Tilmann Moser

Stillen und Saugen in der analytischen Körperpsychotherapie

Tilmann Moser (2013)

Über meine erste Erfahrung mit Stillen und Saugen mit einer früh gestörten Patientin habe ich vor mehr als fünfundzwanzig Jahren berichtet in meinem Buch „Das erste Jahr" (1988). Sie hat bei einer Halt gebenden Berührung am Kopf so eindeutig nach meinem Handballen gesucht, dass ich ihn ihr, selbst noch scheu und befangen, überließ. Ich erlebte einen nach anfänglichem Zögern rasch anwachsenden Sturm der Gier, der nach einer ermatteten Beruhigung der Liegenden überging in eine zärtliches Streifen der Hand mit den Lippen. Auch ihre Zähne hatte ich zu spüren bekommen, zuerst mit Angst, sie könne vielleicht ebenso unkontrolliert zubeißen. Aber nach meinem ersten warnenden Schmerzenslaut kam ein durchaus erwachsenes „Entschuldigen Sie, ich will Ihnen nicht weh tun." Im Nachgespräch gab sie allerdings zu, dass es den freilich gebremsten Impuls durchaus gegeben habe.

Seither gab es mit einzelnen Patienten immer wieder Situationen mit andeutenden Mundbewegungen, die ich mit einfühlsamem Nachfragen und vorsichtigen Deutungen zur realen oder mutmaßlichen oder später erfragten Geschichte des Stillens beantwortete. Meist kam es zu einer erleichterten Zustimmung zu einem gänzlich unerwarteten Experiment, gelegentlich mit Scham über die frühen elementaren Bedürfnisse, jedoch meist mit nachfolgender Dankbarkeit, dass ich eine so schützenswerte Regression angeboten hätte.

Ich habe danach neugierig scheu Stillsituationen beobchtetet, die Mütter entweder scheu den Vorgang verbergend oder neuerdings ihn stolz und öffentlich zeigend. Die Babys, in unterschiedlich gehaltenen Positionen, gelangweilt lutschend, mäßig gierig saugend oder aber gefräßig die Brust scheinbar verschlingend. Danach trat dann Ruhe ein, von der Mutter war ein zufriedenes bis glücklich bestätigendes Murmeln zu hören, das Baby schief entweder ein oder dankte mit jenem von Heinz Kohut immer wieder hervorgehobenen dankbaren Lächeln des gesättigten Säuglings. Die männliche Scheu, vielleicht auch der immer untergründig vorhandene Neid der Väter auf das elementare Glück (manchmal auch Leid) des innig miteinander beschäftigten Paares, ließ allmählich nach, und es begann das Nachdenken über die zunächst unbewussten Zustände von Patienten, bei denen frühe Geborgenheit und Nahrung Finden bei einer zufriedenen oder glücklichen Mutter nicht ausreichend oder sogar unter traumatischen Umständen stattgefunden hatten. Lassen sich solche traumatischen Einschreibung mildern oder gar ansatzweise heilen?

Meine Antwort ist inzwischen: Ja, und zwar auch zur Zufriedenheit, gelegentlich sogar zur Beglückung des Therapeuten.   Denn er oder sie erhält, in verminderter Form und Dichte, falls sein Angebot in Anspruch genommen wird, das Geschenk intimer Anerkennung, wie es die Natur auch in die frühe wechselseitige Befriedigung eingebaut hat, damit Wachstum und Reifung vorangehen. Das Arrangement mag nicht für jeden psychologischen oder tiefenpsychologischen Therapeuten taugen, Befangenheit und Scheu mögen hinderlich sein, auch eine zunächst einschießende Sorge, ob da alles mit rechten orthodoxen Dingen zugeht, und wie man sich nach getaner Tat wieder wechselseitig in die Augen sehen kann. Aber wer sensibel genug mitfühlt oder offenen Auges nach den Gesten des Patienten schaut, wird immer wieder ausreichen klare Zeichen erhalten für die Restspuren traumatischer Erfahrungen und die Hoffnung auf eine diesen Entbehrungen entsprechende Erwiderung von Seiten des Therapeuten. Er nicht selbst anbietend tätig werden will, dem bleibt immer noch das verbale Anbieten von Einfühlung in die frühe Störung, und der legitime Prozess des Trauerns im klassischen Setting findet, allerdings viel weniger energetisch und triebnahe, trotzdem seinen angestammten Platz.

