Tilmann Moser

Roman: Oskar, Carmen und Heidi Klum

Entwicklungsroman eines sehr schrägen Pärchens

Von Tilmann Moser

Ein Bild für den Anfang

Ein seltsamer Anblick: In seiner Dachkammer hoch über der Wohnung der Familie lag ein Jüngling auf seinem zerwühlten Bett, nackt, zusammengekrümmt, und in heftigem Weinen begriffen. Das Wort Jüngling passt übrigens nicht, in jener Gegend und mit seinen Kumpeln hätten sie damals eher von einem Halbstarken gesprochen, seine Eltern, den Jugenddialekt aufgreifend, von einem Latschi, das heißt von einem ungehobelten, aufmüpfigen, oft mürrischen und dann ganz unzugänglichen jungen Mann, der seine Pubertät wie ein Unglück erlebte und weder für sich noch für die Welt zu einer passenden Deutung fand.

Mit dem Weinen hatte es folgende Bewandtnis: Im Konfirmandenunterricht, an dem er widerwillig und noch seinen allerdings nachlassend frommen Eltern gehorchend teilnahm, hatte ein später Achtundsiebziger-Pfarrer auch für die unruhige Jugend Geschlechts- und Beziehungsunterricht eingebaut und ihnen zum Trost oder zukünftigem Verständnis einen Satz des sehr katholischen Mönchs und Gelehrten Thomas von Aquin erläutert: „Omne animal post coitum triste“, also jedes Lebewesen ist nach dem Beischlaf traurig. Für Oskar war das doppelt traurig gewesen, weil ein echter Koitus noch in unerreichbar weiter Ferne lag und er die prophezeite Verstimmung „danach“ immer nur in seiner Einsamkeit erlebte. Und an diesem Tag war sie besonders heftig, weil er, was seine Sehnsucht nach einer Freundin anlangt, nur auf seine Phantasien angewiesen blieb, die er selbst, ohne sie unterdrücken zu können, gelegentlich schmutzig schalt, ihnen aber, weil sie so aufregend waren, immer wieder verfiel. Schmutzig deshalb, weil er sich nicht enthalten konnte, vorbeikommende Mädchen mit Blicken geradezu auszuziehen, wobei es ihn besonders beschämte, wenn er es mit der Klassenkameradin und Sitznachbarin tat, in die er hoffnungslos scheu verliebt war. Seine Kumpel in der Schule, aber auch die lärmende Schar in der so unfrommen Unterrichtsgruppe mit dem pastoralen Aufklärer redeten in den Pausen unverblümt von ihren Erfolgen bei Mädchen, und obwohl er wusste, dass die Hälfte der Berichte dreiste Aufschneiderei war, versetzten sie ihm ununterbrochen Schläge gegen sein ohnehin schwaches Selbstwertgefühl. So musste er sich in dieser schwierigen Zeit immer wieder verzweifelt sagen: „Aus Dir wird nichts Rechtes mehr!“, ein Spruch, der ihm von Erzählungen seiner Großmutter im Gedächtnis geblieben war, die ihn wiederum von ihren Eltern in Bezug auf ihren missratenen Bruder haften geblieben war. Dass man sozial missraten könne, lag als leichte Bangigkeit auch in der Seele seiner Eltern, die sein Aufwachsen mit übertriebener Sorge begleiteten. In seinem unablässigen inneren Dialog mit sich selbst spielte bei ihm, der sich reichlich von seiner Mutter überwacht fühlte, das Wort „soziales Absinken“ schmerzliche Rolle. Er ertappte sich immer wieder bei ausführlichen Rechtfertigungen seiner Lebensführung, umso mehr, als um jene Zeit seine Schulleistungen nachließen und seine freche jüngere Schwester ihn mit ihren Noten ausstach. Kurz, sein „Latschileben“ war in jener Zeit schwieriger geworden, zumal sie, um ihn zu ärgern immer wieder im Vorbeigehen sagen konnte: „Na wie geht’s, alter Latschi, was macht eure Clique grade für dumme Streiche?“

Zwei Jahre früher
Oskar, Carmen und Heidi Klum
Entwicklungsroman eines sehr schrägen Pärchens

Osker war mit zwölf Jahren ein merkwürdiger Junge, der seinen Eltern Sorge machte. Zusammen mit einer kleinen Bande von Freunden pflegten sie die merkwürdigsten Körperübungen, um sich zu stählen. Die Pubertät war noch nicht voll über sie hereingebrochen, sie deutete sich höchstens an in schlüpfrigen Witzen, in denen sich das Interesse für Sexualität noch unbeholfen abzeichnete. Sie versuchten, einander die Grundtatsachen des erotischen Lebens zu erklären und trugen ihr verstreutes Wissen zu einem Bild zusammen, in dem Selbstwertzweifel, Angeberei, Aggression, Wissbegier und Eroberungssehnsucht eine Rolle spielten.

Aber und zu vernahm die Mutter ein merkwürdiges Wort, dessen Sinn ihr im Dunkeln blieb, sie versuchte es sich in Zusammenhang zu bringen mit knabenhaften Phantasien über die Veränderungen durch eine fortgeschrittene Schwangerschaft, die wie sie wusste, den halbreifen Knaben unheimlich war. Falls die Familie auf einer Wanderung eine Hochschwangere erblickte und die Eltern sie genießerisch und aus eigenen Erinnerungen fast fachmännisch betrachteten, wandte sich Oskar verschämt ab: er wollte nicht, dass seine Eltern seine unverhohlene Neugier hätten beobachten können.

Der geheimnisvolle Ausdruck lautete: Waschbrettbauch, und der schien die Jugendlichen zu faszinieren, als ob von etwas Kostbaren, aber erst durch sportliche Disziplin zu Erwerbendem die Rede sei. Und in der Tat hatte sein Inhalt für die junge Bande etwas durchaus Anziehendes, das sie in ihren gymnastischen Übungen beschäftigte. Ihre körperliche Selbstgefälligkeit war heftig erwacht, und sie besprachen sich sogar darüber, wie sie mit ihrem in der Kleidung sich ab und zu vergrößerten Penis umgehen sollten, vor allem, wenn sich die Erscheinung in der Schule und angesichts von kichernden Mädchen zeigen wollte. Sie wussten dann nicht, ob das gickelnde Gelächter schon ihrem männlichen Stolz oder ihrer durch Pomade versteiften Frisur galt. Sie zeigten sich ihre Schwellungen nicht offen, das hätte sie in die Gefahr homosexueller Verdächtigung gebracht, die sie immer fürchteten, je mehr sie auch von solchen Träumen, neben den verwirrten feuchten, heterosexuellen heimgesucht wurden. Immerhin zeigten sie sich ihre Bäuche, die sie krampfhaft anspannten, damit ihre Muskulatur unter der blassen Haut sichtbar würde. Zum Spaß boxten sie sich aggressiv-zärtlich in die Magengegend, um zu prüfen, ob der Gegner eine solche Art von Schlägen schon verkraften konnte.

Für Oskar blieb es aber nicht bei diesen Tätigkeiten oder Tätlichkeiten. Er entwickelte zu seinem Schrecken einen unreine Haut, seine bisher mittelmäßigen Schulleistungen ließen nach, die Eltern fragten ihn besorgt, was ihn beunruhige, aber er konnte oder wollte es nicht mitteilen. Man könnte sagen, er ließ sich vereinsamen, denn ein konkretes Ziel oder auffälliges und sichtbares Leiden stand nicht dahinter. Er wurde sich selbst ein Rätsel, trieb sich mit geklautem Geld in Spielsalons herum, fing an zu rauchen, was seine Mutter an seinen Kleidern roch, und was sie noch mehr in Angst und Unruhe trieb. Der Vater plädierte gelangweilt auf Abwarten oder versuchte auf Drängen der Mutter ein Machtwort, aber man kann es nicht anders nennen: er blitzte ab, mit verächtlichen, sogar unflätigen Ausdrücken. Oskar verzog sich, sobald es ging, in sein Zimmer, war nicht zu gemeinsamem Fernsehen zu bewegen, was noch bis vor kurzen eine geruhsame Familienidylle gebildet hatte, bei der die Welt in Ordnung schien.

Seine wenige Jahre jüngere Schwester begann ihn zu meiden, er war nicht mehr ihr bewunderter großer Bruder, sondern ein „Ekel“, ein Ausdruck, der alle erschreckte, und den zu gebrauchen sie einen langen, verzweifelten Anlauf gebraucht hatte. Er wiederum ließ an seiner Geringschätzug für sie keinen Zweifel mehr.

Oskar versucht sich mit intensivem Sport zu helfen, aber er war zu schlapp für ein regelmäßiges Training, selbst seine Kameraden fingen an, an ihm vorbei zu schauen, wenn sie sich auf der Straße begegneten oder auf dem Schulhof sich nicht übersehen konnten.

Nach verzweifeltem Zureden, erpresserischen Fragen, verweintem Gesicht der Mutter und Wutausbrüchen des Vaters verabredeten die ratlosen Eltern einen Termin bei einem ihnen empfohlenen Jugendpsychiater, der sie zunächst als besorgtes Paar ohne den Jungen empfing. Dem Arzt gelang es erst einmal, sie mit Ausdrücken wie Wachstumskrise und Selbstwertprobleme zu beruhigen. Er fragte vergeblich frühere Verhaltensauffälligkeiten ab und ging zurück mit seine Fragen bis ins Trotz- und Einschulungsalter: vergeblich, es fand sich keine Spur einer möglichen Erklärung. Es wurde ein Termin mit Oskar vereinbart, zu dem er verspätet und verstockt hinging. Er behielt seinen Kaugummi im Mund und lümmelte sich nachlässig in den ihm angebotenen Sessel. Um es milde zu sagen, war er wortfaul, gab zu erkennen, dass er sich durch noch so einfühlsame Fragen bedrängt fühlte. Das Äußerste, was er sich entreißen ließ war die Zusage zu einem weiteren Termin, denn ohne es sich oder gar dem Arzt einzugestehen, fand er diesen Mann zögernd und gegen die eigene Absicht vertrauenerweckend und eine erste Spur von sympathisch. Was ihn am meisten ärgerte, ja verbitterte war, dass er ohnehin nicht wusste oder nicht wissen wollte, was ihm fehlte, und dass es ihm auch nicht gelungen war, von einer gewissen Beredsamkeit, über die er sonst verfügte, Gebrauch zu machen mit einigen banalen, alles verhüllenden Sätzen.

Aber der Seelenarzt verabschiedete ihn nicht ohne Hoffnung auf einen erneuten Versuch, er bezeichnete sich nicht ohne Stolz als einen Brückenbauer hin zu auch skeptischen oder widerwilligen Klienten, sogar solchen, denen das Misstrauen zur zweiten Natur geworden war.

Oskar schämte sich so sehr über das, was ihn seelisch niedergeworfen und ihn innerhalb weniger Wochen aus seinem vertrauten Alltag herauskatapultiert hatte, dass er den wahren Anlass selbst nur mit großer Vorsicht gedanklich und vor allem seelisch ihn wieder beiseite schob, bis die Erinnerung unabweislich wurde und er Tränen des Zorn in sich aufsteigen fühlte. Das Ausmaß der Demütigung, die nun schon einige Monate zurücklag, erschreckte ihn, und es wurde ihm klar, dass es eine doppelte oder gar mehrfache war, weil einer seiner besten Freunde, ihn schändlich verratend, sie ihm zugefügt hatte.

Fast möchte ich als Autor ihn nun selbst verschonen und die leidige Sache am liebsten nicht zur Sprache bringen. Die Verletzung rankte sich um einen kleinen, für seine Seele aber überaus gewichtigen Umstand, durch den er sich verzweifelt, in jugendlichster Übertreibung befangen, bis an sein Lebensende zu absoluter Einsamkeit verdammt sah. Es ging, um es schließlich zur Sprache zu bringen – und damit war ein Grundthema jugendlicher Angst berührt - um die Größe seines Genitals, um die er ohnehin bereits tiefe Besorgnisse verspürt hatte. Statistisch dürfte es über das Thema keinerlei überprüfbare Erkenntnisse geben, aber klar ist, dass sehr viele junge Männer, vor allem, wenn sie beginnen, sich Hoffnungen auf eine Freundin zu machen, davon sorgenvoll oder sogar mit Angst betroffen sind. Psychotherapeuten, die es häufig mit depressiven jungen Männern zu tun, wissen ein Lied davon zu singen, aber nur wenige von ihnen haben den Mut, wenn sie darüber eine Vermutung haben, den Kummer von sich aus anzusprechen. Auch sie fühlen sich oft angesteckt von der Scheu und der Scham ihres Gesprächspartners, und kleiden ihre Nachfrage umständlich in harmloser klingende Erkundigung wie: „Fühlen Sie sich gesundheitlich in Ordnung? Mit Ihrem Körper zufrieden? Kennen Sie hypochondrische Anwandlungen?“, oder kühner, fortgeschrittener im exploratorischen Mut: „Haben Sie manchmal Sorgen über die Intaktheit,

Größe und Funktionstüchtigkeit Ihres Genitals?“ Wenn die Fragen unergiebig bleiben oder wenn ein Ansturm der Scham ausbleibt, ist erst einmal Boden gewonnen. Der Arzt weiß, dass die beginnenden Selbstbefriedigungsversuche den Patienten unweigerlich mit dem erniedrigenden Verdacht konfrontiert haben, ganz unabhängig von der realen Beschaffenheit des sogenannten Patengeschenks. Natürlich gibt es medizinische Mängel an der Größe und Ausstattung des Gliedes, aber die Hauptangst umkreist einen viel tieferen Zweifel am Wert der eigenen Person, der sich entzündet an dem, was eigentlich Ursache von Stolz und Freude sein sollte. Wenn ohnehin gehemmte Unsicherheit oder gar pädagogische Missgriffe der Eltern oder eine Tabuisierung körperlicher oder gar sexueller Themen in der Familie hinzukommen, dann haben sich Vernichtungsgefühle längst eingefressen in die Seele, und die Scham errichtet unübersteigbare Barrieren gegen eine vertrauensvolle Mitteilung der bedrohlichen Sorgen. Körperliche Unzulänglichkeit, und mag sie noch so besorgt eingebildet und verstärkt sein, ist ein schicksalhaft erscheinendes Donnerwort, das bis in Alpträume nachhallt und das Lebensgefühl auf verderbliche Weise mindert oder fast zerstört.

Man kann sich Oskars Seelenqualen vor der nächsten Begegnung mit dem Arzt vorstellen. Genug der halbwissenschaftlichen Erklärungen, aber schließlich bilden sie den emotionalen Untergrund dieses Romans, um nicht zu sagen den seelischen Sumpf, den der Held zu durchschreiten hatte.

In der nächsten Beratungsstunde brachte Oskar die Geständnisqual hinter sich und erlebte erleichtert, dass sein Leiden dem Fachmann vertraut war und damit fast keinerlei Grund mehr für die unerträgliche Beschämung bestand. Der Therapeut wandte das Thema geschickt weg vom Teil des größten Ärgernisses hin zu allgemeineren Fragen des Umgang mit sich selbst, der Schuldgefühle, der dem Thema schon näher kommenden sexuellen Information, der Rivalität mit Gleichaltrigen im Allgemeinen und schließlich der Vaterbeziehung als eine der Quellen von zufriedenstellender Männlichkeit. Dieser Text ist allerdings kein psychotherapeutischer Fallbericht, sondern eine Geschichte über eine schicksalhafte Verstrickung mit sich selbst, und im Gefolge davon mit einigen anderen Menschen, die in einem Strudel der Verzweiflung hätten mit hineingerissen wurden. Die Brücke zu einer mehrmonatigen Therapie, soviel sei verraten, war gefunden, und es ist der Weisheit des Arzte zu verdanken, dass Oskar einen fürs Erste gangbaren Weg der vorübergehenden Selbstheilung gefunden hatte.

Es eröffnete in der mittelgroßen Stadt neben dem Spielsalon, der Oskar fast zum Verhängnis geworden wäre, ein geschickter, etwas anrüchiger sogenannter Jungunternehmer mit zusammengestoppelten Krediten ein Etablissement, in dem neben einer Saune verschiedene Kampfsportarten gelehrt und ausgeübt werden konnten, deren Namen man vorher in der Öffentlichkeit kaum gekannt hatte: Tak Wan Do und einige andere fremdländisch und asiatisch klingende Arten des Ringens und Kämpfens; auch kam Kickboxen dazu, eine Gruppe mit Anhängern des Wrestling ging wieder ein, weil es bei Anfängern zu Verletzungen gekommen war. Ein thailändisches Restaurant eröffnete in der Nähe, und weil einige Kleindealer erwischt wurden, die künstliche Drogen unter die Leute zu bringen versuchten, geriet das Etablissement vorübergehend so in Verruf, dass verschiedene Fraktionen im Gemeinderat sich darüber verfeindeten, mit ganz verschiedenen Begründungen, die zwischen den folgenden Haltungen pendelten: da das Haus rasch auswärtige Besucher anzog, wurde die Parksituation so unerträglich wie die Lärmbelästigung, und es kam zu Pöbeleien und Krwallen; andererseits stiegen die städtischen Steuereinnahmen mit den Hotelübernachtungen von mehrtätig bleibenden Gästen. Sie wurden aber sofort für die Förderung der Jugendmannschaft des Fußballvereins verwendet, zum Ärger der Anhänger des zunächst als fremd empfundenen Clubs. Verwirrende und widersprüchliche Abstimmungen für und wider eine sofortige Schließung mit erstaunlichen Anwürfen und Verdächtigungen wurden abgehalten, über Restriktionen und Polizeikontrollen wurde beraten, rasche Wechsel in der Geschäftsführung erregten Unmut und Misstrauen, und was manchen zuerst als Bereicherung der Sportwelt neben den klassischen Sportarten wie Fußball und Handball und Basketball erschienen war, wurde zum Zankapfel und zerstörte in vielen Familien, so auch in der von Oskar, den Familienfrieden. Modernisten und Konservative beschimpften und verleumdeten sich, die Geistlichkeit beider Religionen brachten in einer gemeinsamen Verlautbarung das sich schwächende christliche Menschenbild ins Spiel, und an manchen Häusern zierten oder verunzierten Grafittis die Wände und förderten neue Feindschaften.

Oskar wurde plötzlich umworben als nächtlicher Plakatkleber und erhielt die Möglichkeit, mehrere Angebote für einige Trainigs-Wochen kostenlos zu prüfen. Er wurde umschmeichelt mit diversen lockender Mitgliedschaften in verschworenen sportlichen Gruppierungen, kurz er geriet in ein Getümmel, das seinen noch unklaren Kampfgeist entflammte und eine seit langem ungewohnte Spannung oder Anspannung in ihm erzeugte. Endlich half die städtische Bauordnung, die Erweiterung des Komplexes zu verhindern, die regionale Presse mischte sich ein, und da fremdländische Trainer mit klingenden Phantasienamen auftauchten, machten auch fremdenfeindliche Äußerungen plötzlich die Runde. Der städtische Frieden geriet in erhebliche Gefahr.

Oskar wurde Mitglied eine Clique, die sich bald durch eine uniformartige Kleidung von anderen Cliquen unterschied. Er entwickelt seine eigene Form sportlicher Mannbarkeit und blieb schließlich bei den Bodybuildern hängen, deren regelmäßiger Übungsbetrieb seinen Alltag in den letzten Schuljahren bis zu Abitur zu strukturieren begann. Er freundete sich mit einem Trainer an, der ihm die Tricks der rascheren Muskelbildung beibrachte, ihn auch bei der Nahrungsaufnahme beriet, und vor allem ihm Posen vor den zahlreichen Spiegeln im Übungsraum beibrachte, in einer Weise, dass Oskar in eine Art Verliebtheit für sich selbst geriet und mit wachsenden Jahren einen Vergleich mit den ehrgeizigen Kumpeln beim bodybuilding nicht mehr zu scheuen brauchte.

Freundschaften konnte man die Beziehungen nicht eigentlich nennen, es war eine lockere Gruppe von milde und halbwegs freundlich miteinander wetteifernden Gesellen mit demselben Ziel, eines Tages der Schönste oder Kräftigste oder der am Herausfordernsten und Prächtigsten Posierende zu werden. Oft mit lautem Johlen gingen die Abende beim Bier zu Ende, was aber nicht heißt, dass nicht auch tagsüber zu wechselnden Zeiten geübt wurde, je nach dem Grad des Ehrgeizes, und Oskar war enorm ehrgeizig, schon deshalb, weil es ein vermeintlichen Makel zu heilen galt. Es ab wohlmeinende Ratschläge für Cremes, Deodorants, Kneipen in der Stadt, Unterwäsche, Sportschuhe, Handtücher, vor allem aber für die knappen, ja man muss sagen der Exposition dienenden Höschen, die den muskulösen Bauch in voller Höhe und Breite zeigten, aber auch den Blick auf das leicht zu einem Knollen zusammen gepresste Gemächt lenkten. Es herrschte eine Art steriler Virilität, ohne Zoten und Anzüglichkeiten, nur die jeweils Jüngsten, fast noch Pubertierenden tauschten gelegentlich schlüpfrige Witze aus, wenn keine Älteren zugegen wären, vor denen sie sich doch eventuell geschämt hätten. Nur einen etwa Gleichaltrigen konnte Oskar seinen Freund nennen, mit dem er sich über seine Familie, die begonnen Banklehre, Berufsschule und den Arbeitsplatz als Lehrling auszutauschen vermochte.

„Du“, sagte eines Tages dieser Freund, bereits viel kühner in Sachen Annäherung an das weibliche Geschlecht, „komm doch mit in die Tanzstunde. Dort lernst du auch Mädchen kennen, und dann hast du später mehr Chancen bei den Weibern, falls du überhaupt Lust hast, welche kennen zu lernen.“ Darin lag deutlich ein wohlwollender Spott, den Oskar aber nicht bemerkte. Den Wunsch hatte er schon, aber er wusste nicht, wie er sich dabei anstellen. Oskar zögerte die Anmeldung bei der angesehenen Tanzschule noch ein halbes Jahr hinaus, der Schritt kam ihm vor wie die nächst höher angesiedelte Mutprobe in seinem Leben. Aber es gelang ihm dann doch, die Schrittfolgen zu lernen und nach anfänglicher Scheu „eine Dame“ etwas steif zu führen, auch wenn ihm wildes Tanzen ohne Berührung doch noch am meisten zusagte. Trotzdem holte er sich Mut bei dem Freund, den er zu seinem treuen Annäherungsberater ernannte.

Es trieben sich um das Männersportsetablissement immer einige Frauen herum, von denen ihm seine Eltern sicher abgeraten hätten. Aber um deren Rat wollte er sich schon lange nicht mehr kümmern, im Gegenteil, diesem zu trotzen machte ihm eine heimliche Freude, und doch blieb ihm ein verfrühtes elterliches Mahnwort immer noch im Gedächtnis: er solle dereinst einmal darauf achten, ein sauberes Mädchen und dann eine wertvolle Frau finden. Scheu fragte er den Freunde: „Woran erkennt man eigentlich, dass eine Frau wertvoll ist?“, und der sagte lachend: „Na, du musst sie eben kennenlernen, da hilft alles nichts!“ Statt gekränkt zu sein, wie es ihm noch vor Jahren unausweichlich gewesen wäre – so weit hatte ihn sein Männersport schon gestärkt - boxte er seinen Kumpanen, der ihn gelegentlich durchaus auf den Arm zu nehmen pflegte, und frage ihn künstlich beleidigten Ton: „Warum verarschst du mich schon wieder?“, und der meinte frech grinsend: „Nur so, zur Abhärtung!“ Dies zeigt, dass etwas herzlich Humorvolle zwischen den beiden gewachsen war, und das war eine gute Voraussetzung dafür, was der Freund den feierlichen Start der Oskarschen Weiberanmache nannte.

Es waren keine ganz „unsauberen Mädchen und ganz unwertvolle Frauen“, die sich in jugendlichem Alter vor der erweiterten Muckibude trafen, es gab ganz in der Nähe inzwischen eine Eisdiele, und die Damen spazierten eben auf und ab und warfen gelegentlich interessierte Blicke ins Innere der hell erleuchteten Räume, die fast wie Tierkäfige hinter den riesigen, weitmaschig vergitterten Schaufenstern wirkten. Die Veranstalter wussten sehr wohl, wie sie um neue und neugierige Kunden warben.

Oskar näherte sich also tapfer der Volljährigkeit, und der Drang zur nächsten Mutprobe verstärkte sich wieder. Er bat den Freund um ein paar gebräuchliche Anmachsätze, und wieder war für diesen die Verlockung groß, aus seinem Erfahrungsvorsprung heraus einige Spaßfloskeln zum Besten zu geben. Doch er nahm sich zusammen und schlug vor, sich scheinbar beiläufig einem Mädchen in einer Gruppe anzunähern und nicht aalzu zaghaft zu fragen: „Hättest du Lust auf ein Bier, nachher, wenn ich geduscht bin?“ Der Freund ließ es ihn nachsprechen, den Satz noch einmal wiederholen, weil der Tonfall ihm zu lasch erschien, und außerdem ersetzte er das Bier durch eine Cola, „weil du doch gar nicht weißt, ob die überhaupt Bier mag.“ „Da hast du Recht, sagte Oskar, da hätte ich selber drauf kommen sollen.“ „Lieber Oskar“, meinte Florian, „es bleibt immer ein Risiko, es gibt heutzutage Mädchen, die sind stolz, ein Bier zu schlürfen oder zu zischen, die wollen Härte zeigen, wie auf dem Fußballplatz, wenn sie mit ihren Brüllaffenfreunden unbedingt mithalten wollen.“ Damit war klar ausgedrückt, was die beiden bodybuilder von dem Massenrummel und Geschrei auf dem Fußballplatz hielten, vom dem herüber bei großen Spielen immer das Auf und Ab der Leidenschaften zu hören war, Erregung, Triumph oder tiefe Enttäuschung. Fast hätte man denken können, sie waren sich des höheren Niveaus ihrer auf ganz andere Weise körperbetonten Sportart durchaus bewusst.

Und nun begannen die Probeläufe: Von der Höhe des edelstahlglänzenden Ertüchtigungs-Maschinenraums herunter betrachteten sie die flanierenden Mädchen, die meisten in kleinen Gruppen zusammen standen, aber oft so geballt versammelt, dass beide für den Anfang keine Chance sahen. Doch es gab auch einzelne , sozusagen allein stehende oder flanierende junge Damen, an einer Zigarette hängend oder ein Eis lutschend, still nachdenkend in sich versunken oder die Umgebung oder die Mädchengruppen betrachtend, nach Zugehörigkeit zu denen sie sich auch sehnen mochten. Oder es gab welche, denen man die Einsamkeits- und Verlassenheitsgefühle mit erfahrenem Blick auch von weitem ansah.Die beobachtete jedenfalls der Freund, und deshalb wollte er sich mit Oskar für einen Ansprechversuch auf eine von ihnen konzentrieren. „Hab keine Angst, tröstete er den noch Zagenden, ich bleibe hier oben stehen und schau dir Mut machend zu. Du kannst dich auch kurz vor deinem ersten Satz, der ja vielleicht oder hoffentlich nicht der einzige bleibt, noch einmal nach mir umdrehen, ich nicke dir unauffällig zu, nicht Arme schwenkend natürlich, sonst denkt die, falls sie mich sieht, du seist mein Sendbote oder von mir ferngesteuert.“

Dies leuchtete Oskar ein, er boxte den Freund, wie um Stärke zu zeigen, ging die Treppe hinunter und auf den Ausgang zu, aber ach: die ausgeguckte junge Schöne schien sich Feuer holen zu wollen bei jemandem in der Nähe Stehendem, und wandte sich ab. Resigniert kehrte Oskar zurück und ließ sich vom Freund neu einweisen und ermutigen, nachdem der Zaubersatz wiederholt worden war. Diesmal klappt der Anmarsch, und tatsächlich sah es von oben gesehen so aus, als habe Oskar zu sprechen begonnen, das Mädchen wandte sich ihm halb zu, schüttelte dann aber energisch den Kopf, Oskar musste es scheinen, als habe er eine Ungehörigkeit begangen oder sich lächerlich benommen. Dabei war das Mädchen vielleicht einfach nur unwillig oder bereits mit einem Galan verabredet, wer kann es wissen. Oskar war zu solchen die kleine Niederlage erträglicher machenden Gedanken nicht in der Lage, schaute verloren zurück zum Helfer und schritt mit erzwungen wirkender Langsamkeit auf den Ausgangspunkt zurück. „Ich brauche eine Pause, murmelte er, lass uns ein Bier trinken, dann probier` ich es noch einmal.“

Er näherte sich einem Tiefpunkt seines Befindens und wollte in eine tiefe Resignation verfallen. Die beiden tranken ihr Bier, auch der Freund fühlte sich angesteckt von Oskars erschütterndem Selbstwertverlust. Und statt eines zweiten Werbeversuchs starteten die Beiden eine neu Runde der Muskelbildung, bei der ihre Bereitschaft, an ihren imposanten Körpern und deren muskulärer Aufrüstung zu arbeiten, wieder zunahm. Sie verglichen ihre Bizeps, vor allem aber die allmählich anschwellenden Brustmuskelpakete, die ihnen das Aussehen eines kollernden Auerhahns gab, das in der Hitze des auch eine möglicherweise tödlich verlaufende Erschöpfung des Balzkampfes mit einschloss. Sie boten Bilder eines Kraftprotzexzesses, von dem sie aber glauben wollten, dass sie im Strom der universell verbreiteten Auto-PS-Rivalität viel sportlicher mitschwammen und sich darin sogar geborgen fühlten. Sie waren Anhänger eines Schönheitsstrebens, das alle Grenzen zu sprengen drohte: in einer Explosion der schweißglänzenden Lächerlichkeit, die nicht sie selbst, wohl aber andere normalere Jugendliche wahrnehmen und bespötteln konnten. Und trotzdem: sie glaubten an die Wirksamkeit ihrer Selbstbesichtigung in den Spiegeln auch auf das weibliche Geschlecht, eine Chimäre, der aber auf Seiten mancher Frauen ein großer Funke von Wahrheit entsprach. In der Trainingshalle ging es um die brutale Sprache der Biologie eines männlichen Auftrumpfens, verbunden mit einer zunehmenden Blasiertheit und Leere der Seele, die zum Anstaunen des eigenen Körpers und der eigenen Schönheit gezwungen werden sollte. Das machte den Krampf der Anstrengung aus, der aber für Momente wie für Wochen und Monate, manchmal Jahre des Kampfes mit sich selbst einen Lebenssinn ergibt, ein eben irgendwann vorübergehender temporärer Selbstheilungsversuch. Es ging bei Oskar um den aus verletztem Elend gesteuerten Kraftakt der Überlistung eines tiefen seelischen Unglücks.

Sie saßen beim Bier und griffen tröstend nach ihren Händen, die sie sich entgegengestreckt hatten. Der Freund war verzweifelt, weil er spürte, dass er Oskar nicht wirklich würde helfen können, auch wenn sein eigener bodybuilder-Kampf unter einem günstigeren Stern stand: „Weißt du, ich bin unter besseren Voraussetzungen gestartet als du, und führe trotz meiner Trainingswut ein halbwegs bürgerliches Leben. Meine langjährige Freundin hielt anfangs mein süchtiges Bemühen um den idealen Körper für eine männliche Marotte. der sie sogar eine Zeit lang dienen wollte, indem sie das durch eine halb echte, halb wie für ein Kind gespielte Bewunderung zeigen oder vortäuschen konnte. Also eine fast wohltätiges Theater der Irrungen oder der Selbsttäuschung von uns beiden.“ Oskar staunte und bewunderte und beneidete den Freund auch um seine lässig-kluge Sprache.

Noch schildere ich die Beiden quasi von außen, indem ich ihnen zuschaue und zuhöre, während es mir noch immer schwerfällt, ins Innere der Figuren

verstehend vorzudringen. Es ist nicht leicht, die Mischung von Angst und Leere in Oskar darzustellen. Lebendig fühlt er sich, wenn zuerst im Kopf, dann der Muskulatur der Plan reift, von einer Sekunde zur anderen im nächsten Augenblick die Wirkung der konzentrierten Anspannung des übenden und auch gequälten Körpers eintreten zu lassen: das kurze Machtgefühl, plötzlich stark und am Leben zu sein, Selbstbeherrschung zu üben hatte etwas Berauschendes, auch in der zeitlichen Ausdehnung der sofort belebenden Anstrengung. Natürlich verflacht der Gewinn schnell wieder, es braucht kurzfristig ein Gefühl der Verdoppelung der Kraft gegen das Auslaufen der Anspannung, ein sich Zusammenreißen, dass das kostbare Lebensgefühl noch weiter anhält, mit einem Zittern des Willens gegen den erneuten Zerfall einer nur kurzanhaltenden Hochstimmung, des Spürens einer vom Schmerz getragenen Sinnhaftigkeit des Daseins. Es ist nicht sinnlos, diese freie verfügbare Erschaffung einer höheren Wirklichkeit von Schönheit und Kraft als Droge zu bezeichnen. Ihr Vorteil ist es, einen Blitzsieg über das erneute Verdämmern in der Langeweile zu erringen. Florian drückte es immer wieder begeistert so aus: Wenn die Kraft anfängt zu strömen, fühle ich mich unschlagbar, ganz einverstanden mit mir. Oder schöner ausgedrückt, mit einem Zitat aus einem der schwärmerischen Begleitbücher: „Selbstbeherrschung, ja freiwillige Selbstgvergewaltigung, die gleichzeitig eine Selbsterhöhung bedeutet, und dies im Licht der strahlenden Scheinwerfer auf der Bühne erfolgt, bringt Erlösung im grauen Alltag, die gleichzeitig ein Erleben der Selbsterschaffung gewährt.“ Es ist ein Machtgefühl, das bei mir besteht aus Willenskraft, einem Machtgefühl!“ Florian wurde fast lyrisch beim weiteren Zitieren: „das Aushalten der Verfügung über den Atem, der nicht gleichzeitig strömen darf, weil das sofort Erschlaffung wäre: er muss bestenfalls eine gepresstes Hecheln bleiben. Auf dem Höhepunkt der Anstrengung darf ein Schrei entstehen wie aus einem Trennungschmerz, der gleichzeitig ein Triumph ist, eine Art verrückter Todesmoment, der aber keine reales Sterben einläutet, sondern die Belohnung ist durch einen winzigen Orgasmus der Lösung.“ Verstehst du das überhaupt, frage er Oskar atemholend, und als der begeistert nickte, fuhr der Freund fort wie in einem bodybuilder-Gebet: „Er schwingt aber nicht wie bei einem erotischen Orgasmus noch lange nach und hinterlässt eine tiefe Befriedigung nach der Begegnung, die, wenn er nicht im Hass erfolgt, ein Geschenk an sich u n d an einen Andern enthält: Es erreichen also zwei Personen einen Sieg der Zweisamkeit, während der Höhepunkt der sich lösenden Selbstbeherrschung in der Pose in einer leeren, aber erhabenen Einsamkeit endet.“

Florian ließ in seinem entfesselten Schwärmen und einer gewissen Angeberei erkennen, dass er längst ermessen konnte, was ein gemeinsam genossener Höhepunkt an anhaltender Lebensfreude mit sich brachte, verbunden mit entsprechenden Kenntnisses an hymnischer erotischer Literatur. Oskar, der von einem Orgasmus zu zweit bisher nur hatte träumen können, ließ sich von der Begeisterung Florians anstecken und malte sich für ihn selbst ein noch fernes Glück aus.

Die beiden Freunde redeten oft über die Wirkung ihres Tuns: „Man muss es immer wieder und oft hintereinander tun, Lust und Quälerei, ohne wirkliche Erlösung, es verlangt aber immer wieder die Schau im Spiegel, der ist dein Zeuge, oder das Überdauern der Höhenpunkte in einer Vielzahl von Fotographien, die nicht umsonst hier die Wände pflastern.“. Nun der Freund fügte hinzu: „Das Schönste für mich ist, wenn meine Freundin die hart erarbeiteten Glücksmomente festhält und verewigt im Bild.“ „Dieses Glück des gemeinsamen Betrachens von bewundernswerten Bildern wird dir von ihr geschenkt“, sagte Oskar traurig, „Du bist privilegiert. Ganze Bildfolgen, von ihr geknipst, kannst du in einer kostbaren Schatulle sammeln. Und beim wiederholten Betrachten habt ihr Glücksmomente, und hinterher könnte ihr noch glücklicher Erntedankfest im Bett halten. Ich könnte kotzen vor Neid.“

Zum so düsteren wie oft kurzfristig sexuell einsam aufgehellten Lebensgefühl Oskars gehörte sein früh entdeckter Zugang zur Selbstbefriedigung. Da ein früher Beichtvater ihn ausreichend mit Sündengefühl eingeschüchtert hatte, wenn es um „neugierige und lustvolle Selbstberührung“ ging, konnte er sich lange Jahre nicht aktiv mit Hilfe der Hand seinen später perfektionierten Lustgewinn verschaffen. Er musste warten, bis ihn Träume mit anschließenden oder begleitenden Ergüssen oder wie er es nannte Anbängen auf die richtige Spur brachten, eingefasst in Erstaunen und Verwunderung und lange Zeit umkränzt mit einem dunklen Gefühl von Kater,Unordnung , Scham und Ekel. Es gelang ihm schließlich, die Beine so übereinander zu schlagen, dass durch Druck und Bewegung eine Erregung entstand, von der er lange nicht wusste, wie er sie zu einem Höhepunkt nutzen konnte. Er wickelte schließlich den sich aufrichtenden Penis in den umständlich gefalteten Schlafanzug, und unter dieser Umhüllung konnte er es wagen, an sich zu reiben. In dieser einen magischen Annahme war dies alles weniger sündig, weil eine Hand-zu-Haut-Berührung unterblieb und das sich eigentlich stolz sich zeigen wollende Glied optisch verborgen blieb. Als er durch zufällig belauschte Gespräche erfuhr, wie unbekümmert andere Jugendliche mit kunstvoll erzeugtem Druck der Hände eine warm auf und ab gleitende Röhre bildeten, mit der sie frei und unbeschwert darüber verfügten, in wie raschem oder künstlich verzögerten Auf- und Niederfahren sie sich einem Höhepunkt nähern konnten, wurde er mutiger und ob der Leichtigkeit der selbst erzeugten Entladung ein süchtiger „Selbstbeflecker“, wie es der Beichtiger drohend formuliert hatte. Nach jeder Tat musste er das ausgeflossene Sperma sogfältig aufwischen, es zuvor beriechen und den Stofffetzen oder das feuchte Taschentuch im Garten heimlich verbrennen. Es durften keine Spuren des Ereignisses fühlbar oder sichtbar übrig bleiben. Es waren leidvolle Jahre, umgeben von Scham und dem ewig verlorenen Kampf gegen die Wiederholung. Schon die nachholende Niederschrift seines unglücklichen Erlebens fühlt sich qualvoll an, ein wenig sicher auch für den Leser, doch diese Vorgeschichte ist wichtig, um den langen Weg zu verstehen, den Oskar zurückzulegen hatte, bis er mit seiner späteren Freundin Carmen, die er jetzt noch gar nicht kennt, eine glückliche Sexualität zu leben vermochte.

