Tilmann Moser

Freude, Tanz und Symptomverschiebung

Tilmann Moser (2013)

Symptomverschiebung ist in der Psychoanalyse ein geläufiger Begriff: er bedeutet, dass ein auch zähes Symptom unter dem Ansturm von Deutungen und dem gewonnenen Kampf gegen einen Veränderungswiderstand verschwindet, während ein unter Umständen verwandtes Symptom, vielleicht zunächst unerkennbar, in einem ganz anderen Zusammenhang wieder auftaucht.

Ein Beispiel: Eine 45-jährige Außendienstmitarbeiterin grämte sich seit langem darüber, dass sie sich seit längerer Zeit freudlos beobachtete, ob sie alles richtig mache und ihr nicht unbemerkt Fehler im sozialen Verhalten unterliefen. Aber sie beobachtete sich auch in Hinblick auf ihre Gedanken: ob ihr nicht wieder Gewissenbisse zu schaffen machten; ob sie in korrekter, das heißt freundlicher Weise an wichtige Menschen gedacht hätte; ob sie nicht bedeutsame Termine vergessen habe, kurz, ob ihre engmaschige Selbstkontrolle wieder versage oder versagt habe. Kontrolle war ihr ein Lebensthema, einschließlich ihrer Gesichtszüge, die sie selbst steuern können wollte, und einschließlich ihres Selbstwertgefühls, das starken und manchmal quälenden Schwankungen ausgesetzt war.

Auch Zweifel an ihrem Willkommen-Sein konnten sie überfallen, sie musste oft nachträglich fragen, welchen Eindruck sie hinterlassen habe;auch ob sie Recht oder Unrecht habe, wen sie ihren Mann verdächtigte, sie nicht ernst oder sie auf den Arm zu nehmen. Nun hatten wir gründlich an ihren Selbstzweifeln gearbeitet, die in früher Zeit auch an Zweifeln an ihrem Aussehen, an ihrer Weiblichkeit und ihrer körperlichen Erscheinung angesetzt hatten. Besonders unsicher war sie, wenn sie eigentich einen persönlichen Erfolg zu verbuchen hatte.

Nun war es an ihrem Arbeitsplatz zu einem großen Lob durch den Chef gekommen, und auch ihre Kollegen zeigten sich in diesem Zusammenhang zufrieden mit der Kooperation mit ihr und ihrer Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit. Sie berichtete etwas verschämt darüber, auch über ihre Unsicherheit, ob sie das alles glauben können, oder ob sie tatsächlich so beliebt sei. Ich fragte sie, wie sie sich überhaupt körperliche Anzeichen von Freude bei ihr vorstellen könne, und siehe, sie riss spontan die Arme hoch. Drückte die Brust heraus und ihr Gesicht leuchtete wie das eines Kindes, das fröhlich triumphiert. Ich fragte weiter, wie andere Bewegungen der Freude in ihrer Phantasie aussehen könnten, und ebenso rasch berichtete sie von ihrer Freude am Tanzen, auch ganz abgesehen von Freude und Hochstimmung.

Ich deutete auf den großen Raum hinter unseren Sesseln und meinte die Tanzbühne. Sie äußerte etwas übertrieben ihre Verwunderung über meinen Hinweis, sodass ich mich besorgt fragte, ob ich einen Übergriff begangen hätte mit meinem Vorschlag. Aber dann fragte sie nach, ob ich es wirklich so meinte, lachte hell auf nach meinem kräftigen Jahr, und schon im Aufstehen verlangte sie, dass ich meinen Sessel zum Fenster drehte, um hinaus zu schauen. „Aber nicht Schummeln“, betonte sie mehrmals, kontrollierte meine Position, „Schummeln wäre gemein!“, (ich dachte an ihre schummelnden Brüder beim Versteckspiel), dann hörte Kleiderrascheln, Tanzschritte, kleine Jubellaute, ein Verharren vor dem großen Spiegel, erstaunte Laute zu ihrem Spiegelbild wie: “steht dir gut, das Tanzen und dein Ausdruck dabei!“, und erschöpft atmend kehrte sie auf ihren Sessel zurück und erlaubte mir, sie wieder anzusehen. Ich bestätigte ihr meinen Eindruck: Sie sehe belebt, zufrieden, ja schöner geworden aus.

