Tilmann Moser

Gier, Geld und Betrug

Von der Politik bis zur Tiefenpsychologie

2012

Der tägliche Großskandal von Betrug und Korruption erstaunt fast nicht mehr: zu sehr ist der Zeitungsleser, Fernsehzuschauer, Rundfunkhörer und Online-Konsument daran gewöhnt, dass wieder einmal Milliarden verzockt wurden, dass Kartelle aufgeflogen sind, dass Zinsmanipulationen im Weltmaßstab entdeckt wurden, dass Lebensmittelskandale ein Millionenpublikum beunruhigen, dass Inside-Gangs angeklagt oder verhaftet wurden, dass Betrug in die Welt der Medizin Einzug gehalten hat, und so weiter, quer durch alle Sparten von Wirtschaft und Politik. Die schiere Masse der großbetrügerischen Vorgänge lässt die unzähligen kleineren Schummeleien fast verschwinden. Der Autor Alexander Dill nennt unsere Ökonomie in seinem Buch “Täuschwirtschaft“ im Untertitel: „wie die Wirtschaft sich selbst und uns alle belügt“ (München 2010), und der Mogel-Forscher Thilo Bode titelt: „Die Essensfälscher. Was uns die Lebensmittelkonzerne auf den Teller lügen“ (Frankfurt 2010). Ein anderes großartiges Buch heißt “Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt“, (Hrsg. Honegger/Neckel/Magnin, Frankfurt 2010), um nur einige wenige Reaktionen in Buchform zu nennen. Sie alle umkreisen ein verstörendes, empörendes, manchmal unheimliches Phänomen, über das sich auch Soziologen und Ökonomen den Kopf zerbrechen über der Frage: Was das in allen Zeiten so, dass einfach gestrickte und raffinierte Gauner ihren Vorteil auf Kosten der Dummen oder Ahnungslosen suchten, oder haben wir es mit einer globalen Entwicklung zu tun, die mit den unzähligen technischen Neuerungen des Computerzeitalters ungeahnte neue Möglichkeiten eröffnet: in Bruchteilen von Sekunden, mit der Unsichtbarkeit der Opfer, mit verschleierter Verantwortlichkeit und einem kollektiv veränderten Moralkodex? Ist es die schiere Größe der Betrügereien, der ein neues öffentliches Interesse erzwingt, hat die Verfolgungsintensität zugenommen, auch weil den Verfolgern neue technische Möglichkeiten zur Verfügung stehen? Hat die von dem Sozialphilosophen beschworenen, irritierende „neue Unübersichtlichkeit“ zu einem Kontrollverlust geführt, zu einer Schwächung gesamtgesellschaftlicher Moral, die durch eine oft nachhinkende Gesetzgebung und internationale Kooperation begünstigt wird?

Zwar ist es schon längst ein Geheimplatz geworden, dass die Hälfte des Börsen- und Marktgeschehens Psychologie ist, es ist dann von Trends, Ansteckung, ansteckendem Massenverhalten die Rede, von Schnäppchenmentalität, Torschlusspanik, Mutmaßungen und Erwartungshorizonten, aber genaueres ist noch wenig bekannt über das Zusammenwirken von Faktoren aus sehr disparaten Forschungsfelder zwischen Politik, Ökonomie und Tiefenpsychologie. Der sogenannte „homo oeconomicus“ als Phantasie des immer rational handelnden Marktteilnehmers ist längst verabschiedet, die wahnhaften, skurrilen, unberechenbaren, reflexgesteuerten, panikartigen und scheinvernünftigen Motive wurden entdeckt. Über berechenbare Rationalität verfügen nur noch die hochkomplexen Computersysteme, die schon nach Teilstellen hinter dem Komma bei Zinsschwankungen zu agieren beginnen und Trends wie Krisen begünstigen, die auch die Ökonomieprofessoren zu den gegensätzlichsten Gruppenreaktionen veranlassen, über die auch der belesene Laie staunt und der Angst über die konfus machende Bodenlosigkeit des Geschehens verfällt.

Wer sind nun die Betrüger, Zocker, Schrottpapierhersteller, übermütigen Investment-Banker, die Getriebenen und die Antreibenden, die anscheinende gewissenlosen und Profiteuer der unkontrolliert wuchernde sogenannten Blasen – in Immoblilien, IT-Spekulationen, ja halbkriminellen Nahrungsmittel-Heuschrecken-Fonds , aber auch die ursprünglich braven, dann von Verkaufsdiktaten aufgeschreckten Kundenberatern, die ihr Gewissen an die Vorstandsvorgaben verraten haben?

Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich hat schon in seinem Buch „Die vaterlose Gesellschaft“ (1963) früh darauf hingewiesen, dass die Weitergabe von Moral ursprünglich an die Generationenkette überlieferter Wertvorstellungen gebunden ist. Vaterlosigkeit in unserer Thematik bedeutet, dass beim Tempo des sozialen Wandels die Väter gar nicht mehr bedeutsam sind für die Weitergabe von Moral und Kenntnissen an die Söhne: die heutigen Marktteilnehmer und Marktbestimmer werden von ganz anderen Instanzen, Institutionen und Gremien nach ganz neuen Kodices, Normen und Handlungsmustern sozialisiert, die längst auf Gewinnmaximierung, Rücksichtslosigkeit und eingeschränkter Verantwortung geeicht sind. Sie können sich gar nicht mehr auf Vätertradition berufen, weil sie damit hoffnungslos antiquiert wären im täglichen Geschäft. Ihr Gewissen enthält ganz andere Werte, wenn es nicht in vielen Fällen bereits die Form von Gewissenlosigkeit angenommen hat.

Mitscherlich schreibt: „Es ist vielmehr an ein Erlöschen des Vaterbilds  zu denken, das im Wesen unserer Zivilisation selbst begründet ist und das die unterweisende Funktion des Vaters betrifft: Das Arbeitsbild des Vaters verschwindet, wird unbekannt. Gleichzeitig mit diesem von geschichtlichen Prozessen erzwungenen Verlust der Anschauung schlägt die Wertung um.“ (Gesammelte Werke, Bd 3, 1963, S. 177)

Und: „Die fortschreitende Arbeitsfragmentierung im Zusammenhang mit maschineller Massenproduktion und einer komplizierten Massenverwaltung, die Zerreißung von Wohn- und Arbeitsplatz … hat unaufhörlich zur  Entleerung der auctoritas  und zur Verringerung der innerfamiliären wie überfamiliären potestas des Vaters beigetragen.“ „Anlehnungshungriges Neidverhalten ist das Strukturmerkmal unserer Konkurrenzgesellschaft. Es hat durch das Entstehen der verwalteten Massen das paternistische Rivalitätsideal abgelöst. Die kausale Folge ist, dass sich die alten Rollen der Verantwortlichkeit immer weiter auflösen und durch fiktive Verantwortungsträger besetzt werden. Auch im Maß einer Korruptionsbereitschaft, die dem Vaterstaat der bürgerlichen Epoche unbekannt war, im Verschwimmen eindeutiger Vorstellungen über Bestechlichkeit zeichnet sich eine Schwächung des Verantwortungsbewusstseins ab.“ (S. 322/33)

Die Gewissensbildung der Betrüger wird verhandelbar, schwankend, manchmal sogar „nach Marktlage“, es über wiegt der „außengeleitete Mensch“, der seine Direktiven von den Trends der jeweiligen Geschäftsleitung erhält, auch wenn dort eine ehrbare governance proklamiert wird.

Zur charakterlichen Selektion trägt sicher auch der aus innerfamiliären Sozialisationsbedingungen erwachsende Hang zur vermeintlichen Genialität der Betrüger (im weitesten Sinne) bei, der sie Dreistigkeit mit Wagemut und selektive Gewissenlosigkeit mit beruflicher Hochkompetenz verwechseln lässt. Bei den Delinquenten ist von der so genannten „Unverletzlichkeitsphantasie“ die Rede, („mich erwischt keiner!“, bei den Schreibtischtätern des Betrugs findet sich die Phantasie der Unentdeckbarkeit ihrer Vertuschungsstrategien.

Im Krieg war es die Unsichtbarkeit des Feindes, die die Steigerung der Schrecknisse den Tätern ermöglichte. Analoges gilt von den teils gewichtslosen, teils anonymen, teils sogar verachteten Massenpartnern des Betrugs, denen sich der Betrüger nicht mehr von gleich zu gleich gegenüber sieht. Einfühlung würde gerade das Geschäft verderben, und der Schwund der Einfühlung in hinters Licht zu führende Familien, die ein wertbeständiges Haus auf komplett leichtfertig vergebenen Kredit erwerben wollen, ist gerade die Voraussetzung für das Drängen auf einen raschen Abschluss.

Das Funktionieren der Gesellschaft beruht auf einem Mindestmaß von Vertrauen in ihren verschiedensten Bereichen. Es ist die Basis von Freundschaft und Liebe, wo das Prinzip Verlässlichkeit herrsche4n sollte.

Der „Betrug als System“  in der „Täuschgesellschaft“ hat es mit sich gebracht, dass auf vielen Gebieten Vertrauensverhältnisse bedroht oder zerstört wurden: wenn zugesagte Versprechungen auf höheren Lohn oder bessere Arbeitsbedingungen nicht eingehalten werden; wenn durch Drohungen oder Lügen ungerechte Verhältnisse durch als Demütigung erlebte Ohnmacht dauerhaft stabilisiert werden. Mit zerstörtem Vertrauen zu leben, ist anstrengend, macht mutlos, birgt psychosomatische Gefährdungen. Direktoren von psychotherapeutischen Einrichtungen berichten von der Zunahme von Bankbeamten, die mit den diktierten Verkaufszahlen von Produkten, die sie nicht kennen oder die sie für unseriös halten, nicht mehr klar kommen, weil ihr Gewissen noch nicht „wettbewerbskompatibel“ funktioniert.