Da er wohl wusste, dass der Penis später einmal in das „ängstigende Loch des Weibes“ gesteckt werden sollte, um den Samen dort hinein zu versenken, verbrachte er viel Zeit damit, stoffliche Löcher und Höhlungen zu entwickeln, in die er den Penis übungsweise hineinstoßen konnte, sah er in der schweifenden Phantasie überall Öffnungen und Löcher, deren Anblick ihn erregten, kurz, die pubertäre Welt war voller lockender Öffnungen, in die seine Augen gierig einzudringen versuchten. Schon die immer von Neuem wiederholten „schmutzigen Worte“ erfüllten ihn mit Lust wie Scham, mit der er büßen musste. Er war besessen von einer Welt der Löcher, die seine Blicke magisch anzogen. Mit Scham und Stolz gelange es ihm, zwischen die warmen Lamellen eines Heizkörpers hinein zu onanieren, wenn es ihm gelang, mit rhythmischen Hüftbewegungen die Reibung in Gang zu halten. Wenn dieser Text gelegentlich pornographische Wendungen streift, so folgt das nicht dem Ziel, wirklich Pornographie zu schreiben, sondern ich folge dem langwierigen und manchmal auch qualvollen Erwachen von Oskars sexuellem Verhalten und dem dringend benötigtem Lebenstrost und dem verzweifelten Suchen nach männlicher Identität. Er war in Gefahr, sich mangels vergleichender Aussprachen mit Freunden für einen absonderlichen Wüstling zu halten, immer in Angst und Gefahr, entdeckt oder zumindest als ein solcher verdächtigt zu werden. Seine Existenz gewann etwas Gehetztes, für ihn sogar nahe am Süchtigen, und trotzdem konnte er nicht verhindern, dass er die Worte vom „Loch des Weibes“ wie mit einem Schauer zwanghaft wiederholen musste, gleich einem Mantra, das ihm einen jederzeit aufladbaren Pegel der Erregung verschaffte.

Schließlich lernte er mit des Freundes Hilfe ein Mädchen kennen, mit dem er in unbeholfenen und mit Verlegenheit durchwirkten Worten Gespräche führen konnte. Sie war sexuelle noch unerfahrener als er, hatte aber eine jüngere Schwester, die sie mit dem Nötigsten aufgeklärt hatte, und von der sie eine anmutige sprachliche Dreistigkeit der Sprache übernommen hatte, von der ihr aber vieles auch unverstanden geblieben war. So fragte sie ihn eines Abends beim Zusammenstehen von der Eisbude, als niemand sie hören konnte, und sie musste seine Hand nehmen, um sich zu der Frage zu trauen: „Weißt du was der Satz bedeutet 'Kurz und dick, Mädchens Glück?“ Im verschlug es zunächst die Sprache, er wand sich, behauptete, den Sinn auch nicht zu kennen, aber die Lüge ließ ihn erröten, und so ahnte sie, dass er ihr nicht die Wahrheit sagte. Schließlich kam ihm der rettende Einfall: „Du, ich werde meinen Freund fragen, der weiß mehr in solchen Sachen. Morgen kann ich es dir sagen.“ Sie war es zufrieden, blieb ganz unverächtlich freundlich und freute sich, dass er das Rätsel mitnehmen wollte zu seinem Freund, den sie vom Ansehen inzwischen bereits kannte. Dessen Erläuterung bestätigte Oskar seine dunklen Ahnungen¸ aber der staunte doch, wie der Freund sein Wissen in klare und unbefangene Worte kleiden konnte. „Weißt du, viele Jungs haben Angst, sie hätten einen zu kurzen Schwanz und fürchten eine schlimme Blamage, wenn sie ihn zum ersten Mal einem Mädchen zeigen oder später ihn sogar reinstecken sollen. Du weißt doch: Dein noch nie benutzter Schwanz ziehst sich manchmal in eine kleine verschrumpelte Form zurück, aber du kennest es doch vom Wichsen, dass er trotzdem wieder wächst, später auch vor dem Reinstecken.“ Oskar genoss die Freiheit des Ausdrucks. „Und wegen deiner Angst kann ich dich trösten: selbst wenn du einen ziemlich kurzen hättest, tut er doch seinen Dienst, weil die empfindlichsten Teile der Frauen, über die ja Erregung und die Lust laufen, sitzen ganz vorne an der Möse“, meinte er wie ausweneig gelernt, „aber um Gottes willen verwende dieses Wort nicht, manche finden es roh und halten dich dann für einen ungehobelten Angeber und Macho, sondern sage in zärtlichem Ton Scheide oder Schoß, und erkläre Carmen dann mit der ruhigsten Stimme, über die du verfügst: ´Weißt du, das ist dummes Bubengeschwätz von solchen, die fürchten, der ihre wäre zu klein und könne nicht ausrichten.´ Es stimmt aber nicht, und eines Tages werden wir sehen, dass mit dir und mir alles in Ordnung ist.“ Die Beruhigung über die sprachliche Vorbereitung der Lösung eines Rätsels, das die Freundin schamvoll irritiert hatte, strahlte auf beide über. Auch bei der späteren Anwendung war die erhoffte Zukunft auf eine unanstößige Weise angesprochen, es waren keine bedrängenden Wünsche formuliert worden, die gefürchtete Verlegenheit und die befürchtete, vielleicht überschnell emporschießende Geilheit blieben aus, und die kommende Freundin war dankbar für die ruhige Sachlichkeit von Oskar. Sie wollte ihn umarmen, aber das kam für ihn zu rasch, er erstarrte ein wenig und sagte zu seiner Entschuldigung: „Du ich habe noch nie ein Mädchen umarmt trotz unendlich vieler Wunschphantasien, und noch nie hat mich eine umarmt, und jetzt hast du es getan und hast mich überrascht, und jetzt greife ich auch mal zu.“ Sie lächelt dankbar und schmiegte sich in seine Arme. Doch unvermeidlicherweise schwoll der verdächtigte Teil an, sie weigerte sich jedoch, das Geschehen wahrzunehmen, sagte aber dann verschämt neugierig: „Was hast du in der Hosentasche?“ Er musste befreit lachen, weil der Bann gebrochen war, und meinte stolz: „Das ist der, von dem wir grad gesprochen haben, der kurze Dicke, der sich gestreckt hat, und vor dem du doch keine Angst haben musst.“ Und wie großer, eine schüchterne kleine Schwester tröstender schützender Bruder sprach er beruhigend weiter: „Er wird dir nicht wehtun, später zeige ich ihn dir wirklich und du kannst ihn anfassen.“ Es folgte ein andächtiges Schweigen, von beiden Seiten. Und dann ermannte er sich und gestand errötend: „Der will doch zu dir.“ Und mit noch größerer Kühnheit: „Wahrscheinlich jetzt immer.“ Plötzlich erschrak er und fragte sich, ob er sie angelogen habe mit der Behauptung, er werde ihr nicht wehtun. Und wie um sich selbst zu besänftigen, doch ohne wirkliches eigenes Wissen: „Weißt du, wenn dein Schoß noch verschlossen ist wie immer am Anfang, dann kann es doch ein bisschen wehtun, weil wir ihn ja erst aufmachen müssen.“ Das „Wir“ hüllte sie ein wie in einem weichen Mantel der Solidarität, und sie spürte zum ersten Mal eine vorsichtigen Bereitschaft zu einem so bang wie freudig erwarteten kommenden Experiment.

Dieses gelang nach einigen Tagen, der Schmerz und die Befangenheit und die Scham hielten sich in Grenzen, und sie wurden allmählich glücklich

miteinander, weil es immer weniger wehtat, sondern eine immer stürmischer werdende Lust und Freude aneinander bereitete. So viel berauschende Nähe mit einem anderen Menschen hätte er nicht für möglich gehalten. Er geriet für ganzr Tage in Geburtstagslaune und nahm sie mit in seinen Jubel, der noch viel verhaltener war als seiner.

Carmen tolerierte sein Hobby, bewunderte ihn, wenn er auf regionalen Meisterschaften kleine Anerkennungsmedailllen gewann und hängte sie kunstvoll an die freie Schauwand über dem Fernseher. Allerdings kam sie immer öfter abends von ihrem Verkäuferberuf in einem Supermarkt nachhause und war traurig, wenn er bald nach dem raschen gemeinsamen Essen, das sie sorgfältig zubereitete, mit einem flüchtigen Kuss wieder zu seinen Kumpanen verschwand. Sie sehnte sich nach dem lustigen Grüppchen ihrer früheren Freundinnen zurück, das sich aber nach und nach aufgelöst hatte, weil immer mehr von den Mädchen sich mit einem Mann befreundet, verlobt oder verheiratet hatten. Er selbst wollte von Heirat noch lange nichts wissen, nicht einmal daran denken, als ihr die Idee wie ein verfrühter und sehr rechtschaffener Zukunftswunsch entschlüpfte. „Das hat doch Zeit, ich will erst wissen, ob und wie nach einer längerer Dauer unserer Freundschaft etwas Ähnliches droht wie bei meinen Eltern. Die haben sich im Lauf der Jahre oft nur noch angegähnt und angegiftet, und meine kleine Schwester, die du ja inzwischen kennstmagst, trauert still vor sich hin, weil der Vater sie immer noch eifersüchtig bewacht und sie abends kaum aus dem Haus lässt zum Tanzen. Und wenn sie den aufdiktierten Termin, zu dem wann sie zuhause sei sollte, mal überschreitet, tritt der hinter der Türe hervor, wo er gewartet hat, schreit er sie an, und zwei Mal soll er sie schon geschlagen haben. Er spinnt und verhält sich, als ob sie sein Eigentum wäre.“ Das war eine lange Antwort auf eine vorschnelle Andeutung seiner Freundin von späterer Heirat, weil sie dem losen Zusammenleben nicht aus vollem Herzen zustimmen konnte. Doch Oskar kämpfte weiter gegen seine Verlegenheit bei der Heiratsfrage und fuhr fort, über seine Schwester zu sprechen: „Ich mag sie inzwischen wieder, aber sie hat mich dermaßen ins Abseits gestellt, als sie drei Jahre nach mir kam, sie war als Mädchen das Wunschkind, der Goldschatz, blond, lebendig, gesprächig, ging dem Papa um den Bart, ich bin regelrecht verblasst neben ihr. Und dann hat sie mich auch in der Schule nach Noten überholt und war schon mit zwölf umschwärmt von Jungen aus ihrer Klasse, ich bin ich sozusagen abgeschifft, und genau in der Zeit passiert der gemeine Verrat von meinem Freund. Der zog mir im Schwimmbad plötzlich von hinten die Badehose runterzog und brüllte herum: 'Schaut euch diesen Winzling an!` Ich bin heulend nachhause gerannt, aber meinst du, ich hätte irgend jemanden von der Katastrophe erzählen können? Meine Mutter wunderte sich nur, warum ich so aufgebracht und deprimiert war,

trübsinnig und ohne Appetit. Und sie hatte nichts Besseres zu tun, mir dauernd meine Lieblingsspeisen aufzudrängen. Es war zum Kotzen.“

„Aber Liebling, schmeichelte ihm Carmen, das ist doch sowas von vergessen! Mit deinem gar nicht zu kurzen machst du mich doch glücklich, du weißt“, und sie warf sich in unvertraut kühne, für sie verwegene Jungmädchenlyrik, „dass ich ihn meinen Großen nenne und er mein Lieblingsspielzeug geworden ist, egal ob du mich besteigst oder nur schnurrst vor Vergnügen, wenn ich ihn streichle.“ Ihre lockere Sprache, die er ihr anfangs gar nicht zugetraut hätte, wurde zu einem anderen vergnüglichen Spiel mit Worten. Sie hatte sich heimlich in Sexanleitungstaschenbuch gekauft, aus dem heraus sie sich weiter zu bilden versucht hatten, und das Wort dirty talk entdeckt, und übten sich nun in schlüpfrigen, manchmal auch ordinären oder gar säuischen Reden, stolz über die Abwendung von aller vertrauten Redeweise in ihren Familien. Ihr Wortschatz wuchs, auch ihre anzüglichen Wendungen, sie suchten sich zu übertrumpfen, aber immer blieb sie eine Spur zurückhaltender und weigerte sich, wenn er sich wünschte, dass sie ihn mit herrischen Anweisungen zu sich bat und ihn mit vielen auch noch gröberen Variationen drängte: „Besteig mich sofort, oder ich werde böse!“ Sie waren stolz auf das dirty-talk-Spiel und nannten es ihre ganz private Erfindung einer unverschämten Innigkeit. Oskar, der dem Freund, wie der es nannte, seine mutige „Erstbesteigung“ verdankte, wollte ihm etwas zurückschenken und beging eine Art Verrat an seiner Freundin, indem er die frechsten Sprüche ihm ausplauderte. Aber das behielt er wohlweislich vor ihr für sich, und der Freund verbreitete den geilen Sprachstil im Club weiter, ohne seine Quelle preiszugeben.

Als Carmens Gefühle der abendlichen Vernachlässigung und Einsamkeit bedrängender wurde, besuchte sie, statt wartend zuhause auszuharren, eine frühere Freundin und erlebte dort das Glück früher Mutterschaft. Die lebenskundige Freundin riet ihr, zurückhaltend zu sein mit dem Ansprechen ihrer deutlicher werdenden Wünsche nach einem Kind, und obwohl die beiden bisher nicht verhütet hatten – es war erstaunlicherweise noch zu keiner Schwängerung gekommen – drängte nun Oskar, ohne dass darüber gesprochen worden war, zur Pille. Es gab einen wüsten, tagelang anhaltenden Streit, weil für Carmen eine reichlich frühe, ja viel zu frühe Erfüllung von Mutterschaft in weite Ferne rückte, und er begleitete sie zum Frauendoktor, sie trug dort weinend ihren Wunsch vor.

Die Pille bekam ihr nicht besonders gut, der Arzt beruhigte sie mit Eingewöhnungsschwierigkeiten, aber bei Oskar tat sich Verwirrendes, ja Beschämendes, das ihn an die Pubertätswunde erinnerte: Eine vordem unbekannte Hemmung begann in ihm zu wüten: Er begann an vorzeitigem Erguss zu leiden, aus Verlegenheit nannte er die Störung mit dem medizinischen Begriff „ejaculatio proäcox“, worüber sie gerührend staunte und er sich sich sich fast zu Tode schämte. Carmen musste ihn trösten, machte, wie sie sagte, den mutlos gewordenen Freund „immer wieder scharf“, im Glauben, ihm über den Makel hinweg zu helfen,bis es ihm lästig wurde, weil sie es partout nicht beim gegenseitigen Unglück belassen wollte. Sie suchte nach Gründen für die gereizten Wochen bei sich selbst, fürchtete, sie sei nicht mehr attraktiv genug, durchforschte die üblichen Illustrierten nach Rezepten, erhielt Hinweise auf tieferliegende seelische Krisen, die ihn vermutlich heimsuchten, was sie erst recht erschreckte, und versuchte es vorübergehend mit aufreizender Kleidung. Sie wurde heimlich Kundin bei Beate Uhse, was aber auch nichts half, im Gegenteil, Oskar geriet unter Leistungsdruck, schrie sie häufig böse an und blieb abends noch länger weg und roch bei der späten Heimkehr aufdringlich nach Tabakrauch und Bier.

Das Paar kriselte vor sich hin, Oskar traut sich nirgends Rat zu holen, selbst dem Freund verschwieg er sein peinliches Elend. Es geschah jedoch bald etwas Seltsames: Carmen, die sich auch hatte gewinnen lassen durch den gebräunten und gestählt aussehend Körper des Freundes, und die ihn immer zärtlich und bewundernd gestreichelt, sich ihm an die vorgewölbte Brust geworfen oder geschmiegt hatte, wurde unmerklich des Anblicks überdrüssig. Sie hielt die stolz gezeigten Muskelschwellungen sogar für einen Grund ihrer Vereinsamung, und schlimmer noch, sie begann sich vor den Körperausbuchtungen zu ekeln, als wären sie ein zu drastisch ausgeprägtes biologisches Merkmal geworden, auf das sie einst, wie sie sich bitter sagte, hereingefallen war.

Obwohl Oskar nach bestandener Lehre beruflich mit sich durchaus zufrieden war, zeigte auch er nicht mehr den gleichen Stolz wie früher über seine Muskeln und seine Posen. Er spürte deren nachlassende, ja Widerwillen und Abkehr erzeugende Wirkung auf die Freundin, wurde dadurch noch mehr verunsichert als durch sein zu früh hervorschießendes Sperma, verfiel in Trübsinn und verzweifelte, sein Selbstwertgefühl sank so tief wie seit der mühsam absolvierten Pubertät nicht mehr.

Er vernachlässigte seine Übungen, schaute ohne Begeisterung seinen unermüdlichen und sich immer noch steigernden Kumpanen zu, hatte keine Lust mehr auf das geliebte Kraftfutter, verfiel überhaupt einer gewissen Appetitlosigkeit, sodass seine Muskelpakete schlaffer und seine Haut darüber faltiger wurde. In den Augen der fast schon hinter sich gelassenen ehemaligen Mitstreitern bot er bald ein Bild des Jammers. Carmen wollte bald erotisch nichts mehr von ihm wissen, versagte sich sogar dem geliebten Schmusen und dem gemeinsamen in den Schlaf Dämmern, Hand in Hand oder in der bewährten Löffelstellung.

Das Paar bot einen tristen Anblick, was bei den seltener werdenden Spaziergängen durch Stadt und Park manchen auffiel, und sie gingen nicht mehr Händchen haltend und Händchen schwingend nebeneinander her. Oskar machte einen leicht verwahrlosten Eindruck, und Carmen fing selbst, an, sich was Kleidung angeht ein wenig zu vernachlässigen.

Da fasste sie eines Tages, besser während einer durchweinten Nacht, mit klopfendem Herzen den einschneidenden Entschluss, nachdem sie sich lange schlaflos hin und her gewälzt und den schnarchenden Freund lange und eher mitleidig als zornig beobachtet hatte, die Pille abzusetzen, für den Fall, dass er sich von seiner Störung erholte. Er würde toben, wenn er es erfuhr, aber bis dahin war ja noch Zeit, und sie bedachte klug, dass sie in der „Brigitte“, die sie immer öfter konsultierte, gelesen hatte, dass auch die Pille keine absolute Sicherheit gewähre und also die Chance einer Ausrede geboten war: Es handelte sich, sagte sie sich, falls sie schwanger würde, also um ein Versagen der pharmazeutischen Industrie und nicht einen eigenmächtigen Verstoß gegen die gemeinsam getroffen Entscheidung zu verhüten. Trotz ihres schlechten Gewissens war sie erleichtert und atmete tief durch bei dem Gedanken, dass sie „mutterseelenallein“, wie sie sich traurig und voller Selbstmitleid zuflüsterte, eine vermutlich lebensentscheidenden Entschluss gefasst hatte. Sie blieb aber aufgeregt und schlaflos, wälzte sich weiter und versuchte sich die Folgen einer Schwangerschaft auszumalen.

Sie dachte mit Freude an ihre Freundin mit dem lebhaften Kind, über das die Mutter so glücklich war. Ein wenig Neid kam auf, als sie überlegte, wie lange es noch dauernd könnte, bis ihr ein ähnliches Glück zuteil würde, und dann verdüsterten sich ihre Gedanken, als sich auch Oskar unruhig hin und her zu wälzen anfing, als werde von finsteren Träumen heimgesucht. Sie geriet in Panik bei dem Bild seines möglichen Zorns und erschrak bei der Vorstellung, dass er sie zu einer Abtreibung zwingen oder sie gar verstoßen oder zur Trennung zwingen könnte. Es waren absolut vorzeitige und überflüssige Ängste, wie sie wusste, und doch war sie ihnen plötzlich ausgeliefert, und zum ersten Mal fühlte sie Hass auf ihn, den sie bei allem Zorn nie gegen ihn gespürt hatte. Da lag er nun röchelnd und schwer Luft holend, und er wäre in der Lage, ihr den immer stärker werdenden Urwunsch zu versagen?

„Nicht mit mir!“, zischte sie in Gedanken und spürte eine wilde Entschlossenheit. Sie fühle sich dankbar für das bisherige gemeinsame Leben, jedenfalls das bis zu der schweren sexuellen Störung, doch nun trat eine neue Dimension möglicher Gemeinsamkeit und Verantwortung vor ihre Augen, die sich erneut mit Tränen füllten, nicht Tränen der Trauer, sondern einer unbekannten Selbstgewissheit, die sie bisher gar nicht an sich wahrgenommen hatte. Sie stand noch im Morgengrauen auf, ohne ihn zu wecken, und wanderte zum ersten Mal allein in den Park, beobachtete die langsam abnehmende Dämmerung, sah die letzten Sterne verblassen, begrüßte die Amseln, die zu ihrem Morgengesang anhoben, und fühlte sich gleichzeitig so schwer wie ein krankes Tier und so leicht wie das kecke Eichhörnchen, das sie von einem nahen Ast aus beäugte: ein verwirrender Zustand, der sie nötigte, Ruhe auf einer noch nachtkalten Bank zu suchen. Ein uniformierter Gärtner wischte die Sandwege, in etwas größerer Entfernung machte ein Müllfahrzeug erheblichen Lärm, wenn es die vollen Behälter mit Schwung hochhob und schüttelnd leerte. Sie hatte Lust, die eifrigen Männer zu begrüßen, aber die achteten nicht auf sie, und ihnen nachgehen wollte sie auch nicht, wenn das Fahrzeug leicht erreichbar immer wieder stoppte. Der polternde große Karren mit den auf und ab steigenden Männern mit der orangenen Schutzkleidung bekam etwas Tröstliches für sie, als ob wenigstens hier und in der Frühe die Welt in Ordnung wäre.

Es liefen sonst noch keine Menschen im Park herum, die sie aufgeregt hätte ansprechen können, so pathetisch war ihr zumute, doch sie nahm sich zusammen, und als sie zu frösteln begann, machte sie sich auf den Heimweg. Sie war froh, dass Oskar noch immer schlief, sie deckte ihn besser zu und freute sich auf den Kaffee, den sie sich lautlos, soweit das ging bereiten wollte.

Es folgten graue, langweilige Wochen und Monate für das Paar. Oskar hatte nach seiner Banklehre, die er mit guten Zensuren abgeschlossen, eine Anstellung bei seiner Bank gefunden, die ihn zunächst einmal in einem Hinterzimmer beschäftigte mit dem Sortieren und Nummerieren von Abbuchungsbelegen. Die Tätigkeit war nicht aufregend, aber die ruhige Routinearbeit lag ihm, er fühlte sich trotz allem gebraucht, ab und zu kam ein humorvoller junger Chef vorbei und fragte nach seinem Befinden, war auch bereit, Oskars Fragen zu beantworten, und da er sich auch für einiges Persönliche interessiert zeigte, waren die beiden bald vertieft in Fragen des bodybuilding, nachdem ihm der Chef verraten hatten, dass er gerade seinen ersten Golfkurs absolvierte. Darüber staunte der junge Angestellte, ließ sich auch ein wenig einschüchtern, weil er meinte, Golf spielten nur sehr wohlhabende Leute „aus den besseren Kreisen“. Auch der Chef wollte einiges loswerden über seinen neuen Sport, besonders als er das große Interesse des jungen Untergebenen wahrnahm, und auch dieser freute sich, Details über seine bodybuilder-Vergangenheit werbend berichten zu können. Dass er den Sport gar nicht mehr eifrig ausübte, sagte er nicht, fühlte sich aber noch immer als eingeweihter Könner und genoss nun seinerseits die Neugier des Chefs, der diese Art Sport für etwas Proletenhaftes gehalten hatte, ohne hinter deren Ziele und Geheimnisse geschaut zu haben.

Oskar wollte ihn locken und einladen, in dem Etsablissement einmal vorbei zu schauen und ihm die Trainingsmethoden zu erklären, den Muskelaufbau und die Posen. Für den Chef war die intensive Zurschaustellung der kräftigen Männerkörper von einem Hauch roher Homosexualität umweht, und er konnte sich fast nicht sattsehen an den kaum bekleideten Gestalten, die ihm fast schamlos vorkommen wollten. Er hatte als Maximum an schwach bekleideten Männern, vom Badstrand abgesehen, nur während der letzten Sommerolympiade die Ringer neugierig beobachtet, die sich mit kräftigen Armen und muskulösen Beinen umschlangen und auf den Rücken zu werfen versuchten. Warum er auf einmal so fasziniert war von diesen Körpern wusste er nicht, er kam sich in seinem eleganten Dienstanzug mit fest gebundener Krawatte plötzlich wie eingeschnürt vor und nahm sich vor, mehr als nur Golfen für seine Gesundheit zu tun. Oskar hatte im Vergleich zu dem etwas dünnbrüstigen Jungbanker noch eine recht kompakte Statur, und da Männer sich unterschwellig rasch körperlich aneinander messen, schnitt Oskar positiv ab bei dem Vergleich der Ausstrahlung und dem Schein von Kraft und Stämmigkeit. Der Chef war nicht eingeschüchtert, aber beeindruckt, auch von Oskars Händedruck und seinem freien, ja herausforderndem Blick, und dieser hätte sich gewünscht, Carmen könnte ihn so kraftvoll und leger stehen sehen in lebhaft- entspanntem Gespräch mit dem Chef. Irgendetwas fiel ihr auch auf am Abend an der Haltung des Freundes, sie nannte ihn im Stillen gestrafft und fand seine Stimme voller, und so nahm sie einen Anflug von neuer Hoffnung an sich wahr, verscheuchte ihn aber wieder mit dem allgemein bekannten Sprichwort: „E i n e Schwalbe macht noch keinen Sommer.“

Oskar verschwand nun abends nicht mehr in die Trainingshalle, sondern schob fachliche Besprechungen vor, was zum Teil auch stimmte: Der Chef hatte ihn zum Abendessen eingeladen, und an anderen Abenden waren es junge Bankkollegen, die den neuen Zugang in der Abteiung bei einem Bier kennenlernen wollten. Auch sie waren sozusagen biologisch witternd neugierig wie Tiere, die sich beriechen oder beschnuppern wollen, um den neuen Kollegen besser einschätzen zu können. Oskar bestand die Einstandsprüfungen ganz gut, auch ihnen konnte er Neues bieten aus den ihnen unbekannten Zonen der Kraftpaketsarbeit, und Oskar beschloss, das Training doch nicht ganz aufzugeben, um sein eigenes Kraftgefühl wieder zu gewinnen. Er war in der Bank wieder nur unter Männern, von den dienenden und aufschauenden und manchmal ein wenig flirtenden Sekretärinnen abgesehen, und es herrschte erneut eine mann-männliche Stimmung des Umgangs miteinander. Es spielten weniger Muskelpakete eine Rolle, sondern Feinheiten der Kleidung, informiertes Sprechen über Aktien und der Hubraum und die Höchstgeschwindigkeit des Motorrads oder gar des Autos eine Rolle, man sprach über Ausflugsziele und in der Lokalzeitung gerühmte Restaurants und redete über die möglichen Feinheit der einheimischen wie mancher fremdländischer Küchen.

Oskar hatte auch wieder Verbindung zu den Eltern aufgenommen, sie waren so stolz wie froh, dass die Sorgen um seine Zukunft sich erheblich ermäßigt hatten, sie wollten sich über die Arbeit in der Bank, den Umgangston dort und die mutmaßlichen späteren Berufschancen unterrichten. Sie ließen sich eines Tages Carmen vorstellen, es fiel in beiseite gesprochenen Verständigungssätzen der Eltern der Ausdruck „Schwiegertochter“. Sie waren also bereits mit familiären Zukunftsperspektiven beschäftigt, was ihrem Sohn, soweit er das mitbekam, ein flaues Gefühl im Magen bereitete. Alles mochte er lieber als sich, wenn auch noch unverbindlich, verplant zu fühlen, wo er doch gerade um Heirat und Kind den schwersten Vermeidungsstreit seit Anbeginn der Beziehung hinter sich gebracht hatte. Er hatte noch keine konkrete Vorstellung über seinen späteren Lebensstil, doch die kleinbürgerliche Enge von Carmens Eltern, die sich bereits für seine Schwiegereltern hielten, erschreckten ihn. Er erlebte zu viel Ähnlichkeit mit seiner eigenen Herkunft und liebte Carmen um so mehr, je mehr er einen Aufbruchs- und Bildungswillen in ihr spürte, nachdem sie das Drängen auf eheliche Ordentlichkeit und frühe Mutterschaft hinter sich gelassen hatte.

Corinna, Oskars Schwester war noch hübscher und noch frecher geworden, sie hielt sich an keine Tabus und fragte munter drauf los nach einem Verlobungstermin, „und außerdem will ich zu gegebener Zeit Brautjungfer werden, das will ich doch schon rechtzeitig und mit allem Nachdruck anmelden.“ Dem Bruder wurde schon wieder bang, nur Carmen ließt sich nichts anmerken, auch wenn ihr das Herz vorsichtig höher schlug bei Corinnas übergriffigem Werben, es war noch die reine Sympathie des jugendlichen Mädchens, die ihr da entgegen schlug. Doch blieb Oskars Mutter noch immer zu misstrauisch in die Fähigkeit ihres Sohnes, eine „wertvolle Frau“ zu finden und zu gewinnen. Hinzu kamen die immer wieder vorsichtig geäußerten Familienregeln: „Man lebt nicht auf so ungeordnete Weise jahrelang zusammen ohne feste Perspektive, und wer sich nicht zügig entscheidet, hat bereits verloren.“

Diese Regeln waren demnach ein echter Rückenwind für Carmen in ihren schwankenden Wünschen und ließen ihr Herz immer wieder sich freudig regen, auch wenn sie ihm einmal wütend zugezischt hatte: „Du hast ja keine festen Absichten mit mir, also kan ich mch auch wieder frei fühlen! Ich spüre kein Interesse an einer sicheren Bindung, und wenn ich von Kindern träume, wird dir ja schlecht bei diesem Gedanken.“ Trotzdem hatte sie sich bei Corinna frechen Wünschen so weit unter Kontrolle, dass sie nicht in zustimmenden Jubel ausbrach, sondern das ihr so freundliche Entgegenkommen der Familie still und hoffnungsvoll für sich verbuchte, ja sogar wie ein Labsal still und stärkend verzehrte. Diesen Wechsel von Ruhe und Unruhe, von deren genauem Inhalt und der Anstrengung Oskar bei Carmen nur wenig wahrnahm, fand er im Nachhinein souverän und bewundernswert. Carmen erfüllte ihn mit dem hinter seiner langen Wut in der Pillenfrage verborgenen Unruhe mit verstecktem Stolz. Er spürte also in deren Familie nicht ganz richtig nur das Wohlwollen vor allem ihrer Mutter und übersah das Berechnende in der freundlich akzeptierenden Stimmung. Es gelang der Mutter damit, Oskar das Gefühl zu geben, alter Groll und alter Zweifel an seinem Charakter seien vergeben und vergessen und eine verzeihende Heiterkeit breitete sich langsam aus. Sie dokumentierte diesen wohlwollenden Sinneswandel, indem sie ihren potentiellen Schwiegersohn herzlich zum Abschied umarmte. Es war eine Geste, bei der er, wie bei der ersten Umarmung durch Carmen, wieder einmal sich versteifte, was sie wiederum bemerkte, ebenso wie Carmen. Die versammelten Gemüter, vom stumpf dabei stehenden Vater abgesehen, gerieten also in ziemlich gegenteilige Erfahrungen und Gefühlslagen, und doch wahrten alle die Form, und der Besuch galt bei allen Beteiligten als gelungen.

Dauerhaft auseinanderklaffende Stimmungen überschatteten wenig später das junge und sich doch schon als fast alterfahren und sich bereits ernüchtert fühlende Paar. Das erotische Versagen füllte Oskar mit Gram, und er war mehr als versucht, Carmen zu beschuldigen. Noch ahnte keines der Beiden, dass es eine Hintergrundsfigur gab für das als gemeinsam erlebte Unglück. Damit ich als Autor nicht verdächtigt werde, das Rätsel mit tiefenpsychologischen Gedanken aufzuhellen, darf ich dessen Auflösung dem ruhigen und auch turbulenten Geschehen überlassen, also die beiden Opfer auf ihrem Entdeckungsgang alleine fortschreiten lassen. Den Anfang könnte bereits Oskars ahnungsvoller und doch blinder Wutsatz bilden: „Das liegt doch auch an Dir!“, wie sie es ja auch selbst verunsichert vermutete, und das verstärkte auf beiden Seiten die Unzufriedenheit und mehr noch die Unfähigkeit, sich in Gesprächen wieder anzunähern. „Mit dir kann man sowieso nicht reden!“, war ein wiederholter Vorwurf von Carmen. Aber nicht zufällig kamen sie wie zufällig auf ihre Mutter zu sprechenund gestanden sich verlängerte Abhängikeiten von ihnen. Die „innere Mutter“ von beiden war noch nicht auf dem seelischen Bildschirm, nur der geneigte und halbwegs informierte Leser hat die Person bereits gesichtet und ihre späte Wirksamkeit in der Tiefe der Beiden erraten. Der Wunsch nach klärenden Gesprächen, soweit sie überhaupt etwas geholfen hätten, außer die Beschuldigungen deutend zu vertiefen, überstieg jedoch bei Beiden die seelische wie die geistige Kompetenz, sodass beide längst bitter bitter über Alternativen zur bisherigen Lebensform nachdachten. Sie dachte in stummem Monolog: „Ichweiß nicht, ob du de Mann meines Lebens bist!“, und er grübelte vor sich hin: „Das Alleinsein war gräßlich, aber das Zusammsein ist nicht viel besser.“ Es herrschte eine schwer erträgliche Resignation, ein Stillstand mit einer stetigen Abwärtsbewegung der Gefühle. Nur stand bei Carmen die Treue nicht in Frage, sie dachte vielmehr darüber nach, ob sie nicht für ein paar Wochen das Angebot ihrer Freundin annehmen sollte, zu ihr zu übersiedeln, in der vagen Hoffnung, es könnte sich etwas zum Besseren verändern, außerdem mit der bereits wachsenden Vorfreude auf ein zeitlich auf eine unbestimmte Reihe von Tagen begrenztes Leben mit dem entzückenden Kind, dessen geliebte Tante sie werden wollte.

Als sie diesen Gedanken schließlich ihrem Freund mitteilte, erschrak sie über dessen anklammernde Wut: „Bist du verrückt geworden, abzuhauen und mich hier im Elend sitzen zu lassen?“ Es trat bei ihm nämlich eine Schicht der Bindung zutage, ihm, den plötzlich schon die Vorstellung eines vorübergehenden Getrenntseins in offene Panik zu stürzen schien. Dies wiederum verdeutlichte ihm seine ihn erschreckende Abhängigkeit von ihrer steten Gegenwart. Beide hatten nicht die geringste Übung von vorübergehender schützender Distanz, jedes kehrte abends, wenn auch gelegentlich verspätet, an den heimischen Herd zurück, selbst wenn Enttäuschung und Groll vorherrschend waren. Diese Entdeckung bestürzte und verstörte Oskar und erhöhte seine latente Wut. Er meinte, die allzu engen Bande sich geradezu schmerzhaft körperlich ganz real in sein Fleisch graben zu fühlen. Es war ihm andererseits nach heftigem Abschütteln und wütender Befreiung zumute, jedenfalls nach einer schnellen Veränderung des Gefühls der Fesselung von einer für ihn verderblichen Klebrigkeit seines plötzlich fühlbaren Anhaftens an ihr.

Die Veränderungen im erotischen Leben des Paares sind, der Leser möge es nachsehen, schwer zu beschreiben ohne eine gewisse Ausführlichkeit bei der Beschreibung ihrer sexuellen Praktiken, die weit auf in ihre Seelenlage ausstrahlten oder gar aus ihr entstanden. In einem zunächst sehr tastenden Gespräch der Freundinnen über erotische Begegnungen während ihrer Schwangerschaft und nach der Geburt erfuhr Carmen, für sie überraschend, von Möglichkeiten der Befriedigung, die ihr zunächst ganz fremd vorkamen. „Weißt du, mir hat die Frauenärztin nahegelegt“ – Carmen hatte bis dahin nicht gewusst, dass die Freundin im vierten Monat ein Kind verloren hatte – „vorerst keine wilde Sexualität mehr zu leben und eine Penetration zu vermeiden, und deshalb haben wir andere Formen von entspannender Intimität entwickelt.“ Nach dem Gespräch gab Carmen spät ihrem Freund zum ersten Mal den Vornamen der Freundin preis, Claudia, sie hatte ihn wie ein Geheimnis gehütet. In einem weiteren Gespräch gab Claudia, zunächst befangen und voller Scham, Carmen einige Einzelheiten ihres neuen Liebeslebens preis, bis Caarmen zwischendurch meint: „Das ist ja umwerfend spannend, aber mach mal Pause, ich werd' ja dauernd rot, wenn ich dir zuhöre.“ Der technische Ausdruck, den die Ärztin der Freundin mit auf den Heimweg gegeben hatte, lautete manuelle Stimulation. Sie lernte es, ihrem Mann durch einfühlsames Reiben am Penis nicht nur wohlige Freude zubereiten, sondern ihn auch, ganz nach dessen Wunsch und ihrer eigenen Erregung, zum Höhepunkt zu bringen. „Glaub´ mir, wir haben den ersten Erfolg mit einem Glas Sekt gefeiert und danach alle Scham und Befangenheit verloren und uns umarmt, mit stillem Dank an die Ärztin, für unsere neue Gemeinsamkeit.“ Etwas länger hatte die Entdeckung und Vervollkommnung des umgekehrten „manuellen Geschenks“ an die ohnehin schon glückliche Claudia: unter ihrer Anleitung schulte er seine Hand im vorsichtigen Eindringen in den vorderen Teil der Vagina, „und ich musste ihm Nachhilfeunterricht im Umgang mit der für ihn anfangs schwer auffindbaren Klitoris. Zögernd gestand ich ihm, dass ich nicht wüsste, ob ich nach einer Karenzzeit überhaupt zurückkehren wollte zu dem, was ich unter verschämtem Lachen unseren früheren Normalbetrieb nannte.

