Tilmann Moser

Sanatorium

Tilmann Moser (2014)

Psychotherapien und Psychoanalysen können für die Patienten (entsprechendes gilt natürlich auch für die Therapeuten) ausgesprochen anstrengend sein. Es kommen manchmal quälende Erinnerungen hoch, der eigene Widerstand muss Kräfte verzehrend überwunden werden, die Beziehung muss erobert, eingerichtet, gefördert, erkämpft und gefördert werden; Ängste müssen durchgestanden und durchgearbeitet werden, Misstrauen sollte erlebt und gestanden, Wut erlebt und riskiert, Zuneigung und Verliebtheit ausgedrückt, unpassende Deutungen zurückgewiesen und Kränkungen gefühlt und durchgearbeitet werden. Neben Phasen der Erholung ist in vielen Fällen Schwerarbeit angesagt, und das äußern von berechtigter oder unberechtigter, aber gefühlter Kritik darf nicht unter den Tisch fallen, das Risiko, sie zu äußern erfordert Mut und verlangt die Abwägung der eingegangenen Gefahr.

Manche Patienten sind ehrgeizig und wollen „gute“ oder fleißige oder produktive Partner des asymmetrischen Dialogs sein und merken oft nicht, dass sie sich überfordern oder einer anstrengenden Übertragung zum Opfer gefallen sind. Andern werden längst fällige Geständnisse zu Qual, auch Scham bedeutet Anstrengung, besonders, wenn ein Stau bewältigt werden oder eine lang gehegte Schwelle überwunden werden muss. Geplante und ungeplante, auch unbewusste Strategien der Tarnung oder des Verschweigens gehören mühsam, wenn als Abwehr gedeutet, abgebaut und aufgegeben. Pausen sind zu verkraften, mühsames Wiederanknüpfen nach Trennungen verzehrt Energien und birgt Risiken untergründiger Groll und Fremdheit müssen niedergehalten oder in vorsichtigen Bekenntnissen formuliert werden. Kurz: auch wenn eine Therapie zufriedenstellend läuft und ein ausreichend gutes Arbeitsbündnis die Unternehmung trägt, ist diese, je nach dem Leidensdruck und der Motivation, immer noch, trotz aller Geborgenheit und Sicherheit, von Mühsal durchdrungen, vielmals mehr, wenn sich Missverständnisse und Verstrickungen häufen, unberechenbare oder auch zu häufig angekündigte Pausen drohen, gar Telefonanrufe während der Stunde vom Therapeuten angenommen werden, usw.

Ich habe es mir schon lange angewöhnt, zum Teil aufmerksam gemacht nach Protesten einzelne Patienten, genau auf Zeichen von Ermattung und Erschöpfung zu achten, Zustände, die um so schmerzlicher empfunden werden können, wenn Eltern, Lehrer oder Arbeitgeber nicht darauf achteten, bei Familienspaziergängen, Hausarbeiten Machen, Küchendienst; oder in späten Schulstunden, oder bei bedenkenlos eingeforderten Überstunden in der Firma. Es ist der Mangel an Einfühlung in den seelischen und körperlichen Zustand, der bei anhaltender Dauer sogar traumatisch werden kann.

Ein Hinweis auf Ermüdung, auf ein Stocken des Redeflusses, ein Anhalten des Atems, ein Mattwerden der Stimme kann als unerwartete Zuwendung, Verständnis, wohlwollende Empathie erlebt werden, und wenn der angesprochene Zustand nicht aus Ehrgeiz oder mangelndem Selbstmanagement abgestritten oder schlicht verleugnet wird, ist Dankbarkeit die Folge, und ein Gefühl: ich darf auch mal müde sein, der Therapeut passt ebenfalls auf und nimmt Rücksicht auf meinen Zustand, ja er ist zur Wachsamkeit bereit und ich darf ihm oder ihr ein Stück Fürsorge überlassen.