Eine sehr früh traumatisierte Patientin, aus fast asozialem, stark alkoholgefährdetem Milieu wurde extrem früh abgestillt, ungeschickt und unregelmäßig gehalten, mit zähflüssigem Haferschleim aus übergroßer Saugeröffnung „abgefertigt“, mit körperlich klar erinnerbarem Ekel und Erstickungsgefühlen, gab überdeutliche Zeichen eines sie unendlich beschämenden Verlangens nach Stillen und Saugen. Sie hatte mit Misstrauen und Zögern innerhalb der ersten drei Jahre einer zweistündigen Analyse verschiedene Stadien einer Halt gebenden Berührung durchlaufen. Aber nun stand sie mit unüberwindlicher Scham über das Ausmaß ihrer frühen Bedürftigkeit vor einer Schwelle der Regression, die zu überwinden ihr eine solche Angst machte, dass sie immer, wenn die bedrohliche Gier hochkommen wollte, aus dem Liegen hochschnellte und in eine würgendes leeres Schlucken geriet. Seither und bis zu diesem Moment ist ein schwer auszuhaltendes Stillstand erreicht: mit dem erwachsene Bewusstsein weiß sie, was ansteht, aber auf dieser frühen Bedürfnisebene wurde sie als Säugling misshandelt und da durch sozusagen zwangsweise abstinent, dafür aber gestraft mit Attacken von Alkoholabusus und Fressanfällen sowie anderen Formen von süchtigem Verhalten. Ihr leuchtet der Zusammenhang ein, sie spürt außerhalb der Stunden und in Träumen die Sehnsucht wie die Entbehrung, aber in einer Art „Urscham“ (Leo Wurmser) schreckt sie zurück vor einem Zustand, den sie als unersättlich und unendlich fürchtet. Ich sitze also seit Monaten daneben und kriege erst einmal einen wütenden Hass ab, sowohl auf die Mutter wie auch auf mich, der ich sie in die ihr fast tödlich erscheinende Falle elementarer Regression locken möchte. Eine Anfälligkeit für unkontrollierbare Wutanfälle hat sie lebenslang begleitet, aber wenn sich diese Wut mit frühen Größenphantasien verbindet, fühlt sie sich wenigsten wieder auf sicherem Boden des Hasses wie der Verachtung gegen alles was, sie an das traumatische Milieu erinnern könnte. Die Folge: eine schwere Bedrohung der Ehe, weil vom Ehemann nicht die erhoffte Erlösung von ihrem extremen Stimmungsschwankungen kommt. Die Diagnose Borderline-Störung hat hier einen ganz elementaren Kern.

Bevor ich zu erfolgreicheren Beispielen therapeutischen Stillens vorangehe, möchte ich auf eine andere Variante des Berührens mit den Lippen hinweisen: analytische Forscher über die Frühzeiten des kindlichen Liebe haben entdekct, dass eine „nicht zum Ziel kommende aktive Liebe des Säugings und Kleinkindes“ zu schweren Störungen führen kann: Gefühle der Vergeblichkeit, des Unwerts, von Scham und Schuld wie von stark gefährdetem Selbstwertgefühl können die Folge sein, bis hin zu religiös getönten Emotionen der „Verworfenheit“. Die Suche nach Anerkennung einer als vergebich erlebten frühen Liebe kann, neben den sehnsüchtig schauenden Augen, zu subtilen Körperzeichen führen, zu minimalen Kussbewegungen auf den Körper des Therapeuten zu, etwas zur Hand oder dem Gesicht, und wenn sie nicht wahrgenommen und angesprochen werden, werden sie dauerhaft sichtbar, bis sie sozusagen resigniert versiegen, weil die uralte Resignation die Patienten wieder überkommt. Es bricht dann aber eine elementare Ebene der Beziehungssuche ab,  und es treten die kompensatorischen Ebenen der Suche nach anerkennender Nähe in den Vordergrund. Bereits eine Deutung er Suchbewegung kann eine spürbare Entlastung und Dankbarkeit erbringen, nach einem notwendigen Durchgang durch die Scham, weil sie sich ertappt fühlen bei unbewussten Gesten, die zunächst zu viel zu verraten scheinen über frühe Entbehrung und vergebliches Werben. Aber danach herrscht Erleichterung, weil Erkannt- und Gewürdigtsein zu einem neu einsetzenden vitalen Selbsterleben führen.

Eine nächste Stufe der Würdigung kann zu der Anregung des Therapeuten führen, die Befangenheit zu überwinden und sich der angebotenen Hand mit den Lippen zu nähern. Es gibt Patienten, die nach ihren Kenntnissen über klassische Abstinenz das Angebot zunächst so absonderlich oder verboten finden, dass sie versprechen, den Therapeuten nicht zu verraten. „Was ist, wenn Ihre Kollegen das wüssten?“  Dem geübten analytischen Körperpsychotherapeuten wird es gelingen, das Angebot eines Schweigepaktes mit Takt und Dank zurückzuweisen und es zusammen mit dem Patienten auf seine Übertragungshintergründe zu untersuchen.