Voller Hoffnung trat Carmen in nachdenklichem Schlendern den Heimweg an, erprobte Varianten der Mitteilung an Oskar, ängstlich besorgt, wie er ihre Eröffnungen entgegen nehmen würde. Er schluckte auch dreimal kräftig, wollte Fragen und Einwände äußern, aber Carmen war klug genug gewesen, ihm vorschnelle Äußerungen zu untersagen, und so musste er sich geduldig anhören, was sie an Neuigkeiten, Vorschlägen und Wünschen mit nachhause brachte. Später in der frohen Rückschau auf dieses Gespräch nannte er ihre Ausführungen eine „ihn so andächtig wie lüstern machende Liebespredigt.“

Das erotische Glück wäre zurückgekehrt, hätte nicht ein unvorhersehbarer Umstand alles verändert. Er war durch Carmens Kunst des Umgangs mit ihrem beweglichen Schoß und Beckenboden lustvoll verwöhnt gewesen: sie hatte es geschafft, seinem Freudenbringer durch ein Lösen und Zusammenziehen der Vagina ungewohnte Genussmöglichkeiten zu verschaffen, die sie noch dadurch steigern konnte, indem sie die Beine zusammenpresste und wieder lockerte. Sie genossen das Tun wie das Reden darüber, lernten sich auf immer neue Weise kennen und entdeckten die aufregende Welt der intimen Wünsche, die mit zunächst beschämend erscheinenden Bekenntnissen verbunden waren. Beide waren so frei geworden, dass sie durch den gewohnten und früher so erregenden dirty talk hindurch schritten und mit immer vertrauteren Gesprächen dauernd zu ihrem Vergnügen die seelische Nähe wie die Lust regulierten. „Mehr Druck!“, konnte er mit unverschämtem Grinsen äußern, oder im Gegensatz dazu: „Jetzt hast du regelrecht mit deiner Handhöhle zugegriffen, und ich fühle mich liebevoll mit dein erotischen Polizeigriff verhaftet.“ Etwas übertreibend könnte man äußern, sie hätten zusammen sich Liebesliteratur erarbeitet und geschenkt, und von regelrecht geilen Schlüpfrigkeiten, die ihnen unterliefen, waren sie immer wieder zurückgekehrt auf die Sprache inniger Zuneigung.

Als Autor gebe ich zu, dass ich mich selbst zu der Kühnheit der Beschreibung und Verwörterung der Ereignisse vorarbeiten musste, immer in der Gefahr, einer lauernden pornographischen Verlockung zu erliegen. Denn es brauchte noch weitere, sonst kaum literarisch diskutierte Details, um den Fortgang der Beziehung zu charakterisieren und verständlich zu machen. So instinktiv verwöhnend Carmen mit ihrer variantenreich beweglichen Vagina mit dem Eindringling umgangen war, so unbeholfen und wenig einfühlsam führte sie lange ihre Hand an seinen so stolzen wie empfinsamen „Meister Iste“, einen Asdruck, den er noch von dem lockeren Deuschlehrer mitgebracht hatte. „Dir ist einfachnicht beizubringen, wie due mit dem Druck und der Reibung umgehen solls!“ Oft bereiteten ihre ruckhaften Bewegungen dem Freund Schmerzen, das „fremde und verwöhnte Tier“, wie sie ihn einmal verärgert nannte, reagierte verschreckt und flaute ab, sein Besitzer wurde ebenfalls wütend und zog sich schmollend zurück, indem er sich umdrehte und wütend eine gute Nacht wünschte. Die trat natürlich nicht ein, bis nach einer qualvollen Pause der eine oder andere einfühlsame Worte fand, die eine erneute freundliche Zuwendung möglich machte. „Komm´, lass uns doch wieder gut sein miteinander!“ Sie gab sich noch einmal Mühe, aber wenn es nicht nach den Wünschen des ihr verwöhnt und ungeduldig erscheinenden Freundes geschah, war auch sie verstimmt und trat in Streik. „Alle Liebe soll in mir geschehen“, forderte sie heftig und schalt ihn gelegentlich grob, weil er sich diesen urweiblichen Wünschen nicht folgsam fügte, auch wenn sie mit der Zeit nach den bekannte Katastrophennächten wider leicht zubefriedigen waren waren. Eine erhellende Lösung im Gespräch ergab sich durch ihre Erklärung, dass ihr, wenn er in ihrem Inneren sich gelassen oder tobend aufhielt, ihr eine perfekte Einfühlung und Veschmelzung möglich war, angetrieben von großer Dankbarkeit, die sofort aufkam, sobald er sie „anfüllte“. Sie nannte es auch „Stillen.“ „Aber meine Hand scheint für dich eine Arbeitshand zu sein, die den Feinheiten der von dir verlangten zarten Einfühlung nicht gewachsen ist.“ Manchmal, wenn sie selbst sehr erregt war, zog sie seine Vorhaut zu schnell zurück, dann schrie er laut und etwas theatralisch auf, als könnte sie das zur Besserung erziehen, doch sie wurde unter diesem Leistungsdruck nur ungeschickter und unglücklicher. Sein Penis hatte in der Tat etwas Schreckhaftes angenommen, und so wurden für beide die Höhepunkte langsam seltener. „Und damit du es nur weißt, in den Mund nehme ich ihn schon gar nicht mehr, seit du mit du mich so verletzt hast, ja es ekel mich, wenn ich an deine unkontrolierbaren Fontänen zurückdenke.“ Sie hatte „es“ nie wirklich gerne mit Mund und Zunge gemacht, sodass sie sich leider resigniert sagen mussten: “Unser einst so lustvolles Sexualleben ist zum Stillstand gekommen. Doch wenigsten hat die Fähigkeit zu Gesprächen zugenommen. Wir konnten uns viel mehr mitteilen, was unsere frühe Jugend anging.“ Und so entwickelten sich unter manchmal fast quälenden sexuellen erotischen Problemene etwas, das man eine ständige wechselseitige Kultur der Einfühlung nennen könnte: mitten in einer Unterhaltung hatte der eine oder andere das Gefühl einer Wiederholung von kindloichen Erinnerungen von Verstimmungen, Situationen, auf die jetzt jeder wie ein Erwachsener reagieren konnte, obwohl er es in dem bestimmten heftigen Augenblick der Kränkung gar nicht tat.

Dieses hart erarbeitete Verständnis für die bei erheblichen Missverständnissen eintretenden Wiederholung von früheren Erlebnissen, die in ihren lebenslänglichen Nachwirkungen nie ganz verstanden worden waren, sollte ihnen später bei einer weiteren Zuspitzung ihrer Konflikte hilfreich werden. Da sie ihm aber an innerer Einsicht in sich selbst ein Stück voraus war, grübelte sie an der Frage herum, ob der so unerwartet entstandene frühe und beschämende vorzeitige Erguss nicht auch das Ergebnis eines Einbruchs einer solchen seelischen Wiederholung war. Sie behielt aber die vorsichtig aufdämmernde Idee für sich, spürte jedoch einen kleinen Hoffnungsschimmer, wie er sich manchmal bei überraschenden Einsichten zeigt. Ihre Gedanken waren befruchtet worden durch eine liebevolle Beobachtung, die sie oft seiner Niedergeschlagenheit verdankte: Er hatte sich eine für sie beglückende Eigenschaft zugelegt, bei Kummer seinen Kopf in ihre Schulter-Hals-Grube so zu betten, dass sehr bald mütterliche Gefühle sie überströmten. Sie erlebte eine ganz neue Form seiner Zuneigung zu ihr, die sie anrührte wie die eines Kindes auf der Suche nach tröstender Geborgenheit, und sie machte sich ganz unvertraute heimliche Gedanken, welche unabgenabelte emotionale Bindung an die Mutter bei ihm noch vorherrschen könnte.

Die eingetretene dramatische Zuspitzung hatte zuletzt sah so ausgesehen: die Störung seiner und ihrer „normalen“ sexuellen Befriedigung kränkte ihn immer mehr, zumal sein Körper sich mehr als er ahnte auch an die heftig zustoßende, ja machohafte Bewegung beim Verkehr gewöhnt hatte. Man könnte auch sagen, er vermisste immer mehr den aggressiven, kämpferischen Anteil der Vereinigung. Er verfolgte mit zunehmender Frustration und sehnsüchtigen, ja lüsternen Augen einige junge Schöne, die er von der wieder gelegentlich aufgesuchten Höhe des inzwischen „Sportzentrums“ genannten Etablissements beobachten konnte. Und als eine von ihnen sich freudig und entgegenkommend zu einem Eis einladen ließ und ihn dafür bald mit verliebten Blicken belohnte, geschah es, dass er sie gegen Abend nachhause begleitete und zuerst aufgeregt, dann von ihr ermuntert und aufgestachelt einen ungewohnt lustvollen Höhepunkt erlebte. Kess fragte sie: „Na, warst du zufrieden?“ „Ja, jubelte er fast“, wobei es ihm trotz einigen Misstrauen auffällig gleichgültig war, ob der ihre echt oder gespielt war. Seine Carmen gegenüber rachsüchtig aufgeladene Gier nahm er sogar als ein triumphierendes Resultat seiner wilden und plötzlich ganz und gar unängstlichen Bemühung wahr, dass die rasch Bereite mehrfach aufstöhnte und ihn am Schluss dankbar umschlang. Es war gerade das Ausbleiben seiner Störung, das ihn ebenfalls dankbar beflügelte.

Sein männliches Selbstvertrauen war damit mindestens bis zur Hälfte wieder aufgefüllt, und da er lüstern hoffte, dass Carmen sich in ihrem schmerzlich abstinenten Zustand als großzügig erweisen würde, ließ er eine frühe Jünglingswunschphantasie in sich aufsteigen, nämlich nach einem erotischen Dreieck, bei dem er sich seine Carmen als begeisterte Zuschauerin bei seiner wiedergewonnen Potenz mit Corinna ersehnte, ein berauschender Verlust seines Wirklichkeitssinnes. Der war angestachelt von Swingerclub-Szenen, die er sich einigemal heimlich heruntergeladen hatte, und in denen man vielerlei Klein- bis Großgruppenarrangements betrachten und inseinem Fall bestaunen durfte.

Dies alles vollzog sich bei ihm in einem viel langsameren Tempo, als es hier berichtet wird. Ich wiederhole noch einmal, dass es mir nicht um Pornographie geht, sondern um die leidvoll Dramatik einer seelischen Entwicklung eines jugendlichen Paares mit einem bodybuilder samt seiner mühsam errungenen und anfangs kaum glaublich unerfahrenen Partnerin, die mit Hilfe von Heidi Klums Show ein erfolgreiches Model werden wollte, wofür sich gleich zehntausend anderen Mädchen annähern krank hungerte.

Sein abendliches überraschendes Schwärmen von einer Triole weckte in Carmen zunächst Widerwillen: „Nein, an so etwas habe ich noch nie gedacht in meinem Leben!, und ich finde es pervers, und dich auch mit deinen absonderlichen Wünschen!“ Der Ausdruck traf ihn wie ein Peitschenhieb, aber in Carmen arbeitete eine zunächst verabscheute Phantasie, vielleicht aufgrund ihrer überlangen Entbehrung des „erotischen Normalbetriebs“ ihrem angeblichen Ekel verlockend entgegen, aus mehreren Gründen: Erstens aus verbleibender Zuneigung zu ihm, dem sie nach wie vor erotisch zu dienen bereits war; zweitens aus der Hoffnung auf eine Entlastung in einem für sie entwürdigend gewordenem Liebesleben, und drittens aus dem Aufbrechen einer elementaren und durchaus kindlichen Neugier, die sie in abgewandelter Form nur früh gestillt hatte in den Doktorspielen ihrer frühen Kindheit. Die hatten schlagartig aufgehört, als die Kinderbande auf frischer Tat von einer entsetzten Mutter ertappt und mit Zorn, Abscheu und Verachtung samt empörter Moralpredigt betraft wurde: „Was fällt euch kleinen Schweinen eigentlich ein, solche schmutzigen Dinge zu treiben. Schämt euch!“ Und das taten sie auch und trollten sich inbeklommener Stimmung und in Angst vor einem abendlichen Donnerwetter mit den Vätern, falls die Mutter petzen und die Schandtat auch anderen Müttern verraten würde.

Unsere Beiden – sie war inzwischen längst zu ihm gezogen in die bedeutend größere Wohnung des inzwischen besser bezahlten Bankangestellten – gönnten sich zum ersten Mal eine Flasche Wein und ließen es zu, dass ihre ebenso unterschiedlichen wie gemeinsamen Phantasien und Wünsche sich zuerst abstießen und dann aufheizten.

Oskar hatte inzwischen von der „Süßen“, wie er sie ohne Namen nannte, im trautesten Zusammensein erfahren, dass das fast stadtbekannte leichtlebige Mädchen sich das karge Verdienst ihres Putzjobs durch gelegentliche Liebesdienste aufbesserte. Sie hatte also Oskar zu Werbezwecken beim ersten Mal in ihr Bett mitgenommen und das Abenteuer aus aufschießender Sympathie einige Male gratis fortgesetzt. Inzwischen fast durchtrieben geworden, war es ihm gelungen, die kleine Unterfreundin“, wie er sie in schlechtem Scherz auch nannte, in einen 400 Eurojob zu verpflichten, was sie der demütigenden Anmache vor dem inzwischen zur „italienischen Eisdiele“ avancierten Kiosk enthob und dem ganzen in ihren Augen die Würde eines vorerst unlimitierten Anstellungsverhältnisses gab: „Du Oskar, das finde ich Klasse, ich lasse alle andere Kunden fahren, das verspreche ich dir. Aber was wird deine Freundin dazu sagen?“ „Das lass meine Sorge sein!“, beruhigte er sie mit leicht angeberischer Stimme.

Carmen stimmte, ermattet von seinem Werben um den „Dreier“, eines Abends zu, dass er sie probeweise einmal mitbringe. Der von ihr bang erwartete Abend wurde unerwartet eine sehr schräge Lustbarkeit. Anders gesagt, die „Süße“ wurde für ihre nun einzige Kundschaft ein immer freundschaftlicher behandeltes Callgirls, und die erotische Welt schien vorläufig in fast bürgerlicher, aber selbsdritt gehandhabter Ordnung. Natürlich mussten erst Schlaf- und Beischlafpositionen erprobt werden. Aber da Carmen keinerlei Penetrationsbedürfnisse mehr hatte, sich aber um so heftiger nach Zärtlichkeit und Geborgenheit sehnte, außerdem den Anblick der immer noch gewaltigen, aber allmählich erschlafften Brustmuskelpakete von Oskar im intimen Beisammensein satt hatte, stellte es sich für sie in ihrer seelischen und körperlchen Not als das günstigste Arrangement heraus, dass sie sich von hinten an Oskars Rücken schmusend kuschelte, den linken Arm um ihn schlang, sich die Ohrstöpsel einsetzte und so gut es ging davon absah, was sich an ihrer Vorderseite abspielte, wobei ihr die zwei Gläser Rotwein helfen, die sie sich inzwischen öfter zu ihrem Trost gönnte.

Das junge Mädchen war eine einfallsreiche halbprofessionelle Liebhaberin, die ihren neuen Galan nach Strich und Faden verwöhnte, zuerst einmal durch lüsternes Gekicher, dessen er seit langem entwöhnt war, und das ihn wie Haremsgesäusel umgarnte. Nach dem oft ruckartig-schmerzhaften Umgang Carmens mit seinem „Zauberstab, wie er längst ihn genannt haben wollte, war es der Kleinen ein Leichtes, ihn wieder Lust zu lehren, und sie erwies sich als wahre Meisterin der Abwechslung. Er suhlte sich allmählich in neuem erotischem Glück, blieb auch potent und freundete sich immer mehr an mit der zu allem bereiten Gespielin.

Doch ach, er wurde auch verwegen und leichtsinnig und zeigte sich öffentlich mir ihr. Während Carmen sich immer mehr der Lektüre auch anspruchsvoller werdenden Bücher zuwandte, ging er mit ihr Arm in Arm spazieren, ja paradierte geradezu stolz vor der Eisdiele, grüßte nach links und rechts alte Kumpane und neu hinzugekommene Sportsfreunde aller Gattungen. Kurz, es überkamen ihn nicht mehr recht eingrenzbare Prinzen- oder Paschaallüren, ein Hinweis darauf, dass er eigentlich schon recht früh, aber lange Zeit fast unmerklich, die Bodenhaftung verloren hatte. Die Sucht der Steigerung des körperlichen Aussehens hatte manches lange überdeckt oder die Löcher in der leeren Seele scheinbar aufgefüllt. Die anfänglich als Heilung erlebte einseitige Wendung seiner Person auf den hart zu trainierenden Schaukörper hatte doch nicht ausgereicht, um ihn zu einem reifen, gar stabilen Menschen zu machen. Im Gegenteil, seine heimlichen Größenphantasien und sein Gefühl des Auserwähltsein, geerbt aus seiner hart unterbrochenen Kronprinzenrolle in der Familie hatten sich leise und von Monat zu Monat gesteigert, bis zu dem Absturz nach der, wie er es jetzt geringschätzig im medizinischen Jargon selbst nannte, Spermainkontinenz, mit einem wissenschaftlichen Begriff aus der Sprachwelt des verständisvollen, inzwischen aber stolz wieder verlassenen Psychotherapeuten.

So am Arm der Geliebten wandelnd stellte sie ihm eines Tages einem etwa fünfzigjährigen Mann vor, dem man den alternden Homosexuellen schon aus weiter Entfernung ansah. Der schien höchst erfreut über die Begegnung, grüßte das Paar übertrieben leutselig und war so indiskret wie taktlos, das Mädchen an ihre letzte Begegnung zu erinnern: „Hallo, liebreizende Anna, wie gings dir nach unserem Bettfest?“ Oskar traute seinen Ohren nicht, erschrak über die vor allem ihm gegenüber unpassende Vertraulichkeit eines ihm Unbekannten, und befragte sie nach einer ebenso taktlosen Verabschiedung des Galans– Bussi links Bussi rechts – und einem saloppen Duzen des schon etwas konsternierten Oskar, was es mit diesem merkwürdigen Menschen, der trotz seiner gewissen Verwahrlosung ein gewisses Charisma ausstrahlte, auf sich habe. „Ach weißt du, das ist der stadtbekannte Schwule Crissi, schwul ist er sei eh und je, aber alle paar Wochen prüft er nach, ob sein kleiner Heteroanteil noch intakt ist und funktioniert. Und vor ein paar Wochen hat er mich zum Probieren ausgewählt, und ich muss dir sagen“, meinte sie nach einem doch leicht verlegenen Zögern, „er vögelt noch immer wie ein Halbgott!“ Oskar verschlug es nun für eine Weile die Sprache, er riss die Kleine ruppig herum, brachte sie kalt abgewandt zu ihrer Wohnung, fing auf einem sehr verlangsamten Heimweg an zu grübeln und versuchte vergeblich, seine Gedanken und Gefühle zu ordnen, soweit das eben schon möglich war. Sich langsam einstellende ängstliche Überlegungen schob er beiseite, und doch drängten sie sich geduldig und penetrant, wie schon aus Carmens Mund kommend auf: „Was hat du eigentlich für geile Dummheiten angestellt, mit einem Mädchen, von dessen Umgang mit dem vielleicht infizierten Schwulendu überhaupt nichts weißt!“ Er versuchte zu kombinieren, was ihm aufgefallen war: die „Kleine“, wie er sie von dem Zeitpunkt an despektierlicher nannte, hatte mit diesem „stadtbekannten“ Unikum von Schwulem vor kurzem, verzückt über seine sexuelle Meisterschaft, geschlafen, vielleicht mehrfach, vermutlich wegen der höheren Leidenschaftlichkeit auch ohne Präservativ. Ob der Geselle etwa HIV-positiv war, hatte das leichtfertige Ding gar nicht interessiert, auch nachträglich schienen ihr keinerlei Bedenken gekommen zu sein. Oskar sah plötzlich in einen Abgrund, mitten aus einem eben noch genossenen Prinzenglück heraus. Er taumelte vor Angst, suchte krampfhaft überlegend nach einem Plan, wie er das möglicherweise drohende Unheil noch abwenden könnte. Wohin sich wenden? Er eilte in Panik zum „Sportinstititut“, in der Hoffnung, dort schon früh Kumpane zu finden, unter denen es ja auch einige Schwule mit HiV-Bedrohung oder -Erfahrung geben musste, die eventuell Rat wüssten. Aber das Etablissement hatte noch geschlossen. Stotternd rief er beim Gesundheitsamt an und frage, ob er sich sofort untersuchen lassen könne. Ein Telefonbeantworter verwies ihn mit teilnahmsloser Stimme an eine weit entfernte Stelle, wo ihn eine fast schon anklagend klingende Männerstimme am AB aufklärte, dass man sich zwischen 14 und 16 Uhr telefonisch anmelden müsse für einen Untersuchungstermin, Wartezeit zwei bis drei Wochen. Aus der Panik wurde tiefe Niedergeschlagenheit. Dann fiel im sein Hausarzt ein, der aber gar keiner war, weil er lange keinen Arzt mehr aufgesucht hatte.Er erinnerte sich nur an ein aufdringliches Arztschild ganz in der Nähe der Wohnung, auf dem Ssand, „Nur Privatpatienten nach Voranmeldung, ab 11uhr täglich außer mittwochs.“

Und da es noch nicht elf war und er in seiner Not trotzdem klingelte, erfolgte auch keine Reaktion auf ein schepperndes Klingelzeichen hin. Er schwitzte und fror gleichzeitig, aber die nächstgelegene Kneipe, in die er sich flüchten wollte, hatte auch noch zu. Es blieb nur der Bahnhof. Dort

fand er in dem kargen Bierrestaurant einige übernächtigte Gesellen vor einem ersten oder letzten Bier oder einer Tasse Kaffee und setzte sich zu einem etwas heruntergekommen aussehenden Mann, dem der Kopf gelegentlich auf den Tisch sank, von dem er immer wieder hochschreckte, worauf der Wirt vergeblich versuchte, ihn des Lokals zu verweisen. Der Mann war noch nicht sehr bewusstseinsklar, und als er den ermatteten Oskar neben sich niedersinken fühlte, schlang er einen Arm um ihn und lehnte sich an seine Schulter. Oskar wollte ihn zuerst zurückstoßen: „He, Du stinkender Drogenbruder, halt Abstand!“, aber dann fiel ihm gerade noch ein, dass er sich ja wie Trost und Anschluss suchend neben ihn gesetzt hatte, spüre bereits dessen Körperwärme und hörte ihn lallend sagen: „Setz dich her, bist du auch gestohnd? “ „Nein, meinte Oskar, aber in der Scheiße!“ Der Andere darauf: “Hau nicht gleich so auf die Pauke mit deinem Elend, verglichen mit mir siehst du noch ganz zivil aus. Bestell' dir ein großes Bier und bleib' sitzen, dann fliege ich nicht raus!“ Diese Einladung aus dessen Not heraus beruhigte Oskar sogar ein wenig, und er ließ nun seinen Kopf gegen dessen Schulter sinken. Die beiden bildeten ein rührendes Paar von Gestrandeten, und als der Kellner das bestellte Bier brachte, zischte er leise vor sich hin: „Das Gesindel gehört eingelocht!“ Trotzdem, Oskar hatte es halbbewusst vernommen, und mit großer Verzögerung fing er an sich zu schämen, gab sich noch eine halbe Stunde Gesindelwärme und log dann den immer wieder fast Umsinkenden an: „Du, ich muss zur Arbeit, machs gut.“

An seinen Dienst in der Bank hatte er gar nicht mehr gedacht in der Verwirrung, beschloss aber, in seinem Zustand dort nicht aufzutauchen und ging, weil es inzwischen draußen wärmer und sonniger geworden war, in den nahen Park und legte sich auf eine der noch leeren Bänke und begann einen stummen Monolog mit sich selbst: „Das hast du nun davon, du Rindviech, vögelst herum und weißt nicht mit wem und traust dich nicht mehr, deine liebe Freundin zu besteigen!“ Er erschrak dann doch über das zotige Sprachniveau, das jetzt in ihm aufstieg, er redete wie mit dem Vokabular der wenigen Kumpane, die nach dem späten Abendtraining nicht den Weg nachhause fanden und halbbesoffen sich mit zynischen Reden trösteten.

Er gab sich einen Ruck und fing an zu überlegen, wie er Carmen unter die Augen treten und mit welchen Sätzen er die Wahrheit oder wenigstens einen Teil von ihr anzugehen sich trauen würde. Immer wieder schlief er auch ein, die Bänke um ihn herum füllten sich, und als ein älteres Paar auf der Suche nach einer leeren Bank ihn unfreundlich ansprach, ob er nicht den Schlafplatz freigeben könne, stand er auf, entschuldigte sich und wanderte von Neuem herum und versuchte mühsam, erklärende, entschuldigende und um Verständins werbende Sätze für Carmen zu formulieren, von der Art: „Du, es tut mir furchtbar Leid. Ich wusste nicht mehr was ich tue. Stimmungsmäßig war ich schön längere Zeit abgesoffen, das müsstest doch gemerkt haben.“ Und schon war er in Gefahr, damit in einen anklagenden Tonfall zu geraten, wie um sich weniger schämen zu müssen. Er versuchte es mit Zerknirschung: „Liebe Carmen, ich habe dir schweres Unrecht angetan, du musst mir verzeihen.“ Dann merkte er, dass er ihr fast mit einem Befehl sich annähern wollte. “Passt nicht“, schalt er sich, „fühl' dich doch mal ein in sie!“, und erschrak bei dem Gedanken, was wohl in ihr vorgehen würde bei einer aufrichtigen Beichte. „Wie kann ich es wieder gut machen?“, übte er weiter, als ob das schon der Moment wäre, nach Bußleistungen zu fragen. Als er spürte, dass ihm nichts Brauchbares einfiel, sagte er aufrüttelnd, wie um sich Mut zu machen, zu sich wie zu einem Vertrauten und gleichzeitig Fremden in der Schmach: „Geh heim, du lässt es einfach drauf ankommen, wie es läuft.“

Auch über Carmen hingen, trotz des von ihr zuerst abgelehnten, dann gebilligten abenteuerlichen Dreierarrangement mit der 400-Euro- Jobberin dunkle Wolken. Allmählich war in ihr das Gefühl der Demütigung gewachsen, und sie überlegte, ob sie sich wieder in eine kleines Einzimmerzimmerappartement zurückziehen sollte, doch davor stand die Qual der erneuten Wohnungssuche und darüber hinaus der Schrecken des wieder Allein-Wohnens, verbunden mit der Ungewissheit, ob nach diesem Entschluss die Beziehung zu Oskar überhaupt überdauern würde. Sie musste sich eingestehen, wie sehr sie ihn liebte, und wie sehr sie sich auf eine wenn auch ziemlich verstörte Verschmelzungsbeziehung eingelassen hatte. So verharrte sie einige Wochen in quälender Unentschlossenheit, aber je länger die Entfremdung zu ihrem Freund andauerte, desto mehr reifte auch der Gedanke an eine vollständige Trennung, was ihr aber noch mehr Panik bereitete. Sie erwog sogar, ob sie ihre Eltern bitten sollte, ob diese sie für einen bestimmten Zeitraum wieder bei sich aufnehmen würden. Es kam ihr jedoch zu sehr wie eine beschämende Niederlage vor, vor allem fürchtete sie die Kommentare des Vaters, der mit besserwisserischer Miene sagen mochte: „Irgend etwas hat mir an dem affigen Kerl nie so recht gefallen.“ Und Vaters Urteil war ihr in gesellschaftliche Hinsicht nach wie vor wichtig, bei der Mutter dachte sie eher an deren mitleidsvolle Seite, vielleicht auch an ein Willkommen-Sein, um sie im Kampf gegen den griesgrämigen Ehemann zu stärken. Denn Carmens früher Auszug für ihre Verkäuferlehre war auch eine Flucht gewesen vor den ewigen Streitereien.

Es fiel ihr schwer, ein Ende der einst so hoffnungsvollen Verbindung mit Oskar sich und den Eltern ein Scheitern einzugestehen. Aber mitten in diese düsteren Nachgedanken kehrte ihr Freund zurück, mit einer Leidensmiene, wie sie sie an ihm noch nie wahrgenommen hatte.

Sie erschrak, dachte an einen Überfall oder gar eine schlimme Nachricht über eine Erkrankung seiner geliebten kleinen Schwester oder gar über ihr Ableben, oder an die Entdeckung einer eigenen schweren Erkrankung an ihm selbst. Auf ihre besorgten, auch drängenden Nachfragen schob er sie nur beiseite: „Lass mich jetzt in Ruhe, ich erzähle dir morgen, was los ist.“ Und es wunderte sie nicht einmal, dass er die „süße Kleine“ nicht zu seinem Trost mitgebracht hatte. Also kombinierte sie, als sie etwas ruhiger war, es sei mit dieser ein Unheil eingetreten, ein schweres Zerwürfnis oder gar die demütigende Trennung.

Da sie nun wusste, wie angeberisch potent er mit der Süßen gewesen sein wollte, konnte sie ihre Schreckensphantasien etwas reduzieren auf einen sexuellen Konflikt mit ihr, etwa die Wiederkehr seiner sexuellen Störung, verbunden mit einer vernichtenden Abfuhr durch das verwöhnte und verwöhnende Mädchen. Er wollte nicht einmal, dass sie sich wie gewohnt ankuschelte, dabei diesmal tröstend und nicht selbst Trost suchend. Er wurde barsch und wollte sich auf die Couch verziehen, was so noch nie vorgekommen war. Und da er sich damit, auch für ihn schmerzhaft, von ihrer bergenden Wärme hätte versabschieden müssen, schob er das Aufstehen auf, und so lagen sie noch eine gute halbe Stunde in einem Loslösung- und Bleibekrampf, wortlos und verbissen, bis er endlich den Mut fand zu gehen.

Sie weinte still vor sich hin, und ihr war am anderen Morgen zumute, als habe so gut wie nicht geschlafen. Sie fand die Couch leer, sah an dem unberührten Schlafanzug, dass er sich gar nicht ausgezogen hatte, fand einen Rest Kaffee in seiner Tasse in der Küche, und sie wusste sofort, dass er einer Begegnung mit ihr ausgewichen war. „Feigling“, dachte sie augenblicklich, und alles, was sie meinte, das sie doch als Fundament gemeinsam erarbeitet oder erlitten hätten, schien verloren, es blieb nur Geringschätzung, Wut und Trauer.

Oskar kehre nach einem elenden Tag kleinlaut und hungrig nachhause zurück, fand eine verbitterte Carmen vor, die ihn für die Nacht wieder auf die Couch verwies. Sie stellte ihm einen Rest ihres Abendessen hin, wollte aber kein Wort von ihm hören, strafte ihn mit Schweigen und vernichtenden Blicken, bis sie spürte, dass sich auch Mitleid in ihre Stimmung mischte. Beide erlebten wieder eine ziemlich schlaflose Nacht, dämmerten aber gelegentlich unruhig und zermürbt für kurze Phasen weg.

Der andere Morgen begann mit einer Katastrophe: der “stadtbekannte Schwule“, von dem sich auch herumgesprochen hatte, dass er HIV-infiziert sei, war angezeigt worden und wegen drohender weiterer Verbreitungsgefahr der heimtückischen Krankheit festgenommen und verhört worden. Er hatte in der peinlichen Befragung die Adressen von Partnern seines ungeschützten Verkehrs herausgeben müssen, die „Kleine“ war die zeitlich letzte gewesen, deshalb kam gegen neun Uhr die Polizei vorbei, um die verschlafenen Hochgeschreckten zu einer dringenden Untersuchung zu nötigen, für die sie bereits ein Termin gebucht war, in etwa einer Wochen. Die Sprache der sich zackig gebenden jungen Männer glich der von Oskar im frühen Selbstgespräch des vergangenen Tages: „Habt ihr gehört, es wird nicht mehr gevögelt, bis wir von euch Beiden den Schein haben!“ Die Polizisten hatten ihm ein eigenes Geständnis erspart, indem sie den beiden mit kriminalistisch-anklagenden Worten die Tatsachen vorhielten, mit dem demütigenden Schlusssatz: „Ihr seid nicht nur zu geil, sondern auch zu dumm zum bumsen!“ Er traf wie ein Peitschenhieb.

Das Entsetzen bei den Beiden saß tief, und sie waren nun endlich miteinander konfrontiert im Unglück. Bei einer Tasse Kaffee saßen sie sich lange stumm gegenüber, bis Carmens Schweigen in lautes Weinen überging. Oskar griff unbeholfen nach ihrer Hand und sagte ebenso unbeholfen: „Du, es tut mir unendlich Leid!“ Die Gefahr eine Ansteckung schwebte nun über beiden. Und da geschah etwas Merkwürdiges, aber letzten Endes doch Verständliches: Sie fanden in einer sich langsam zeigenden Solidarität des gemeinsam verschuldeten Pechs wieder in stockendem Gesprächsversuch zusammen: „Wir werden sehen.“

Während Oskar noch ratlos am Tisch saß, geriet Carmen in Unruhe und machte sich an ein fast hektisches Aufräumen und Wischen, obwohl alles sauber und in Ordnung schien. Sie konnte die Stille schwer ertragen und kaute noch an Oskars wuchtigem Reuesatz, der aber eine gewisse Wut in ihr erst einmal neu anstachelte: „Du machst es dir leicht, hat dir deine Mutter solche Sätze beigebracht, wenn du mal wieder was ausgefressen hattest? Oder war es ein eingeübter Satz, wenn sie dich auf die abendliche Heimkehr des Vaters vorbereitet und gleichzeitig gehofft hast, der würde die aufgeschobene Strafe vollziehen, doch sie würde nicht zu schmerzhaft: „Auf deinen Tonfall kommt es an“, pflegte die Mutter dem Verängstigten zu sagen, und eben diesen uralten, ursprünglich wirkungsvollen kindlichen Tonfall hatte er anzustimmen versucht. Doch sie kannte ihn schon und meinte heftig: „Du Scheißkerl, damit meinst du, du kämst durch, aber bei mir nicht!“, und als sie sah, dass er unter der Drohung ein wenig in sich zusammensank, besserte sie nach, inhaltlich wie im Ton: „Wenn du nur nicht so ein lieber Scheißkerl wärst, würde ich mit Fäusten auf dich losgehen.!“ Das tat sie, doch nur mit einer Mischung von sachtem Schlagen und grobem Streicheln. Und da er sofort spürte, dass die befürchtete Katastrophe keine bittere Generalabrechnung würde, wiederholt er wie zur Bekräftigung seinen Standardsatz, aber in anderer Betonung, geradezu augenzwinkernd, was ihr aber schon wieder zu schnell ging: „Unterschätze jetzt nicht gleich meinen Zorn und fang nicht gleich wieder an mit deinem Süßholzraspeln. Ich will ernsthaft mit dir reden, und du hoffentlich auch mit mir, und wenn ich merke, dass mir doch zwischendurch mal die Hand ausrutschen will, gehe ich schonungsvoll auf Abstand. Überhaupt weiß ich nicht, ob du über Gefühle, liebevolle und grässlich verletzte überhaupt reden kannst, das ist ja noch unbekannt. Wenn du anfängst, meine ins Lächerliche zu ziehen, breche ich sofort ab.“

Er schwankte noch zwischen Erleichterung und Angst, denn vorwurfsvolle oder strafende „Aussprachen“ waren ihm immer ein Gräuel gewesen, die endlosen Auseinandersetzungen zwischen den Eltern lasteten noch schwer auf seiner Seele, weil er sich auch erinnerte, dass sie in den meisten Fällen keine Entspannung brachten und einige Male in auch in Tätlichkeiten ausgeartet waren. Die kleine Schwester war dann immer unter den Tisch gekrochen, und er hatte das Weite gesucht oder nach einigen Schlichtungsversuchen, zu denen er sich aufraffte, doch nur selbst Ohrfeigen gesammelt hatte, und derbe Zurechtweisungen: „Halt du dich da raus, auch wegen dir streiten wir ja gerade, wenigstens zum Teil. Grade du musst dich aufs hohe Ross setzen und besänftigend auf uns einquatschen. Verschwinde und mach deine Schulaufgaben!“

Was man gemeinhin Gesprächskultur nennt, davon hatte er wenig mitbekommen, und sein bobybuilder-Club war auch nicht gerade sprachbegabt, wenn es um Streit und Spannung ging. Da flogen eher rasch die Fäuste, oder beliebt war bei Spannungen der Schwitzkasten, in dem schwächere Gestalten um Gnade bitten mussten. Oskars Macht- oder anfangs Ohnmachts-Karriere im Club hatte vom Schwitzkastenopfer sehr langsam zum eigenen Vollzieher solcher Strafen geführt. All das schoss ihm durch den Kopf, bis er Carmen fast anbettelte: „Sag du doch mal was. Noch einmal: Du musst mir verzeihen!“ „Ich sage gar nichts, bevor du mir nicht erklärst, ob du kapierst, war du uns eingebrockt hast. Bei mir im Kommunionunterricht sprach der Kaplan oft von tätiger Reue, davon würde ich gerne was sehen von dir.“ Oskar lenkte ein: „Ok, sag mir was ich tun soll.“ Sie: „Du hast schon wieder deinen Verführerton, merkst du nicht, wie schnell du auf eine Einladung zum Sex wartest, der alles zudecken soll? Steht er dir schon, statt mich ernsthaft um Verzeihung zu bitten. Müssen tust du überhaupt nichts!“ „Du musst mir verzeihen!“ „Hast du noch mehr solche Machosprüche auf der Pfanne? Du musst Abbitte leisten, tagelang, erst dann darfst du wieder in unser Bett zurückkehren. Strafe muss sein, auch wenn sie mir selbst weh tut. Außerdem ist bei mir da unten alles stillgelegt, seit Wochen und Monaten.“ Sie zögerte einen Moment und überlegte, ob ihr Tonfall weich oder hart genug war, um den Fortgang des Gesprächs nicht zu stören, fügte dann aber nach eine Pause listig und so drohend wie lockend hinzu: „Nicht unwiederbringlich“, und genoss das Aussprechen des kapriziösen Wortes, das sie vorbrachte wie auf einer Bühne, auf der ein Schicksaldrama verhandelt würde. Dann herrschte wieder Stille.

