsse des Regimes auf die Menschen, und damit indirekt auch auf die Kinder. Für die Gegner und die Verfolgten gilt dies in viel schlimmerer Weise ganz analog.
Dafür einige Beispiele in Stichworten aus der Sicht der nichtjüdischen Mehrheit:
1. Die Phase von der Machtergreifung 1933 bis zur Olympiade 1936: Wiederkehr von sozialer und ökonomischer Hoffnung (im Tausch gegen Anpassung, Begeisterung oder Opportunismus), Gewöhnung an Diktatur, wachsende Gleichschaltung, Zerschlagung allen institutionellen Widerstandes, heimliche Aufrüstung bei gleichzeitiger Proklamation der Friedlichkeit, beginnende nationale Größenphantasien, Terror noch eher im Hintergrund nach anfänglichen Verhaftungswellen; erste Konzentrationslager und der sogenannte Röhmputsch (der Staat darf in "Notwehr" im großen Stil morden); Beginn der Judenverfolgung, usw.
2. 1936-39: Unerwartete Stabilität, zunehmendes Sich-Einlassen auch anfangs skeptischer Menschen; neue Lebensentwürfe, ökonomische Konsolidierung, Aufrüstung, allgemeine Wehrpflicht, Hitler-Jugend und BDM, der Anschluß Österreichs, endültiges Eindringen der NS-Ideologie wie von NS-Personal in Schule, Wissenschaft, Mobilisierung und Politisierung der Bevölkerung. Denken in Herrenrasse, Expansion, aggresssiver Nationalismus; Militarisierung des Weltbildes, wachsende Gleichschaltung, rauschende Inszenierung des Nationalsozialismus und Triumphalismus, etwa bei den Reichsparteitagen.
3. 1939 - Herbst 1942: Siegreiche Kriege, Begeisterungsrausch, Ausgliederung, Verfolgung, Deportation und Ermordung der Juden, weltpolitische Dimensionen der Politik, Führerkult, Eroberungsgefühle, geographische Erweiterung des "Lebensraums" mit Lebensentwürfen für den Ostraum.
4. 1942-45: Wachsende Angst, Verstärkung der sozialen und politischen Mobilisierung, Kriegswirtschaft, Knappheit, Angst um Soldaten, beginnende Angst vor dem Ende, erhöhter Terror gegen Wehrkraftzersetzung und Defaitismus, graduelle heimliche Absetzung vom Regime bzw. Fanatisierung des Führerglaubens, Bombenkrieg, zurückweichende Fronten, Durchhalteterror, beginnen Massenflucht oder Vertreibung..
5. 1945-1948: Kampf ums Überleben, Flucht, Flüchtlingsdasein, Not, Hamstern, Leben in Trümmern, beginnendes Aufräumen, Besatzung, Entnazifizierung, vaterlose Familien, Ungewißheit, Gebrochenheit und starker innerer Trotz in vielen Familien gegen den öffentlichen Diskurs von der universellen "braunen Barbarei". Leben in oft engsten räumlichen Verhältnissen.
1948-1951 noch immer: Überleben, Rumpffamilien, Ungewißheit, Parentifizierung, Armut, Rückkehr der Nazis in viele Ämter, kalter Krieg, Lockerung der Besatzungsmacht, Leben in Trümmern und Versuch des Vergessens und des Neubeginns.
Die Brüche in den Phasen spalten auch die Seelen
Alle diese Phasen bringen für die Familien und Kinder eine oft ganz unterschiedliche Atmosphäre, Bilder von Autoritäten, Ängste, Identifikationsmöglichkeiten. Es gibt also eine zeitlich horizontale Spaltung auch der seelischen Struktur, soweit sie von diesen Dreijahresphasen mitgeprägt wird: Seelische Veränderungen der Eltern durch Aufstieg, Teilhabe ander Macht, Ortswechsel, Berufswechsel, Politisierung, Angst, Wechsel in der Zusammensetzung der Familien, Umzüge, Krieg und Not. Nach 1945 kommt es zu einem raschen Absinken der NS- und Kriegserinnerungen, vor allem der Fragen von Scham und Schuld, in unterirdische Deponien. Ebenso zu den Schweigepakten, der fehlenden Auseinandersetzung, und dem Auseinanderklaffen von öffentlichem und privaten Sprechen.