Manchmal genügt ein kleiner Hinweis auf die Anstrengung, und statt zufriedener Annahme der Beobachtung kann auch eine neuer, manchmal sogar trotziger Motivationsschub erfolgen:“Nein, Sie unterschätzen mich! Ich bin nicht müde!“, oder ein Bestehen auf der Autonomie: „Nein, diesen Traum will ich jetzt einfach zu Ende geklärt wissen.“, oder: „Die Stunde ist kostbar, hier wird nicht gegammelt!“ oder sogar: „Sie müssen mich nicht schonen, ich passe selbst auf mich!“, und das bei Patienten, die das gerade nicht gut können und auf Hochleistung und Durchhalten getrimmt sind. Dann kann ruhig der Arbeitseifer und das Thema Müdigkeit oder Ehrgeiz thematisiert werden, und man macht neue Entdeckung über den Umgang mit sich selbst oder dem erlebten Umgang mit Müdigkeit, echter oder simulierter, mit Toleranz oder Intoleranz bezüglich der eigenen Grenzen. Patienten, die oft über ihre Grenzen gehen, kann man dabei ertappen, wie sie regelrecht in sich zusammenfallen, wenn ihr erschöpfter Zustand angesprochen wird, und sie können in der Tat dankbar, aber auch gekränkt regieren, wenn das Ertappt-Werden an die Größenphantasien über die eigene Leistungsfähigkeit stößt.

Es sind oft die Patienten, die den Müdigkeitszustand des Therapeuten heimlich oder offen überprüfen, Schonung anbieten, wenn er nur ein wenig verschnupft oder heiser scheint, oder gar abendlich ausgelaugt oder sonst nicht in erforderlicher Form. Sie kennen das Thema, aber nur aus der Perspektive der ihnen abverlangten Aufmerksamkeit auf den Zustand der Mutter, die direkt oder indirekt Schonung oder Hilfe einforderte. Wen sie sich wie selbstverständlich parentifiziert zur Verfügung für Schwächen des Anderen zur Verfügung stellen mussten, sind Größenphantasien über die eigene Stärke fast zwangsläufig gewachsen, und Zweifel daran werden missmutig zurückgewiesen.

Der faire Umgang mit dem Thema hat natürlich Folgen für die jeweils eigene Haltung gegenüber Schwachen oder sich potentiell überfordernden Menschen, Kindern, Schülern, Lehrlingen, Mitarbeitern, Partnern, Ehefrauen, aber auch mit Menschen, die, schamhaft verdeckt oder offen, an Müdigkeitsproblemen leiden – Dauererschöpfung ist sogar ein anerkanntes Krankheitsbild- und auch hier stößt Rücksicht auf dankbare Anerkennung. Auf der Gegenseite ist natürlich immer zu denken an Opfertypen, die Nachsicht ausnützen, Simulanten, die sich Vorteile verschaffen wollen, und Lehrer, Ärzte wie Arbeitgeber sind gut beraten, wenn sie diese Möglichkeiten einkalkulieren und ihrerseits wachsam sind.

Zurück zu den Patienten und den Erholungsmöglichkeiten in einem manchmal zu anstrengenden Therapieprozess. Man macht sich als Therapeut oder Analytiker oft nicht klar, aus einer wie kräftezehrenden Woche manche Patienten in die Stunde kommen, auch wenn sie es nicht gleich zeigen können oder den Therapeuten sogar mit einem unternehmungslustigen Gesichtsausdruck und Körperhaltung zufrieden stellen wollen. Man denke nur an die alleinerziehende Mutter, die tagsüber arbeitet ohne die Genehmigung einer Halbtagsstelle. Oder an die Mitarbeiter von Firmen, bei denen es regelmäßig Stoßzeiten der Überbeanspruchung gibt; oder Lehrer, deren Kräfte mit zunehmendem Alter nachlassen oder die unerwartet eine schwer zu bändigen Flegelklasse versetzt werden. Manchmal genügt die kurze Frage: „Erschöpft?“, um das Thema in den Raum zu stellen, oder es genügt ein Hinweis auf Blässe oder Anstrengung im Gesicht oder in der Stimme. Gelegentlich ist aber auch ein deutlicher Rat angebracht, sich zuerst dieser Frage zuzuwenden und den Leistungswillen erst einmal für Momente, Minuten oder auch Viertelstunden zurückzustellen.