Es ist erstaunlich, wie verändert, belebt, strahlend die Gesichter aussehen können, wenn sich der Tänzer/die Tänzerin atemlos oder verschwitzt wieder setzt oder legt. Denn manche ergreifen die vielleicht zum ersten Mal gebotene Gelegenheit, den Raum mit Tanz zu füllen, bis an die Grenze der Erschöpfung, als müsse die als einmalig erlebte Chance voll genutzt werden; andere müssen mehrmals ermutigt werden, etwa mit dem Satz: „Das waren schon fünfzig Prozent der Freude, die in Ihnen auf ihren Ausdruck wartet.“ Die sagen dann aber auch oft: „Genug für heute, Fortsetzung folgt.“

Therapeutische Veränderungen und die Symptomverschiebung

Die neue Erfahrung mit ihrem Körper und unsere Vorarbeit mit dieser Patientin hierzu hatte Folgen. Sie berichtete in der nächsten Stünde über die vorausgegangene Woche voller Dankbarkeit: sie habe ihr Leben viel unbekümmerter empfunden, spontaner, freudiger, manchmal fast übermütig. Sie habe sich zeigen können mit einem Körper, mit dem sie einverstanden war, bewegungsfreudig, entspannt, vielleicht sogar etwas flirtend, und ihr Freund habe die Veränderung wohlgefällig bemerkt. Aber das Glück sei dann doch getrübt gewesen durch eine ganz andere Art von Kontrolle, über die er sich dann prompt beschwert habe: sie kontrolliere nun die Ordnung in der Küche, die Sauberkeit, Flecken auf dem Herd und dem Boden, Staubecken, und müsse alles rasch reinigen und korrigieren, sei dadurch ablenkbar, ja gereizt, fast putzwütig. Auch wieder Kontrolle, aber unkontrollierbar, lästig, die Stimmung auch in er Beziehung beeinträchtigend. Es sei rätselhaft und beunruhigend, für ihren Partner fast verstörend.

Da der Oberbegriff auch für sie „Kontrolle“ war, ergab sich für mich die Mutmaßung einer schnellen Verschiebung: Der eingeübte innere Kontrollapparat, ursprünglich nach nach innen, sozusagen introspektiv auf Überich und Ichideal gerichtet und seit Jahren in selbstquälerischem Betrieb, hatte sich nach außen gerichtet, sich ein neues Feld von Betätigung gesucht, mit gleicher Wachsamkeit und Unablenkbarkeit, fast erbarmungslos auf die Entdeckung von Fehlern im Außen fixiert, während die Innenwelt weiter heiter gestimmt blieb, im Zusammensein mit dem Mann aber gelegentlich unterbrochen durch Vorwurfsattacken, wenn sie ihm die Schuld an störenden Flecken und verrutschter Ordnung glaubte vorwerfen zu dürfen.

Sie hört meiner Symptomverschiebungsrede aufmerksam zu und entspannte sich: es gab also eine Erklärung für den befremdlichen Absturz in die Sauberkeitswut, sogar mit dem Zusatz, dass diese vielleicht sogar das Ergebnis einer erfolgreichen inneren Wandlung war; dass der zum Selbstschutz gegen frühe Unsicherheiten und Selbstverdächtigungen perfektionierte introspektive Beobachter nicht einfach arbeitslos werden, sondern sein Handwerk weiter betreiben wolle, aber beim ewigen Charakterverdacht keine Chance mehr sehe angesichts ihres veränderten Lebensgefühls. „Und wie lange wird mich und uns nun das neue Symptom belästigen, sogar uns in bösen Streit führen?“ Sie war wieder beunruhigt, weil dieser „Überfall“ des neuen Symptome tief an ihrem Autonomiebedürfnis nagte. Während sie die frühere introspektive Selbstkontrolle fast resigniert als eben zu sich gehörig angenommen hatte, empfand sie die neue Lösung des Unbewussten wie den Anfall einer Krankheit, die sie auch sofort benannte: „Ich fürchte, ich bin über Nacht zwangskrank geworden!“, und nannte voller Abscheu einige Symptome, die sie bei Verwandten oder Freundinnen beobachtet hatte: unkontrolliertes Waschen, Nachsehen, ob der Herd ausgeschaltet oder der Schlüssel mitgenommen wurde; Grübelsucht oder Abstaubzwänge, peinliches Ordnen kleiner Gegenstände usw.

