Gespräche mit Eingeschlossenen
Protokolle über eine zweijährige Gruppentherapie mit verurteilten Jugendlichen aus einer Jugendstrafanstalt.
Aus dem Vorwort:
"Die hier vorgelegten Protokolle über Gruppengespräche mit
straffällig gewordenen Jugendlichen in einer Jugendstrafanstalt waren
ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt.
Der Wunsch,
die Arbeit in der Gruppe durch regelmäßige Gespräche mit
einem Psychotherapeuten 'kontrollieren' zu lassen, wie der Fachausdruck
heißt, ließ sich nicht verwirklichen; die Protokolle sollten
ein Ersatz dafür sein, ein Versuch der Selbstkontrolle. Der Gedanke
an ihre mögliche Veröffentlichung entstand erst in den letzten
Monaten der über zwei Jahre sich erstreckenden Gespräche bei ihrer
zusammenhängenden Lektüre in einem Augenblick der Desorientierung
und Entmutigung.
Er wurde gefördert durch die Einsicht, dass Gruppenarbeit
im Strafvollzug zu einer Art Zauberwort zu werden beginnt, und dass dem
wilden Experimentieren kaum noch Grenzen gesetzt sind. Auch diese Gespräche
sind als Experiment anzusehen, verbunden allerdings mit dem Versuch, es
zugleich soweit wie möglich beschreibend zu erfassen, und zwar sowohl
hinsichtlich der Vorgänge in der Gruppe wie auch der Art meiner Aktivität,
meiner Einstellungen und der Gefühle und Konflikte, die die Gruppenprozesse
in mir selbst hervorrriefen. Dabei bleiben ohne Zweifel blinde Flecken in
großer Zahl. Kaum eine Situation, wie die des immensen emotionalen
Ausgeliefertseins eingesperrter, mit seelischen Konflikten belasteter Menschen
an den Gruppenleiter, ist so sehr geeignet, diesen dazu zu verführen,
eigene Bedürfnisse nach Macht, Selbstbestätigung, Anlehnung, Manipulation,
Liebe, Neugier usw. mitzubefriedigen oder die eigenen Anschauungen und Werte
durchzusetzen.
Die Beschreibung der Erfolge und Misserfolge bei dem Versuch, die Gruppenprozesse zu verstehen und weiterzutreiben, mag - und dies ist Hoffnung und Rechtfertigung zugleich - Stoff bieten zur kritischen Diskussion einer Unternehmung, die das Ausmaß der therapeutischen Aufgaben, die mit einer konsequenten Verwirklichung des Resozialisierungsgedankens auf uns zukommen, eher andeutet als aufzeigt. [...]"
Erschienen im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1969. (vergriffen)