Vertikale Spaltungen kommen zustande durch die Gleichzeitigkeit von unvereinbaren psychischen Situationen und von Brüchen im realen oder seelischen Zusammenleben.
Zurück zur Inszenierung mit dem gespaltenen Vaterbild:
Die Kollegin nahm, nachdem sie für die vier unterschiedlichen Vaterrollen Männer ausgewählt hatte, zu jedem Fragment unterschiedliche gestisch-körperliche und sprachliche Beziehungsformen auf. Als sie versuchte, noch einmal die moralische Anklage gegen den in ihren Augen ethisch versagenden Vater zu formulieren, durchaus mit dem Vokabular der jungen 68er-Studentin, spürte sie, wie das Mitleid mit dem Vater, der gebrochen und mit einer Kopfverletzung aus Russland heimgekehrt war, es ihr schwer machte, die Wut der Anklage überhaupt noch aufrechtzuerhalten. Sie drückte ihm ihr Mitleid mit dem Soldatenschicksal im verlorenen Krieg aus: er war nach kurzer Gefangenschaft heimgekehrt mit Erfrierungen und einer Gehirnverletzung, die ihn lebenslang sehr stimungslabil und auch jähzornig machte. Dominantes Vaterbild ist also der depressive oder jähzornige Invalide.
An diesem Punkt drängte sie darauf, die Rolle der Mutter zu besetzen. Auch hier hätte sich angeboten, zur Klärung der Beziehungsframente mehrere Personen zu wählen, doch die Auseinandersetzung mit ihr stand nicht im Vordergrund. Sie konnte der Mutter aber sagen, dass sie zum ersten Mal wahrnehme, was die Mutter aufzufangen und mitzutragen hatte am Elend des Nachkriegs-Vaters. Denn der schleppte die zerbrochenen Ideale, die Kriegserlebnisse und die Trauer um falsche Lebensentwürfe mit sich in Form einer oft weinerlichen getönten Depression.
Aber dann wurde, auf dem Umweg über die Mutter, der in einem Moment des Zorns und der Resignation einmal entfahren war: "Oh, hätte dich der Krieg doch behalten!" der soldatische Heldenvater sichtbar, den die Tochter nie gekannt hatte. Plötzlich sah sie die Mutter in einer Verbindung zu ihm, von der sie nichts wusste, in einer für immer vergangenen Zeit. Und dasserinnerte sie sich an seltene knappe Hinweise der Mutter, wie sie den Vater, nicht nur in Uniform, sondern zivil als blonden, zuversichtlichen, selbstbewussten, aber auch Hitler verehrenden Mann und jungen Ingenieur geliebt hatte. Der soldatische Held war nur ein zusätzlich mit Stolz und anfangs nur leichtem Schaudern wahrgenommenes Fragment des blond und arisch wirkenden Verlobten und jungen Ehemannes, sozusagen der Phänotyp des propagierten arischen Deutschen. So lebte er als Erinnerungs- und Sehnsuchtsbild in der Mutter fort.
Zu diesem Vaterbild vor der Zeit ihrer Geburt sprach nun die Tochter ebenfalls, und sie spürte die von ihr übernommene Trauer der Mutter und auch ihren Neid auf die Mutter, die mit einem ganz anderen Mann, als sie ihn kannte, ein paar Jahre zusammengelebt hatte. Nun verstand sie auch, in welchem Umfang der gebrochen Heimgegkehrte eine Enttäuschung, ja ein lebenslänglicher psychischer und auch körperlicher Betreuungsfall war, an den sie sich nicht mehr anlehnen konnte.
Außerdem gab es für die Tochter noch den Kindervater, der in den nicht zähzornigen und depressiven Zeiten ein idealer Gespiele und väterlicher Helfer war. Zumindest gab es ausreichende Erinnerungsfragmente für ein solches Bild. Und sie konnte ihm angesichts der menschlichen Zerstörung, die der Nachkriegsvater mit sich trug, auch danken für die Kraft zur Nachkriegs-Idylle, für Phasen eines familiären Neuanfangs, die freilich immer bedroht blieben. Und diese ständige Bedrohung der väterlichen körperlichen und seelischen Gesundheit verlangten auch der Tochter Aspekte von Parentifizierung ab: ständig sein Wohlbefinden zu bedenken, die Mutter zu stützen, nicht aufmüpfig, expansiv, laut und autonom zu sein. Von Parentifizierung spricht man dann, wenn Kinder zu früh den Eltern gegenüber selbst elterliche Rollen übernehmen müssen.