Ich versuchte sie zu trösten: „Jahrezehntelang war für Sie die innere Welt nicht in Ordnung, samt dem zugehörigen Körpergefühl. Daran ändert sich neuerdings viel. Aber jetzt sind plötzlich kleine Mängel in der Außenwelt auf beunruhigende Weise nicht in Ordnung. Doch mir scheint, diese Veränderung, ihr neues Lebensgefühl, machen auf einer anderen Ebene Platz für ein neues Symptom.Möglicherweise handelt es sich sogar vielleicht sogar um Rückzugsgefechte des bisherigen Kontrollsystems. Und die neue Variante wird vielleicht leichter zu ertragen sein als ihre frühere Selbstbeobachtung und Selbstanklage, vor allem, wenn sie die neue Bedeutung der Veränderung verstehen.

Allgemeine gesprochen: Introjekte oder innere Stimmen sind zäh, sie haben einst beim Überleben geholfen, sie wollen ihre Macht nicht aufgeben und suchen sich neue Beute, ja sie tarnen sich, halten uns zum Narren und wollen ihren Zugriff auf uns nicht locken. Diese sogenannten Symptomverschiebungen haben also eine Ursache in einem seelischen Wandel, von dem wir aber zunächst nicht wissen, ob es sich um einen progressiven Schritt handelt, oder um deren ernsthaftes Sich-Festkrallen an ihrer früheren, jetzt aber zunächst undurchschaubaren Macht. Unklar ist zunächst, ob sie keine Niederlage erleben wollen durch die Gefahr, durchschaut zu werden, und deshalb au einem neuen Gebiet Hexenkünste anwenden, um uns weiter zu beherrschen.

Manchmal hilft es, den neuen „Feind“ auf dem neuen Gebiet zu entdecken, also ebenfalls frühe innere Stimmen oder Personen, die uns jetzt dressieren wollten zu Ordnung und Sauberkeit. Diese Stimmen greifen auf einer anderen seelischen Ebene nach uns, in dem sie regressiver andere Angstformen benutzen, eben dir Angst vor einem äußeren Unordnung, die dem Unbewussten als drohendes Chaos erscheinen, das rasch beseitigt werden muss. Es erscheint allgemein wichtig, bei deutlichen Symptom- oder sogar Charakterveränderungen wachsam zu sein: Introjekte kennen viele Schliche für ihre Machterhaltung, aber es schwächt sie bereits, wenn wir ihnen Namen geben, sodass wir sie aus dem Dunkel ziehen können und sie überraschen mit den neu gefundenen Namen. Eines könnte Rumpelstilzchen sein mit seinem Liedchen: „Oh wie gut, dass niemand weiß, dass ich … !“

Nehmen wir als Beispiel einmal an: Das kleine Kind hört über Jahre inn wieder die klagende, vorwurfsvolle oder wütende Stimme der Mutter über die „ewige Unordnung“ im Kinderzimmer oder beim Essen. Die Vorwürfe wandern ins Innere des Kindes, werden internalisiert, zur inneren Stimme oder einem Introjekt, das je nach Gelegenheit flüstert oder brüllt: „Mach endlich Ordnung oder sauber!“ Da das Kind die Mutter liebt, will es neben dem mühsamen und auch mit Trotz versehenen Gehorsamlernen der vielleicht überforderten Mutter, schonungsvolle Nähe zu ihr suchend, das Leben erleichtern, und dadurch identifiziert es sich noch tiefer mit den sorgenvollen oder wütenden Imperativen der Mutter. Das sie aber oft doch nicht gehorcht, entwickeln sich Selbstzweifel, ein introspektives Kontrollsystem, das seine Kraft aus fehlverwendeter Vitalität bezieht. Das Überich kann sogar grausam werden, das Ichideal drückend, und wenn sich beide durch Therapie trotzdem lichtet, bleibt dennoch eine drohende Kraft der Kontrolle lebendig, die sich nun ein neues Betätigungsfeld sucht.

E i n Weg der Veränderung kann nun sein, in einer Rollenspielinszenierung die Mutter auf einen leeren Stuhl zu setzen und dem Patienten zu erlauben, auf einer regressiven und gleichzeitig erwachsenen Ebene der schimpfenden Mutter affektiv zu begegnen, bevor sie sich in das Introjekt verwandelt hat. Der Therapeut und der Patient staunen dann bald, welche Energien von Wut sich in ihm verborgen und doch bereit gehalten haben zum aggressiven Kampf eines sich abgrenzenden Neins.