Gier als generelle Erklärung der Finanzkrise ist inzwischen als „zu undifferenzierte Kategorie“ längst wieder fallengelassen worden. Trotzdem ist an der phasenhaft gesteigerten Wirkung der Gier etwas dran. Sie ist nämlich stimmungsabhängig, reagiert auf gesteigerte Versuchungssituationen, die sie epidemisch werden lassen können. Es ist nicht übertrieben, sie sozialpsychologisch als Ansteckungskrankheit zu bezeichnen.  In dem zitierten Buch „Strukturierte Verantwortungslosigkeit“ (Honegger u. a. Frankfurt 2010) sind eindrucksvolle Belege aus Interviews mit betroffenen Bankern aufgelistet, wie die Gier relativ plötzlich umrissene Gruppen von Bankmanagern wie in einem scheinrationalen Taumel erfasst habe, mit Phänomenen eines erregten Wettlaufs um Profit, den eine gleichzeitig ausbrechende Rivalität im Konsumrausch, ausgelöst habe.

Auch ein Heer von Kleinanlegern war von Gier erfasst in einer Art Weihnachtsstimmung der Börse, die keiner verpassen wollte, weil es plötzlich auf Tempo und rasche Entschlusskraft ankam. Die Mechanismen dieser Ansteckungswelle sind noch ungenügend erforscht, aber die Phänomene gleichen stark denen, die die Weltwirtschaftskrise 1929 ausgelöst haben: Kaufrausch und Verblendung bei der Einschätzung realistischer Chancen. Die Ansteckungswelle  durchzog nicht nur die Publizistik, sondern sie erfasste Nachbarschaften und Freundeskreise, einem Fieber vergleichbar, auch viele vereinzelt lebende Menschen. Als unberechenbare Steigerung in umrissenen historischen Momenten ist Gier durchaus ein kausal wirksames Moment, eine entsprechende Differenzierung des Begriffs vorausgesetzt. Dass sie, je stärker sie ansteigt, gewissenlos machen kann, ist solides Allgemeinwissen.

Ausblick

Zwar kommen aus der Politik, nach langen Anläufen, neue Instrumente zur Anwendung, die ein Überborden der Spekulation und der betrügerischen Versuchungen erschweren sollen, aber das Bonussystem steht längst in neuer oder alter Blüte, auch in vielen Fällen, bei denen die Vorstände ihre Banken, und damit viele Anleger, massiv geschädigt oder in den Ruin getrieben haben. Es wird beklagt, dass es kaum eine Zeit des Innehaltens gegeben habe, von verantwortungsvoller Einsicht in die Zwangsläufigkeit der Schäden im unveränderten System. Psychologisch gesehen scheint folgende Hypothese plausibel: Die Finanzkrise war für ihre Verursacher eine kollektive narzisstische Kränkung: „Wir haben das System an die Wand gefahren.“ Das Versagenserleben einer ganzen Gruppe verlangt nach einer raschen Korrektur eines vorübergehenden Verlusts des Selbstwert- und des Überlegenheitsgefühls. Die Scharte muss ausgewetzt werden, es geht um eine rasche Reparatur der gemeinsamen Größenphantasien. Nach der Schreckstarre kam statt Reifung der Versuch, die Katastrophe ungeschehen zu machen, auszubügeln, die Mechanismen von Anreiz, Belohnung und Rivalität wieder in Gang zu setzen, als ob nichts geschehen wäre.

Es sind strengere Regeln erlassen worden für die Wahrhaftigkeit der Etikettierungen von Nahrungsmittel. Aber manche Veränderungen beruhen immer noch auf Freiwilligkeit und Selbstverpflichtung der Konzerne. Niemand soll an den Pranger gestellt werden, aber dafür kann man sich per email bei einigen Meckerportalen beschweren, und die Betroffenen versprechen Nachdenken oder Besserung.

Trauriges Fazit: In einer Gesellschaft mit enormem Wettbewerbsdruck und dem Aus-dem-Feld-Werfen von Firmen, die nicht schnell genug modernisiert oder sich verschlankt haben; in einer Gesellschaft, deren Innovationskraft sich nicht zuletzt im sich laufend verändernden Raffinement der Werbung zeigt, entsteht ein kollektives Klima und ein Gehorsamsdruck, das Übertölpelung begünstigt und von seinen Angestellten auch dann noch ein Höchstmaß von Loyalität verlangt, wenn die Grenzen des Anstands verloren gehen. Die Grauzonen zwischen den Polen Wahrhaftigkeit, Irreführung und justiziablem Betrug sind riesig breit, sie sind wechselnden Einflüssen ausgesetzt, und das Gesetz von trial und error, um die Grenzen  des gerade noch nicht Justiziablen auszutesten, herrscht noch immer vor.

Wie bei den meisten Menschen, die gebannt das Auf und Ab der Finanzkrise beobachten, dürfte auch bei den meisten Beobachtern des universell gewordenen Phänomen des täglichen Betrugs die Haltung zwischen Optimismus und Pessimismus in der Beurteilung positiver Veränderungsmöglichkeiten schwanken. Letztlich bleibt es eine Frage des individuellen Temperaments, in welcher Haltung man die unheile Betrugswelt betrachtet. Aber Hoffen wird man noch dürfen.