Zum ersten Mal in ihrer Beziehung, außer im Rausch der Liebe, in dem sie begeistert ihre entflammten Gesichter studiert hatten, um sich noch besser in der gemeinsamen Lust zu spiegeln, beobachtete jeder das Antlitz des Anderen, als ob viele neue Beobachtungen zu machen, Vertraut-Unbekanntes neu zu entschlüsseln wäre. Ein bisschen unheimlich war es schon, auf dem Hintergrund des gerade Geschehenen so forschend inspiziert zu werden, für beide. „Werde ich wirklich gesehen, erkannt, durchschaut, gewürdigt, verstanden, kann ich je wieder Freude auslösen im anderen Gesicht oder mache ich weiter in Trauer und Angst und Misstrauen und löse Verdächtigung darauf aus?“, dachten beide ungefähr in verschiedenen Variationen für sich. Immer wieder brannten ihnen die Augen vor der Intensität des Hinschauens, die Lider schlossen sich, um kurze Erholung zu suchen, doch dann neigten sich die Köpfe extrem langsam aufeinander zu, bis sie sich an der Stirn berührten.

Es war eine denkwürdige Anerkennung eines neuen Du, das trotzdem immer rätselhafter wurde. „Wer waren wir denn in unserem bisherigen sexsüchtigen Miteinander? Kann man sich lieben und so fremd bleiben? Haben wir gedacht, wir kämen an den Abgründen vorbei, auf den Schleichwegen der Illusion, des Wunschdenkens, einer falschen Vertrautheit? Wie war es uns gelungen, uns immer wieder in Sicherheit zu wiegen, die deutlichen Spuren der Fremdheit, ja des kurzen Aufblitzens von Hass zu übersehen, oder sie zu sehen und schnell wieder zu vergessen?“

Esklang fast nacheier vorbereiteten Rede.

Was beide gerade erlebten, und sie spürten es gemeinsam, war eine unbekannte Form von Andacht: so tief hatten sie noch nie den Anderen wahrgenommen, außer vielleicht wortlos, noch fern von allen Worten, in der Frühzeit, wo das Gesicht der Mutter vom Kleinkind studiert wird, als wäre nur in ihren Augen eine brauchbare Wahrheit zu finden. Und die Mutter schaut zurück, ergriffen, weil sie weiß, dass sie mit ihren Augen Zuversicht spendet, Erkennen und Erkannt-Werden, v o r allen Trübungen der Sprache, vorausgesetzt, es darf Frieden in einer sicheren Umgebung herrschen, Schutz in der Familie, in Zeiten ohne Krieg, Hunger und Verfolgung, kurz, wenn das Leben eine wirkliche Chance des menschlichen Erwachens gewährt.

Beide hatten das zwar mit ihren Müttern, später auch mit ihren Vätern erlebt, aber immer nur in Bruchstücken davon, eingebettet in deren die Generationen übergreifendem Elend, in hoffnungsvollen Aufbrüchen und Abstürzen, wie eben die unruhigen und verworrenen Zeiten es gerade erlaubten.

Carmen konnte schließlich weinen, sie trocknete mit einem Taschentuchfetzen die Tränen, aber so vorsichtig, damit sie ihre Stirn nicht von der seinen lösen musste. Fast gleichzeitig fielen beide in eine Erschöpfung, die Köpfe sanken sanft auf die Tischplatte, sie spürten deren Härte zunächst nicht, auch deshalb nicht, weil jetzt ihre Finger suchend zueinander fanden, in einem großen Bogen. Und dann fingen sie an zu lachen und schauten sich wieder gutartig ernüchtert und staunend an, wie zwei Erwachsenen, die ein unheimliches, aber trotz der bösen Hexe heilsames Kindermärchen erlebt hatten.

Beide schliefen unruhig, aber getrennt. Und als ob die Wolke über ihnen nicht dunkel genug gewesen wäre, trat mit der Post noch ein in seiner Bedeutung für Oskar nicht rasch zu ermessendes Unglück ein: noch nie hatte er in den letzten Monaten einen Brief von seiner Bank erhalten, in einem Kuvert mit dem Logo des Instituts, auf das er so stolz war. Mit einem unguten Gefühl riss er die Hülle auf, Carmen stellte sich neben ihn, weil sie ihn fahrig erlebte beim Öffnen, und noch bevor er das Schreiben auch nur zu Ende überflogen hatte, reichte er es zu ihr hinüber, sie setzte sich an den Tisch und fragte: „Was ist? Die nächste Katatrophe?“, er aber sagte ungeduldig „Lies doch, die scheinen unzufrieden mit mir.“ Carmen, als Verkäuferin gewerkschaftlich organisiert, hatte als Zeugin Anteil gehabt an einem Kündigungs-Verfahren wegen zu häufigen Fehlzeiten, und vor der Entlassungdrohung und einem Prozess hatte es genau das gegeben, was sie blitzartig beim Erfassen des Briefes in dem Wort „Abmahnung“ erkannte. Sie erfolgte, von zwei Unterschriften bestätigt, aufgrund einer „zunehmenden Zerstreutheit und Unzuverlässigkeit des Mitarbeiters“, und war mit einer strengen Warnung verbunden, dass gravierende Folgen auf ihn zukämen, wenn sich sein Verhalten nicht umgehend ändere. Oskar ließ sich auf die Couch fallen: „Das ist zu viel! Aber ich habe so etwas kommen sehen. Der junge Chef hatte ihn, aufgrund der entstandenen Sympathie, fast freundschaftlich gemahnt . „Du, die fackeln nicht lange, wenn du nicht aufpasst!“

„Ich fühle mich wie ein armes Schwein“, sagte der blass Gewordene, aber jetzt „müssen wir nach vorne schauen“, zitierte er mit bitterem Humor das stehts herausposaunte Grundmotto seiner Bank. Carmens inzwischen etwas weniger bitteres Gelächter brachte ihm aber wieder Boden unter die Füße: „Nun sei doch nicht gleich so verzweitelt, eine Abmahnung ist ein Warnschuss, du kannst das alles wiedergutmachen. Du strengst dich ein bisschen mehr an, gehst pünktlich zum Dienst, ohne die Ausfälle und Schwänzereien der letzten Zeit. Ich wecke dich einfach pünktlich, fülle dich mit Kaffee ab, küsse dich drei mal und schicke dich mit einem kräftigen Klaps aus dem Haus.“ „Wenn ich dich nicht hätte, liebe Carmen, was würde dann aus mir?“, hauchte er, doch sie, wieder kesser, je dramatischer ihm die Umstände erschienen, erwiderte: „Vorsicht, du hast mich noch gar nicht wieder. Wir müssen unser Zusammenleben neu planen. Frag' doch mal eure stolz beworbene Planungsabteilung.“ Darauf, zwischen lachen und murrend Oskar: „Du machst mich noch kränker mit deinen blöden Witzen!“ „Hältst du dich wirklich schon für krank? Das ist mir neu. Wie lautet denn deine Diagnose? Warst du bei einem Facharzt? Beim Psychiater? Durchgedreht bis du ja wirklich, aber sollte ich dich etwa einliefern? Da hätten dich die beiden Polizisten ja gleich mitnehmen können!“

Er staunte über ihre Schlagfertigkeit, hielt selbst aber nur matt dagegen: „Wirklich krank bin ich vielleicht nicht, aber ich leide, wie du merkst, an Hirnverlangsamung, das tut noch nicht einmal weh, aber ist angesichts deines Hirntempos sehr unangenehm.“ Und plötzlich begütigend: „Am Wochenende fahren wir ins Grüne, einverstanden?“ „Wenn es deiner Genesung hilft, freue ich mich darauf.“ Und noch etwas giftiger: „Soll Corinna etwa mit? Würde das deinem Spermienschaden aufhelfen? Du siehst, in mir steckt noch einiges an Wut. Aber wir haben doch auch ehrlich herausgefunden, dass in deiner Seele deine verwöhnende Mama, die dich früh verherrlicht hat, noch haust und eine verderbliche Rolle weiter spielt. Wenn es dir gut tut, dann komm ruhig als Retourkutsche auf meinen Vater zu sprechen: was der mit mir angerichtet hat. Das bedarf weiterer einsamer und gemeinsamer Erforschung. Aber bis dahin können wir uns die beiden immer wieder mal kräftig um die Ohren hauen.“ Das Geplänkel ebbte langsam ab, und sie gingen ausnahmeweise um die Ecke zum gemütlichen Frühstück in ein Café, das schon offen hatte.

Die Beiden war in eine neue Phase ihres Lebens hineingetaumelt. Das Café

war noch ziemlich leer, und die Bedienung freute sich über die frühen Gäste. Als Carmen die immer noch vorhandene, unausgeschlafene Leichenbittermiene ihres Freundes sah, bot sie an, ihm ein Frühstücksei extra zu spendieren, damit er wieder zu Kräften komme. Das war eine geschickte Überleitung zu einem Thema, das ihr als Frau besonders am Herzen lag, auch hinsichtlich eines für sie still und heimlich nicht mehr auszuschließenden Wiedererwachens ihrer Sexualität. Sie hatte ihn inzwischen ja mehrere Wochen nicht mehr nackt gesehen. „Weißt du, was mich manchmal beschäftigt? Du willst ja die Muskelprotzerei endgültig aufgeben, stimmt´s?“ Oskar nickte zustimmend. „Also, Männer können ja nicht so leicht schwanger werden. Trotzdem könnte man bei dir in deinen besten Zeiten, als du noch auf Posier-Meisterschaften gefahren bist, von einer Art Rundummuskelschwangerschaft reden, nicht wie bei uns Frauen mit wachsendem Bauch, sondern mit gut verteilten Muskelpaketen an allen möglichen und unmöglichen Stellen, außer natürlich am Bauch, der wölbt sich bei dir ja fast eher nach innen. Darin unterscheiden wir uns.“ Er: „Was brütest du aus?“ „Wie ich gehört habe, sieht der Bauch bei den Frauen nach der Geburt ziemlich faltig und schlapp aus. Sie verwenden viel Pflege und Cremes auf die Wiederherstellung einer ansprechenden Vorderseite. Selbst der Busen muss allmählich abschwellen, wobei gierige Säuglinge angeblich mithelfen können. Wie sieht denn deine Hautentwicklung aus? Schleichst du seit Wochen, ja Monaten deswegen so scheu und diskret salbend unter die Dusche?“

Oskar stöhnte: „Steck deine Nase nicht auch noch in meine Hautfalten! Ich creme mich wie eine deiner Reklamezicken im Fernsehen für die neueste Schutz- und Feuchtigkeitssalben ein und betrachte mich gymnastisch verrenkt vor deinem winzigen hoch hängenden Vergrößerungsspiegel, um zu gucken, ob ich nicht Pocken kriege, oder irgendeinen anderen Ausschlag. Es sieht aber nicht ganz obszön aus, was sich da mit der Haut tut, wie ich befürchtet habe. Wenn du keine hinterhältigen Bemerkungen machen willst, darfst du auch einmal meine Rückenpartie einschmieren, da komme ich ja nicht richtig hin. Vielleicht sollte ich auch mal zu einem Hautarzt gehen, was der den betroffenen Neuschlaff-Frauen rät, neben der Nachschwangerschaftsgymnastik. Nur, denke bloß nicht, ich würde meinen Körper jetzt unsportlich vernachlässigen und mich selbst muskulär verwahrlosen lassen. Ich gehe in die Muckibude, vielleicht weniger oft als in der verrückten Zeit – grins' nicht so dämlich zustimmend – es war nicht verrückt, es musste einfach sein, sonst wäre mir mein Körper ganz fremd geworden, vielleicht ist er es ja auch geworden auf diese Weise. Aber stark will ich bleiben, das heißt früher war es ja gar keine Kampf-, sondern Showstärke. Oder willst du einen Softy?“ „Auf so blöde Fragen antworte ich nicht, mach' doch was du willst!“, gab Carmen zurück.

Das Frühstück wurde wirklich noch ganz gemütlich, vor allem, weil sie sich entschlossen, sich im Augenblick keine Generalabrechnung vorzunehmen oder nachzuholen, sondern sich zu verständigen, was dieses ungewohnte Sich-Anschauen am Küchentisch eigentlich bedeutet und gebracht hatte. Jedenfalls hat es etwas zwischen den Beiden verändert. Doch sie fühlten sich plötzlich so scheu, dass jetzt aus einer spontanen fruchtbaren Verständigung nichts wurde. Für das Maß einer so unerwarteten Intimität des Blicks und der fast andächtig zu nennenden Berührungen der Stirnen hatten sie noch gar keine Worte. „Ich glaube wir verschieben das“, meinte Carmen schließlich, und Oskar sah sich im Moment wie von einer zu schwierigen Pflichtaufgabe befreit, obwohl er doch ahnte, wie wichtig eine offene, wenn auch erst einmal fragende „Aussprache“ werden würde. Keiner wollte zu viel von sich offenbaren auf einem noch so unsicheren seelischen Boden.

Doch wieder ergriff Carmen die Initiative und fragte so neutral und fast affektfrei wie möglich, was es sonst noch zu besprechen gebe, und da errötete Orskar leicht, obwohl ihm der neutrale Ton durchaus passte, denn er hatte ein Thema, von dem er selbst noch nicht wusste, ob es ihm peinlich war oder ob er stolz sein sollte, und es war ihm deshalb noch peinlicher, weil er fürchtete, Carmen könnte seinen heimlichen Stolz bemerken und wieder zu lästern beginnen. Denn das Thema Selbsteinschätzung, Selbstwertgefühl, Selbstliebe, Selbstüberschätzung, fehlende realistische Selbsteinschätzung und was derlei Begriffe mehr waren, die ihm noch vom Therapeuten her geläufig waren, gingen ihm durch den mit Illustriertenwissenschaft überfüllten Kopf , blieben für Oskar eine Herausforderung. In ihr schwankte er immer wieder zwischen Selbsverkleinerung und Selbsterhöhung, aufschießenden Größenphantasien und einem resignierten Kleinmut, der ihn auch ängstigen konnte.

Also fing er vorsichtig und windungsreich an: „Carmen, du hast angedeutet, dass ich ein bisschen verrückt sein könnte, erinnerst du dich an die unverschämte Frage, ob du mich einweisen lassen solltest. Ich habe dich gebührend zurecht gewiesen.“ „Oh, davon habe ich nichts bemerkt, außer einem unbeholfenem Scherz.“ „Sagen wir mal, ich w o l l t e dich tadelnd zurecht weisen und habe rasch die Notbremse gezogen, weil ich wieder unsicher war, wie du reagierend würdest, wenn ich dir eine Zurechtweisung angedeihen lassen würde.“ „Sag mal, sprichst du in der Bank auch so gespreizt? Mir ist es unbekannt, wie ich mit Zurechtweisungen mit dir leben und arbeiten soll.“ „Bitte las uns jetzt nicht über Begriffe streiten. Ich war stärker saurer auf dich, als ich es mir anmerken ließ, deshalb der Sprung in den Versuch mit Humor, der mir manchmal glückt, manchmal missglückt, während du mit deiner Frechheit immer mehr gute Treffer landest.“

„Mein lieber Drumrumreder, nein Drumrumeierer, muss ich eigentlich erraten, was dein neues Thema ist? Ist es mehr peinlich oder mehr furchterregend?“ Die Atmosphäre drohte wieder zu kippen. „Weder noch, oder doch, oder beides, es kitzelt gleichzeitig und tut weh, kennst du sowas auch? Dass du weder mit Denken noch mit Fühlen klar kriegst, was eine Anfrage bedeutet?“ So weit die gewundene Andeutung. „Du machst es spannend, das letzte Wort mit A- war die Abmahnung. Jetzt An-, wie Anmache, Angriff, Anpöbelei, Andocken, entschuldige, das klingt schlüpfrig, gedacht habe ich: „Ist es eine vorsichtige Anfrage an mich, bezüglich wieder Andocken, du verstehst was ich meine, also raus mit der Sprache, von welcher Anfrage sprichst du?“

„Deine leichtfertige Plauderstimme gefällt mir nicht, da fühle ich mich nicht ernst genommen.“ „Also es ist was zum Ernstnehmen, deine Anfrage?“ „Na klar, du solltest mich immer ernst nehmen, sehr ernst sogar!“ Carmen seufzte tief auf: „Mein Lieber, die Aufgabe, die du mir da zuschieben willst, ist zu schwer für mich. Dich s e h r e r n s t nehmen? Hältst du dich selbst für einen ernsten Fall?“ „Siehst du, da haben wir´s schon wieder, vor dem Ernst noch schnell die Kurve kriegen ins Lustige. Ich ziehe das Thema Anfrage zurück und bin beleidigt.“

Jetzt erst spürte Carmen wirklich, dass das Thema Ernsthaftigkeit verlangte, und sie entschuldigte sich: „Bitte komm unbeleidigt zurück ins Gespräch, ich werde aufmerksam zuhören, zunächst ganz ohne Kommentar und erst recht ohne Witze.“ „Ich bin gespannt, ob du das kannst, du hast etwas Bodenloses manchmal, da komme ich mir naiv und treuherzig vor, wie mit offener Flanke, und du merkst manchmal die Grenzen nicht, ab wann sogar Bösartigkeit von dir droht.“ „Jetzt mach' mal halblang, das lass ich mir von dir nicht nachsagen. Ich bin giftig, wenn du es verdient hast, und das kommt in letzter Zeit leider öfter vor als früher. Und klar, ein bisschen Gift habe ich noch auf Vorrat.“ „Siehst du, jetzt drohst du auch noch mit deinem Vorrat an Gift. Wie soll ich da noch Vertrauen zu dir haben?“ „Armer Kerl, hast du es vollkommen verloren zu mir?“ Oskar schüttelt müde den Kopf: „Lass uns ein paar Minuten schweigen“, bat er schließlich unvermittelt, und sie merkte, dass er Recht hatte, sie drohten tatsächlich, sich zu verstricken, und es wurde immer unklarer, auf welcher seelischen Ebene das Gespräch sich entwickeln würde.

Sie bestellte einen Piccolo und zwei Gläschen, die Bedienung staunte, sie hatte die Auseinandersetzung, die noch nicht weit gediehen war, heimlich verfolgt, froh über die Ablenkung an einem Vormittag fast ohne Gäste, und sagte etwas zu fröhlich für die Morgenstille im Café. „Wohl bekomm`s!“, als ob Spott in ihrer Stimme läge. „Danke“, sagten beide unisono, und Oskar bat: „Schweigeminute, bis die Gläser leer sind.“ Wieder erlag Carmen der Versuchung, einen bissigen Scherz zu machen: „Das kommt doch ganz auf dein und mein Schlürftempo an, jeder kann das jetzt steuern wie er will.“ Oskar: „Ich will gar nichts steuern, ich will endlich mit dir anstoßen“, und beide taten es so sanft und vorsichtig, als wollte jeder damit klar machen, wie friedfertig und ernsthaft gesprächsbereit er sei. „Also Prost!“. „Prost!“, und dann hörte man nur noch gleichzeitige oder sich abwechselnde Schlürfgeräusche, aus gespitzten Lippen.

Sie bemühten sich, gleichzeitig auszutrinken, hatten jedoch immerhin einige Minuten Ruhe voreinander gewonnen. Keiner wusste so recht, wie und in welcher Form und mit welchem Inhalt die Beziehung weitergehen sollte, aber wenigstens meinte Carmen, dass könne sich ja, wenn endlich die „Anfrage“ geklärt sei, sicher weiter klären. Doch Oskar war es etwas unheimlich, die komplizierte Materie im stillen Café abzuhandeln, es war ihm doch aufgefallen, dass sie Bedienung noch immer spitze Ohren machte, und so schlug er einen Spaziergang vor, lenkte wie noch träumend seine Schritte in den Park und dort auf den gleiche Weg zur rettenden Bank des Vortags. Dort ließen sie sich nieder, Carmen fiel auf, dass er kräftig seufzte und gleichzeitig strahlte, inmitten von Zeichen von Unsicherheit, wiederum, nun auf seiner Seite, als ob es sich um eine Schicksalsfrage handle. Für sie ganz unverständlich eröffnete er mit: „Meinst du ich sei sehr eitel?“ und fürchtete rasch, das Gespräch käme dadurch noch einmal auf den leidlichen Posiersport. „Mein Liebster, was willst du hören, die Wahrheit oder eine Schmeichelei?“ „Lieber die Wahrheit, aber wenn du sie mit etwas Scheichelndem mischen könntest, wäre das nicht verkehrt. Es geht um Eitelkeit, aber nicht die, die du jetzt meinst.“ „Ja leidest du denn noch an andere Formen dieser dir so vertrauten Eigenschaft?“ „Nein, aber die Anfrage könnte sie auf peinliche Weise anstacheln, sich überschlagen lassen. Es geht um eine ganz andere Art von Öffentlichkeit, von öffentlicher Sichtbarkeit meiner Person. Ich könnte dir von vielen Plakatsäulen entgegen lächeln.“ „Um Gottes willen, willst du in die Politik, Oberbürgermeister werden, oder wenigsten in den Stadtrat gewählt werden? Bist du heimlich schon in einer Partei? Das ginge nicht ohne meine förmliche Zustimmung. Du weißt doch selbst aus den letzten Sendungen im Fernwehen um das Schicksal von Politikerfrauen: Ab und zu sehen sie ihren Mann am Wochenende, wenn er Wahlkreisgespräche führen muss.“ „Keine Angst, meine Liebe, wenn aus der Anfrage etwas wird, könnten wir vielleicht sogar mehr Zeit für uns haben, der Auftrag würde immerhin ganz gut bezahlt.“

„Wenn du jetzt nicht bald rausrückst, geh ich nachhause oder besuche meine Freundin.“ „Nein, bitte hau nicht ab, es ist wichtig!“ „So wichtig, dass es dir den Mund verschließt?“ „Nein, du lässt mich ja nicht reden!“ „So so, und warum macht mich die Warterei auf deine Äußerung fast schon wütend?“ „Geduld, es fällt mir halt nicht leicht, und du könntest mir die Zusage zu der Anfrage verbieten, oder mich glücklicherweise davon abhalten, oder mir, was ich eher hoffe, um den Hals fallen.“. Carmen stand ärgerlich auf, wie um zu gehen, „Dein Eiertanz macht mich verrückt“, doch er hielt sie am Ärmel zurück und zog sie wieder neben sich. „Sag bloß du hast ein Filmrollenangebot, wegen deines Körperbaus und deiner umwerfenden Schönheit? Als Partner des Terminators? Schwarzenegger, du weißt schon. Der wurde wegen seiner Berühmheit und Schönheit dann gleich Gouverneur von Kalifornien und hat sich eine aus dem Kennedyclan gekrallt.“ Jetzt wurde Oskar wütend und fühlte sich verspottet: „Leider habe ich nur dich Lästermaul gekrallt, oder vielmehr, ließ mich krallen, die Wunden bluten immer wieder!“ „So so, wer ist mir denn hinterher geschlichen, zuletzt wie ein Stalker, bis ich zu meinem Unglück nachgegeben habe? Weißt du, wie lange ich gezögert habe, meine Eltern dein perverses Hobby zu gestehen?“ „Jetzt hör aber auf, und wie war das mit den Preisgeldern für dich, und warum hast du dann die Pokale poliert und auffällig sichtbar im Regal aufgestellt?“ „Weil ich dir eitlen Affen eine Freude machen wollte, weil du auch ein lieber Affe bist, nein warst, ein Gorilla, der sich am liebsten den ganzen Tag auf die Brust getrommelt und wie Tarzan stolz herumgeschrien hätte.“ „Diese verächtlichen Töne höre ich zum ersten Mal.“ „Mach dir nichts drauf, ich habe dich gewarnt vor meinem Giftvorrat, der muss abgetragen werden.“

Beide spürten meist gerade noch rechtzeitig, wann ein Streit zu eskalieren drohte. Früher, ja früher, fielen wir dann im Bett übereinander her und tobten uns in einen neuen Frieden. Tempi passati, „unwiederbringlich“?

„Bevor ich mich offenbare, …“ „Oh weh, schon wieder die Gestelztheit, dann scheint es wirklich ernst? Banksprache, andressiert?“ „Liebe Carmen, bevor ich mich offenbar, will ich ganz allgemein wissen, wie es für dich wäre, wenn du mich schon auf dem Weg zu deinem Laden frümorgens aufbauend und Vertrauen fordend angelächelt siehst.“ „Du weißt, ganz allgemeine Fragen beantworte ich nicht, ich gebe keine blinde Garantie, keinen Blankscheck, so heißt es doch bei euch, oder?“ „Also du weigerst dich, mich ein wenig vorbeugend zu beruhigen.“ „Geht es wirklich wieder um eine Katastrophe?“ „Nein, aber der Lieblingsspruch meines Vaters, wenn er meinte, ich würde ein bisschen angeben oder gar, wie er es nannte, großkotzig werden: ´Hochmut kommt vor dem Fall!` Das mit dem „großkotzig“ hat immer gesessen, und wenn er sich geärgert hat über mich, nannte er mich „Graf Rotz“. Er wusste genau, wie er mich treffen konnte, und die Mutter, die immer auch ein wenig an meinem Charakter zweifelte, schwankte zwischen Zustimmung für ihn und mich schonender Zurückweisung seiner für den Liebling demütigenden Sprüche.“ „Also, Graf Oskar, jetzt endlich die Mutprobe!“

Oskar streckte ihr jetzt die Zunge heraus, begann aber zu bekennen: „Du kennst die Werbeplakate meiner Bank, um Vertrauen und mutige Finanzgeschäfte. Und neuerdings finden die Chefs das Bild des Beraters, das vor allem seriös wirken sollte, zu bieder, zu altväterlich, und so weiter. Und sie wollen sich ein neues Image geben, jugendlichen, strahlend, zukunftsgerichtet, kurz was man so cool nennt, weil sie auch die jüngere Generation anlocken wollen, weil die jetzt auch Geld haben. Und da sind sie ausgerechnet auf mich gekommen, ich war zuerst platt, dann geschmeichelt, und als Graf Rotz, wenn das auch mal hilfreich sein sollte, dachte ich: ´Ihr habt Recht, ich könnte ein Werbeträger sein, für die Bildung von Vermögen, das ich selber gerne hätte. „Ich würde die wohlhabenden Kunden anlächeln wie früher dich, gewinnend, einladend, unwiderstehlich.“ Es folgte eine kurze Stille, unklaren Inhalts, dann: „Oskar, bevor du abhebst, lass mir Zeit zum überlegen, aber mein erster Einfall, angesichts unserer gegenwärtigen Lage: Ich würde dir bei jedem Bild, an dem ich vorbeikomme, die Zunge rausstrecken oder dir den Vogel zeigen.“

„Siehst du, Carmen, genau deshalb habe ich den Eiertanz aufgeführt, bevor ich zugeben wollte, worum es sich bei der Anfrage handelt.“ „Lieber Spinner, unsere Beziehung, wenn man das noch so nennen will, war jetzt wochenlang in steilem Sinkflug, und du willst schon wieder durchstarten, durch die dunkle Wolkendecke hindurch, in lichte Höhen? Was machst du denn dann da oben mit mir kleinen Verkäuferin? Käme eine schnucklige Sekretärin oder Assistentin von dir mit aufs Bild, die Frau hinter dem Manager, oder seitlich daneben, etwas unterhalb, aber aufschauend und demonstrierend, dass sich das Vertrauen in diesen Kerl lohnt? Die brauchen wohl dein abnehmendes Muskelpaket unterm Hemd, um dich als tätiges beraterisches Kraftpaket darzustellen, garantiert potent neben der Süßen im kurzen Rock, die auf deiner Schreibtischkante sitzt? Und im Hintergrund der gestylte Bungalow, mit Garten und schaukelnden Kindern und BMW davor, nach dem sie alle streben oder streben sollen?“

Carmen sah, wie er verzweifelt die Augen verdrehte, und bremste sich in ihrer Spottrede, die sie gerne verlängert hätte. Sie war in engem Kontakt mit ihrem Giftvorrat, weil sie tatsächlich Angst bekam, wie sie neben einem solchen Plakat aussehen würde. „Als repräsentative Gattin wäre die Andere irgendwann vielleicht sogar gefragt auf Bankpartys. Nicht mit mir!“, erscholl es stumm in ihrem Inneren, ein stiller Ausruf, den Oskar beinahe mithören, den er in ihrem Gesicht hätte lesen können.

„Aber sag mal, mein lieber Werbemann, wie verträgt sich die Anfrage mit deiner Abmahnung? Sind da ganz verschiedene Abteilungen tätig, aneinander vorbei?“ „Nein, sagte Oskar gequält, mein prächtiges Aussehen hat sich ja nicht verändert, und sie rechnen nicht damit, dass aus der Abmahnung eine erste Sache wird. Und die Fotos sind schon ein paar Wochen alt, da lag noch kein Schatten auf meinem Gesicht und in meiner Personalakte. Versteh doch, die Fotos zeigen mich noch in meinen glücklichen Zeiten mit dir“, und fast hätte er gesagt „und mit der Süßen“, konnte sich aber grade noch bremsen, denn da war die allerglücklichste Zeit mit Carmen ja bereits vorbei, und trotzdem hätte es gestimmt: Auch die Kleine hatte sein Bild als Werbeträger weiter beflügelt.

Trotzdem musste er zugeben: Der Druck der Plakate war noch einmal verschoben worden, seit sein Ruf in der Bank gelitten hatte, nur die Fürsprache seines jungen Chefs hatte ihn dahin gehend gerettet, dass die ganze Aktion nicht abgeblasen wurden. Der Brief wiederholt nur die ursprüngliche Anfrage, die ich dir lang verheimlicht hatte, bestätigt wurde die frühere Abmachung, du kannst dir vorstellen, wie erleichtert ich war. Ich lebte ein paar Wochen wie auf Bewährung. Die Dinge haben sich fast überschnitten. Hast du nicht bemerkt, wie konfus und chaotisch ich war über einige Wochen?“ Da war er schon wieder, der leicht anklägerische Ton, den er brauchte, um sich nicht allzu schuldig zu fühlen. Sie war es, die nichts bemerkt hatte und ihn seinen inneren Turbulenzen überlassen hatte.

„Du wirst mir immer unheimlicher, unbekannter, undurchschaubarer, ja, fast würde ich sagen hinterhältiger. Und du sollst Vertrauenswerbung machen für die Bank! Dass ich nicht lache! Ein bisschen was verstehe ich ja von Werbung als geschulte Verkäuferin. Ich schau mir genau an, was die Lieferkette verspricht in ihren Wochenendprospekten. Aber weiß du was? Falls ich je ja sagen sollte zu deinem Aufstieg in die Werbebranche – falls ich überhaupt etwas mitzureden habe, - dann bezahlst du mir von deinem Bestechungsgeld für die Freigabe deines sicher geschönten Fotos eine Ausbildung zu Verkaufsfachfrau, bei der IHK, zwei Jahre! Meinst du, ich will beruflich hinter dir her hinken?“ Ihr Sätze klangen scharf, wie vorbereitet, das waren sie aber nicht, nur der Gedanke an die Fortbildung hatte schon eine Weile heimlich in ihr gearbeitet, wie seine Werbe-Aussichten, war aber in den Hintergrund getreten, weil das Geld gefehlt hätte für die Kosten der Kurse. Wut und Schlauheit schossen zusammen, um ihr die plötzliche Chance aufblitzen zu lassen.

„Du bist ganz schon gerissen“, staunte er, und sie sagte: “Das gibt Gesprächsstoff über unsere verschiedenen Charaktere und Formen des Ehrgeizes. Wir sind beide nicht ganz so harmlos, wie wir uns gegeben haben. Du scheinbar naiver Bodyposierer mit deiner Meisterschaftseitelkeit!“ Obwohl sie noch schäumte vor Zorn, stimmte sie die Aussicht auf einen gemeinsamen beruflichen Aufstieg doch wieder versöhnlich. Das Leben schien eine unerwartete Perspektive zu bieten, für beide, ohne sich trennen zu müssen. Auch ihm fiel ein Stein vom Herzen, und er durfte abends „aber nur zum Schmusen!“, für eine Weile in ihr Bett,“angedockt wird erst mal nicht! Nur angefragt.“

Er musste es wohl zufrieden sein, obwohl ihm seine aufblitzenden Phantasien und Hoffnungen schon wieder ganz andere Bilder vorgegaukelt hatten. Es waren aufregende Zeiten, und sie bestand darauf, dass er die Vor-Anfrage und die anschließenden Verhandlungen in der Bank über seine Wahl und den Auftrag haarklein ihr schilderte. Das Innenleben in dem Institut und die Rolle ihres Freundes interessierte sie brennend, was sie bisher auch nie deutlich gezeigt hatte. Es war ein ersehnter Einblick in eine ganz andere Welt, die etwas Magisches für sie hatte, das Geldschloss mit der eleganten Fassade, mit der Einfahrt in die unterirdische Garage, in die Autos der gehobenen Klassen einfuhren und wieder herauskamen. Durch die Eingangstore für das durchschnittliche Publikum gingen ganz andere, bunt gemischte Menschen, und es kamen im Schnitt ganz andere, einfachere Menschen hinein und kamen bald wieder heraus, als die Herren, die sie mit kurzen Blick durch ihre Autofenster neugierig ausmachte. Im Beobachten war sie geübt, sie hatte, als ehrenvoll erlebt, bei einem Kurs ihres Kaufhauses gelernt, auf potentielle Ladendiebe zu achten, sowohl auf frischer Tat wie an ihrem Gebaren an der Kasse. Auch sie, und da sah sie jetzt sogar eine Parallele zu ihrem Freund, hatte eine Auszeichnung erhalten für erfolgreiches Ertappen von Dieben, die dann von den Detektiven abgeführt wurden. Das waren immer prickelnde Vorgänge, die sie lange beschäftigten. „Weißt du was“, sagte sie stolz, „wir sind bald auf Augenhöhe. Wirst du das überhaupt aushalten als geborener Macho? Dass du eine bessere und rasche Ausbildung machen konntest, ist doch nicht allein dein Verdienst, auch wenn du dir das einbildest.

Du weißt doch, dass die vereinigten Frauenfraktionen durchgesetzt haben, dass Frauen jetzt in die Aufsichtsräte und bald auch in die Vorstände aufrücken, sei es durch Quote oder durch die lächerliche Selbstverpflichtung der Konzerne- ich kann auch geschwollen reden, nicht nur du - , es bewegt sich etwas in eurer scheinbar unbeweglichen Herrenmenschenwelt.“

Oskar schämte sich darüber, wie viel er verschwiegen hatte. Dann aber stürzte er sich in die Freude, Carmen die Vor-Anfrage, die Anfrage, die Sitzung zur Besprechung des Projekt und die folgenden Termine zu schildern. Der Vor-Anfrage war eine stürmische Sitzung des Vorstands der Bank vorausgegangen, in der sich die Befürworter und die Gegner einer Erneuerung der Werbung in etwa die Waage hielten. Die beiden Gruppen unterschieden sich vorwiegen in der Altersstruktur: konservative und betagte, und rebellische und jugendlichere Stimmberechtigte. Erst als sich der Präsident auf die Seite der Erneuerer schlug – und Oskars junger Chef hatte dafür eine flammende Rede gehalten - , fiel die Entscheidung für die „Jugend“, wie der Vorsitzende nicht ohne Pathos betonte. Alle Mitglieder des Gremiums wurden aufgefordert, bildliche Vorschläge einzureichen, eine gemischte Kommission von Bankern, Künstlern, Fotografen und Layoutern wurde einberufen, die in den nächsten Wochen eingehenden Entwürfe wurden ausgestellt, unter denen auch, neben Oskars Fotos, die Konterfeis einiger anderer Kandidaten gezeigt wurden. Vor allem unter dem weiblichen Personal wurden die Portraits, aber auch die optische Präsentation der Bank intensiv diskutiert. Schließlich fiel die Wahl auf ein farblich und gestalterisch raffiniert in Szene gesetzten Entwurf. Die Wahl viel schließlich mit deutlicher Stimmenmehrheit auf Oskar.

„Ich wurde zur bekanntesten Person der Bank, wurde gegrüßt, zu privaten Kränzchen eingeladen. Ich wurde beglückwünscht, aber auch von Neidern geschnitten, und da sich unter der Hand meine Bodybuilder-Vergangenheit herumgesprochen hatte, sowohl angestaunt wie gehänselt, es war ein Wechselbad der Gefühle, und ich wusste von einem Tag zum andern manchmal nicht, ob meine Vergangenheit ein Unglück oder eine Auszeichnung war.

„Wie hast du das nur ausgehalten, ohne abzuheben, durchzudrehen oder verwirrt zu werden?“, fragte Carmen, die sich allmählich hineinfühlen konnte in Oskars Stimmungschaos währen der letzten Wochen, ja Monate:

Triumph, Zweifel, Erwähltheit und Selbstzweifel, Impotenz und rauschhafte Lust mit der Kleinen mussten durcheinander gewirkt haben. „Carmen, du hast Recht mit deiner Frage, einige Male wollte ich aussteigen, mich verkriechen, dann kamen wieder die Erregung, der Ehrgeiz, ja der so genannte Selbstdarstellungetrieb, alles durcheinander, aber plötzlich noch aufzuhören ging einfach nicht. Und dann standen ja noch die Kleiderfrage, die Einkleidung, die Fotositzungen bevor. Meine Alltagskleidung war noch keine Uniform, es war im Alltag nur Anzug mit Krawatte vorgeschrieben, nur die Spitze lief in eleganter Uniform herum, und dann plötzlich die Anproben, die Anpassungsänderungen, Frisurenexperimente, ich war oft verschwitzt, und abends dabei immer das Verbergen vor dir, vor euch, es schlug mir auch auf den Magen, ich fürchtete krank zu werden, dazu der Spott der Kollegen, ob ich jetzt Dressman werden wolle. Die Süße war hingerissen von mir, oder sie spielte das perfekt, und so brachte sie mich auch dazu, mich mit ihr öffentlich zu zeigen, sodass unsere Verbindung publik wurde. Das hat auch zu meiner und unserer Enttarnung geführt.

Der Absturz war irgendwie vorausprogrammiert, und jetzt sitze ich vor dir und flattere wieder vor Anspannung: Wie kriegen wir das wieder hin innerhalb der Beziehung, und erneut gemeinsam in den Griff? Kannst du mir verzeihen, mich noch schätzen, oder gar mehr als in unserer finsteren Zeit?“ Carmen sah, wie er zwischen Angst und Hoffnung wankte, sie suchend und zweifelnd anschaute. Das stimmte sie milde, und sie verbot sich alles Giftige, das sich ebenfalls melden wollte: „Vielleicht bräuchten wir eine Woche Urlaub.“. Dem konnte er nur zustimmen. „Doch eines wollte ich dir noch sgen: Da in unserer kargen Jugend Süchte eine Rolle spielten, bei dir die bodybuilder-Leidenschaft, bei mir der Model-Wahn, haben wir unsere beiden intensiven Körperhobbies in unserer anfänglichen Sexsucht untergebracht, über die ich mich doch nicht schämen will. Sie hat uns zusammengebracht und die frühen Verücktheiten zusammen gebunden. Es war herrlich, aber auch oft ziemlich leer und fast gefährlich. Jetzt sind wir eher gesprächssüchtig geworden, aber das bringt uns noch näher zusammen. Und der Rest kann uns ja auch weiter erfreuen, ist nicht „unwiederbringlich“ verloren. Also lass uns beraten, wohin wir frahren.