Die russische Partisanin als zweite Mutterfigur
Bei einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf den Soldatenvater tauchte nun aus einer fast vergessenen seelischen Deponie ein Bild auf, das der Vater immer wieder halb verklärt, halb entsetzt oder erschüttert erzählend umkreist hatte. Es ging um eine der wenigen Schlüsselmomente des Krieges in Russland, die er inmitten des Schweigens preisgab. Er war nämlich Augenzeuge, wie eine junge russische Partisanin, in ihrer Haltung ungebrochen trotzig und verächtlich, gehenkt wurde. Die emotional hoch besetzte Episode führte im unbewussten Erleben der Kollegin dazu, dass sich die Figur des Soldatenvaters noch einmal teilte in verschiedene Fragmente, die wir nicht mehr getrennt aufgestellt haben. Er war einerseits der auf Moskau vorrückende Siegesvater, dessen Fotos sie gesehen hatte, und auf dem noch kein krimineller oder kriegsverbrecherischer Verdacht lag. Und er war plötzlich der Vater, der hinter der Front vermutlich mit Partisanenbekämpfung zu tun hatte. Aber sein aktiver Anteil daran blieb im Dunkeln. Und selbst dieser Anteil des Augenzeugen der Hinrichtung teilte sich noch einmal. Der gehorsame und tief indoktrinierte Soldat sagte kühl: "Das musste so sein." Aber daneben gab es einen spürbar erschütterten Mann, den diese Bilder immer wieder heimsuchten, und in dessen entsetzten und glänzenden Augen die ihrem Tod entgegensehende Partisanin überlebte.
Die Kollegin schien auf einmal auf eine fast tragische Weise vitalisiert, als sie den Vater auf diese Frau ansprach. Ich spürte, dass sie eine noch unbekannte Beziehung zu der Partisanin hatte: Und als ich der entferntesten Ecke des Raumes, als Symbol der russischen Weite, einen dunklen Tisch mit einem Blumenstrauß als Symbol der Frau und gleichzeitig ihres Grabes aufstellte, nahm die Kollegin eine Beziehung zu der Partisanin auf, die im Unbewussten längst bestand. Aber sie musste verdrängt, verleugnet, entwirklich werden, schon aus Loyalität zur Mutter. Denn die Mutter war ebenfalls eine gebrochene, unzufriedene Frau, und in jenem Grab ruhte eine ungebrochene, tapfere Frau, zu der der Vater eine fast mythische Beziehung zu haben schien.
Mir fiel ein, dass in mittelalterlichen Hinrichtungsszenen ein Verurteilter vom Galgen herunter befreit werden konnte, wenn eine Jungfrau bereit war, ihn zu heiraten. Egal ob Realität oder Sage, eine solche Szene schien mir psychisch wirksam zu sein auch unter jenem Galgen in Russland: ein Soldat mit scheinbar kaltem Herzen, und ein junger Mann, dem das Bild der todgeweihten Frau ins Herz drang, sodass er es mit nachhause trug und in die Seele seiner Tochter einpflanzte. Mir schien, der Vater habe sich mit der Partisanin seelisch verbunden, ja auf fast magische Weise vermählt, und der Kollegin leuchtete es, was die seelische Beziehung angeht, unmittelbar ein.
"Du hast zwei Mütter", sagte ich zu ihr, "und die russische darf als Kraftquelle in dir leben." "Ich darf also tapfer sein und meine Meinung vertreten und aus deinem Mut Stärke beziehen, auch wenn gelegentlich Todesangst aufkommen will", sagte sie zur toten Partisanin, und dann wandte sie sich an ihre Mutter und sagte: "Ich will dich nicht entwerten, aber ich habe noch eine andere weibliche Gestalt in mir, mit der ich mich identifizieren darf." Das Wort Partisanin gab auf einmal manchen Lebenssituationen, in denen sie sich, wenn auch manchmal mit großer, ihr unverständlicher Angst, in sozialen Gefahrensituationen behauptet hatte, einen ganz neuen Sinn, ihr selbst aber auch neue Lebenszuversicht.
Und sie wusste nun, dass sie getrennte und einander auch widersprechende Vaterbilder in sich trug, die sich nur als ein seelisches Mobile, nicht als einheitliches Bild fassen ließen.