Mit einer sich in Beruf und Familie überfordernden Sozialarbeiterin, aber auch einigen anderen Patienten darf es auch zur Eröffnungsfrage kommen: „Zuerst Sanatorium und dann an die Arbeit?“ Das biete ich gelegentlich auch Patienten an, die nur einstündig zur sitzenden Behandlung kommen, und die sind zuerst mächtig erstaunt, wenn beim ersten Mal sogar befremdet, wenn ich ihnen eine Kurzkur auf der Couch anbiete. Ich habe noch nie erlebt, dass das missbraucht wurde zu therapeutische Faulheit, und selbst wenn sich dieser Eindruck einmal aufdrängen sollte, kann man das Ansprechen. Selbst wenn das Abschlaffen vorübergehen eine Dauerform anzunehmen scheint, steht oft eine Lebenserschöpfung dahinter, die ein ganz eigenständiges Thema darstellt: Fremd-und Selbstausbeutung oder verzehrende innere oder äußere Dauerkonflikte können eine Form von Auszehrung verursachen, mit der wir zum Glück nicht häufig zu tun haben, obwohl schon manche Neuroseformen allein dazu führen können.

Erkannt-Werden in einem seelischen oder körperlichen Zustand kann mit einem Glücksgefühl erlebt werden, manchmal verbunden mit der unausgesprochenen oder laut geseufzten Äußerung: „Habe ich das wirklich verdient, dass Sie sich darum auch noch kümmern?“ Andere erleben die Frage als Annäherung an ein bedrohliches Durchschaut-Werden, weil sie es gewohnt sind, vieles an ihrer Person zu verbergen, weil sie sich gegen angemaßte Allwissenheit der Eltern oder sogar von Gott wehren mussten und müssen. In der Jugendstrafanstalt, in der ich meine ersten therapeutischen Erfahrungen gesammelt habe, hieß der einzige Psychologe für 200 böse Buben der „Dachdecker“, weil es ich immer hurtig bemühen musste, rasch hinter die Schliche und Tarnungen der Delinquenten zu kommen: sich durchschaut fühlen war kränkend, und nur sehr langsam machte sich bi manchen auch die Einsicht breit, dass es sich ja auch um ein wohlwollendes Erkennen und Verstehen handeln könnte.

Wie in allen Therapien und Analyse muss sich eine Kultur des Verstehens und der Wahrnehmung ausbilden, wie des Umgangs damit: Dankbarkeit, Überraschung, Kränkung, Trotz, zu rasche und zu verzögerte Reaktion auf das Erkannt-Werden. Es ist mir allerdings auch aufgefallen, wie große Mühe Patienten hatten, dankbar auf das Angebot der Erholung im kleinen Sanatorium zu regieren, wenn es um die Annäherung an den Gedanken einer unter Umständen längst notwendigen Kur ging gerade gegen die Berufs- oder Lebenserschöpfung in einer wirklichen Kurklinik oder Sanatorium geht. Die gängigsten Abwehrreaktionen lauten etwa: „Eine Kur! Ich bin doch kein Schwächling!“, oder: „Das haben Andere viel nötiger, ich bin doch nicht krank!“ Und erst nach einem Bandscheibenvorfall oder unerträglichen Rückenschmerzen mit notwendiger Operation m ü s s e n sie dann „in die Reha“, die sie oft genug noch als Zwangsaufenthalt erleben, bis eine verständnisvolle Gruppentherapie ihnen die Augen öffnet für ein nie eingestandenes Charakterproblem.

Das Stichwort „Sanatorium“ ist den meisten meiner Patienten inzwischen bekannt, wenn ich den Eindruck äußere, sie litten an länger dauernder aus der Woche stammender Erschöpfung oder auch nur an einer momentanen Ermattung im Prozess der Therapie. Die Reaktionen sind verschieden, aber die Nachfrage hat sich bewährt. Sie hat mich auch befreit von überraschend wuchtigen Vorwürfen, wenn einzelne sensible oder schüchterne oder auch anklagebereite (Vorwurfs-)Patienten in Wut gerieten, wenn ich einen Zustand, den eine empathische frühe Mutter, in deren Rolle ich in der Übertragung geriet, doch hätte bemerken müssen, leichtfertig oder rücksichtslos übersehen hatte.