Aus dem Urlaub in Oberitalien kamen sie erholt und verändert zurück. Sie hatten unendlich viel geredet und zur Sexualität zurückgefunden, und das mit einem erweiterten Repertoir des lustvollen Umgangs miteinander: beide waren unerfahren in ihre erste erotische Begegnung gegangen und entdeckten nun eine ganz andere Breite von sexuellen Möglichkeiten, das erweiterte auch beträchtlich ihr seelisches Zusammenfinden. Sie entwickelten sowohl erotisch wie geistig eine neue Experimentierfreude und einen Forscherdrang, jeder über sich und den Anderen. „Ich wusste gar nicht, was in Dir steckte an Keckheit, Lebensfreude und Vitalität, ja an Wildheit!“, flüstere Oskar ihr bei Einsteigen ins Auto zur Rückreise ins Ohr und schaute sich spielerisch vergnügt um, ob nicht jemand Unbefugtes gelauscht hätte, sodass Carmen sich einklinkte und seinen Kopf so zu sich herüberbog, um ihm die Zunge ins Ohr zu stecken, und fragte: „Hast du mich verstanden?“ „Nein“, sagte der, „bitte sag´ es noch einmal, es klingt gut!“

Sie hatte die Freude daran entdeckt, ihre Biographien Etappe um Etappe sich zu erzählen und wetteiferten um die Genauigkeit der Erinnerungen, die immer freier strömten. „Jetzt weiß ich, was du im Kindergarten alles getrieben hast, du Schlingel“, meinte Carmen bewundernd und mit erhobenem Finger drohend, „ich dachte, du wärst ein braves Kind gewesen, der Stolz der Mutter, aber anständig, und schon in der ersten Schulklasse dann ein Musterschüler.“ Oskar freute sich über das anrüchige Kompliment zum Vorschul- und ersten Schulalter und über die Verkennung seines Ehrgeizes mit Schulbeginn. Er musste auch zugeben, dass er öfter geweint hatte, wenn unter dem von roten Strichen übersäten Diktat keine Eins stand.

Sie vertrauten sich ihre frühen Freundschaften an, Kinderglück, Verliebtheiten und herbe Enttäuschungen, Trennungen, Verrat und Cliquenverschwörungen mit Geheimsprachen und ausgesuchten Verstecken, in denen keiner sie entdecken konnten bei Versuchen, wie die Großen getrocknetes Gras zu paffen; bei den Mädchen mehr die Geheimnisse, das Kleidertauschen und die verstohlene Neugier auf die Tatsachen des Lebens. Zu manchen der Erlebnissen in der Pubertät zu stehen brauchte es Mut, und als Oskar ihr die Bedeutung des Waschbrettbauches erklärte, kicherte sie wie ein Backfisch und meinte: „Jetzt begreife ich, wie schwer du oder ihr es gehabt habt mit euren Halbstarkensorgen. Aber denk nicht´, wir Mädchen hätten leichter gehabt mit der ersten Periode oder dem Wachsen des Busens. Den haben wir untereinander, stolz oder verschämt, verglichen. Gesiegt hat in unserer Görenrivalität, wer die ersten Schamhaare kriegte.“

So tauschten sie ihre kleinen und großen Abenteuer aus, und die oft überraschenden, neuartigen, beglückenden und betrübenden und verqueren Gefühle. Wenn einer der Beiden stockte, befangen oder verschämt, durfte er sagen: „Ich muss jetzt Pause machen, jetzt bist du wieder dran.“ „Au weh“, sagte in einem solchen Fall Carmen, „jetzt muss ich mich an einen dicksten Brocken machen, obwohl ich gerade dabei war, wie ich versucht habe, sehr dünn zu sein oder zu werden, ahnst du schon was?“ Oskar konnte in dem Stadium des Geständnisses nur den Kopf schütteln. „Wehe du verziehst missbilligend eine Miene und sagst oder denkst auch nur: 'Was für eine Zicke oder eitle Ziege.' Du weißt, wir stehen uns in Sachen Eitelkeit in nichts nach, das heißt“ - es schien zu stocken bei ihr, er sah sie grübeln, bis sie sagte: „Ok, ich riskiers`. Puh, wenn ich zu rot werde, beantrage ich auch eine Pause und schick dich wieder vor.“ Sie sah an sich herunter, wie um zu prüfen, ob ein Kostüm sitze, eine vollkommen unbewusste Bewegung, die ihm aber dennoch auffiel. Es begann leicht zu knistern in der Atmosphäre, sie errötete tatsächlich ein wenig, holte ein Haarbüschel ins Gesicht, um sich ein wenig zu verstecken, seufzte und meinte, sich selbst Mut zusprechend: „Es hilft ja nichts“ , und dann fast feierlich: „Ich liefere mich deinem Urteil aus.“ „Du Liebe, mir ist nicht im Geringsten nach Verurteilen, ich glaube du spinnst, und das nach dieser Woche! Und dieser Vorarbeit!“ „Halt mich mal fest, ich wusste nicht, dass es so schwer werden würde, merke ja selbst, dass ich jetzt wirklich herumzicken könnte, bis du anfängst zu betteln oder stinkig zu werden. Und dann würde ich außerdem noch trotzig. Und jetzt könnte ich dir glatt eine kleben! In was für eine Lage bringst du mich?“ „In unsere gemeinsame selbstgewählte. Ist es wirklich so schlimm?“ „Das weiß ich doch nicht, so wie du es vorhin auch nicht gewusst hast, du hast auch rumgedruckst, also tu nicht so überlegen!“ „Carmen, jetzt spinnst du wirklich, ich wollte, ich könnte dir über die Hürde helfen. Was soll ich dich fragen, um dir einen Schub zu geben?“ Sie, etwas pampig: „Gar nichts, ich brauche keine rettenden Fragen. Gib mir einen Kuss. Vielleicht hilft das.“ Oskar spendierte sogar zwei Küsse, einen flüchtigen und einen langen. Sie bat um einen dritten, wischte ein paar Tränen beiseite und stürzte sich in das Bekenntnis:

„Also, kannst du dir vorstellen, wie sich ein Mädchen schämen kann, wenn es plötzlich pummelig wird? Ist mir aber passiert, und da fing ich aus Verzweiflung an, erst recht zu fressen, und um nicht wie eine Dampfnudel aufzugehen, fing ich an zu kotzen, erst mit Absicht, willentlich, verstehst du, und dann ging es ganz automatisch, es reichte, den Zeigefinger in Richtung Mund zu richten. Manchmal reichte es nur mit Mühe ins Klo. Und das alles noch zu verbergen, niemand sollte es merken. Und dann der Umschlag ins Fasten, die Selbstquälerei am Hausaltar der Waage, vor die ich hintrat wie vor ein Orakel, zitternd vor dem nächsten halben Pfund, das ich verzweifelt loswerden wollte, und das nicht nachgab, weder der fünften Diät noch dem Extremjogging, das ich betrieb. Aber dann gelang es doch, ich wurde magersüchtig, die Eltern drohten mir mit Klinik. Und dann kam der Model-Wahnsinn. Weiß du wer Heidi Klump ist, die mit der Sendung 'Wer wird das nächste Supermodel`? oder so, die Mädchen meldeten sich zu Hunderten, und dann hörte ich, dass die gar keine zu Dünnen mehr nehmen, schon wegen der Warnungen der Ärzte: Höchstgewicht und Mindestgewicht, Höchstgröße und Mindestgröße, alle fingen an, sich zu wiegen und zu messen. Einstudierte Posen, Augenrollen, Charme verbreiten, Nerven zeigen, cool bleiben, auf Gruppensympathie machen, keinen Neid zeigen, immer Lächeln. Ich zählte die Kalorien, die ich bis zum Mindestgewicht hinunter würgen musste, es war die Hölle. Aber, das fällt mir jetzt erst ein: Es war ja vergleichbar mit deinen Hochleistungsübungen um deine Muskel-Milli- und Zentimeter, ach, wie hat mich das erleichtert, wenn ich die Ähnlichkeit sehe in unserer Verrücktheit. Der Tisch mit den Klum-Juroren, blasierte affige Männer, dazwischen das strenge, mit vierzig eigentlich längst abgehalfterte alte Supermodel, aber zurechtgemacht wie eine Königin, jetzt Preisrichterin, und dann das Getuschel am Tisch, und das grausame „Genug, du kannst gehen! Noch kein Urteil, nur Aufschub“!, das aufgeregte Geschnatter in der Garderobe, das Warten auf einen Aufruf. Und von Stufe zu Stufe der Vorauswahl, der Ausscheidungsrunden, die engere Wahl. Die verschiedenen Beruhgungsmittel, die die Anderen nahmen, das falsche wechselseitige Loben und das Keifen hinter dem Rücken von Einzelnen, denen man die nächste oder die übernächste Stufe zutraute.

Und dann die Wichtigtuer, die Beleuchter, die Fotografen, die Assistenten, die sich weiß was ich darauf einbildeten, mit am „Set“ zu sein, wie sie es nannten, als ob ein großer Film mit ihrer Mitarbeit gedreht würde.

Und dann die Anmache hinter den Kulissen, die geilen Abstauber, die sich in die Hübschen im Bikini verguckten, die lüsternen Blicke und die verstohlenen Einladungen in irgendeinen Nebenraum. Jetzt wird es wirklich schwierig, weil mich einer in meinem Rausch und Eifer, dazu zu gehören, fast rumgekrieg hätte, stell dir vor - ach wie schäme ich mich -ich war bereit, mich vögeln zu lassen, um eines kleinen Vorteils von Aufmerksamkeit willen. Der meinte, er kenne einen der Juroren, er könne ein Wort fürmch einlegen oder ähnches Gesäusel, wir waren ja halb betrunken vor Aufregung und dachten: So kurz vor dem Ziel, ich riskier´s, so soll es ja zugehen beim Film, du kriegst eine Rolle nur über die Betten, ich wäre vielleicht weich geworden, verführbar, sogar noch stolz, dass so ein geschniegelter Angeber ein Auge auf mich geworfen hatte. So kurz vor dem Ziel, denkst du dir, es waren ja alle Maßstäbe verrutscht. Das Ziel war ja noch meilenweit entfernt, unerreichbar für mich. Und ich habe ja nicht durchschaut, dass es den Veranstaltern auch um die Einschaltzahlen beim privaten Fernsehen ging, wir waren ja ein billiger Bikinischwarm für die, der nach dem nächsten Köder schnappte. Es roch alles nach Ehrgeiz und billiger Erotik, Gier und Selbstdarstellung im Wettbewerb, und manchmal konnte ich mich auch aufgeregt entdecken in einer kurzen Werbesendung vor der großen Aufführung, mit gackernden Hühnern, in der Schlange der begierig Wartenden, auf den Aufruf. Und dann die Posen, ach Oskar, die Posen, anders als bei euch, aber nicht weniger künstlich, heute sage ich, eine halbe Prostitution. Was mich gerettet hat, weiß ich nicht, vielleicht der Ekel, den ich aus der Phase der Bulimie, so nennt man das doch, mit geschleppt hatte. Eines Tage musste ich einfach wegrennen, mitten aus einer günstigen Position in der Schlange heraus, und erreichte gerade noch, wie Monate früher in der Fressphase, die Toilette, wo auch schon eine Andere sich erbrach oder sich neu schminken wollte. Jetzt weiß du, was ich von dir verborgen hielt, wie du, einige trübe Geheimnisse. Schluss für heute, lass uns gehen!“

„Carmen“, fragte Oskar, „wie haben wir uns bloß entdeckt, in Glanz und Elend, als hätten wir einen unbewussten Riecher für einander gehabt und mussten uns doch so verstecken in unseren tieferen Sehnsüchten und Sehnsünden. Im übrigen verziehe keine Miene missbilligend, ich glaube eher, ich bin stolz auf dich, du hast viel riskiert, warst berauscht wie ich in meiner Angangs- wie in meiner Glanzzeit. Du hast dich nicht korrumpieren, dich nicht vögeln lassen, dass finde ich das Wichtigste.“ „Das kann ich mir vorstellen, das ist dir wohl das Wichtigste, sag mal, wolltest du unbedingt ne Jungfrau, du verklemmter Macho, was hast du denn vorher mit den Mädels getrieben, die um eure Muckibude bei der Eisdiele herumflanierten und einen Muskelprotz abstauben wollten, bevor du um mich herumgeschlichen bist“ „Du sagst es doch, ich war nicht nur verklemmt, ich war schüchtern und prüde und aus der Ferne geil, alles gleichzeitig, warum meinst du, dass ich in den Körperkult abgedriftet bin?“ „Schwamm drüber, so sind wir beide als Jungfrauen in unsere Affäre eingetreten. Nennt man das so? Nein, Liebesglück? Liebeselend? Hallo Jungmann, ich grüße dich!, und haben mit unseren Anfängerübungen begonnen und dann von einander gelernt. Aber je mehr ich dich mochte und glücklich wurde, desto mehr kriegte ich Angst vor dir, es kling banal, leider sehr banal, wie vor meiner Mutter, von ihr habe ich vielleicht auch die Prüderie. Und in manchem hast du ihr auch geglichen, schon mit der Stimme, mit manchen Gesten, aber hallo, mir dämmert etwas Furchtbares: ob ich deshalb auf dich abgefahren bin, deine manchmal süß säuselnde Sprache am Anfang, und eine Art Augenaufschlag, leidend und werbend zugleich. Ja, deine Anfälle von Traurigkeit, ergreifend, und ich, ich wollte dich retten, wie die Mutter vor dem Vater, oder dann dich vor deinem Alten, du hast ja sehr früh über ihn gejammert. Und als Retterin, so dachte ich, kann ich dich halten. Jetzt werde ich wieder gleich rot. Vielleicht hast du

m i ch ja auch gerettet, großer Ritter!“ „Und deshalb hast du mir den Ritterschlag erlaubt? Ich will nicht obszön werden, deshalb rede ich, sorry, ein bisschen dirty talk, ich meine die fast feierliche aufgeregte Erstbesteigung.“ „Du zynischer, geiler Hund, das nimmst du zurück. Ich will, dass die Erinnerung so romantisch bleibt, wie ich es erlebt habe, du Gefühlsrohling, verdammter!“ „Pass auf, wenn wir grade schon wieder in den Anfängen des dirty talks sind, kennst du bei Wanderung in hügeligem Land den Ausdruck ´Wandern über Berg und Tal?` Dann muss ich, wenn ich dich lüstern dich von der Seite sehe, immer denken ´Wandern über Weib und Tal!` Findest du solche Einfälle schlimm, hab ich davon zu viele?“ „Ja, früher, in meiner frommen Zeit hätte ich dich verflucht und für verloren gehalten, vorgesehen fürs ewige Feuer. Jetzt hast du mich ausreichend verdorben und ich suche, um dir zu gefallen, selbst nach solchen süßen Sauereien. Wenn du willst, verrate ich dir eine: bei Sturmfluten an der See bei manchen flachen Inseln, die zeitenweise fast verschwinden, heißt es oft ´Land unter`, und jetzt wenn ich dich – aber so flach bist du gar nicht – durch die Tür zum Bad nach dem Duschen sehe, muss ich in der Hoffnung auf die nächste abendliche Sturmflut denken ´Weib unter!` Findest du das schlimm, wolltest du so ein verderbtes Weib haben?“ „Ja, Carmen, seit langer Zeit immer mehr, aber in meiner frommen Zeit hätte ich den Spruch meiner Mutter von einer sauberen oder vielleicht sogar reinen Frau, die ich einmal suchen und finden sollte, in mir mahnen gehört, und dich hätte ich nicht auf dem engen Pfad zum Himmelreich gesehen, sondern auf der abschüssigen Bahn in die Hölle.“ „Also gut, mein Lieber, wir haben ziemlich rein angefangen, auch wegen mangelnder Versuchungen in unserer kleinkariert engen Familienumgebung, und so haben wir uns ja füreinander aufbewahrt, als ginge es um eine keusche Vorbereitung auf die Ehe, aber sowas willst du ja bis heute nicht, du Scheusal.“ „Sachte sachte, wer hat mich später als mondsüchtig veralbert, als ich öfter mal mit dir im Mondschein spazieren gehen wollte, Hand in Händchen. Huh, hast du gesagt, da kriegt man ja eine Gänsehaut vor Andacht. Ja, die hatte ich auch, aber wenigstens hast du dich bei Vollmond intensiver als bei Tag küssen lassen, so verschieden können Leute reagieren.“ „Ich bin kein Leut, ich bin deine inzwischen wieder hoffentlich einzige, einzigartige Freundin!“ Oskar war gerührt und sagte nur „Carmen, du wirst lachen, aber das stimmt!“ „Dann glaub ich es halt mal, auf Verdacht.“

Durch das neu hergestellte Glück und immer mal wiederkehrende Krisen hindurch vergingen einige Wochen, bis zu dem Tag, als in der Stadt an vielen Plakatsäulen und –wänden das neue Werbeplakat erschien. Oskar strahlt darauf eine einladende Zuversicht aus, manche Menschen blieben einen Augenblick stehen, andere gingen oder eilten achtlos vorüber. Einer der mehrfach stehen blieb auf dem Weg zu Bank, war Oskar, der sich freute und selbstverliebt ansah, aber sich auch umschaute, ob er nicht beobachtet würde bei seinem Anstaunen der eigenen Person in Überlebensgröße. An seinem Arbeitsplatz selbst hatte er allerlei Kommentare zu bestehen, von Glückwünschen über anzüglichen Bemerkungen über seine Schönheit, und in deren Gefolge Warnungen: „Hoffentlich schnappst du uns jetzt nicht über!“ oder „Werden wir ähnliche schöne Bilder schon sehen bei nächsten Landtagswahlkampf? Welcher Partei wirst du dich andienen?“ Er erwartete sehnsüchtig das Ende des Arbeitstages, um sich zu erholen von der dauernden narzisstischen Anspannung, um vor einem gemeinsam angeschauten Plakat sich einerseits zu beruhigen, andererseits sich zu vergewissern, dass die Beziehung zu Carmen nicht litt unter der Überschwemmung durch die überdimensionalen Porträts. Carmen hatte bei ihrem Gang gegen Mittag zu ihrem Supermarkte den vervielfältigten Oskar natürlich auch gesehen und sah sich den widersprüchlichsten Gefühlen ausgesetzt: Stolz und Freude, fühlte aber wie Oskar eine verwandte Angst, wie sich die Beziehung verändern würde. Um sich zu beruhigen, sagt sie so schnoddrig wie möglich zu ihm: „Na du eitler Affe, hoffentlich schnappst du nicht über!“, und dann stellte sich ein bitterer Gedanke ein: „Wo bin eigentlich ich auf dem Bild, gehöre ich nicht neben ihn? Schließlich sind wir ein Paar, und die gestylte Sekretärin rutscht hoffentlich bald von der Kante seines Schreibtischs runter. Und kann ich dir noch das Wasser reichen? Was wird passieren, wenn wir jetzt in der Stadt manchen von seinen Kollegen begegnen?“ Bunte und dunkle Sorgen suchten sie heim, und sie wünschte sich, dass er abends bald auftauchen würde. Beide waren es inzwischen ja gewohnt, sich vor einem kritischen Aufeinandertreffen durch vorbereitete Probesätze zu wappnen, vor allzu unerwarteten Reaktionen des Anderen.

Ihre noch imaginären Gesprächseröffnungszüge lauteten ungefähr so, zuerst neutral: „Du die Stadt ist voller Oskars, wie ist das für dich? Oskar, du siehst fantastisch aus. Oskar ich bin stolz auf dich. Ich habe mich auf dem Weg zur Arbeit gefreut und geängstigt. Ich habe mich umgeschaut, ob mich jemand beobachtet. Ich bin gleich weitergegangen, damit ich nicht auffalle beim Hinglotzen, beim unsicheren Stehen auf weichen Knien, kurz hatte ich Angst vor eine Ohnmacht, und ich hatte Angst vor den Kolleginnen, einige

kennen uns ja gemeinsam. Das Geläster und den Neid auf den Strahlemann da oben, und die Kommentare über deine gestylte Frisur, dein Lächeln und die brandheute Paradeuniform“, kurz, ihre Einfälle überschlugen sich, und sie genehmigte sich einen Beruhigungstee, um nicht zu aufgeregt sein, wenn sie ihn die Treppe hochkommen hörte.

Doch es kam dann alles ganz anders. Sie hatte sich hübsch zurecht gemacht, wollte ihn strahlend begrüßen, doch er stürzte sich auf sie zu, umklammerte sie wie Halt und Hilfe suchend und bat: „Carmen, nimm mich ganz fest in den Arm, ich bin ko und aufgekratzt, habe Kopfweh, weiche Knie und Angst, wann ich wieder Boden unter die Füße kriege.“ Sie tat erfreut, was er brauchte, und er stammelte fast: „Ja drück nur fest, dein Körper soll mich beruhigen, es klingt verrückt, aber du musst mein Boden sein“. Wohl fast gleichzeitig erinnerten sich beide an seinen früheren Krisenbefehl: „Carmen du musst mir verzeihen!“, aus altem Tagen, und beide fühlten in der ihn umklammernden Umarmung Wärme und vorsichtig Lust aufsteigen, und sie rissen sich in der Erregung, die sich so rasch verwandelte, fast die Kleider vom Leib und liebten sich mit einem die Zukunft beschwörenden Eifer, der alle befürchteten dunklen und magischen und beschwörenden Bewegungen, die den sich auftauenden Abgrund der Fremdheit, vor dem sich beide gefürchtet hatten, schnell wieder schließen sollte. Carmen küsste ihn ausgelassen, Oskar versucht, in ihn einzudringen, aber nicht in sexueller Gier, sondern wie auf der Suche nach Wiederankommen nach fast verlorener Heimat und Geborgenheit. Und dennoch hielt seine Potenz, trotz aller vielgestaltigen Erregung auf vielen Ebenen stand. Ermattet schliefen sie ein. Der andere Morgen brachte einen langen Austausch über die überstandenen Gefühlsstürme des vergangenen Tages und eine Reihe von Bekenntnissen, vor denen ihnen ebenfalls bange gewesen war.

Nachdem die erschreckende Mahnung durch die Mithilfe des jungen Chefs vom Tisch war, wurde Oskar vom Leiter der Fortbildungs- und Schulungsabteilung zu ihm gerufen worden, der ihm eröffnete, die Abteilung Kreditvergabe erwäge, ihm einen Schulungskurs zu gewähren im Haus zu gewähren, der gleichzeitig eine Auswahlveranstaltung sei für einen weiteren Fortbildungsweg. Oskar erbat sich einen Tag Bedenkzeit und eilte zum jungen Chef in dessen Büro, um ihn zu befragen, was dieses Angebot bedeute, und der warf sich kaum merklich in die Brust und sagte nicht unbescheiden, das verdanke er ihm, und er dürfe sich in Zukunft als sein Vitamin B betrachten, was der junge Angestellte nicht verstand. „Was bist du für ein Grünschabel“, spottete der Angeber und erklärte ihm: „Vitamin B bedeutet: Du hast Beziehung zu einflussreichen Leuten, die ein gutes Wort für dich einlegen können, wo ihr Arm eben hinreicht. Oder sie können gleich zum Förderer werden, wenn sie selbst eine gewisse Macht haben. Kapiert?“ Oskar nickte gelehrig und dankbar, also „Du vergibst Vitamine?“ „Schlaumeier!“, holte der Chef zu einer Präzisierung aus. „Ich bin hier Abteilungsleiter und habe gute Drähte zu einigen höheren Vorgesetzten, so zum Beispiel zum Leiter der Fortbildung. Und den habe ich auf dich aufmerksam gemacht, einen Mann mit möglicher Zukunft. Verstehst du endlich? Und die Werbegeschichte ist dir ja auch nicht einfach in den Schoß gefallen. Das brauchte auch einen kleinen Fingerzeig.“ „Aha“, schluckte Oskar, so läuft das hier.“

Er machte sich auf in sein kleines Büro und fing an nachzudenken. Also kaum war der aufregende Werbecoup gelaufen, trat eine neue Versuchung an ihn heran, der nach beruflichem Aufstieg aussah, vielleicht sogar ein wenig außer der Reihe, wie er gleich vermutete, weil er eben mit seiner Ernennung zum Werbeträger einen Schub des Selbstwertgefühl verspürt hatte. Schon wieder war mit Carmen eine Beratung oder Auseinandersetzung zu bestehen, weil es wieder um seinen Ehrgeiz und die Gefahr ging, ob sie meinen würde, er werde bald an ihr „vorbeiziehen“ und sie mit ihrem Verkäuferdasein stehen lassen. Doch siehe da, als er ihr abends „Bericht erstattete – ein Ausdruck bereits aus dem unteren Bankjargon, weil er zum Berichterstatten immer wieder verpflichtet war – stieß er nicht auf Irritation oder Ängste oder gar Neid, sondern sie machte sich ebenfalls ans Berichten, was sie sich unter dem Erleben seiner neuen öffentlich sichtbaren Plakatexistenz nicht nur überlegt, sondern bereits zu organisieren begonnen hatte: „Ich habe mich zur Ausbildung zur Verkaufsfachfrau bei der IHK angemeldet und bin angenommen worden. Was sagst du nun?“ Oskar sagte zunächst gar nicht und versuchtr seiner widersprüchlichen Gefühle Herr zu werden. Trotz der Krisen, auch wegen seines sexuellen Versagens und seiner Kapriolen mit der Kleinen, hatte er immer den Eindruck gehabt, Carmens Ehrgeiz hätte sich mit der Aufgabe des Model-Projekts weitgehend gelegt, und sie bleibe, von groben Veränderung ihres Lebenswandels und ihres Bildungswillensabgesehen die Alte: pünktlich zuhause, zum Kochen, zu Gesprächen und zur Liebe bereit, zwar lesend, aber nicht „studierend“, lernend, aber nicht in Lehrgänge und die zu erwartenden Hausaufgaben und Kursvorbereitungen versenkt. Das also sollte sich ändern, das war die bedrohliche Seite der Angelegenheit. Aber im Stillen freute er sich doch, wie aktiv sie war, und wie sehr sie in Sachen Fortbildung an seiner Seite bleiben wollte. Zuerst drängte es ihn, seine griesgrämige Seite, aber mit Humor in der Stimme zu zeigen: „Wo bleibt dann die züchtige, Freund und Haushalt versorgende Hausfrau – er dachte an die schichte Geborgenheit, die seine Mutter, wenn es in der Ehe nicht gerade krachte – ausstrahlte und schuf, ohne höhere Flausen im Kopf. Aber dann versuchte er es mit Begeisterung, die Carmen vorsichtig anzweifelte: „Es klingt ein bisschen übertrieben, wie du da über mich vor dich hin schwärmst. Die Rakete ist ja noch gar nicht losgegangen, doch es steht zu erwarten, dass du mich auf die Dauer ausgeglichener und zufriedener finden wirst. Ein paar Zacken aus deiner Krone könnte es schon kosten. Wir können noch nicht abschätzen, was der überlegen sein wollende Macho in dir noch anstellt. Es wir Kurse für mich geben, „berufsbegleitende“, so hieß es, die bis weit in den späten Abend reichen. Und ob du dir dann noch meine Erkenntnisgewinne anhören willst, ist sowieso fraglich. Aber eine gewisse Anteilnehme ist gefordert. Ich habe dich ziemlich verwöhnt mit meiner aufrichtigen Neugier auf alles, was mit dir bei der Konkurrenz geschieht. Mit Konkurrenz meine ich natürlich die Bank, nicht deine unterwegs aufgelesene zweifelhaft Flamme. Wir werden einen zweiten Tisch brauchen, wenn wir parallel an unseren Karrieren arbeiten. Aber ich verspreche dir, ich werde ab und zu von meinen Büchern aufblicken und zu dir rüber winken.“ Oskar übte zum Spaß das Winken mit gravitätischen Armbewegungen, wie amerikanische Präsidenten, wenn sie den Hubschrauber ins Wochenende besteigen wollen. Ronald Reagan war darin ein Meister. Die Bedeutung der Geste: „Alles in Ordnung, Tagwerk geschafft, genießt den Feierabend, wie ich auf meiner Ranch. Ich grüße euch, God bless America!“ Aber da Carmen Reagan gar nicht mehr erlebt hatte und seine Abendabschiede, anders als Oskar, nie im Fernsehen rückschauend betrachtet hatte, verstand sie sein Gewinke nicht und tippte sich an die Stirn: „Wir beiden Ehrgeizlinge müssen ganz andere Umgangsformen miteinander lernen. Einverstanden?“ „Na, Schatz, die wichtigsten sollten wohl erhalten bleiben!“ Sie verstand die erotische Anspielung und steckte ihm die Zunge heraus: „Wüstling!“ „Im Übrigen: Der Hauptabteilungsleiter ließ heute einen interessanten Satz fallen: 'Herr Sowieso, je nach Ihrer Zukunft im Haus sollten Sie uns irgendwann Ihre Partnerin oder Ehefrau vorführen. Auch für Sie sollte die wilde Junggesellenzeit einmal zu ende sein.' Ich dachte, der hat sie nimmer alle, aber mit der Lady, die er besichtigen wollte, hat er wohl dich gemeint, unbekannterweise.“ Carmen zeigte ihre schönste Wut: „Meinst du ich lasse mich bei denen vorführen, auch noch von dir, stolzer Macho mit weiblichem Anhang! Wieso hat er nicht gleich von Gattin gesprochen und wie auf dem deinem Reklamebungalobild mit vorzeigbar glücklichen Kindern im Garten verlangt?“ Carmens geheime Träume von Familien kollidierten heftig mit ihrem Zorn auf die Normalitäts- und Vorführwünsche der mittleren Chefetage. „Was hat der denn für altertümliche Vorstellungen!“ Und als die Wut heftiger wurde, zischte sie ihrem Freund zu: „Sag dem, er kann mich am Arsch lecken, ich werden nie seine Familienwunschkuh! Lieber lass ich mich von dir aus lauter Trotz noch ein lediges Kind machen!“, und das war das unbeabsichtigte erste klare Geständnis eines Kinderwunsches. Was war alles hereingebrochen über den am Küchentisch niedersinkenden Oskar. Und er sah sie staunend entflammt und kampfbereit, aber in seiner erschreckten Phantasie in die falsche, zumindest enorm verfrühte Richtung, mit der er sich zwar gelegentlich ängstlich beschäftigte - auch er hegte Normalitätswünsche, aber doch nicht „in diesem hektischen Tempo“, warf er ihr zu.

„Ich muss ja nicht gleich trächtig werden, falls dir das, wie zu sehen, Panik macht. Aber dein Abteilungsleiter gefällt mir irgendwie doch. Das mit dem Arschlecken nehme ich zurück, aber ich erlaube dir, wenn es deine Karrierewünsche fördert, dass du mich wie beiläufig mal in die Bank mitnimmst und mir einen Auftritt verschaffst, aber erst nach dem bestandenen Auswahlkurs für m e i n e Karriere, auch wenn die bis jetzt nur schleichend anfängt. Ich bin kein Hausmütterchen zum Vorzeigen! Ein Kleid wird es dich kosten, wenn es soweit ist, wegen dem repräsentativen Auftreten, wie es bei euch wohl heißt!“ Sie konnte sich einen groben Halbfluch nicht verkneifen, auch um ihn ein wenig zu ärgern. Er kam ihr bei den Themen zu gelassen vor: „Scheiß drauf!. Dass du es nur weißt, ich häute mich, wie eine Schlange. Und ich werde dich umschlingen wie eine Riesenschlange! Bis du röchelnd um Vergebung flehst.“ „Was habe ich denn verbrochen, wie habe ich deinen kommenden Würgegriff verdient?“ „Es ist die Strafe, falls du ein Normalo werden solltest, mit Normalo-Vorstellungen, wie meine Eltern.“ „Gut“, spottete er, „ich werde dich wie ein Ritter freikämpfen von dem grausam altmodischen Königspaar.“ „Nimm dich in Acht, auch wenn ich über die lästere, heißt das nicht, dass du auch das Recht dazu hast. Familie! Familienehre geht vor.“

Inzwischen hatte beide ihre ersten Kurse absolviert, mit unterschiedlichen Erfahrungen und Lernstoffen. Carmen fühlte sich wie in der Schule, es ging strikt nach Lehrbuch zu, nach strengem 45-Mintuen-Rhythmus, mit schrillem Klingelzeichen, Aufrufen, Fingerstrecken, schullehrerhaftem Lob und ebensolchem Tadel, sodass sich Carmen an manchen Tage vorkam sowohl wie ein kommendes Verkaufsgenie oder eine Versagerin. Denn die arbeiten mit diesem Stil einiger Lehrer sogar mit Beschämung, als ginge es auch noch um eine charakterliche Nacherziehung. Die Schülerinnen klatschten natürlich kräftig über die Dozenten, und heiß gefragt waren Auskünfte über deren Ausbildung und privatem Leben. Einige Männer wurde umschwärmt, andere, seltsamerweise eher die Frauen, streng kritisiert mit abwertenden Tönen: „Die wäre auch lieber Verkäuferin geblieben, statt uns erfahrene Verkäuferinnen zu maltraitieren!“, zumal einige junge Damen sich auch zu Deutungen verstiegen: „So grau wie die aussieht, führt die sicher kein angenehmes Dozenten- und Liebeslebeneben.“ Und es wurde gemutmaßt, dass auch Neid und eine magere Lebensbilanz im Spiel sei, weil die stolzen Fortbildungsteilnehmerinnen stets geputzt und adrett erschienen. Aber es gab auch jugendliche Vorbilder unter den Lehrern, Carmen orientierte sich vor allem an einer, der die Lebensfreude aus dem Gesicht sprühte, und die sich abends gelegentlich von Mann und Kind abholen ließ, mit einem flotten Auto und einem sehr flotten Kuss. Der Bildungskreis von Carmen erweiterte sich trotzdem, die Schüler wurden auf Filme aufmerksam gemacht über Märkte, Trends und Orientierungsstile, einige Filme wurden besprochen, es ging um Kundenverhalten, die Psychologie von Ladendieben, Bestellkataloge, gesetzliche Vorschriften und internationale Warenströme, kunterbunt und manchmal auch acht Stunden am an Tag, und ausgerechnet in den Abend gelegt Mathematik und Buchhaltung, weil der Dozent nebenberuflich lehrte an einer Gewerbeschule und erst am Abend, wenn auch schon ermüdet, trotzdem wieder aufblühte mit den jungen hübschen Damen, die, um den sympathischen Mann nicht zu kränken, manches Gähnen höflich unterdrückten. Aber sie genoss im Ganzen den Kurs und fühlte sich in einem Aufbruch, auch wenn sie noch nicht genau wusste, wohin er führen sollte.

Sie war froh, abends ihrem Freund das Herz der Studentin auszuschütten, den diesen Ehrentitel durften die Schülerinnen großzügigerweise führen. Oskar kommentierte gönnerhaft den unterschiedlichen Unterrichtsstil und die sogenannte Verschulung, ein Begriff, der immer wieder durch die Medien ging, wenn es sich um die Bildungspolitik für die Universitäten handelte.