Der Ingenieur in Auschwitz und das Gedenken an die Opfer
Eine andere Teilnehmerin eines solchen Seminars, Jahrgang 1929, erzählte, bereits unter Tränen, dass ihr Vater nicht im Krieg war, sondern als Chemiker im Buna-Werk in der Nähe von Auschwitz arbeitete. Die Zwangsarbeiter und arbeitsfähigen Juden wurden aus dem Lager bezogen. Sobald sie nicht mehr voll arbeitsfähig waren, wurden sie vergast. Anfang 1944 besuchte der Vater die vierzehnjährige Tochter an einem Wochenende weiter westlich, wo sie mit dem BDM in einem Ernteeinsatz war, und sie machten einen Spaziergang. Auf einmal, nach einem Stück schweigendem Gehen, brach der Vater weinend zusammen und stammelte: "Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr." Es war das einzige Mal, dass sie ihren Vater weinen, und das heißt, im tiefsten Sinne emotional bewegt sah.
Stockend berichtete er: ein Freund und Kollege habe sich, im gleichen Werk, vor einigen Tagen umgebracht, weil er die Zustände, wohl auch den Umgang mit den Juden und deren sicheren Tod in der Gaskammer, wenn die Arbeitskraft erlahmte, nicht mehr ertrug. Nach dem Weinkrampf, der sich der Tochter als bestürzendes, aber sie auch insgeheim ehrendes Erlebnis einprägte, war von dem Ereignis wie von dem entsetzlichen Hintergrund der Sklavenarbeit wie des Holocaust zwischen Vater und Tochter nie mehr die Rede. Ja, sie sagte: ein Geheimbund des verschwiegenen Wissens, der aber nie erwähnt werden durfte, habe sie seither aneinander gebunden.
Als ich sie mit dem Vater sprechen ließ, geriet sie in einen dem seinen wohl ähnlichen Weinkrampf und sagte, sie könne Schuld und Scham fast nicht ertragen, nie mehr nach dem Erleben des Vaters und seinen schrecklichen Wahrheiten gefragt zu haben. Sie weinte so erschütternd, dass ich ihr drei Hilfspersonen zur Seite gab, die sie mit ihren Körper seitlich stützten und einen erweiterten Container, also einen mütterlichen Schutzmantel um sie legten. Denn sie war nahe daran, in Panik und außer sich zu geraten, auseinanderzubrechen oder verrückt zu werden. Die drei haltenden Personen signalisierten mit ihren Körpern und Worten: "Wir halten dich zusammen, auch wenn es dich zerreißen will." Von diesem intensiven Halt sprach die Protagonistin nach der Szene sehr dankbar.
Sie hatte den Pakt des Schweigens fünf Jahrzehnte gewahrt und fühlte sich in mehrfacher Hinsicht schuldig: sowohl der Mutter gegenüber wegen des für sie so wuchtigen Geheimbundes mit dem Vater; andererseits dem Vater gegenüber, weil sie ihn mit seiner Qual allein ließ und ne mehr nach seiner Wunde und Verzweiflung fragte. Und drittens: auf einmal glaubte ich zu spüren, dass sie auch Schuld und Scham den ausgebeuteten und zum Teil erschlagenen Zwangsarbeitern und den zu Tode geschundenen oder ermordeten Juden gegenüber empfand. Sie bejaht das weinend. Ich symbolisierte die toten Juden, neben der Mutter und dem Vater, durch drei leere, kahle Hocker, und ließ die Kollegin sagen:
"Ihr toten Juden, vergebt mir, ich habe eurer auch nicht mehr gedacht." dassschüttelte sie erneut ein so tiefes Weinen, dass einige in der Gruppe, darunter ich, mitweinten, teils in Scham und Mittrauer, teils in riesiger Erleichterung, dass diese unbewusst getragene Schuld zum Vorschein kam und ausgesprochen werden konnte. Die Tochter war vermutlich zum Gefäß von Schuld und Scham des Vaters geworden; sie hatte sie, ohne es zu wissen, übernommen.
Später, in der Nachbesprechung, ergänzte die Kollegin: ich hätte ja nicht wissen können, dass es auch in der weiteren Familie Juden gab, über deren Schicksal nicht gesprochen wurde.
Die Teilnehmerin lag auch nach dem Ende der Sitzung noch lange erschöpft und in sich gekehrt auf dem Sofa.