Wenn man beobachtet, wie zornig oder verzweifelt babys das anstehende Stillen herbei zu schreien versuchen, dann bekommt man etwas mit über den ungestümen Kampf nicht nur um leiblich Nahrung (die wachsende Entbehrung tut natürlich zunehmen weh), sondern im die damit verbundene Seelennahrung der hoffentlich nicht widerwilligen, gelangweilten oder erschöpften Zustimmung  zu ihrer Existenz. Natürlich gibt es für in beiden Polen verhungerte Babys keine Widergutmachung, aber es gibt Kostproben von dem,was h?te sein sollen. Und die Wiederholungk, die notwendig sei kann, schafft das, was der amerikanische Körperpsychotherapeut Albert Pesso, wenn er mit „idealen Eltern“ arbeitet. Sie bieten Alternativen zum Trauma zumindest in archaischer und regressiver Wiederholungssequenz an, um es neu zu verankern in der sogenannten new map also der Landkarte des Unbewussten.

Es ist eine Teilerfüllung, die Spuren des Gelingens hinterlassen kann, wenn die Verinnerlichung der Erfahrung gelingt. Auch ohne wünschenswerte Wiederholung darf es zu einem Nachwirken oder einer Symbolisierung kommen. Das nie Erfahrene, wenn es erlebt wird, kann auch leichter betrauert werden, als wenn es sich unerkannt und leidvoll im „Psychosoma“ herumtreibt.

Ein früheres Beispiel: Die eingangs erwähnte Patientin war so erstaunt, dass sie ihrer Verwunderung und Dankbarkeit nur ironisch Ausdruck verleihen konnte: ?enn Sie so weitermachen, verwandeln Sie mich noch in einen singenden Laubfrosch!“ Ich habe den Gesang vernommen und war's zufrieden, sie mit weitem Gedeihen auch.  Mit einer anderen Patientin musste ich mich zuerst einmal daran gewöhnen, ihrem anfangs unerkannt gebliebenen Verlangen anbietend entgegen zukommen. Als wir uns einer ganz neuen Beziehungskultur sicher waren, konnte ich das Angebot nicht nur gestisch, sonder auch verbal wiederholen: „Brauchten Sie ein Stillsequenz?“, humorvoller „Haben Sie heute schon gefrühstückt?“; für beide mehr zum Lachen: „Bräuchten Sie was zu knabbern?“, was einschließt, dass die neugierigen Zähnchen ruhig dabei sein dürfen. Ein paar Wochen später konnte sie zuerst verschämt, dann  freimütiger fragen: „Kann ich mal Ihren Handballen haben?“ Ihr war es aber wichtig, was ich zu verstehen vermochte: die anrührende Szene, die sich ja unter meinen wohlwollenden, von oben auf die auf einem Kissen in meinem Schoß Liegende herunter blickenden Augen vollzog,  doch hinter einem Kissen zu verbergen, dass ich immer als schützendes Dach bereit liegen hatte und über ihr zärtliches oder anstrengendes Tun zog. Ihre Gesichtszüge, die oft von tiefer Erschöpfung oder peinigendem Selbstverlust gezeichnet war, zeigten sich erholt, auch zu verbaler Antwort bereit, manchmal rosig erblüht in neuer Lebenszuversicht. Lyrische Töne dürfen ruhig stehen bleiben.

Der zunächst nur biologisch scheinende Vorgang des Stillens ist Lebensnahrung auf vielen Ebenen, um so mehr, wenn er in beiderseitigem Glück oder wenigstens Zufriedenheit vollzogen worden ist. Er bliebt aber auf geheimnisvolle Weise in der tiefen Regression wiederholbar. Es liegt an der Erfahrung des Therapeuten, ob er sicher abschätzen kann, wann diese heilsame Stufe erreicht ist. Glücklicherweise stellt sich sich sehr oft von selbst ein, wenn die  richtige Position und emotionale Sicherheit erreicht ist. Babys können sehr rasch spüren, ob die Mutter sich wohl fühlt oder in bequemer Lage sitzt, und das Gleiche geschieht Patienten, die unruhig nachfragen, ob man sich auch wirklich wohl gut zugewandt fühle, tiefer traumatisierte fragen sogar wiederholt, ob man keinen Widerwillen spüre oder sich nicht gar ekle. „Nein, sage ich dann, ich kann es mit genießen, und ich glaube, Sie spüren es auch.“ Wenn alles in für beide  wohlätigen Bahnen verläuft, können sowohl Säugling wie Patient spüren, dass sie nicht nur gierig fordern und nehmen, sondern auch etwas geben können, und damit tanken sie auch Selbstachtung und Selbstgwertgefühl.