Ein wenig Neid spürte Carmen schon, wenn der gehobene Bankanwärter von seinen Dozenten und deren lässigem Stil schwärmte, sie kamen von außerhalb, nannten sich Couchs oder Anwälte oder Wirtschaftswissenschaftler, einige trugen stolz einen Doktortitel und paradierten mit den Fachhochschulen und Universitäten, wo sie ausgebildet worden waren. Oder die Älteren nannten die Abteilungen von bedeutenden Banken, wo sie ihre Meriten erworben hatten. Einmal gebrauchte Oskar das Wort Bildungsgefälle, im Zusammenhang mit dem Bandennachwuchs aus unterschiedlichen sozialen Schichten, Carmen bezog das unangenehme Wort auf sich und ihre Familie, und schon war ein handfester Krach da, mit den gebräuchlichsten Schimpfwort dieses Streitgebiets: „arroganter Schnösel“, und von ihrer Seite aus den Zonen des dirty talks: „Ihr verstiegenen Hirnwichser, die in den Leuten das Geld aus den Tischen ziehen wollt für eure Schrottpapiere“. Und von seiner Seite, vorsichtiger, auch um die Rivalität nicht zu sehr zu schüren: „Also, liebe Carmen, ich hatte gedacht, jetzt trete ich durch das Eingangstor zu kommenden Bankelite. Lach' doch nicht gleich so unverschämt, ich wollte das doch gerade abmildern, weil es so gar nicht elitär zugeht. Einige Gesichter kannte ich ja aus anderen Abteilungen. Manche kamen ziemlich salopp in die Kurse, ich hatte noch vorher eine neue Krawatte und einen Blazer mit falschen Goldknöpfen gekauft, wäre aber nicht nötig gewesen. Wir saßen in einer größeren Runde, gar nicht schulmäßig, sondern zentriert auf den jeweiligen Redner. Die baten uns höflich, wir waren etwas 15, uns erst einmal namentlich vorzustellen, schlugen uns vor, einander mit den Vornahmen anzusprechen, und fragten uns erst mal erst einmal nach unseren Erfahrungen in der Bank und nach unseren Kenntnissen und speziellen Finanzinteressen, und wo wir uns für gewöhnlich informierten: Presse, Fernsehen, Bücher usw. Dann kann ein sehr kluger Vortrag über Globalisierung, von dem ich nicht alles verstanden habe, die internationalen Finanzströme, die Aufgabe des Bankensystems, und so weiter, übermehre Tage, wie du weißt, scharfe, hochintellektuelle Kost, den Studierten unter uns ging das flüssiger ein, möchte ich mal sagen, ein bisschen eingeschüchtert war ich schon, aber dann habe ich beschlossen, es spannend zu finden und meine beinahe-Außenseiterrolle zu vergessen. Zum Nachholen gibt es dann Skripte, da kann man manches nachlesen, und also werden wir abends oft lesend am Tisch sitzen und winken, wie du es vorgeschlagen hast. Noch gibt es keine Hausarbeiten, keine Prüfungsaufgaben, also es läuft langsam an, und das ist mir grade recht. Ich hoffe, du bist beeindruckt. Ich war es jedenfalls.“

Zur Atmosphäre der Beiden ist zu sagen: es hatte sich allmählich eine neue Rivalitätsform herausgebildet seit seiner Krönung zum Werbeträger, die nach herberen gegenseitigen Attacken eine humorvoll stichelnde Form angenommen hatte, mit immer mehr gespielten Kränkungen, Zunge herausstrecken und Augenzwinkern. Das formulierbare Ehrgeizthema war ja verhältnismäßig neu, sie waren zu sehr mit der Anbahnung und der Wachstum der Liebessbeziehung beschäftigt, und die Potenzkrise war so schrecklich gewesen, dass sich Rivalität verboten hatte. Ausbrüche des neuen spielerischen Wettbewerbs wurden meist durch Küsse beendigt, falls sie nicht wieder im Bett, und noch viel spielerischer, ausgetragen wurden: Wieder ohne pornographische Absichten muss ich einige Details erwähnen, weil sich darin zeigt, wie sehr sich die neue Lebensetappe auch in den subtilen kleinen Macht- und Positionskämpfen widerspiegelte, die freilich lustvoll ausgetragen wurden. Als ob es selbstverständlich wäre, hatten die beiden mit der sogenannten Missionarsstellung ihre erotischen Begegnung begonnen, wobei Oskar ihr gönnerhaft erklären musste, was darunter zu verstehen sei. Im Urlaub waren sie freier geworden, aber doch blieb die experimentelle Initiative mehr bei ihm, sie ließ sich gern für Varianten gewinnen, die Oskar aus einem bebilderten Lehrbüchlein bezog. Nun ging es aber immer mehr um oben oder untern, und wenn ihr die anfängliche Routine, in die sie wegen Müdigkeit immer wieder verfielen, langweilig zu werden drohte, fragte sie ihn schelmisch: „Willst du mich heute wieder missionieren!“, wenn er sich ihr vorspielig näherte, „ich bin doch schon gläubig! Und mehrfach getauft.“, eine ziemlich fiese Anspielung auf seine vorzeitign Ergüsse. Doch auch solche frechen Ausrutscher steckte er weg und fragte nach ihren Wünschen. „Ich möchte die Welt und dich wieder mal von oben betrachten“, konnte sie sagen, „dafür überlasse ich es dir, mich von unten aufzuspießen. Aktiv.“ Denn das war ihm, wie sie wusste, bei den ersten Malen ihrer Inbesitznahme von oben wichtig, weil er dann nicht zu viel Passivität ertragen musste. Dafür durfte er sich ab und zu ein Eindringen „modo ferarum“ wünschen. Aber das hatte er ihr abschmeicheln müssen, weil sie es zunächst wieder einmal säuisch und pervers fand. Doch sie gab zu, dass ohne Blickkontakt dominiert zu werden, ihr je nach Laune auch gefallen konnte, und er gab sich gar keine Mühe zu verbergen, dass er sich dann als brutaler Vergewaltiger fühlen durfte. Ich muss nicht alle Details ausmalen, aber ihr war es einige Mal triumphierend wichtig, sich von oben „einzufädeln“ und die Stoßbewegung weitgehend selbst auszuführen. Und sie gerieten wie von selbst wieder in den belebenden dirty talk, mit dem sie sich nicht regelmäßig, aber doch wiederholt, anzufeuern suchten. Oskar, „Mensch Mädchen, ich bumse dich so platt wie eine Flunder!“, Carmen, unbewusst oder halbbewusst anspielungsreich auf dem Höhepunkt der Lust im Hochsitz: „Mensch Oskar, spritzt mir mit aller Kraft ein Kind in den Bauch!“

Ein paar hatten Wochen die Beiden hatten die Beiden in banger Erwartung des von den Polizisten besorgten, mehrmals verschobenen Untersuchungstermins beim zuständigen Amt gelebt, den Termin wieder vergessen und sich wechselseitig wieder daran erinnert, geplagt von den noch immer mitgeschleppten jugendlichen Schuld- und Verfehlungsgefühlen und Strafängsten. „Oskar, du als der Hauptschuldige, mit scheint, du hättest ihn besonders gerne vergessen. Zur Strafe gehst du zuerst und erzählst mir dann, wie peinlich oder schlimm es zuging.“ „Nein, das ist zu unfair, ja fast rachsüchtig gedacht. Ich fahre uns hin, und noch im Auto pokern wird noch, wer zuerst anklopft und wer erst mal im Wartezimmer bleiben darf. Ok?“ „Oskar, mir scheint da bricht eine ungewohnte Feigheit durch bei dir, das spricht aber durchaus dafür, dass du dich mit Recht als der größere Übertäter fühlst. Meine Schuld begrenz sich darauf, dass ich deine Triolenfaszination einfach schamlos mitgemacht habe, und die habe ich zum Teil abgebüßt durch meine anhaltende Scham, dass ich dir aus Angst, dass du mich verlässt, damals fast hörig war. Wenn ich auch zugeben muss, dass ich es später nicht bereut habe, erregt auf euer Stöhnen gehorcht zu haben. Du musst bedenken, dass ich mich regelrecht aus dem Verkehr gezogen fühlte und in quälender Entbehrung lebte.“ „Gut“, sprach Oskar in heldenhaftem Ton, ich ermanne mich, dir zuliebe.“ Und sie: „Was machen wir und wie werden wir zusammen leben, wenn es uns, oder einen von uns, tatsächlich erwischt hat?“ Er, typischerweise: „Daran denke ich jetzt noch nicht. Aber wenn du schon fragst, das Gemeinste wäre, falls ich der Träger des Übels wäre und dich noch mit hineingerissen hätte, dass ich ihn beim Verkehr in dünne Plastik verpacken müsste, oh je, ich habe es nie ausprobiert, aber meine Kumpels haben gelegentlich ihr Leid geklagt, wenn ihre Freundinnen oder Frauen die Pille nicht mehr nehmen oder damit pausieren wollen.“ Darauf Carmen: „Du Vielwisser, wenn auch aus zweiter Hand, erklär mit deine Not damit, was heißt dein Stoßseufzer ´Oh je!`?“ „Dazu würde ich dir lieber ein Kapitelchen aus einem Liebeshandbuch zu lesen geben.“ „Ach; bis du bei diesen Themen schon wieder feige? „Verdammt noch mal nein, aber das Thema ist mir peinlich!“

„Vor mir?“ „Ja, vor dir, und vor mir. Es ist doch, wenn bei dir, mir fällt nichts ein, ja, wie wenn du die Höhle mit einem Verhütungsschaum füllen müsstest, damit garantiert nichts passiert.“ „Was zum Teufel ist Verhütungsschaum!“ „Damit beginnt bereits deine mir auferlegte Formulierungsstrafe.“ „Du windest dich und redest in Rätseln.“ „Ich sage: stell dich nicht doof, oder frage als Frau meine kleine Schwester, die ist acht Jahre jünger als du, aber dir meilenweit voraus in Sachen Aufklärung.“ „Dann lad sie doch endlich mal ein, statt nur von ihr immer wieder zu schwärmen.“ „Ausgerechnet zu solchen Gesprächen?“ „Nein, ganz generell, ich will sie besser kennenlernen, und dabei vielleicht in Sachen Plastik befragen, wenn du dich nicht traust, mich aufzuklären.“

Bei solchen stachligen Gesprächen fiel ihnen plötzlich auf, dass sie gedankenlos bei ihrem vertrauten Stil der Sexualität geblieben waren, trotz der derben Mahnung der Ordnungshüter. „Bist du jetzt der geile unvorsichtige Schuft“, als sie endlich die Zusammenhänge ganz verstanden hatte, oder bin ich wirklich das ahnungslose Stadtkind aus einem frommen Dorf in der Umgebung, das Tomaten vor den Augen hat?“ „Tomaten nicht, das ist zu prosaisch. Aber vielleicht Granatäpfel.“ „Gut“, sagte sie, „angesichts deiner Sprachstörung verschieben wir den zweiten Teil der Aufklärung.“

Eine Woche später:

„Carmen, vor deiner kommenden Aufklärung durch meine kesse Schwester drängt es mich, ganz im Zusammenhang mit unseren Themen, einiges zu erzählen von der erotisierten Atmosphäre einer Bank. Du weißt bereits, dass ich mich mit meinem jungen Chef angefreundet habe, oder besser, er mit mir, er ist der Ältere, und er hat mir das du angeboten, worauf ich ganz schon stolz war. Manchmal kommt er übervollmit neue Nachrichten, aber worüber: Fast würde ich sagen, er ist ein aufgekratzter Spanner, doch nicht bei Sexszenen, wohl aber bei ihrem möglichen Vorspiel. Er wirft einen scharfen Blick auf alles, was nach sich abzeichnenden außerehelichen Beziehungen aussehen könnte, keine vollendeten, davon erfährt er natürlich nichts – stimmt nicht, er hat genauso ein Ohr für alles, was hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird, und es wir sehr viel getuschelt bei uns, geflüstert, angedeutet, beobachtet, augengezwinkert, usw., die Atmosphäre ist irgendwie aufgeladen, jedenfalls für ihn. Aber zurück zu seiner Art der Wahrnehmung: er sieht oder riecht Flirts, er beobachtet Gesten, Augenbewegungen, feine Annäherungen, Sitzhaltungen von Sekretärinnen auf der Kante eines männlichen Schreibtischs, Grußformen, angedeutete Küsse, streifende Bewegungen beim Vorübergehen, auffallend schäkerndes Gelächter von Damen, wenn ein Chef eilends und wichtigtuerisch vorbeisaust in den Kopierraum, wo sie eine Angebetete beschäftigt wissen. Manchmal denke ich, er hat einen Sprung in der Schüssel, ist süchtig nach seinen Beobachtungen, und er kommt schon aufgedreht herein und beginnt zu erzählen. Was meinst du dazu?“. „Oskar, du bist ja selbst ganz aufgeregt, vielleicht sind dir seine Neuigkeiten ganz recht?“ „Liebe Carmen, keine falschen Verdächtigungen, aber ich gebe zu, es sind oft lustig Unterbrechungen, wenn ich an einer langweiligen Aufstellung sitze. Dann genießt er meine Aufmerksamkeit, fühlt sich wichtig wie ein Junge mit Geheimnissen, erst ist es spannend, dann wird’s auch langweilig, und ich muss ihn wegschicken, ohne ihn zu kränken. Du weißt, dass ich ihm die Plakatgeschichte verdanke, und er hat sich ins Zeug gelegt, dass ich anständig honoriert wurde.“ „Frag'ihn doch mal, seit wann er die erotisch prickelnde Forschungsmeise hat. Ich sag dir mal einen Einfall: sowas hat eine Geschichte in der Familie. Meine Mutter hat meinem Vater nicht über den Weg getraut, und er war anfällig, wenn mal eine hübsche Frau unter unseren Gäste war. Sie hat ihn regelrecht überwacht, wie sein Blick immer wieder besonders zu der jungen Blondine ging, die mit ihrem Freund kam, der ihm irgendwie beruflich wichtig war. So jedenfalls lautete immer die Begründung, warum er bei beiden, zur Tarnung oft mit anderen Paaren zusammen, eingeladen hat. Daran musste ich grad denken, ihre Eifersucht ging so weit, dass sie auch auf Gesten zwischen ihm und ihr achtete: wie er ihr in den Mantel half, die Abschiedsküsschen, die aufgedrehte Lustigkeit, mit der er noch einen Witz versuchte, über ihre Bluse, ihren Hut, den bezaubernden Strauß, den sie mitgebracht hatte, und so fort.“ „Du scheinst zur Mutterbeobachterin geworden zu sein, war das so spannend, wie sie ihn beobachtete?“ „Jetzt schäme ich mich, aber du hast recht, ich hab' beiden nicht ganz über den Weg getraut, die häufigen Spitzen zwischen ihnen, eine gelegentlich Bitterkeit, Geringschätzung, aus einem anderen immer lauter Streit heraus, den sie zu verbergen suchten. Ich hatte Angst, ob sie beieinander bleiben, warum kann ich nicht genau sagen, aber ich kriegte einen genau beobachtenden Neugierblick. So was könnte doch auch beim Chef, Andreas,endlich hast du mir seinen Vornamen verraten, Andreas, also: ist es bei ihm auch so ein seismographischer Blick, wie manche es nennen, aber vielleicht nicht mit meiner Angst, sondern aufgeladen durch seine spürbare Lüsternheit, die auch dich manchmal aufregt.“

„Schlaues Mädchen, von dir kann man was lernen. Aber du hast schon wieder fast Recht mit deiner Verdachtsspürnase. Er hat mir neulich erzählt, dass er sich in einer schwierigen Rolle fühlt. Er weiß, dass sein Vater eine Geliebte hat, verriet er mir: „Ich fand es fies, dass er mich mit Andeutungen eingeweiht hat Die Mutter scheint noch nichts zu ahnen, oder dass sie ihn belauert, sagt ja schon genug, und sie tut mir Leid, dann hasse ich ihn, finde ihn aber auch einen schneidigen Kerl, der sich holt, was er braucht. Und so finde ich mich, wie er durch den Vater, fast widerwillig eingeweiht, übervertraulich, verstehst du, und mich beschleicht oft das seltsame Gefühl ´Junge pass auf, hier läuft zu viel Unbegreifliches`, ich lebe an manchen Tagen wie auf Glatteis.“ „Oskar, da sind wir ja fast Naivlinge, vertrauen uns viel an, aber seit dem großen Zusammenbruch meines Vertrauens in dich nach der Süßen-Affäre und deiner, ja unserer Bekenntnisse habe ich keine Angst mehr. Jetzt aber ein bisschen Angst, in welchen Stall du täglich gehst.“ „Das hört sich jetzt für dich gefährlicher an als es ist, ich habe doch gesagt, ich bin auf der Hut.“ „Du und auf der Hut! Du stammst doch aus dem Mustopf, verglichen mit mir.“ „Das nimmst du zurück!“ „Gut, wenn du willst, ein bisschen!“. „Es kann ruhig ein bisschen mehr sein! Du kennst doch den Spruch der Bedienung an der Fleischtheke: ´Darfs auch ein bisschen mehr sein?` In unserem Fall: ja!. Du erhebst dich zu oft über mich, in letzter Zeit fällt mir das auf. Auf gut deutsch: du wirst überheblich, und genau das hat meine Mutter ab und zu meinem Vater vorgeworfen. Der hat es natürlich gekonnt abgestritten. Aber den Tadel habe ich noch im Ohr. Also Vorsicht!“

Der Tag des Besuchs von Corinna bei den Beiden war gekommen, man darf die Ankunft ruhig einen Auftritt nennen. Sie brachte, unangemeldet, an ihrer führenden Hand ihren Freund mit, einen dünnen jungen Mann mit teilweise geflochtenem Kraushaar, das ein Kapuzenpullover halb verdeckte oder bändigte. „Das ist Francis, er ist Franzose“, erklang es nicht ohne Stolz, und er will hier IT-Wissenschaft studieren, vorausgesetzt der Vater schickt ihm Geld, denn er ist abgehauen ohne Abschied, die wissen noch nicht einmal, wo er steckt.“ Francis lächelte verlegen, wusste nicht, ob er eine Hand ausstrecken sollte, tat es aber dann doch und versuchte einen altertümlichen Diener. Carmen hatte wohl bei Corinna über ihren Freund geschwärmt, sodass Francis etwas unsicher zu ihm aufschaute.

„Kommt rein“ sagte Carmen freundlich, sie hatte um halb sechs einen Kuchenplatte vorbereite und fragte, ob die Beiden Tee wollen. „Ja, sagte Corinna, aber bitte etwas Mildes, aus Naturkräutern, wir leben nämlich fast vegan, ich habe Francis mit Mühe dazu gekriegt. Ihr werdet schon noch mitkriegen, wie der sein Gesicht bei Fleisch verziehen kann.“ Damit schien die Machtfrage zwischen den beiden schon nach zwei Sätzen geklärt. Corinna wirkte wie die Betreuerin eines gestrandeten Flüchtlings. Er hatte in einem Gymnasium der Pariser Banlieu anscheinend widerwillig ein paar Brocken deutsch aufgeschnappt, hatte sich aber unter dem Druck von Corinna bereits bei der Volkshochschule zu einem Sprachkurs eingeschrieben. „Er lernt unglaublich schnell“, fügte sie, wiederum mit sichtlichem Stolz hinzu.

Die Unterhaltung gestaltete sich etwas schwierig, unsere beiden Gastgeber probierten es mit magerem Schulenglisch, Corinna dolmetsche tapfer, denn dem Galan hatte die Aufregung die Sprache verschlagen. Deshalb kam Carmen erst gar nicht so richtig dazu, sich ihre beinahe-Schwägerin zuzuwenden, immerhin beobachtete sie sie aus den Augenwinkeln. Alle übten sich in Hilfebereitschaft für den unsicheren Gast. Aber trotzdem griff er beherzt zu, sagte tapfer „deutsch Kuchen gut! Wonderfull!“

Nach mühsamer Konversation ermunterte Oskar seine in manchen Dingen wenig aufgeklärte Freundin: „Denk dran, Du wolltest von Corinna etwas erfahren.“, worauf Carmen leicht errötete und ihn schalt: „Du blamierst mich vor ihr, was soll die von mir denken, wir leben zusammen, und ich soll ihr, wie du es nennst, das kleine sexuelle Einmaleins abfragen.“ Dieser Teil des Gesprächs fand aber schon in der Küche statt, Corinna sollte nicht von ihrem Bruder in das Vorhaben eingeweiht werden, sondern von Carmen, die, als Oskar den Franzosen im Wohnzimmer beiseite nahm, ziemlich befangen anhob: „Liebe Corinna, ich freue mich, dass wir uns endlich kennen lernen, Oskar hat mir schon viel von dir erzählt. Du bist acht Jahre jünger als ich, aber soweit ich weiß, bis du fast schon eine andere, aufgeklärte Generation. Jedenfalls sagte mir dein Bruder, du seist in einem anderen Klima in der Schule wie mit anderen Eltern aufgewachsen. Damit meine ich, sie waren zu dir schon anders als zu Oskar, du konntest dir mehr herausnehmen, hast Kämpfe mit den Eltern austragen können, vor allem mit der Mutter, aber dafür hat der Vater dich bewacht wie sein Privateigentum. Denk nur dran, wie er hinter der Tür stand, als du zu spät von der Disko kamst und er dir eine klebte. Ich hoffe, das hat dir bis heute di Unschuld bewahrt.“ „Das alles hat Oskar dir verraten, der Schuft, in was bist du noch alles eingeweiht?“ „In nicht viel mehr, aber wir wurden in der Schule nicht viel aufgeklärt, ein bisschen Allgemeines, einen Happen Verhütung, und ein bisschen Verständnis für das, was angeblich körperlich und seelisch beim ersten Mal passiert, ein paar Worte über die Pille, da war die Biolehrerin schon ein wenig verlegen. Den Rest habe ich mir bei Freundinnen zu besorgen versucht, die schon mir ihren Jungs geschlafen hatten. Liebe Corinna, genau um diesen Rest geht es mir, ich hoffe, du verachtest mich nicht, dass ich wie eine ältere, unmündig gehaltene Schwester dich konsultieren muss.“ „Also gut, stell mir Fragen, aber ich habe auch eine an dich: Habt ihr es wirklich schon getan, immer wieder, und wie war es, vor allem beim ersten Mal.“ „Holprig“, bekannte Carmen, „aber danach war es gut, bis wir in die Gefahr gerieten, Oskar könnte sich bei einem gemeinen Seitenspruch mit HIV angesteckt haben.“ Corinna reagierte mit einen kleinen Aufschrei und schüttelte sich ein wenig, ihr cooles Gehabe wurde unsicherer. „Aber bevor du das gesagt hast, wollte ich dir noch, ganz vertraulich, versteht sich, sagen, dass ich zu gern bei euch mal zugeschaut hätte. Irgendwann kommt das ja auch auf mich zu.“ Jetzt blieb bei Carmen für kurze Zeit der Mund offen stehen, obwohl sie ja in der wilden Zeit mit ihrem Freund und der vielleicht ansteckenden Gespielin genau das, oder Schlimmeres erlebt hatte. Sie hielt die Versuchung aber zurück, genau darüber zu berichten, um endlich mehr zu erfahren darüber, wie sie mit Oskar nun mit den Folgen umgehen sollte. „Also, erklär´ mit die Sache mit der Plastikhaut, über die Oskar feige und verlegen nur Andeutungen gemacht hat.“ „Was ist daran so schwierig“, fragte die selbst darin Unerfahrene, aber technisch informierte Corinna und freute sich über ihren Wissensvorsprung. „Was ein Präservativ ist weißt du?“ „Ja, ungefähr, aber nicht, wie man damit umgeht.“ „Heilige Unschuld“, entfuhr es Corinna, sie entschuldigte sich sofort, fuhr aber in dem verlegen-belustigtem Ton fort, ohne Carmen demütigen zu wollen. „Du musst entschuldigen, wenn ich nicht den richtigen Ton treffe und dich zu einfache Sachen frage, um deinen Wissensstand zu testen. Was ein Ständer ist weißt du ja längst, und dass der die Männer wild machen kann, und unvorsichtig.“ „Das kleine Einmaleins haben wir ausreichend durchgespielt, aber das mit dem Zuschauen, das wird nichts!“ „Habe ich schon kapiert, vor allem nicht beim eigenen Bruder. Aber was genau willst du wissen?“ „Wie geht man mit dem Ding um?“ „Na, man steift es über!“. „Wer, er oder ich?“ „Mal so, mal so. Die Situation soll schon ziemlich komisch sein bei ersten Mal, hörte ich von meiner Freundin, man braucht viel Vertrauen und vor allem Humor.“ „Wie sieht so ein Ding denn aus?“ „Wie ein eingerollter Luftballon. Halbstarke Jungs spielen damit, indem sie es mit Wasser füllen und vom Balkon schmeißen, um Leute zu erschrecken.“ „Passt da so viel rein?“ „Muss ja nicht, normalerweise nur das was der Mann hinein spritzt.“ „Ja, das war zuletzt eine Sauerei, das glitschige Zeug.“ „Das Wichtige ist doch, dass der Gummi total dicht ist, der soll das Sperma auffangen, dass du kein Kind kriegst, aber auch dass du vor Ansteckung geschützt bist.“ „Und ich soll ihm das überstreifen?“ „Nein, zuerst soll er das mal selbst machen, manche, so höre ich, wenden sich verschämt ab, oder machen es auf dem Klo, aber später soll es auch zum Liebesspiel dazugehören, und die Frauen lernen es auch. Sieht bei ersten Mal komisch aus, wie eine Verkleidung, hörte ich.“ „Corinna, ich danke dir. Ich werde tapfer sein. Hoffentlich macht Oskar keine von seinen extrablöden Witzen, um seine eigene Unsicherheit zu verbergen. Wollen wir nach der Unterrichtsstunde zu den Anderen rüber gehen?“ „Ok, „sagte Claudia, ich freue mich, dass du mir sympathisch bist. Ich sag dir dafür auch Bescheid, wenn es bei mir so weit war, versprochen. Du kannst mir sicher auch manches sagen, nach der Premiere, die wird ja bald mal fällig sein.“

Als die Beiden ins Wohnzimmer zurück gingen, bot sich ein fast idyllisches Bild: die beiden Männer saßen unter der traulichen Stehlampe, Oskar hatte sich die Rolle des Deutschlehrers zugelegt, und sie gingen gemeinsam die Summe aller sichtbaren Gegenstände im Zimmer durch. Oskar sprach

vor, Francis sprach nach, und beide amüsierten sich, wenn klar wurde, dass der Franzose einen französischen Mund hatte und mit manchen Konsonanten und auch einigen Vokalen seine liebe Not hatte. So fand für die beiden Frauen, die aus der Küche immer wieder schallendes Gelächter gehört hatten, auch dies eine Erklärung. Obwohl es ja absolut nicht zutraf, hatten die beiden Mädchen das Gelächter auf sich bezgen, als hätten die frechen Buben gelauscht und über sie gelacht.

Der Abend endete sehr gelassen, nur unter der Tür schon konnte sich Oskar den Scherz nicht verkneifen, Corinna ins Ohr zu flüstern: „Der Kerl ist ganz nett, aber das war ganz schön Blindflug, was du dir da zugelegt hast. Du musst mir ein anderes Mal berichten, wie und wo du ihn aufgegabelt hast, oder er dich.“ Sie dann später: „Ach weißt du, ja du weißt es sehr gut, wie bieder unsere Familie ist. Ich brauchte mal was Exotisches, Aufregendes. Sie wissen noch nichts von ihrem Glück oder Unglück. Vater hält Frankreich nach den jüngsten Kommentaren der Bildzeitung für eine untergehende Nation, und den Präsidenten für einen Unglücksraben. Was hat er sich aufgeregt und lustig gemacht über den Mann, der nachts mit dem Roller unerkannt zu seiner Freundin fährt! ´Genau so französisch wie die Arbeitslosenzahlen drüben über dem Rhein!`“

Carmen und Corinna hatten sich angefreundet, und Corinna berichtete einige Wochen später aufgewühlt von der „Premiere“, aber dies muss nicht im Detail berichtet werden, nur die neugierige Frage von Carmen, die das selbst nicht kannte, nur davon gehört hatte: „Auch französisch?“ „Nein, um Gotteswillen, das wäre nichts für mich.“ „Gott sei Dank, das solle eine ziemliche Schweinerei sein. Aber die Nutten müssen es machen, wenn der Freier mehr bezahlt.“ „Freier können säuisch sein, die gehören auch bestraft!“, sagte abschließen Carmen.

In der Bank spielten sich aufregende Dinge ab, die Oskar in einen weiteren Abgrund blicken ließen: Ein Kleinanleger hatte herausgefunden, dass ein Anlageberater aus dem Haus nicht nur mit undeutlich verschleiernden Auskünften Papiere aus dem eigenen Haus an den guten Mann verkauft hatte, den Deal gar nicht protokolliert und auch die eigene Provision verschwiegen hatte. Es war Anzeige erstattet worden, die Sache flog auf, mehrere Berater wurden verdächtigt, es gab Vernehmungen, beschwichtigende Presserklärungen, Versammlungen, Ermahnungen, bis der Vorstand Angst bekam für den Ruf des Hauses und ein Verbot erließ, weiter hauseigene Papiere unter Leistungsdruck an den Mann oder die Frau zu bringen, besonders aber an betagte Menschen, deren Namen im Kundenregister mit einem dem perfiden Hinweis aus mehreren Buchstaben ersehen waren, deren freie Übersetzung ungefähr lautete: „Alte, naiv und doof, ohne Bedenken verkaufen.“

Carmen war entsetzt, sie hatte noch nie von solchen Praktiken gehört, Oskar hatte einige Affären durchaus in der Presse verfolgt, war aber trotzdem entsetzt, dass es auch im eigenen Haus geschah. Er suchte seinen jungen Chef auch, fragte ihn, ob er davon wisse, und der musste zugeben, dass Anweisungen im Haus kursiert waren, dass man es mit den Warnungen und der Grauzone, in der die Dinge abliefen, nicht zu genau nehmen sollte. An die Öffentlichkeit wurde ein Kommunique lanciert mit dem üblichen Spruch, es habe sich um bedauerliche Einzelfälle gehandelt, und man wolle alles tun, um Vertrauen zurück gewinnen. Es wurde mit den gleichen Worten argumentiert wie bei der größten deutschen Bank: „Die Vertrauenskultur wird mit Nachdruck betrieben, und wo sie beschädigt worden sei, wieder hergestellt.“ Nach dem gleichen Vorbild wurden in Oskars Bank zwei Vorstandsmitglieder bestraft, einer wurde zurückgestuft, der andere wurde, mit einer beträchtlichen Abfindung, entlassen.

Das fast schon eheliche Zusammenleben verlief in wenig stürmischer Ruhe, abgesehen von den Aufregungen in Ausbildung und Beruf. Und dennoch hielten sie sich informiert über das Flüchtingselend, die politischen Dauerquerelen und die großartigen Hilfsleistungen Tausender von Freiwilligen, und sie überlegten, wie sie sich selbst nützlichen machen könnten. Auch in ihrer Wohngegend war es zu einem glücklicherweise noch harmlosen Brandstiftungsversuch an einem Flüchtlingsheim gekommen, die Aufregung in der Stadt war groß, und eine kleine Gruppe hatte sich bereit erklärt, vorerst nächtens Wache zu stehen. An sich war die Stadt und der Landkreis tolerant offen für den stetigen Zuzug, in verschiedenen Stadtteilen hatte sich eine überwältigende Hilfsbereitschaft gezeigt, und Baustellen zeugten davon, dass auch rasch Wohnungen gebaut werden sollten und wurden, um die großen Hallen und Zelte zu entlasten oder schließen zu können und besser Winterquartiere zu finden. Sie wussten von einer von ihnen besuchten Veranstaltungen, dass sich Hilfegruppen zu verschiedenen Themen gebildet hatten, und Carmen spottete: „Nachdem du mit Francis bereits Sprachlehrerfahrungen gesammelt hast, kannst du dir doch ein paar Analphabeten aus Afghanistan zutrauen!“ „Scherzkeks“, gab Oskar zurück, aber du liegst nicht ganz quer zu meinen Überlegungen. Hast du nicht von uns als Team gesprochen, Liebesteam, Kommunikationsteam, Küchenteam, ich erinnere mich nicht genau, aber ich fände es Klasse, wenn wir uns zu einem solchen Sprachunterricht als Paar, Quatsch, als Team zusammen täten.“ „Ok Schatz, so könnte ich vielleicht sogar meine Grammatikschwächen beim Fortschritt der Schüler ausbessern, ich wundere mich schon längst, dass du hier nicht mehr den Grundschuloberlehrer spielst. Ich sag auch nichts mehr über deine gewählten Schachtelsätze, die selten zu Ende kommen.“ „Scherz und Schmerz beiseite, kümmerst du dich um die Anfrage, wo wir antreten könnten?“ „Gut, mache ich. Und du besorgst Lernmaterial, Bilderbücher mit Texten fürs erste Schuljahr.“ „Meinst du nicht, das könnte kränkend für die erwachsenen Schüler sein, wenn sie merken, wir behandeln sie nach Büchern für gerade dem Kindergarten Entflohene? Frag doch mal nach bei den passenden Stellen, ob es nicht schon Besseres gibt. Und Gruppenspiele sollen der Hit sein, habe ich gelesen, kleine Theaterszenen aus dem täglichen Leben, die Spiele vermeiden oder wenigsten mildern, so höre ich, die Spannung zwischen den einzelnen Nationalitäten und Religionen.“ Gesagt-getan, so fuhren sie zu einem ersten Treff und wurden von einem pensionierten Lehrer eingeführt und ließen sich die manchmal fremdartigen Namen ihrer ersten Schüler sagen. Sie kehrten froh nachhause zurück. „Siehst du, wir sind uns brauchbar vorgekommen, an einem ganz anderen Ort als in unseren Rotweinkneipen und einem lustigen Zusammentreffen im Bett“, und sie gingen danach die einzelnen Mitglieder der Gruppe durch und rätselten über deren Herkunft und Charakter und waren sich einig in ihrer Sympathie für die fremden, traumatisierten Menschen. Aber was für ein wuchtiger Eindruck: zwei junge Weiße, noch kaum je aus ihrer Region hinausgekommen waren, gegenüber einer bunt-schwarzen Gruppe, teils mit glühenden Augen, teils mit krausen oder geflochtenen Haaren, zierlich oder wuchtig, unterschiedlicher Größe und Alters und Hautschattierung, das löste bei den Beiden zuerst einmal einen biologischen Reflex der Fremdheit aus, die sich erst langsam in Neugier, Staunen, Mitleid und Bewunderung auflöste, für das Überleben der Strapazen, die hinter ihnen lagen.

Obwohl die beiden sich fast selbst genug gewesen waren, brandete die Außenwelt nun doch auf sie herein und löst die verschiedensten Reflexe aus: Oskars zwei Jahre alter gebrauchte VW war ein Dieselfahrzeug, und also, wie er sich empört klar machen musste, ein Stinker, trotz der grünen Plakette, die ihm die Fahrt in die Innenstadt erlaubte. Er steckte also in der millionenstarken Masse, die auf einen Brief warten musste, wann der Mogelkonzern ihnen anbot, eine spezialisierte Werkstatt gleicher Marke anzufahren, um das Gefährt zu entgiften. Oskar war wütend undenttäuscht, und es milderte seinen Groll nur wenig, wenn er, wie auch gegenüber der Deutschen Bank, von Betrügern, Banditen, Kriminellen, nimmersatten Gierhaien, Menschenverächtern und Naturzerstörern sprach. Er machte sich kundig, wie es dazu kommen konnte, wie die Verantwortungspyramide aufgebaut war, die Verleugnungs- und Leugnungsstrategien, das Hin- und Hergeschiebe der Verantwortung, das verzögerte und widerwillige Abtreten von wichtigen und gigantisch bezahlten Posten, und dann kam noch die Fußballkrise hinzu mit dem enormen Vertrauensverlust in die selbstverliebten Manager. Es gefiel ihm, wenn Köpfe rollten, wenn das Lügengewebe durch eine investigative Presse aufgerissen wurde, wenn die Lichtgestalten der Korruption überführt wurden und in Schande fielen, mit den Beteuerung der Unschuld, des Nichtwissen und der Erinnerungsschwäche. Er durchlebte eine Zeit der Desillusionierung, die Carmen etwas weniger hart traf, weil sie sich weniger um die “öffentlichen Angelegenheiten“ gekümmert hatte. Doch über beiden hatten in der Zeit ihres flammenden erotischen und narzisstischen Ehrgeizes ein Schleier der politischen Gleichgültigkeit gelegen.

Sie fingen an, in politische Versammlungen zu gehen, Carmen neigte den Grünen zu, Oskar flirtete eher mit den Linken, aber Entscheidungen fielen noch nicht, es ging noch mehr um Orientierung, Erregung, Verlust von Vertrauen, der noch bestärkt wurde durch die wachsende, immer deutlicher belegte Kritik an der Nahrungsindustrie und der falschen Werbung der Lebensmittelriesen.

Es war ein mühsames Hineinwachsen in die verwirrend Unübersichtlichkeit und Brüchigkeit der modernen Welt. Oskar hatte sich auf Anraten seines Chefs ein paar Aktien zugelegt, und nun starrte er als Anfänger schon beim Frühstück auf die Kurse, weil er auf schnellen Gewinn gehofft hatte. Die Beiden wurden allmählich zu „Normalbürgern“, vereint aber in der Wut auf die Rechtsradikalen aller Schattierungen. Oskar drängte zu Demonstrationen, aber an diesem Punkt war Carmen ängstlich ablehnend, sie fürchtete größere Menschenmengen, erregte Gruppen und den Anblick der manchmal hilflosen, manchmal brutalen Polizei. Sie geriet leicht ins Zittern, wenn sie rennende Menschen sah oder brüllende Horden, grölende Schlägertrupps oder zurück prügelnde, hoch vermummte Ordnungshüter hinter ihren Schutzschildern. Ungern ließ sie Oskar ziehen, aber der hatte nach einigen unangenehmen Erfahrungen auch bald genug vom Demonstrieren, oder er verzichtete zugunsten des Zusammenseins mit Carmen. Als in Flüchtlingsunterkünften die ersten Schlägereien gemeldet wurden, bekam sie zunächst auch Angst, weil sie von anderen Sprachlehrern im gleichen Gebäude gehört habe, es habe zwar keine Gewalt, aber eine sehr gereizte Stimmung gegeben. Doch diese Sorge konnte ihr Oskar ausreden, und sie kehrte zur Freude mit der Anfängergruppe zurück.

Eines Tages hatte Carmen für einen Monat die Pille vergessen, nach knapp zwei Wochen erschrak sie, als sie es bemerkte, aber es war zu spät, ihr unbewusster Wunsch hatte sofort reagiert und gesiegt. Zwei Monate verschwieg sie Oskar ihren Zustand, rechtfertigt ihr Verschweigen mit der Ausrede: sie habe doch erst spüren wollen, ob es überhaupt die Wahrheit sei und ob es tatsächlich dabei bliebe. Sie erlebte unruhige Wochen, ab und zu war es ihr ein wenig, nicht zu schlimm übel, dann regte sich ihr schlechtes Gewissen, weil sie spürte, sie drückte sich mit der Mitteilung, und sie schämte sich, ihn zu hintergehen, klarer ausgedrückt, ihn zu hinterleben und zu hintergenießen. Aber dann nahm sie ihren Mut zusammen, „beantragte“ an einem Samstagabend ein ernstes Gespräch, und der noch immer ahnungslose Oskar zog sein Stirn in Falten und fragte: „Hast du die Ausbildung geschmissen?“ „Nein!“ „Dir eine ganz miese Note geholt?“ „Nein!“ „Ist mir deinen Eltern was passiert?“ „Nein!“ „Jetzt sag schon, was los ich, ich hab´ die Fragerei satt, ich hab' keine Lust zu raten!“ „Ach Oskar, versprich mir, dass du keine Wut kriegst, mich gar ohrfeigst.“ Der Verdränger des Heirats- und Kinderthemas, noch immer scheinbar ahnungslos, aber insofern ahnungsvoller, als er scharf fragte: „Dann ist es etwas zwischen uns? Bist du noch mal schwach geworden in der Modelfrage?“ „Schon wär's!“ „Noch schlimmer?“ „Für mich nicht, aber vielleicht für dich.“ Jetzt fehlten ihm die Worte und er wurde blass. Nach einigem Nachdenken: „Du wirst doch nicht! … Du wirst doch nicht …“, er griff sich mit beiden Händen an den Kopf, sprang auf, sagte lange nichts, man sah ihn ratlos erschrocken grübeln, und schließlich entfuhr ihm drohend: „Wenn das wahr ist, muss es weg!“ Jetzt schrie Carmen kurz auf und fing an zu weinen: „Oskar, ich hab´s doch nicht extra gemacht, ich hatte die Pille vergessen. Aber falls du an eine Abtreibung denkst, oder sie gar erzwingen willst, nicht mit mir! Dann trenne ich mich lieber.“ Er nahm verstört ihre Hand, aber nicht um s i e, mehr um sich selbst zu trösten über das, was er wie einen Schock, eine Katastrophe erlebte.

„Das geht doch nicht“, jammerte er, „ich will noch kein Kind, ich weiß noch nicht mal, ob ich später überhaupt Kinder will, noch nicht mal mit dir, soweit sind wir doch noch gar nicht! Das ist doch eine Sackgasse! Wir haben doch noch Jahre der Ausbildung vor uns, der sicheren oder mühsamen Gewöhnung aneinander!“ Er war sichtlich verzweifelt, und das rühte sie, als hätte sie ihm etwas Schlimmes, Überwältigendes angetan.