Ich war ergriffen, wie unheimlich starke, ja verdichtete Affekte sich so lange verdrängt im Untergrund der Seele halten können. Sie verbrauchen viel Kraft, um außerhalb des Bewusstseins, ja auch außerhalb eines in der Therapie mehr oder weniger zugänglichen Unbewussten gehalten zu werden. Inzwischen bin ich überzeugt, dass die Diagnose "vegetative Erschöpfung" oder "vegetative Dysthonie", wie sie in den 50er und 60er Jahr so oft gestellt und mit Kuren angegangen wurde, zum Teil mit diesen enormen Verdrängungs- und Verleugnungsleistungen zusammenhängen. Das Schweigen, das die Seelen vor affektiver Überforderung schützte, schwächte andererseits die Kraft und ein Gefühl von Kohärenz und Identität. Und die verbliebene Kraft wurde dem Wiederaufbau zugewandt, außer in den Neurosen derjenigen Angehörigen der zweiten Generation, die ihre Seele, ohne die Vorgänge zu durchschauen, als Container für eine undurchschaute Aufarbeitung zur Verfügung stellten.
Was heißt Trauer und Bewältigung der Vergangenheit? Wann ist es genug, und wie weiß man es?
Ich berichte nun noch aus der vierzehnten Stunde der Therapie mit einer 68-jährigen Tochter eines SS-Mannes. Der ganzessTherapieverlauf ist dargestellt in dem im im Herder-Verlag erschienen Taschenbuch "Dabei war ich doch sein liebstes Kind." Frau F., früher Sekretärin, hatte mich aufgesucht nach einem Aufsatz von mir in der Lokalzeitung über seelische Spätfolgen von SS-Zeit, Holocaust und Krieg. Sie ist in den voraufgegangenen Stunden ihrem 1945 von den Franzosen erschossenen Vater, von dem sie weiß, dass er auch gemordet hat, in einer Inszenierung begegnet. Sie hat ihm zuletzt gesagt, dass sie ihn nicht mehr verfolgt und verurteilt. Trotzdem erschien er ihr im Traum später noch als ängstigendeer Rächer, der sie mit Vergewaltigung bedroht, weil sie mit mir über ihn gesprochen hat. Sie berichtet dann über die Auswirkungen der letzten Stunde:
"Es hat mich hinabgezogen, die Begegnung mit dem Vater, und was dasshochkam. Trotzdem, ich bin erleichtert, ein großes Gewicht ist weg von der Brust. Obwohl ich nicht geschrieen habe, war es wie eine Explosion. Aber ich stimme dem Doktor zu: es kann noch einiges hochkommen, man wird das nicht auf einmal los.
Die Scham muss weg. Ich habe mich schon zu lange für ihn geschämt. Es hilft niemandem mehr. Es bleibt ein düsterer Untergrund, und die Trauer über die Ermordeten. Ich kannte ja nicht viele Juden. Nur: sie kommt immer wieder, die Scham. Heute ist Gedenktag für die Befreiung von Auschwitz. dass die Deutschen ein ganzes Volk ermorden wollten, und es fast vollständig getan haben!"
Der Doktor sagt: "So viel Scham braucht Zeugen, Partner. Vor wem schämen Sie sich? Man schämt sich immer vor jemand, es kann auch Gott sein, oder man selbst; die anderen Völker, Israel."
Er stellt Sitzsäcke auf, die drei grauen für die ermordeten Juden. Die Couch für das heutige Israel. Als er mich fragt, ob ich zu den toten Juden sprechen kann, bin ich zuerst ganz erstarrt. Aber dann kann ich doch sprechen, zögernd und leise: "Es macht euch nicht wieder lebendig, aber ich schäme mich. Ich habe versucht zu sühnen. Aber jetzt geht es nicht mehr. Ich bitte euch um Vergebung. Ich kann euch nicht helfen damit." Auch der Therapeut sitzt still und starr. Meine Worte kommen wie ein Gebet.
Und dann soll ich selbst auf einen der Plätzessvon den toten Juden sitzen. Ich gehe hinüber wie in einem Ritus. Der Doktor ist ernst, und alles Theatralische verschwindet. Er hat gesagt: "Ich mute Ihnen etwas Schweres zu, Sie können es versuchen." Er hilft mir mit dem ersten Satz, und plötzlich fühlt es sich an, als hätten wenigstens einige Juden etwas von meiner Sühne angenommen, sodass sie nicht nur ins Leere ging und manche meiner Verwandten sich fast lustig machten über meine Scham und meinen Schmerz. Ich sage, als ein unbekannte ermordete Jüdin: "Wir haben dein Leben gesehen, und was du an Sühne auf dich genommen hast. Stellvertretend für den Vater und für viele. Wir brauchen es nicht mehr, dass du dich für schuldig hältst. Wir wissen, dass du uns nicht vergißt. Wir spüren, dass du an uns denkst, auch wenn du wieder fröhlich werden willst."