Er stürmt noch einmal in die Nacht hinaus und ließ sie weinend zurück, auch wenn sie ihm nachrief „Bleib doch, lass mich nicht hier sitzen, ich weiß nicht, was Bedrohliches in dir vorgeht.“ Er konnte sich grade noch bremsen, um nicht die Türe hinter sich zuzuschlagen. Im Park fing er an zu rennen, um wenigsten einen Teil der Erregung loszuwerden, beruhigte sich aber, wollte „mannhaft“ - so dachte er – der Katastrophe ins Auge sehen. Es gelang ihm, sich zu entschuldigen. Beide schliefen unruhig, saßen lange beim Frühstück, erst stumm, dass berichtete sie einen Traum, in dem es um ein sterbendes Kind ging, und dann schimpfte sie ihn einen fühllosen Egoisten und Feigling, so einen hätte sie sich wahrlich nicht als Partner gewünscht. Sie spürte aber bald das Überzogene ihrer Anklage und Verwünschung, entschuldigte sich nun ihrerseits. Holprige Versöhnungsküsse hin und her, und dann brachen sie zu einer langen Wanderung auf und gingen immerhin über lange Strecken stumm vor sich hin, aber Hand in Hand.

Sie stießen mit plötzlich aufgetauchten und bewusst gewordenen Lebensentwürfen hart gegeneinander, und beide hatten Angst, ob sie dem Konflikt gewachsen sein würden. Das vergangene Glück, trotz harter Reibungen gerettet, schien in Scherben zu liegen, und sie sahen noch keinen Ausweg, ja, Oskar verwendete sogar das Wort ausweglos oder dasKanzerlinnenwort „alternativlos“, so sehr sah er sich betrogen in seinem Lebe, und als auch von seiner Seite das Wort Betrug fiel, zog sich Carmen für Wochen von ihm zurück. Sie merkten, dass sie sich in der Zeit ihres Zusammenlebens keine wirklichen Freunde erworben hatten, mit denen aufhellende oder klärende Gespräche oder Konfliktgespräche möglich gewesen wären. Sie fühlen sich plötzlich ins Abseits ihres eigenen Lebens geraten, isoliert und ohne Aussicht au Hilfe.

In seiner Not vertraute sich Oskar, trotz großer Bedenken, seinem Chef an, und der reagierte wider Erwarten zunächst fast abweisend, weil er fürchtete, damit sei die noch junge Freundschaft der Beiden mit Oskar von Zerstörung bedroht, an der er doch inzwischen mehr hing, als ihm bewusst war. Fast hätte er sich als bekennender Single bezeichnet, und doch hing er an einer eineinhalb Autostunden entfernten Freundin, die er alle zwei Wochen aufsuchte, er fand keine wirklich zutreffende Bezeichnung für sie, „Partnerin“ passte ihr nicht als zu nüchtern und abgriffen, Geliebte schien ihm zu romantisch und gleichzeitig zu abschätzig, als handle es sich um die Nebenbeziehung eines Managers oder Politikers; Freundin war zu prosaisch angesichts der fast verstohlenen, noch immer geheim gehaltenen Bettbeziehung, die aber offensichtlich, gleichsam hinter seinem Rücken längst eine tiefere Bedeutung für ihn angenommen hatte. Julia konnte zuhören, anscheinend ohne greifbare Ermüdung, wenn er sich stundenlang über seine kleinen und großen Konflikte in der Bank ausbreitete, seine ehrgeizigen Berufsziele, die Rückschläge, die menschliche Isolierung, die Eifersüchteleien, die Rivalitäten, und ein gelegentliches Gefühl der Sinnlosigkeit der Dauerbeschäftigung mit Geld und Aktienkursen. Die spürbare Gier der Klienten, die vor jedem Kursrutsch bei ihm Trost suchten, widerte ihn an. Es ging der Freundin ähnlich mit der ungelösten Definition der Beziehung, bis sie eines Tages vorschlug, sich als seine „Gefährtin“ zu bezeichnen. „Du, nenn´ mich doch Gefährtin, das kling zwar wie aus einem älteren Abenteuerroman, und wir werden uns öffentlich wohl nie so bezeichnen, - vorausgesetzt wir machen uns überhaupt öffentlich - aber ich empfinde es wie einen Adelstitel für unsere schwer definierbare Verbindung in einer Geheimsprache, deren Bedeutung nur wir kennen.“ Er stimmte ihr dankbar zu: „Der Ausdruck hilft uns, nicht im bloß Ungefähren, aber doch im beinahe Poetischen und fast Gültigen zu bleiben, und wir können alle endgültigen Bezeichnungen und Präzisierungen noch vor uns her schieben.“ Darauf sie: „Wir können also beide nicht den Ehrentitel Single tragen, auf den ich so stolz war, und du vielleicht auch, aber der Reiz des Wortes mag vorerst bleiben: Wir sind ein Single-Paar, also singulär. Klingt doch ganz gut?“ Sie studierte in einem höheren Semester Literatur und liebte den Umgang mit der sowohl offenbarenden wie verhüllenden, andeutenden und verschleiernden Sprache.

Der Chef, Andreas, hatte sich bisher wenig über diesen privaten Hintergrund geäußert, aber als Oskar ihm ratlos gestand, sie hätten eine belastendes Beziehungsproblem, konnte Andreas gar nicht gleich zuhören, sondern ergriff die Gelegenheit, über seine eigenen erotischen Nöte zu sprechen, fast so, als ob er gerade nicht die Fähigkeit habe geduldig zuzuhören, und deshalb Julias außergewöhnliche Fähigkeit rasch von seiner Freundin auf Oskar übertrug.

Oskar war es recht, es gab ihm Aufschub, und er genoss das Gefühl, als könntes da eine Freundschaft entstehen, die über den Austausch von schlüpfrigen Bankinterna und die Beobachtung des von Rivalität getragenen Beziehungsgeflecht hinausging, auch über den täglich mehrfach abzufragenden Börsenkurs hinaus. Es blitzte sogar kurz die Hoffnung auf, der spürbar enge Lebenskreis der Beiden könnte sich um ein hoffentlich vertraut werdendes Paar erweitern.

Andreas staunte selbst über seinen Redefluss und entschuldigte sich: „Bitte entschuldige, dass ich so loslege, es quoll nur so aus mir heraus, es muss ein Stau dahinterstecken.“ Dabei hatte er noch gar nicht losgelegt, höchstens in der vorbereitenden Phantasie, deren Schleusen sich jetzt öffnen wollten. Auch in ihm bestand die Hoffnung auf einen wirklichen Freund, vor dem keine Fassade nötig war. Es hatte mit Julia bitter Kräche, oder sie mit ihm, wenn es um die Idee des Zusammenziehens ging, das sie sich zwar stärker als er wünschte, aber dem stand ihre nach ihrem Auszug von zuhause erstmalige Verwurzelung in einer lebenslustigen Studentengruppe entgegen. Sie hatte Angst vor einem neuen Abschied von etwas, das gerade Wurzeln schlug in ihrer nicht gerade durch familiäre Geborgenheit in ihrer Familie verwöhnten Seele. In weiten Kreisen, halb stolz und halb klagend umrundete Andreas die anstrengenden Wirrnisse der gemeinsamen Unentschiedenheit ihre Verhältnisse, bis er plötzlich abgrundtief aufseufzte, erschrocken, wie lange er Oskar mit Zuhören beansprucht hatte. Er straffte sich spürbar mit dem tapferen Entschluss: „Aber jetzt zu deinem Stau.“

Oskar atmete tief auf: „Ja, Stau ist das richtige Wort auch bei mir: Meine Freundin hat mir, obwohl sie es seit zwei Monate weiß, plötzlich gestanden, sie sei schwanger. Mich hat es fast umgehauen, das passt so gar nicht gegenwärtig zu uns. Glaubst du an das Unbewusste, falls du weiß, was das ist?“ „Warum die überraschende Frage?“ „Es passieren in unserem Untergrund Dinge, die uns erstaunen, erheitern, aber auch bedrücken können, denk´ nur an Träume, über die es viele Theorien gibt. Manchmal wachst du auf vor Schreck, meinst in einen Abgrund geschaut zu haben, doch es gibt Gott sei Dank auch Träumen, wo du denkst, die Welt ist in Ordnung. Aber es gibt auch die sogenannten Fehlleistungen, wo du meinst, du redest nur Unsinn, aber dann stellt sich heraus: dein Kopf hat einen unvermuteten Zusammenhang gegen deinen klaren Willen preisgegeben. Irgend sowas passierte mit Carmen: sie schien mit mir darin einig, dass wir noch keine Kinder wollen, ich sowieso nicht, ich weiß nicht einmal, ob ich später mit ihr welche will, das nimmt sie mir sehr übel. Wir sind doch mitten in der Ausbildung, was sollen da Kinder in der Wohnung herumkrabbeln und Unruhe stiften, wenn wir uns grade konzentrieren oder lieben wollen?“ „Oskar, beruhige dich, noch ist kein Kind da, das dauert noch zirka sieben Monate, was kann da alles passieren, vor allem, wenn das Kind im Bauch merkt, dass es gar nicht willkommen ist. Vielleicht macht es kehrt und verschwindet wieder. Rede ich zu locker für deinen Zustand?“ „Nein, natürlich habe ich die heimliche Hoffnung, es bleibt noch nicht bei uns. Aber da kommt jetzt der Seelenuntergrund dazu, natürlich der von Carmen. Manchmal entfuhren ihr Seufzer und Sätze in den letzten Wochen, wo selbst ein Dummkopf merken musste, wie sehr das Thema sie beschäftigte. Und wie sie schwärmt von den Kindern und ihrer Freundin: als ob es das größte Glück sei, welche zu haben oder zu kriegen. Da wird mir ganz schwummrig, aber ich halte den Mund, als hätte ich nichts gehört.“ „Und was wirst du als Nächstes tun?“ „Na, das Allernächste ist wohl, dass ich langsam, sehr langsam heimwärts marschiere und mir Sätze überlege, wie ich ihr die Möglichkeit eines Gesprächs zu viert schmackhaft mache. Mir ahnt Schlimmes, wenn ich an ihre Reaktion denke.“ Und er zog ab.

Zuhause angekommen, versuchte er sich in Gelassenheit und beiläufigem Ton, was aber missglückte. Carmen war nicht nur wütend über sein langes Ausbleiben, sondern auch misstrauisch: „Nun, was bringst du mit an neuen Schreckensmeldungen? Ich kenn` dich doch, wenn du so scheinheilig tust, als könntest du kein Wässerchen trüben. Deine Seele ist ein einziger Sumpf von Egoismus!“ „Nun mach mal halblang, wo ich doch denke, ich bringe eine gute Botschaft. Du weißt, dass wir niemanden haben, mit dem wir reden könnten.“ „Ich will aber nicht reden, mit niemandem, und mit dir stoße ich auf blanken Granit. Ich pralle ab an dir, das Einzige, was du denken kannst, ist Katastrophe!“ Um seine Angst vor einem großen Krach zu mildern, sagte er schwer atmend: „Hol´ doch mal ruhig Luft, sonst kriegst du Schnappatmung. Probier´ mal für zwei Sätze zuzuhören.“ „Aus deinem Mund kommt nur Scheiße, das rieche ich schon im Voraus!“

„Jetzt wirst du ordinär!“ „Ja, das erleichtert mich, du bist ein Arschloch!“ Oskar spürte, das aus dem Toben kein Gespräch werden würde, und er brach zu einem Beruhigungsspaziergang auf, nicht ohne die Tür, nicht laut, sondern fast sanft, aber doch zuzuwerfen. Sanft, weil er seine Fluchtreaktion schon wieder bedauerte, sagte sich aber im Verschwinden halblaut und benommen: „Also Arschloch! Vielleicht hat sie Recht.“

Als er wiederkam, lag Carmen bei einem Glas Rotwein auf der Couch, wie verwandelt, und meinte angestrengt ruhig: „Sprich dich aus!“ „Also gut Carmen, nur wir zu zweit können eben nicht ruhig über die Lage reden. Ich bin zu Andreas gefahren, um genau das zu tun.“ „Ha, Männer unter sich, über die Schwangerschaftskatastrophe! Da wäre ich gern dabei gewesen. Aber nicht als lauschendes Mäuschen“ „Siehst du, aber nicht um still vor dich hin zu lästern. Du hättest gar nicht laut lästern müssen, sondern staunen.“ „Du machst es spannend.“ „Ist es auch. Andreas hat mir über Julia erzählt, das ist wie du weißt seine ziemlich weit entfernt wohnende Freundin, sagen wir eineinhalb Autostunden. Die reden auch über Zukunft, mehr als wir, nicht nur über Heirat, Familie, und oh weh, über ein Kind. Auch den beiden würde das jetzt gar nicht passen, und das Thema Familie ist noch ganz im Nebel, aber immerhin sie reden.“ „Dann lass uns doch mit meiner Freundin reden, und nicht mit mir fremden Leuten!“ „Deine Freundin wäre die pure Bundesgenossin für dich, das weißt du selbst, du würdest mich erschrocken und triumphierend angrinsen, wenn sie von ihrem Glück erzählt und dir die Wonnen der Mutterschaft vorsingt! Und weiter über Vaterglück und Elternglück, für mich lauter kitschiges Zeug. Das geht für mich so nicht.“ „Und, was geht für dich? Du willst unseren Krach, unser Geheimnis, das uns zu trennen droht, diesem jungen Pärchen zu Beurteilung vortragen? Ich glaube du spinnst.“ „Jedenfalls könnten die sich in uns einfühlen, was hier läuft oder nicht läuft. Jedenfalls will Andreas sie fragen, ob sie sich vorstellen kann, bei dem Experiment mitzumachen. Ich vertraue ihm, und wie er sie schildert, mit Vorsicht auch ihr. Die wollen aber erst selbst in Ruhe darüber nachdenken, ob sie sich das zutrauen.“ „Na immerhin, und die ist nicht heimlich kindgeil, ohne dass sie es weiß?“ „Darüber will er ja mit ihr reden, wie es mit ihr steht. Ob sie auch schon eine Bündnispartnerin sucht, für eine Solidarität zum gemeinsamen Brüten. Wir haben doch neulich das fromme Bild im Museum angeschaut: 'Die Heimsuchung`, Elisabeth und Maria gestehen sich, dass sie beide schwanger sind, streicheln sich wechselseitig die Bäuche und sehen sehr zufrieden und schon ein bisschen heilig aus. Berühmte Männer wollen sie gebären. Träumst du auch schon von einem kleinen Genie?“ „Du Ekel. Aber“, so lenkte sie langsam ein, „lass mir Zeit, dann kann ich auch nachdenken. Aber die müssen unvoreingenommen sein! Frag immer wieder nach, ob sie das sind, oder ob sie uns nur als Ansichts- und Probeexemplare zuschauen wollen.“

Es gingen einige Wochen ins Land, die Paare lernten sich kennen, tauschten ihre Ansichten und Lebenserfahrungen und Ziele und Wünsche aus, und das Vertrauen zueinander wuchs. Nur Carmen brauchte eine Weile, um mit ihrem Neid auf Julia fertig zu werden, „Abitur und Studium, in einem noch ziemlich ungetrübten Glück in einer Fernbeziehung ohne Alltagsquerelen, und ein paar Jährchen jünger, und trotzdem klug und beredt?“

Eines Tages kam Carmen mit einer Unglücksbotschaft nachhause, sie war dem Weinen nahe und warf die Kollegtasche wütend in die Ecke: „Das hat grade noch gefehlt: der Ausbildungsträger gibt bekannt, dass das beauftragte Unternehmen auf der Kippe steht, zwei Monate keine Lehrergehälter mehr zahlen konnte, neue Kredite sind abgelehnt, sie müssen eventuell Insolvenz anmelden, dabei haben wir ja einen Teil der Kosten schon einbezahlt. Das hat gerade noch gefehlt.“ Oskar nahm sie tröstend in den Arm: „Liebe Carmen, mach dir erst mal nicht noch neue große Sorgen, es wird sich schon eine Lösung finden, entweder Geld zurück oder Umbuchung auf einen anderen Träger. Wir werden das schon schaffen!“ „Lieber Oskar, du sagst „wir“, das läuft mir wie warme Honigmild die Kehle runter, ich höre wieder einmal so viel Solidarität von dir, das macht mich glücklich, und natürlich blitzt da im Hintergrund die Hoffnung auf, dieses Gefühl könnte sich auch auf unsere andere Baustelle beziehen, die in meinem Bauch. Wie schmeckt dir jetzt das ´unsere Baustelle?´, sicher noch nicht wie Honigmilch, obwohl mein Busen schon ein bisschen zunimmt und du noch staunend und begierig daran schleckst. Kriegst du das überhaupt mit?“ „Liebe Carmen, wenn ich ihn im Dunkeln in die Hand nehme, dann schon. Gegen den zärtlichen Schrecken sage ich mir halt zum Trost, ok, es ist unser Busen, dann geht mir schon besser. Und was tut sich in deinem Zartbauch?“ „Ich spanne alle Sinne an, ob sich was regt, aber in meinem Zustand traue ich den Zeichen noch nicht. Ich kann Wirklichkeit und Hoffnung nicht unterscheiden.“ „Du weißt, ich bin manchmal etwas realitätsnäher, lässt du mich heute Nacht mal vorsichtig tasten?“ „Mit deinen groben Pfoten, nein, sorry, was sage ich, die sind mal grob, mal berauschend zärtlich. Wenn du diesen Anteil deiner Hände anwendest, dann bist du willkommen.“ „Über dem Hemd oder darunter?“ „Du Hanstwurst, das klingt schon wieder lüstern, aber heute Abend gilt beides.“ „Das ist beruhigend. Darf ich den Bauch auch küssen, oder schadet das deiner Leibesfrucht?“ „Lieber Idiot, was musst du noch alles lernen in Sachen Papaschaft!“ „Du, ich fühl´ mich heute richtig lernwillig. Ehrlich““

Die Aussicht auf Laienpaargespräche hatten auch Andreas und Julia weiter zusammen geführt, doch sie waren sich einig, bei sich selbst keine vorzeitige Schwängerung zuzulassen, doch sie lasen gemeinsam in einem der vielen populären Paarberatung- und Sexanleitungsbücher, die aus den Buchläden bis auf die frühlingshaft warmen Trottoirs hinausschwappten. Und sie lasen in der Zeitung, dass sich vor einer Beratungsstelle für Schwangere, wo es um einen möglich Abtreibungsberatungsschein geht, turbulente Szenen abspielten: „Mordzettel!“, sei geschrien worden, und kirchliche Gegner und Hilfsuchende in Not seien sogar handgreiflich aufeinander losgegangen. Kirchengelder für die neutrale Stelle wurden entzogen und ideologisch verdammt, die eine Beratung fördernden Bischöfe waren ja längst von Rom aus gerügt worden. Und aus den USA ertönten noch ganz andere Schärfen der Auseinandersetzung: es soll sogar auf Abtreibungsberater geschossen worden sein, mit und ohne vorherige Morddrohungen. Das Problem politisierte, wie man so sagt, beide Paare, und sie fingen an, sich um Parteiprogramme zu kümmern und Kampfstände mit Dafür- und dagegen-Programmen im Stadtzentrum zu besuchen. Carmen war hin- und hergerissen, Abtreibung kam ihr wie ein Verbrechen vor, aber ein strafbewertes Verbot schien ihr ebenfalls unmöglich. Jedenfalls reiften sie mal still, mal aufgeregt vor sich hin und wurden zu

echten deutschen Staatsbürgern, die sich in der Heute-Sendung häufiger zum politischen Tagesgeschehen informierten.

Aus irgendeinem Topf der Landesregierung wurde für die berufliche Fortbildung ein Überbrückungskredit gewährt, vermutlich im Zusammenhang mit der hochaktuellen prospektiven Existenzgründungspolitik oder der Start-ups-Mode, von der man weiteren wirtschaftlichen Aufschwung erhoffte. „Die baden-württembergische Wirtschaft brummt““, tönte es vollmundig aus schwäbischen Regierungskreisen, und da sollten verheißungsvolle wirtschaftsfördernde Fortbildungsprogramme nicht sang- und klanglos eingehen. Politischer und privater Optimismus gingen in jenen Wochen zufällig mal Hand in Hand dank dem sinkenden Ölpreis, der wiederum auch Oskars Spritverbrauchskosten zugute kam, weil der sonnige Frühling die gefahrene Kilometerzahl für die der reinen Erholung gewidmeten Wochenenden drastisch erhöhte. Carmen erlebte noch normale erotische Lust, der Übermut verleitete die Beiden sogar dazu, lauschige Waldlichtungen für vor allen Wanderern unbeobachtete Vereinigungen zu nutzen, den der inzwischen über Carmens Zustand weniger unglückliche Oskar feixend eine „notwendige Nachbefruchtung“ nannte.

Beide befleißigten sich der Verbesserung der Beziehung zu ihren Herkunftsfamilien, die stark ausgedünnt überlebt hatten. Es hatte zu beiden Elternpaaren über längere Zeit nur wenige Telefonate gegeben, und was die kleine Schwester nach ihrer Konsultation zuhause hatte durchscheinen lassen, blieb unklar. Immerhin ist es für Eltern und Schwiegereltern keine kleine Geschichte, etwas über eventuellen Nachwuchs der unverheirateten Kinder zu erfahren. Die Schwester war, da man von ihrem Besuch bei den Beiden wusste, regelrecht um Auskunft bedrängt worden, aber es scheint, sie hat, von vagen Andeutungen abgesehen, weitgehend dicht gehalten. Was Carmens Mutter aus den vagen Andeutung gemacht hat, ist unklar, wahr ist aber, dass sie sich nun als eine Geheimnisahnerin empfand, dem schwierigen Gatten folglich alle Ahnungen verschwieg, sodass dieser im Zustand des Blindheit verblieben war, ohne sich seine eigenen Phantasien und Wünsche nach Enkeln klar eingestehen zu müssen. Aber aus der Bildzeitung entnahm er durch romantisch aufgeheizte, halblüsterne Artikelchen, dass die Nation durch reicheren Geburtensegen wieder wuchs, was ihn zufrieden stimmte. Insofern streifte ihn das immer wieder aufgewärmte Thema Großelternglück doch aus der Ferne, zu unübersehbar waren die Bilder aus einigen europäischen Königshäusern, wenn Prinzessinnen oder Kronprinzgemahlinnen ihren schwangeren Leib offiziell ablichten ließen oder neuer Nachwuchs mit großem familiären Pomp zur Taufe getragen oder vorher noch von den Schlossbalkonen dem Volk zur Schau gestellt wurde. Irgendwie lag das royale Geburtenthema in der Luft, und wer es genau wissen wollte, griff beim Frisör oder beim Zahnarzt zur „Bunten“, die bei den adligen Niederkünften stets mit dabei war, ebenso wie bei den auflagensteigernden prominenten Trennungsdramen und Bäumchen-Wechle-Dich-Festen. Von totaler gedanklicher, emotionaler und informatorischer Unschuld konnte auch in den beiden kleinbürgerlichen Familien nicht die Rede sein.

Vielleicht gab es sogar bereits ein vorsichtiges Hochgefühl. Carmen und Oskar berieten sorgfältig die Sätze, in die sie die Botschaft kleiden wollten, besprachen die Eröffungszüge wie die Mitteilung der Haupttatsache samt der Rollenverteilung der beiden Sprechenden. Denn es sollte unbedingt nach den zermürbenden Kämpfen das solidarische WIR durchscheinen, auch wenn es bei Oskar immer noch nicht allumfassend war. Doch bevor sie zum angekündigten Besuch zwei Tage später aufbrachen, äußerte Carmen eine wohlbegründete und doch überraschende Bitte: „Oskar, wir wissen viel voneinander, aber ich möchte vor unserem Auftritt bei den Eltern mehr von dir wissen, und du hoffentlich auch von mir. Wir haben uns die Form und das Ausmaß unseres Jugendehrgeizes gestanden. Aber wie der eingebettet war in unsere Seelen, welche Abgründe er überbrücken sollte, warum wir süchtig waren nach Erfolg, wohin unser Weg der Kompensation von Minderwertigkeiten noch geführt hätte ohne unsere Begegnung, oder deine unsichere und ängstliche Werbung mit dem ermutigenden Beistand deines Freundes, das ist mir immer noch ein beunruhigendes Rätsel. Und was wäre aus mir geworden, wenn ich das Klum-Theater nicht im Ekel verlassen hätte? Was haben wir wie eine Erlösung gesucht? Erlösung von was? Und was hat uns gerettet vor einem gefährlichen Wahn? Magst du dich heute Abend mit mir hinsetzen und ehrlich Rückschau halten? Wir sind beide an einem Abgrund entlanggelaufen und doch nicht abgestürzt. Und wie hängt das alles mit dem vielleicht kommenden Kind zusammen, das uns überrascht und vielleicht überlistet hat? Was ich dir und uns zumute und mir schon lange wünsche, ein sogenanntes „Bilanzgespräch“, nennen ich mal pathetisch eine Tiefenbohrung. Wir tragen etwas in uns, dass gefährlich hätte werden können. Ich suche Orientierung.“

„Liebe Carmen, dann hast du dich wohl schon gründlich vorbereitet, und ich lasse dir den Vortritt.“ „Gut mein Lieber, ich bin in der richtigen Wutstimmng, habe grade gestern Abend, als du mit Andreas verabredet warst, die neueste Sendung von und mit Heidi Klum gesehen, die wird immer opulenter, ausschweifender, raffinierter inszeniert, mit einem riesigem Laufsteg für die Mädchen, die diesmal, als Köder, in feinste Modekleider gesteckt wurden, sozusagen als appetitmachende Vorschau auf das was sie alle anstreben: eine Welt- Modelkarriere, wie sie Königin Heidi mit ihrem Weltruhm ja geschafft hat. Die aufgeregten Mädchen verehren sie in der Tat wie eine Königin, von deren gnädig zustimmendem oder skeptischen Nicken die Stimmung der Posierenen für die nächsten Wochen und Monate abhängt.

Vor Jahren sah da alles noch schlichter aus. Aber jetzt saßen zwei neue Jurygecken da, anders kann ich die nicht nennen, rechts und links neben ihr hin gelümmelt und breiteten ihre Verdienste in der Modebranche angeberisch aus, zum Beispiel auch, welche Schönen sie schon „gemacht“ oder zum Erfolg gebracht hätten, und auf welchen internationalen Laufstegen sie bereits zu sehen seien. Um die Mädchen noch stärker affig aufzublähen, sprachen sie von ihren jeweiligen Teams oder Mannschaften, drückten bei Wohlgefallen auf aufleuchtende Lampen, wie als Voranzeichen künftiger Prämierung, und stritten schauspielerisch vor allen darum, wer welches Mädchen in jeweils sein vermutlich gar nicht vorhandenes Team nehmen wollten, und die Damen nahmen das knicksend und strahlend erfreut zur Kenntnis und bedankten sich einschmeichelnd und unterwürfig, als seien sie damit für unendliches Glück gebucht. Ich sage dir, in mir stieg wieder der frühere Ekel hoch, wie vor Jahren, als die gestylen Assistenten ihre lüsternen Augen auf die Mädchen warfen, wie in Vorfreude auf das abendliche Abschleppen. Ich hatte es ja in grässlicher Aufregung nur bis zur ersten regionalen Vorrunde gebracht, aber ich kann die kollektive Aufregung der Großrunde, die ja schon eine fast elitäre Auswahl für die dritte Runde darstellte, gut nachfühlen. In der ersten halben Stunde wurde der Schminksaal gezeigt, gut zehn Plätze mit Spiegel und Schminktisch, mit unzähligen kostbaren Fläschchen, Pinseln, Tupfern, sozusagen die Spezereien der großen Modewelt, und Parfümsprays der ersten Häuser, mit aufgedonnerten Stylistinnen, die die strahlenden Damen prüfend und den letzten Schliff gebend umtanzten.

Danach gingen alle zurück in den Warteraum und übten noch einmal ihre Posen und Lächelgesichter, versuchten sich vergeblich in Coolness und überschütteten einander mit überschießendem falschem Lob, während ihnen Neid und Rivalität aus allen Poren quollen. Jede hatte ihre eigene Version, Aufgeregtheit zu verbergen oder zu überstrahlen. Einige wählten meditatives Augenschließe oder stille Versenkung, andere beruhigende Berührungen mit angeblichen Freundinnen, und wieder andere suchten den Blick ihrer Mut machenden und anfeuernden Sekundanten und Coachs, die am Rande der Szene stehen durften, um eventuell auch bei Nervenkrisen und drohenden Ohnmachten einzuschreiten. Letztes Straffen der kostbar gewirkten Strümpfe unter teilweise knappsten Röcken oder auch Einblick gewährenden Strumpfhosen. Ohrgeschmeide und angedeutete Krönchen wurden noch einmal schnell zurecht gerückt, und dann gingen die einzelnen, nach Nummern aufgerufenen Mädchen hinaus auf die Bühne, begrüßt von stereotypen Staunensrufen der posen- und körperteilkundigen männlichen Juroren und Heidis detailreichen Varianten des faltenlosen Lächelns, immerhin ist sie inzwischen über vierzig.

Und dazwischen immer wieder eingeblendet die Werbung, nein, die Verführung, die lockenden Einladungen an hunderte, vielleicht Tausende neuer Mädchen, die in den Anmeldungstaumel versetzt werden sollen, damit die Riesenmaschine, die ein einziger Quotenbringer ist, weiterläuft und millionenhaft Einnahmen und neuen Ruhm und neue Räusche der Hoffnung und der Eitelkeit erbringen. Ich habe das alles ja erst viel später und in kleinen Schritten durchschaut: die Schau ist ein riesiges, gezielt organisiertes Happening, scheinbar im Dienst der Werbung für den Beruf, aber schon der Titel zeigt: es geht um Weltruhm, wachsenden Zulauf, Steigerung der Erlöse, ein Schüren des hunderttausendfachen Ehrgeizes, aber auch der Selbstquälerei der Mädchen. Und du siehst, wenn die Kamera einen heimlichen Schwank macht, den heulenden Zerfall der Gesichter, wenn sich ein Daumen nach unten gesenkt hat, wenn das Lächeln schlagartig versiegt und sich in eine Fratze der Enttäuschung verwandelt. Mich hat gewundert, dass sie diese kurzen Stellen nicht rausgeschnitten haben, sie könnten ja als Warnung dienen: Täuscht euch nicht, eure Sehnsucht und eure Anstrengung, euer kurzer Glanz wird verheizt, ihr seid für kurze Minuten Paradiesvögel mit künstlichem Gefieder, und ihr dient dem Ruhm einer einzigen Person, der Zirkuskönigin Heidi, die ihr verehrt wie eine Schicksalsgöttin.

Oh Gott, wie ich das alles kenne, aber nicht in der neuen Perfektion der Inszenierung, geradezu überwältigend durch Nebelschwaden, Lichteffekte und verhunztem rauschendem populärem Wagnerverschnitt. Auftritt nach Auftritt im Zehnminuten-Tempo, und da selbst in dieser aufgescheuchten Masse Individualität und Persönlichkeit besonders herausgestellt werden solle, proben die Mädchen vorher Blick und Augenaufschlag, als ob sie gerade aus einem tiefschürfenden Seminar der Volkshochschule kämen. Du kennst das vielleicht aus Schönheits- oder Miss- sowieso- Wettbewerben, denen du früher wahrscheinlich öfter mit lüsternen Augen zugeschaut hast. Dort müssen die Wunschköniginnen auch angeben mit ihren geistigen und künstlerischen Interessen in routiniert eingeübten Interviews.“ Osker blieb fast der Mund offen stehen, Carmen hatte sich immer mehr in Wut und Verachtung geredet, sodass Oskar in Sorge war, sie könnte auch in aller Öffentlichkeit so reden, und es käme der Göttin zu Ohren. Deshalb sagte er halb im Scherz, halb im Ernst: „Die würde dich glatt anzeigen wegen Verleumdung, wenn deine üble Meinung von einem Journalisten aufgeschnappt und publiziert würde, dann müsstest du noch mit einem Schadensersatzprozess rechnen, der uns bis an unser seliges Ende ruinieren würde. Ich glaube nicht, dass sie da Spaß verstünde und das Recht auf freie Meinungsäußerung hoch hielte. Ich habe dir doch erzählt von dem Mammutprozess gegen einen früheren Chef der Deutschen Bank, der einen kritischen Satz fallen ließ gegen die Kreditwürdigkeit eines großen Kunden: da geht es um Milliarden von Schadenersatz. Ich höre unter meinen Kollegen viele vielleicht überflüssig Warnungen vor unbedachten abschätzigen Meinungsäußerungen, da gibt es inzwischen juristische Paragraphen, die schon manchen wegen Rufschädigung zu Fall gebracht haben, weil sich die Schädigung angeblich in Millionenbeträgen messen ließ. Und die Klum lebt von einem Ruf, der für sie ebenfalls Millionen wert ist. Was denkst du, wie die toben würde, wenn plötzlich der verwertbare Nachwuchs der Modelsüchtigen ausbliebe. Sie würde einen oder mehrere Schuldige suchen, die sie am Liebsten im Knast sähe.“ „Oskar, du bist informierter als ich in solchen Dingen, aber ich fürchte, du hörst das Gras wachsen.“ „Schätzchen, behalte deine anmutige Ahnungslosigkeit. Was die macht, ist big finance und bic Verführung, sie ist und führt einen Konzern, da werden Millionen umgesetzt, und fast wärst du ein winziges Rädchen in ihm geworden.“ Sie war bereit, ihn anzustaunen, weil er so viel zu wissen schien aus der großen weiten Welt.

„Und nun, lieber neugieriger Oskar, soll ich dir gestehen, inmitten meiner wieder aufgeflammten Scham, welcher Seelenzustand mich mit knapp sechzehn in diesen Zirkus getrieben hat? Da brauche ich erst mal einen Rotwein zur Stärkung und zum Mutmachen.“

Oskar holte und entkorkte eine Flasche Barbera, von dem sie nach längerem Probieren eine kleine Anzahl auf Vorrat gekauft hatten, hielt die Flasche etwas zeremoniell zum Einschenken hoch, wie um Festlichkeit zu simulieren, und schenkte die Gläser voll, reichte eines Carmen, nahm seines wieder ausladend mit ausgebreitenden Armen hoch wie in einem pathetischen Willkommensgruß, stieß mit ihr an und sagte ganz ruhig, seine Neugier hervorhebend: “Ich bin gespannt!“.

Carmen stieß einen der ihm sehr vertrauten Seufzer aus und begann:

„So viel ich weiß hat deine süße Schwester die Pubertät ohne gravierend Essstörungen überstanden, von kleinen Diätsorgen abgesehen, und hatte insgesamt zusammengerechnet nur einige Tage auf der Waage zugebracht. Noch nicht besorgniserregend! V o r mir hattest du auch wenig Gelegenheit, mit Damen über diese Model-Neuroseform zu sprechen. Also muss ich dir das kleine Einmaleins erzählen, das es allerdings in mehreren Symptomsprachen und verschiedenen Kulturen weltweit gibt. Es wird dir einleuchten, dass Mädchen in Afghanistan oder Lappland in anderen Formen sich krank hungern oder fressen, und in anderen Gemütslagen. Bei mir fing´s an mit Appetitlosigkeit, Schwächegefühlen, aber durchaus auch mit Phantasiebildern von Fressgier, besonders nach Süßigkeiten, zum Beispiel Schokolade oder Käsekuchen. Es ging damit weiter, mich mit Freundinnen und deren Praktiken zu vergleichen, und natürlich mit Bildern aus der Werbung und deren Gesundheits- und Schönheitsverheißungen. Die Zahl der Rezepte in „Brigitte“ und Co. wuchs, und es erschien immer normaler, dass Frau genau auf Gewicht und Ernährung achtet. Ich wollte eine moderne Frau sein, oder besser, noch werden.

Meine erste Regel war eine Qual gewesen, Mutters Sprüche davor, während und danach erspare ich dir. Aber es ging mir auch wirklich schlecht: die enge Kontrolle, der wachsam-eifersüchtige Vater, weit und breit kein Freund in Sicht, die Mutter nach wie vor von Erziehungsdrang erfüllt, ich war erleichtert, als ich zufällig hörte, Selbstmordphantasien könnten in dieser Phase vorkommen, denn ich hatte in der Zeit des intensiven Selbstmitleids immer wieder welche. Aber ich redete mit niemandem und fühlte mich mutterseelenallein, dabei in steter Anwesenheit einer plappernden Mutter mit ihrem Nachbarschaftsklatsch, der durchaus mit ihren engen Normalitätsvorstellungen verbunden war. „Das und das tut man, und dies und das nicht!“ Zur familiären Kontrolle kam die Kontrolle durch eben diese Nachbarschaft hinzu: Zauberwort war: `Was könnten die Nachbarn denken!`“

Da machte mich eine Freundin, die mich bewunderte, auf die Sendung von und mit Heidi Klum aufmerksam: „Wer wird das nächste Supermodel?´ Da fing ich Feuer, meldete mich, hungerte mich noch weiter runter und fieberte dem Antwortbrief entgegen. Der kam auch, und ich geriet aus dem Häuschen und in eine sogenannte Vorauswahl, und auf einmal war ich unter lauten, auserwählten anderen Hübschen, ein schnatternder Haufen, zum Teil mit Aufmerksamkeiten verwöhnt, aber damals schliefen wir ja noch in Gruppen in Stockbetten. Es war laut und aufregend, und das ewige Gerede über Rezepte, Schminkgeheimnisse, über Chancen, über Heidi, die Jury die Regeln, die Chancen, die Veränderungen im Leben, die es jetzt zu bestehen galt, und mein Geheimhalten gegenüber der Familie, die Angst, wenn man noch nicht sechzehn war, ob man die Erlaubnis der Eltern brauchte. Viele wurden auch von ihren Müttern angeschleppt, mit einem Gehabe, als brächten sie künftige Eisprinzessinnen herbei.