Ich sitze als Therapeut fast atemlos, obwohl ich zwischendurch etwas fragen oder vorschlagen kann. Ich fühle mich andächtig vor einer Deutschen, die sich schämen und trauern kann, eine einfache Frau, und es ist ihr wie selbstverständlich. Sie hat sich in keinem Taumel des Vergessens und Verdrängens beirren lassen. Sie hat ihr Gewissen dem Vater und den Deutschen zur Verfügung gestellt, und die Geschichte hat in diesem Gewissen gewütet. Man könnte es auch eine Schicksalsneurose nennen, das zu einem Leben der Sühne geführt hat. Nur: Wer will diagnostizieren, ihre Gefühlen seien neurotisch? Dann wäre auch Antigone als neurotisch zu disqualifizieren. Frau F. hat nicht gewusst, dass es Hilfe gibt für sie, außer Tabletten. Das hat sie entwürdigt, weil alles zugedeckt wurde. Aber dass dies so war, darf erst deutlich werden, indem darüber gesprochen wird, und indem ich ein anerkennender Zeuge bin für das Funktionieren ihres Gewissens, das wie stellvertretend für viele gearbeitet hat. Natürlich weiß ich, dass nur die Toten vergeben können, aber ich habe plötzlich das sichere Gefühl, ich dürfte ihnen für diese eine Person Stimme verleihen. Deshalb frage ich auch immer, ob die Sätzessfür sie stimmten, die sie bedächtig nachspricht, wenn sie stecken bleibt und wie vor einer Leere zu stehen scheint. Ich bin ihr dankbar, dass sie den rituellen Ernst spürt, und sie scheint mir dankbar, dass ich in rituellen Kategorien fühle. Ich bin stolz auf sie.
Der Doktor sagt mir einen Satz, der mich aufatmen läßt, aber es ist wieder so, als hätte er ihn auf meiner Zunge gefunden. Ich sage auf der Seite der toten Juden und höre meiner ruhigen Stimme zu: "Du bist nicht schuld, du warst noch ein Kind. Viele damals Erwachsene können nicht trauern, und sie haben auch keine Scham. Sie fühlten sich nicht so betroffen wie du." Dieser letzte Satz ist ganz von mir. Er nimmt mir ein Stück der Verachtung, ja auch den heimlichen Hochmut vor denen, die das Entsetzliche nichts anzugehen scheint, die es verkleinern oder leugnen wollen. Und zum ersten Mal sehe ich, dass die Geschichte mit meinem Vater einen mehr als persönlichen Sinn für mich hat und danke es dem Doktor: "Ich bin froh, dass Sie mich begleitet haben. Durch Sie erkenne ich etwas, das über mich hinausgeht."
Dann sage ich noch, auf der Seite der Juden: "dasswar vielleicht eine höhere Macht im Spiel." Der Doktor wird unruhig, und ich merke, das habe ich als ich selbst gesagt, deshalb sollte ich auf meinen eigenen Stuhl zurückgehen. Denn so habe ich mich als junge Frau getröstet, ich habe das alles nur fassen können, als ich dachte, unser Christengott habe es so gelenkt gegen die Juden nach seiner höheren Weisheit, und auf einmal erschrecke ich, dass ich den ganzen Völkermord dem christlichen Lenker der Geschichte anvertrauen wollte. Denn das hätte unsere Schuld gemildert, und wir wären nur seine Helfer gewesen. Dann sage ich zu ihm: "Sie wissen ja, wie weit ich mich von der Kirche entfernt habe, aus vielen Gründen. Und ich kann Gott nicht mehr danken, dass ich im Krieg davongekommen bin, als wäre es ein Verdienst, oder als hätte er sich etwas gedacht bei denen, die davongekommen sind, und als sei sein Wirken gerecht bei denen, die ermordet wurden."
Ich wende mich schnell wieder den Ermordeten zu und gelobe: "Ich werde euch nie vergessen, auch wenn ich im siebten, nein, am Ende des siebten Lebensjahrzehnts, wieder fröhlich werden könnte.".... Pause.
(In verändertem Ton:) "Die Kinder müssen gelitten haben an meiner Ausstrahlung, an meiner Schwermut, ich weiß ja nicht mehr, was seelische Krankheit und was wirkliche Trauer war."
Der Doktor fragt, ob es auch mit Gott eine offene Rechnung gebe, und ob ich mich traute, mit ihm zu reden. Er sei vielleicht hinter dem Vorhang zum anderen Zimmer, durch den ein wenig Licht strahlt. Als ich mich ihm zuwende, falte ich unwillkürlich die Hände, und etwas verändert sich in meinem Gesicht, das spüre ich. Aber ich kann ihn ansprechen:
"Ich habe manchmal gedacht, dass es zu schwer war, was du von mir verlangt hast. Es war ja nie zu erfüllen. Aber dassgeht es schon durcheinander mit Gott und Kirche. Das musste ich lernen zu trennen. Ich konnte nicht so sein, wie ich dachte, du willst mich. Was die Kirche verlangte, führte immer in die Sünde. Heute kann ich glauben, dass du mich so liebst, wie ich bin, nicht mit dem Krampf, mich dauernd ändern zu sollen. Aber das ewige Sollen hat mich doch geprägt." Dann schweige ich eine Weile. Wir schweigen beide.....
Der Doktor fragt mich noch, ob ich es mir in einer späteren Stunde vorstellen könnte, zu Hitler zu sprechen; ob er noch eine Figur in meiner Seele sei, eine potentielle Ansprechperson, oder vergessen, oder tot, oder ein Gespenst, oder noch bedrohlich. Und dassschießt es aus mir heraus: "Ja, dassist reiner Hass!", und es zuckt um meinen Mund und ich meine, ich hätte plötzlich ein häßliches, weil verzerrtes Gesicht. "Er erzeugt Schrecken, sage ich, wenn ich nur an ihn denke, zieht sich alles zusammen." Ich habe ja die Stimme noch im Ohr aus dem Radio, und ich sehe die Veränderung an meinem Vater, wenn er seine Stimme hörte, und ich weiß, wie alles in seinem Namen, ja auf seinen Befehl geschehen ist.
Über Hitler als böse innere und äußere Figur in der Familie
Noch kein Patient der zweiten Generation hat es gewagt, im Rollenspiel direkt zu Hitler zu sprechen. Er gleicht zu sehr eine vernichtenden Gottheit und löst Angst aus. Wenn ich aber frage, was die Eltern, also die erste Generation, noch mit Hitler auszuhandeln habe, dann kommen in der Identifizierung stärkste Gefühle zu Vorschein: Trauer, Hass, Verachtung, Enttäuschung, Entsetzen, Zuneigung, Fassungslosigkeit, auch sadistische Rachephantasien. Dann wird spürbar, wie bedrohlich oder berauschend real der "Führer" für die Eltern war.
Literatur
Bar-On, Dan: Die Last des Schweigens. Gespräche mit Kindern von Nazi-Tätern. Frankfurt/New York 1993.
Bergmann, Martin S./Jucovy, Milton E./Kestenberg, Judith S.: Kinder der Opfer - Kinder der Täter. Psychoanalyse und Holocaust. Frankfurt/Main 1995.
Eckstaedt, Anita: Nationalsozialismus in der 'zweiten' Generation. Psychoanalyse von Hörigkeitsverhältnissen. Frankfurt 1989.
Heinl, Peter: "Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg...". Seelische Wunden aus der Kriegskindheit. München 1994.
Mitscherlich, Alexander/Mitscherlich, Margarete: Die Unfähigkeit zu trauern. München 1967.
Moser, Tilmann: Vorsicht Berührung. Über Sexualisierung, Spaltung, NS-Erbe und Stasi-Angst. Frankfurt 1992.
Moser, Tilmann: Politik und seelischer Untergrund. Frankfurt 1993.
Moser, Tilmann: Dämonische Figuren. Über die Wiederkehr des Dritten Reiches in der Psychotherapie. Frankfurt 1996.
Müller-Hohagen, Jürgen: Verleugnet, verdrängt, verschwiegen. Die seelischen Auswirkungen der Nazizeit. München 1988.
von Westernhagen, Dörte: Die Kinder der Täter. Das Dritte Reich und die Generation danach. München 1987.