Ich war der Verlockung, mit meinem schwankenden, aber ziemlich schwachen Selbstwertgefühl der Verlockung nicht gewachsen, entwickelte peinliche Größenphantasien und sah mich nicht nur als kommendes Model, sondern auch als chancenreiche Anwärterin bei regionalen Schönheitswettbewerben. Und ich trainierte Posen und Haltung vor dem Spiegel, ich schäme mich, dir das alles zu beichten. Aber wir sind mit ähnlichen miesen Voraussetzungen gestartet, aber jetzt bist du dran!“

„Liebes Beichtkind, du warst tapfer, was bleibt mir dann Anderes übrig. Wir sind ja aus dem gleichen Supf aufeinander zugesegelt, ohne es zu ahnen. Nur hat mich ein Freund, von dem ich schon berichtet habe, und der mir, wie du weißt, Mut gemacht hat, dich anzusprechen, schon mehr als ein Jahr früher, als ich wieder mal verzweifelt war über meine Schüchternheit und die Angst, ob ich überhaupt mal eine Freundin angeln werden, oder ob mich endlich eine angelt, getröstet mit dem albernen Satz: ´Oskar, die für dich ist doch schon geboren, der kannst du gar nicht ausweichen!` Ich wäre dir aber vielleicht noch lange ausgewichen, wenn er mich nicht in deine Richtung regelrecht geschubst hätte. Ich war verdammt schüchtern, außerdem noch ziemlich klein, unbeholfen, ich glaube, ich habe sogar manchmal gestottert in der Nähe von Autoritäten, und ich wurde rot in der Nähe von Mädchen, kriege verschwitzte Hände, es war zum Davonlaufen. Er hatte Mitleid mit mir und holte mich zuerst an die Kraftmaschinen, später zu den bodybuildern, ich glaube das war die Rettung. Ich hätte anfangs nie gedacht, dass ich mal richtig Muskeln kriege, die man vorzeigen kann. Er wurde mein Trainingsberater, hat mir vorgeschrieben, ja, lach' nicht, vorgeschrieben, was ich essen soll, einschließlich der muskelbildenden Kraftnahrung, ich war so abhängig von ihm, ich hätte ihm aus der Hand gefressen, jetzt schäme ich mich, schon viel früher als du vorhin. Und wie du dich gequält hast mit Hhungern und Fasten, und an der Waage, und mit Diäten, so habe ich mich auch gequält, auch ich mit Fressproblemen, aber vor allem mit dem Training. M, mein Freund hat gestaunt, wie verbissen ich war, ich musste ja ein Abgrund von Selbstzweifeln füllen, aber es hat geklappt, ich kam vorwärts, und genau wie du, aufgeregt und schweißgebadet auf den ersten Wettbewerb, eine kleine lokale Meisterschaft, aber ich habe gemerkt, ich komme voran, fand das alles aber nicht so verrückt oder ekelhaft wie du dein Abenteuer, - doch nahe am Missbraucht-Werden war ich auch – jetzt muss ich mich noch mehr schämen, an mir war etwas, was Männer anzog, die scheue Weichheit, wie einer lobend sagte, der mich vernaschen wollte. Ich war so naiv, dass ich anfangs nicht wusste, was er wollte, erst als er mir in der Hole rumgefingert hat, dämmert es mir: Fast wäre ich mit einem Schulen ins Bett gegangen, habe wie du gerade noch die Kurve gekriegt, bin einfach weggelaufen, es war keine Heldentat, nur Angst, Widerwillen, und ich war zu feige, ihn anzuschreien oder ihn eine zu langen.“

Oskar musste eine Pause einlegen, so sehr fingen die Erinnerungen an, ihn zu quälen und die Beichtarbeit zu verleiden. Er brauchte lange, um das ihn demütigende Ereignis seinem Freund anzuvertrauen, der ihn wieder trösten musste: „Oskar, du bist halt ein hübsches Kerlchen, aber bald bis du ein Kerl, und statt mit dir ins Bett zu wollen, werden sie dich fürchten. Doch merk' dir: einmal musst du richtig zuschlagen oder einen in den Schwitzkasten nehmen, bis er um Gnade bettelt, damit alle Achtung vor dir kriegen, nicht nur die Schwulen, sondern auch die Muskelpakete, die Kumpel und Scheinkumpel.“

„Ich schöpfte immer wieder Hoffnung unter seinen aufbauenden Sätzen, und ich machte weiter. Denn die Tage waren gegliedert, keine langweiligen Abend mehr: Begrüßung am Abend nach dem Alltag, Training, Wettbewerb, Vergleiche, natürlich sture Wiederholung, aber du fühlt, wie du Macht über deinen Körper kriegst, Selbstbeherrschung, du bist wer, wenn du dich schweißglänzend im Spiegel betrachtest und die willigen Muskel spielen lässt, die dir gehorchen müssen. Ja, du kannst dich verlieben in dein Spiegelbild, das dir den Lohn der Mühen zurück gibt. Und nicht nur die Tage und Wochen waren gegliedert, sondern die Monate, die Halbjahre, von Meisterschaft zu Meisterschaft, mit den Reisen, die Hallen in den neuen Städten, von denen du zwar nicht viel zu sehen kriegst, aber selbst an den der Reiseplänen kannst du dich aufgeilen! Und weißt du was? Als ich ihm mal wieder was von meiner Einsamkeit vorheulte, sagte er: 'Wie du es demnächst hinkriegst, dass auch mal e i n Mädchen, wenigstens

e i n Mädchen Achtung vor dir kriegt oder dich anstaunt und dann dich auch liebt, das ist noch ein anderes Kapitel. Aber ich probier´ dir zu helfen.' Und er hat mir geholfen.“ Oskar schaute Carmen mit Tränen des Glücks an, wie ein geliebtes, endlich erlegtes zärtliches Beutetier.

In diesem Augenblick musste ihn Carmen einfach umarmen vor Rührung über seine Nicht-Heldengeschichte: „Halt jetzt mehr als ein paar Sekunden still, du kriegst einen längerer Kuss. Du musst durchhalten, auch wenn du Angst kriegst vor den stürmischen Gefühlen in mir. … Wau, du hältst ja Stand! Komm lass uns den Geständnisabend feiern!“ Und das taten sie auch, in vielfältiger Weise. Doch obwohl sie bei Aldi einen passablen Barbera erwischt hatten, brauchten sie am anderen Morgen ziemlich lange, bis sie sich trauten, zu Carmens Eltern aufzubrechen.

Die inzwischen sechzehnjährige Schwester empfing sie, fast schon ungeduldig geworden, an der Gartentür, von wo aus sie seit einer Viertelstunde den mutmaßlichen Anmarschweg beobachtet hatte, schon in Frotzellaune mit dem Vorwurf: „Na, ihr müden Krieger, es wird allmählich Zeit, dass ihr auftaucht, warum macht ihr es gleich so spannend und lasst uns warten?“

An der Haustür wartete die Mutter und gab sich demonstrativ erfreut und versuchte sich an einer gastlichen Umarmung der potentiellen Schwiegertochter, ein Ausdruck, den sie aber nicht anwendete, obwohl er ihr auf der Zunge lag, dafür schien ihr doch alles zu früh. Der Freund der Tochter hatte sich schon einmal vorgestellt, doch sie ahnte, dass es noch einen anderen Grund gab, warum die Beiden auf einen erneuten Besuch, und dies an einem Sonntag, gedrängt hatten. Zwei Minuten später trat der Vater auf, aus Unsicherheit hatte er sein Erscheinen verzögert und inszenierte es nun wie einen hoheitlichen Empfang, für den er sich ein Jackett angezogen hatte, dessen Knöpfe er etwas umständlich schloss, sodass sich der betont freundliche Handschlag noch um weitere Sekunden hinauszog. Es lag eine undefinierbare Spannung in der Luft, die alle eine Spur befangen machte. Nur Carmen versuchte, durch betonte Fröhlichkeit die Situation zu entspannen, und als sie dann sich im Wohnzimmer in der neubarocken Sitzgruppe niedergelassen hatten, gelang es der aufgekratzt frechen Schwester durch einen schrägen Witz die Stimmung aufzulockern: „Ach Carmen, wo hat du denn d e n Fummel erstanden, etwa in einem second-hand-Laden?“, was ihr einen Tadel des Vaters eintrug, der um einen würdigen Beginn der Sitzung bemüht war.

Es wurde Kaffee oder wahlweise Tee angeboten, die Mutter betonte, dass die Plätzchen selbst von ihr gebacken waren, und der Vater warf sich insofern in die Rolle des Gastgebers, indem er dem jungen Mann einen Zigarillo anbot, den er auch sich selbst anzündete, doch dieser lehnte an mit der etwas gravitätisch vorgebrachten Begründung, „als Sportler rauche ich nicht. Aber noch aus einem anderen Grund“, fügte er errötend hinzu, „wir bringen ja noch eine sensible kleine Person mit, der das schaden könnte.“ Damit platzte er, wider die Absprache zwischen dem Paar, einfach heraus, das trug ihm einen strafenden Blick von Carmen ein, die dennoch erleichtert war, dass sie selbst nicht mit vermutlich zittriger Stimme die bedeutsame Tatsachen-Mitteilung selbst übernehmen musste. Etwas tölpelhaft, ob naiv oder gespielt war nicht zu spüren, fragte der Hausherr, wie zum Schein zählend in die Runde blickend: „Ich sehe nur fünf Personen.“ Jetzt war es an Corinna, laut loszulachen, der Vater machte ein ratlos verdutztes Gesicht, und dann wurde Carmen rettend aktiv mit der jetzt tatsächlich leicht zitternd vorgetragenen Mitteilung: „Mutter, Oskar wollte sagen, eure Tochter ist schwanger“, und verschämt-auftrumpfend ergänzte sie: „Das bin nämlich ich. Jetzt wisst ihr´s!“ „Hab ich mir´s doch gedacht!“, echote Corinna, und die Mutter sagte ärgerlich, weil sie nur etwas geahnt hatte, aber nichts wusste, was Sache war: „Ach! deshalb hast du so rumgedruckst, als du von den Beiden nachhause gekommen bist, du warst besser informiert und wolltest uns noch an der Nase herumführen! Als die, die heimlich schon Bescheid wusste!“ „Ich war noch keine Wissende, sondern auch nur eine Ahnende, aber eine schon mehr Ahnende als Du, und Du hast Vater dann total ohne Ahnung gelassen.“ Jetzt brauste der Vater gebührend auf: „Was treibt Ihr für ein Spiel mit mir, als ging mich ein Enkel oder eine Enkelin, ledig wohl zu Welt gebracht, nichts an, und was wird aus unserem Ruf. Carmen, ich bin bestürzt, was Du uns für eine merkwürdige, auch tadelnswerte Nachricht bringst.“ „Aber Günther!“, fauchte jetzt die Mutter, das ist heute doch ein bisschen anders als zu unseren keuschen Zeiten!“ „Roswitha, neben Dir als Verlobter keusch zu bleiben, habe ich zwar versucht, aber es dann doch nicht geschafft. Da hattest du auch deinen Anteil daran. Aber immerhin waren wir verlobt, Ähnliches habe ich von diesen Beiden nicht gehört.“

Zum Glück klingelte es an der Haustür, das verhinderte eine weitere Eskalation, sondern es trat ein langhaariger junger Mann ein, der schon vom Flur her in etwas grobem Ton rief: „Komm endlich, wir wollen doch zum Fußball!“ Der Vater, mit noch gerötetem Kopf zu Corinna: „Hatten wir dir das erlaubt?“ „Mutter hat es erlaubt, du warst nicht da, als Francis angerufen hat gestern. Hoffentlich kriegt ihr jetzt keinen Krach wegen fehlender Abstimmung und pädagogischer Katastrophe. Tschüss!“

Die verdutzt Zurückbleibenden hatten einige Mühe, in die kaum begonnene Unterhaltung zurück zu finden, um die überraschende Nachrichtund die wechselseitigen Gefühle zur so gemischt aufgenommenen Eröffnung zu verdauen oder besser zu bändigen. Carmen versuchte sich mit Blicken mit Oskar zu verständigen, unterstützt durch vorsichtiges Achselzucken, wie um stumm mitzuteilen: „Jetzt weißt du schon mehr von unserem trauten Heim, und dass meine Schwester, ganz anders als ich, frühreif frech und noch in der Pubertät ist.“ Oskar hatte seine Hände auf den Knien abgelegt und machte mit den auf und ab gehenden Fingern beruhigende oder abwiegelnde Bewegungen. Alle schwelenden Gemütsbewegungen zusammenfassend fragte er höflich: „Haben wir euch jetzt geschockt?“ „Das kannst du wohl sagen“, schnaubte, noch immer nicht ganz gefasst, der Vater, „kaum hat man gerade ganz ruhig gefrühstückt, und dann das!“ Und nach einem tiefen Seufzer wollte er wissen: „Weiß man denn schon, was es wird, Junge oder Mädchen?“ Roswitha suchte ihn zu beruhigen: „Du wirst schon noch früh genug erfahren, ob es für dich ein erhoffter Stammhalter wird, danach hast du schon gefragt, oder es gewünscht, als Carmen sich zum Tanzkursabschlussball zurecht gemacht hast und du in deine eifersüchtigen Phantasien abgeschweift bist. Wenn es einer wird, würdest du ihr wohl sogar das ledig geborene Kind verzeihen. Stimmt´s?“ Begütigend versuchte Oskar das halb witzige, halb gefährliche Geplänkel zu entschärfen, indem er betonte: „Wir wissen es selbst noch nicht, wollen es auch erst einmal gar nicht wissen. Nicht dass das Geschlecht des Kindes, das noch im Storchenteich wartet, auch noch zu früh zwischen uns Krach hervorruft. Ich glaube, wir hätten entgegengesetzte Wünsche, ich einen strammen

Nachfolge-Sportler, Carmen wohl ein blondes süßes Mädchen.“

Das löste ein wenig die Spannung, und die Mutter gestand, dass sie bei Carmen ihre Neugier, was aus dem mit Mühe bald zu Ende getragenen

Bauch herauskommen würde, bezähmt hätten, wenn sie mit dem Ergebnis zufrieden oder glücklich sein würden sei, trotz vielleicht schwerer Schwangerschaft. Der Vater habe schon damals bei der schweren Hausgeburt von Carmen ein wenig gegrummelt, dass sie bei der zweiten Schwangerschaft durchaus die Frauenärztin bewogen hätten, mal nachzusehen und nun auch für die Mutter, nicht nur für den Vater die niederschmetternde Auskunft erhalten hätten: „Wieder ein Mädchen.“ „Einen dritten Versuch“, zu dem die einfühlsame Hebamme dem damals noch relativ jungen Paar riet, „wollten wir nicht riskieren. Aber ihre Lebendigkeit und das drollige Temperament hat sie uns lieb gewinnen lassen, und wir haben uns auf potentielle Enkel vertröstet, die ja bis gestern noch gar nicht in Sicht waren, und ihr wollt nun auch nicht nachgucken lassen. Also fassen wir uns in Geduld und schauen, was uns der nicht ganz kirchlich geweihte Storch bringen wird.“ Die Eltern gaben weitere Anekdoten preis, der allmählich lockerer und geselliger werdende potentielle Großvater brachte Likör ins Spiel, an dem sogar Carmen nippte, und man trennte sich erst, als die Mutter nach strengem Sonntagsreglement in die Küche musste, um das Wunschgericht ihres ziemlich verwöhnten Ehemannes zuzubereiten.

Unsere Beiden warfen sich ausdrucksvolle Blicke zu, als sich die Mutter in bereits umgebundener Schürze in die Küche verabschiedete. Alleine wollte der Ehemann, Vater und vielleicht kommender Schwiegervater sich offensichtlich auch nicht viel länger mit dem jungen Paar abgeben, sondern verabschiedete sich mit dem Verweis auf eine drängende Vorarbeit für die Steuerklärung in sein Zimmer. „Das wäre überstanden“, versicherten sich aufatmend die Beiden und machten sich auf den Heimweg, verwundert darüber, dass sie nicht zum Bleiben fürs Mittagessen genötigt worden waren. Doch die Mutter hatte Vaters etwas missmutige Stimmung wohl richtig erkannt und danach gehandelt. „Aha“, meinte Oskar, „ das funktioniert ja ganz ohne Worte, und alle verstehen es. Wir erst mit einer kleinen Verzögerung“. Später, während des vom Gatten höflich gelobten Essens schnitt Roswitha die Zusammenkunft noch einmal als Thema an, um die noch offen gebliebene Gesamtbewertung des Ereignisse nachzuholen. Der Ehemann, leicht mürrisch begrüßte es, hielt sich aber anfangs sehr zurück, während bei der Mutter das Urteilen schnell in Gang kam: „Du, mir scheint, die Beiden könnten zueinander passen. Aber das haben unsere Eltern ja auch über uns gedacht und gehofft und sogar geäußert, als du, nach zwei steifen Vorbesuchen, um meine Hand angehalten hast. Das haben wir, noch ziemlich verliebt, auch gedacht, sind dann öfter mal auch aneinander verzweifelt. Aber das Durchhalten hat sich dann ja doch gelohnt, nicht wahr, Alter?“, und sie versuchte sich an einem Kuss, der aber etwas verrutschte und damit nicht ganz gelang. Er dagegen ergänzte: „Man wird sehen!, du bist in solchen Sachen rasch zuversichtlicher Meinung. Unsere Tochter glaube ich zu kennen, die hat was Ernsthaftes, aber wenn ich die neuen Werbeplakate der Bank angucke, die leicht verblasst noch immer einige Plakatsäulen zieren, dann ist mir der Bursche ziemlich unheimlich, er schaut recht eitel drein, und es wird einige Zeit dauern, bevor ich ihm über den Weg traue.“ „Alter Brummbär, statt dass du dich freust!“ „Ich nenne ihn einfach mal den Carmenklau. Aber schon bei der Vorstellung, dass ich sie eines Tages durch die Weihrauchschwaden an meinem Arm zum Traualtar führen soll, wird mir ganz elend. Bei dem Wort noch mehr, und erst recht bei Hochzeit. Ich weiß nicht, warum das für mich heute so komisch klingt.“ „Hermann, Alter, ich weiß doch, dass du sie nicht gerne hergibst. Also fang an, dir Enkel zu wünschen, zum Trost für unsere alten Tage.“

Andreas war jetzt, obwohl schon jüngster Abteilungsleiter einer größeren Zweigstelle, noch einmal offiziell zum „Trainee“ für eine nächste Beförderungsstufe ernannt worden, das heißt, die beiden Männer sahen sich höchstens noch einmal in der Woche, wenn er ins Hauptgebäude kam, wo er einem Geschäftsführer bei der Arbeit und beim Umgang mit wohlhabenden Kunden zusehen sollte. Aber sie konnten dann zusammen Essen gehen und sich weiter austauschen und ihre Freundschaft vertiefen, die nicht mehr behindert war durch ein direktes Untergebenen-Verhältnis. Der Plan einer freundschaftliche Laienpaarberatung bestand zwar noch, doch Oskars Grimm übund vor Carmens Schwangerschaft hatte sich längst gemildert, seit er „über oder unter dem Nachthemd“, wie das hinfort geflügelt Wort lautete, die ersten Lebensbewegungen des Ungeborenen erfühlen durfte, ohne die belustigende Angst, ihm durch leidenschaftliche Bauchküsse zu schaden. Das Paar wuchs Schrittchen für Schrittchen zusammen, und Oskar ließ sich, anfangs gegen ihren Widerstand, sogar herbei, mit Carmen kleine vorbereitende, von ihm immer wieder für verfrüht erklärte Einkäufe zu tätigen, darunter ein Hängetragetuch für Säuglinge, die Carmen begeistert ausprobierte, während sich Oskar strikt weigerte, sich jetzt schon den breiten Tragriemen überzuziehen. „Den probiere ich erst aus, wenn was Anständiges drin ist. Und dann gehen wir erst einmal Wege, wo uns keiner, und vor allem mich sieht als Tragbeuteltier. Da denke ich vorläufig noch ganz arabisch: Säuglinge gehören hauptsächlich der Mutter, der Mann hat damit nichts zu tun, außer das Wesen nach der Geburt stolz herumzuzeigen. Mein Kompromissangebot lautet: Ich werde dich nicht zwingen, zwei bis drei Meter hinter mir zu gehen, verschleiern brauchst du dich auch nicht, und vielleicht gehen wir ja auch mal gemeinsam stolz Hand in Hand, auch auf belebten Plätzen. In der Phantasie, wenn ich durch die Fußgängerzone gehe, übe ich das manchmal in der Phantasie. Weiß du, was ich als Halbstarker, wenn ich ein Paar mit schwangerer Frau gesehen habe, still für mich und wie ein Kriminalist leise ausgesprochen habe: 'Die müssen es ja wohl miteinander getrieben haben!', was mir immer noch ungeheuerlich erschien, und was ich für meine Eltern gegen alles gedankliche Wissen für unwahrscheinlich gehalten habe. Da staunst du, gib´s zu, darüber, was ich für ein keuscher Einfaltspinsel war.“ Er schaute sie so verlegen an, dass sie beschloss: „Jetzt muss ich dich schon wieder auf offener Straße küssen, keine Angst, nur mittellang. Und du schaust dich erstmal um, ob keiner uns sieht. Außerdem sieht mein Bauch noch ziemlich zivil aus, und du musste keinen falschen Verdacht fürchten, dass du es warst.“ „Liebes Biest, nach der nächsten Straßenbiegung küsse ich dich einfach zurück, ohne spähende Vergewisserung, dass uns keiner sieht.“

In der Bank breitete sich eine seltsame Atmosphäre aus von Verunsicherung, Ungläubigkeit, Kopfschütteln, Angst und Schrecken. Die Ölpreise stürzten tief in den Keller, seit Monaten. Die verschiedensten

Fachleuten überschlugen sich mit klugen Kommentaren gegensätzlichen Inhalts über Gründe und vermutliche Dauer, und es mischten sich die Deutungen, in denen Ökonomie und Weltpolitik sich ineinander verhakten. Fast alle Angestellten hatten sich in Aktien abgesichert, deren Kurse sich in einem steten Aufwärtstrend bewegt hatten, bis sie sich in einer tieferen sogenannten Seitwärtsbewegung eingependelt hatten. Oskar war es gelungen, das Zauberwort Volatilität im richtigen Augenblick in Trend-Diagnosesitzungen fachmännisch einzuwerfen. Und jetzt liefen sie alle immer häufiger bei dem großen Bildschirm zusammen, um die mit Stöhnen begleiteten Abwärts- und die mit Zustimmung begrüßten, immer zu zögerlichen Aufwärtsschritte zu beobachten, soweit sie nicht bei ihren Tischbildschirmen blieben und heimlich überschlugen, in welche Richtung sich wohl ihr eigenes Depot bewegte. Immer mehr ging es um kurze Erholungen des Dax, um ein Wiedergutmachen des jeweils gestrigen Absturzes, aber die positiven Erholungen wurden immer seltener, und das Wort Monats- oder Jahrestiefstand wurde zur beschwörend-negativer Formel. Es gab gelassene Fachleute, die zuversichtlich an die Erholungen nach der Finanazkrise erinnerten, aber die Düsterlinge, die Katastrophenpropheten oder gar die Apokalyptiker drängten sich in den Vordergrund, und deren Botschaften lauteten immer häufiger: „Der Trend steht auf Verkauf“, oder: „Das Investitionsklima ist beim Teufel“, oder: „Die Banken werfen die eigenen Reserven auf den Markt, um flüssig zu bleiben, und das drückt und drückt die Kurse.“ Manche Abende gestalteten sich schwierig für die Beiden, weil längst nicht mehr das Spekulationsfieber des Aktienanfängers die Stimmung dominierte – beim Steigen der Kurse hielt sich Oskars Zeit vor dem heimischen Bildschirm in Grenzen, das gebannte Schweigen immer wieder unterbrochen von Triumphgeschrei, wenn sich ein neuer Tausender auf seinem Depot einrechnen ließ. Aber jetzt herrschte manchmal Untergangsstimmung, er hatte noch nicht die Durchhaltenerven erprobter Anleger, die Schwankungen bis um die zwanzig oder dreißig Prozent gelassen wegsteckten. Und die Anlageberatungsfirmen hatten ja ihren nicht zu sicherheitssüchtigen Kunden eine Unterschrift abverlangt, dass Schwankungen dieser Größenordnung auf dem Weg zum sicheren Erfolg einfach zu tolerieren seien.

Auch Carmen wurde angesteckt von seinem Pessimismus und forderte viel Erklärungen von ihm, die sie beide vor Kurzem noch genossen hatten, - er sie zu geben, sie auf ihn bewundernd zu lauschen – jetzt meinte sie in ihren Stimmungen gelegentlich anschwellende Zukunftsangst zu spüren, wenn sich der oder die Kleine unruhig zappelnd bemerkbar machte. „Glaubst du, dass sie schon auf unsere aufgeregten Stimmungen reagiert?“ Oskar versuchte sie immer wieder zu beruhigen, verbreitete fast ahnungslos Theorien über Kinder im Bauch, die noch nichts mitkriegen, höchsten wenn die Mutter zu viel trinkt oder süchtig raucht oder sonst schweren Kummer hatte oder sich in zu schwerer Arbeit erschöpfte, eben der Lokalzeitung entnommenes Allgemeinwissen, das er aber unter dem Druck von Carmens Unruhe sich zu vervollständigen vornahm.

Und dann brach die Flüchtlingskrise stärker über die Beiden herein. Oskar hatte versucht, sich von dem Elend und dem endlosen politische Streit nicht berühren zu lassen – er fand zunächst keinen persönlichen Bezug zum Thema, doch als Carmen die immer bedrohlicher werdenden Bilder der erschöpften, frierenden, wartenden, marschierenden Menschen sah, Mütter mit mehreren Kinder, deren Männer im Kampf lagen oder bereits gefallen waren, und die zerstörten Häuser in vielen Städten sah, in denen es nie mehr Geborgenheit geben würde, und die immer wieder aufsteigenden Rauch- und Feuersäulen nach dem Einschlag von Raketen und von Fassbomben, da packte sie Zorn und Trauer, auch wenn sie sich oft bemühte, nicht mehr hinzuschauen. Als sie verstand, was Fassbombenenthielten, Tausende von rostigen Nägeln, die töteten oder tiefe Wunden rissen, konnte sie nicht verhindern, dass sie das am eigenen Leib spürte und zusammen zuckte. Sie drängte Oskar, zu überlegen, was beide selbst tun konnten, um wenigsten in der unmittelbaren Nähe etwas für die in Notunterkünften darbenden Flüchtlinge zu tun. Sie hörte von der Einsatzbereitschaft der freiwilligen Helfer in ihrem Stadtteil, aber auch von deren Erschöpfung durch den oft pausenlosen Einsatz, und sie dachte gleichzeitig an das Ungeborene, dem sie keine schwere Arbeit zumuten wollte. Also beratschlagten die Beiden, was sie tun könnten, und Carmen beschloss, im wachsenden Bekanntenkreis Kindersachen zu sammeln, Kleidchen und Schühchen auch in umliegenden Kindergärten, indem sie die Mütter ansprach, die ihre Kleinen wohlbehalten dort ablieferten. Sie fand zu einem neuen Lebensgefühl, als sie zum ersten Ma in ihrem Leben Solidarität spürte, wenn sie mit vorher unbekannten Menschen ins Gespräch kam, mit denen sie ähnliche Gefühle teilen konnte. Es war wie ein Erwachen mit dem Einblick in verschiedene Schicksale, was über ihre engen Erfahrungen mit Nachbarn in Kindheit und Jugend hinausging.

Und Oskar? Er verfolgte die ökonomischen Debatten in der Bank, über die Schwierigkeiten, den Zustrom wie die Intergration der Flüchtling finanziell zu bewältigen. Er lernte, Globalisierung, Politik, destruktive religiöse und rassische Fronten, infame Propaganda, Kriegsziele und Rechtfertigungen und das internationale, aber ohnmächtige Konferenzwesen zusammen zu denken und zu durchschauen, litt aber unter der wachsenden Unübersichtlichkeit, ja Verworrenheit der Verhältnisse, die ihn oft nur noch grübeln ließen. Schließlich schloss er sich einem kleinen Helferkreis an, der sich mit der Suche nach Wohnraum und Notwohnraum beschäftigte, und genoss das Engagement eines ebenfalls beigetretenen Vertreters der Stadt aus der Mietabteilung, oder wie sich das Amt nannte. Manchmal ließ er Carmen allein wegen der oft spontan einberufenen Sitzungen, sie versuchte, sich nicht zu beklagen, weil sie so unerwartete Seiten an ihm entdeckte. Und weil sie sich nicht dauernd getrennt betätigten wollten, einigten sie sich darauf, einmal in der Woche abends einen elternlos geflohenen Jugendlichen zum Essen einzuladen, der in einem syrischen Gymnasium einige Jahre Englisch gelernt hatte, und die Abende gestalteten sich, neben viel Berichten über Flucht und früheres Leben in Syrien, zu einem wechselseitigen Sprachunterricht mit viel Eifer und Spaß. Manchmal saßen sie über Landkarten, über Zeitungsmeldungen oder am Fernseher, um die so oft auseinander fallenden Eindrücke und Wahrnehmungen und Erlebnisformen unter einen breiten Hut zu kriegen. Sie hatten dem Gast ein Handy besorgt und verfolgten, ohne ein einziges Wort zu verstehen, dessen oft hektische und aufgewühlte Gespräche mit seiner Familie in der Nähe von Kobane. Manchmal wurde der Abend lang, und alle drei bedauerten den Zwang, ein Ende zu finden. Der zunächst so Fremde, der immer weniger fremd wurde, wäre gern öfter gekommen, doch das Paar verschrieb sich zur Schonung ihrer Kräfte mit Bedauern ein gewisse Disziplin in der Eingrenzung ihrer Gastlichkeit. Lieber blätterten sie gelegentlich in einem Bildband über das noch unzerstörte Syrien und dessen inzwischen zerstörte Kunstschätze, sie hatten die Sprengwut der Gotteskrieger einige Male ohnmächtig wütend am Bildschirm verfolgt. Aber zwischendurch zerstritten sie sich auch aufs Heftigste, die Wellen des Entsetzens wie der Anteilnahme wirbelten viel unverarbeitete Konflikte in ihnen und zwischen ihnen auf, und es kam die Auseinandersetzung mit den beiden Elternpaaren hinzu. Sie selbst in Streit gerieten über die politische Konflikte, in denen sich, in unterschiedlichen Graden, die Vier bedenklich den rechten und rechtsradikalen Thesen von Pegida und AfD annäherten, zum Kummer ihrer Kinder.

So gingen die Wochen und Monate dahin, Carmens „Gotteshügel“ wurde immer unübersehbarer. Doch aus den anvisierten Laienpaartherapiegesprächen, von Verhütung bis Abtreibung, wurden immer mehr freundschaftliche Abende, weil sich das junge Paar immer weniger beratungsbedürftig fühlte: Oskar nahm bereits Vaterfreuden vorweg, wenn er mit dem Ungeborenen Frühgymnastik machte, indem er dessen mehr oder weniger heftigen Bewegungen im Bauch der Mutter folgte und sie mit sanften Händen beantwortete. Sie gaben ihm auch viel Musik zu hören als akustische und seelische und wohl auch körperliche zusätzliche Morgen- und Abend- Nahrung, die ihn manchmal etwas heftiger strampeln ließ und manchmal auch beruhigte, dieses am meisten bei getragenen Sätzen von Mozart in Es-Dur, mit denen sich die beiden selbst oft berauschten. „Auf die ´Toten Hosen` verzichten wir, obwohl sie uns lange Jahre begleitet haben.“

An einem der Abende mit Andreas und Julia, als unsere Beiden bereits viel erzählt hatten und auch ein gemeinsamer Kinobesuch stattgefunden hatte, ein Liebesdrama mit einem verwickelten Konflikt, in dem sich die Paare teilweise wieder erkannte und beim Bier sofort in Streit gerieten– Carmen trank einen Beruhigungstee, weil auch sie zu glühen begonnen hatte vor lauter Anteilnahme an der Story - drehten sich die Rollen der beiden Paare um. Es ging in dem Film um Kränkungen, Missverständnisse, Verständigungsversuche, Vorwürfe, Anklagen, Beschuldigungen, drohende Untreue, kurz ein Cocktail vieler Verstrickungen eines jungen Paares, das vorübergehend an sich verzweifelte und erst spät eine einigermaßen friedliche Lösung fand. Kaum saßen die vier da und warteten stumm auf die Getränke, als Julia bereits losplatzte: „So, jetzt will ich von euch Beiden wissen, die ihr ja, wie wir wissen, allerhand durchgestanden habt, wie ihr unseren Streit beurteilt und welchen Ausweg ihr sehen würdet. Ich koche jedenfalls, weil Andreas mir schon im Film großkotzig ein Szene erklären wollte, bei der ich kurz nachfragte, nur weil ich einen Satz nicht verstanden hatte. Prompt wollte er mir Nachhilfeunterricht in Drehbuchproblemen geben, wie man die ganze Szene zu deuten hätte, die mir sofort klar wurde, als er mir gnädig den fehlenden Satz zugeflüstert hatte. Er gibt sich überhaupt oft als der Besserwisser vom Dienst, meint, weil er drei Jährchen älter ist und schon eine mehrjährige Beziehung hinter sich hatte, als wir uns kennen lernten – nein, das klingt viel zu einfach, mein Lieber: Ich musste dir raushelfen aus deinem Sumpf, weil du dich nicht trennen konntest. Aber ich frage dich, bevor ich loslege, ob ich davon berichten darf.“ „Natürlich darfst du das!“, die beiden haben einen solchen Vorsprung an Geständnissen und an Vertrauen in uns, dass ich nicht sehe, wieso du zögerst. Oder schämst du dich etwa, dass du so lange geworben und geklammert hast und dich hast demütigen lassen, bis ich endlich Schluss gemacht habe mit Paula?“ „Warum musst du jetzt gleich mich verdächtigen, wo es doch um dein Überlegenheitsbedürfnis geht? Nur nicht ausweichen! Aber du könntest Recht haben, ein bisschen Scham ist schon noch dabei über meine Rolle als Nebenfrau für einige Monate. Aber trotzdem, zurück zum Angeber mit seiner Klugheit und seiner Lebenserfahrung, zum immer hilfreich und überlegen sein wollenden Frauenversteher!“ „Und du, du gibst an mit deinem urweiblichen Instinkt, der dich angeblich viel weiter bringt als Theorien, dabei schlägst du dich in deinen Seminaren immer herum mit Theorien von Romanen, die du interpretieren sollst, die du aber mit roten Ohren verschlingst, als ginge es immer um dich darin. Und wenn du dann interpretieren willst, musste du erst deine eigene Verwirrung klären, bevor du den ersten Satz zu Papier bringst.“ „Du Scheusal, aber da habt ihr es schon, manchmal macht es dir Spaß, mich für dumm zu verkaufen, wenn dich meine heftigen Gefühle stören. Wo ist die Klarheit schaffenden Distanz, schreist du dann, du Klarheitsfanatiker, verwende sie doch in deiner Bank, aber nicht im Streit mit mir!“

Oskar seufzt tief, gelassen und anscheinend wissend auf: „Das riecht verdammt nach Macht- und Rangkampf. Geratet ihr da leicht rein?“ „Genau das ist es!“, rief Judit erleichtert aus, „Du bist wie dein Vater, der auch immer Recht haben musste.“ „Stop stop!“, befahl Carmen, „Fangt nicht jetzt schon an, euch eure Eltern um die Ohren zu hauen, das haben wir durchgeprobt bis zum Abwinken. Uns immer neu verletzt. Andreas, wie lautet deine Anklage: 'Du bist wie deine überdrehte, überemotionale Mutter?`“ Andreas musste lachen, Carmen hatte einen Treffer gelandet, die Situation entspannte sich minimal. „Wie lange treibt ihr die anklagenden Vater- und Muttervergleiche oder besser deren Instrumentalisieren schon? Wer hat die Technik entdeckt, so den Anderen mundtot zu machen? Oder seid ihr darin, wie anfangs wir, Originalbegabungen?“, fuhr Carmen fort, und plötzlich lachten alle. „Was hast du überhaupt an ihm gefunden, als du ihn auf einer Party beobachten konntest?“, fuhr Carmen fort. „Das verrate ich jetzt noch nicht. Oder doch? Mit Anlauf. Wir haben ja eine Art Nicht-schäm-Vereinbarung. Er machte so einen stolzen, souveränen Eindruck, er war umschwärmt, dozierte und war witzig, drei noble Schicksen lauschten andächtig, auf die war ich neidisch und beschloss, sie affig zu finden und zu verachten. Wie ihr hört ein ganzes Ehrgeiz-Programm, und weil bei euch so ehrlich von euren Größenphantasien die Rede war: 'Den kriege ich`, war mein ziemlich verrückter Plan, erst recht, als ich mitkriegte, wie die Eine ihn den ganzen Abend bewachte, als ob er sich ihr entziehen könnte. Mein Ehrgeiz war wie entfesselt, und, wie soll ich das sagen, den warf ich ihm vor die Füße, und mich selbst dazu, aufgeregt und fast würdelos, und dann merkte ich, wie seine Stimme und sein überlegenes Lachen in mir nachklang und mich nicht einschlafen ließ.“ „Whow!“, kam aus Oskars staunendem Mund, „so was Ähnliches muss ich wohl gespürt haben, als ich Carmen in ihrem Freundinnengrüppchen sah, aber hundertfach verdünnt, gar nicht so zielstrebig, sondern schüchtern und sehnsüchtig gleichzeitig, und mein Freund hat es gesehen und war plötzlich für mich ehrgeizig, wie ein Trainer, der aus einer Laune heraus einen Schlappschwanz groß rausbringen will.“ „Oskar, mach' dich nicht so klein, das ertrage ich nicht, du warst nach dem ersten kleinen Überraschungssieg ziemlich zäh im Werben, das hat mir imponiert, und ich gebe es zu, ein Schuss Mitleid kam bei mir hinzu, du warst so rührend in deinem unbeholfenen Eifer.“ Oskar winkte unwillig ab, es kränkte ihn, auch aus Mitleid gewählt worden zu sein. Deshalb sagte er ziemlich forsch: „Aha, Julia, weiß du was ein Pyrrhus-Sieg ist. Du gewinnst und sitzst trotzdem in der Falle, weil deine Eroberung dich leiden lässt: Du hast einen Siegertyp gewonnen, der dich dauernd besiegen muss!“ „Jetzt hör` aber auf, Oskar, du trumpfst ganz schön auf in der Runde und schielst auf meine Freundin, wie um sie durch Beistand und Mitleid zu beeindrucken. Ich hoffe, wir geraten nicht in Hahnenkämpfe.“ „Andreas, hast du nicht gesagt, jetzt bräuchtet ihr mal Rat, und du hängst statt dessen den Überlegenen raus. Könntest du überhaupt zuhören, wenn ich euch einen Rat unterbreiten würde?“ „Ok,“ meinte der Angesprochene, ich bin gespannt!“, und es klang herausfordernd, fast ein wenig verächtlich, was Julia veranlasste, ihn gegen die Schulter zu boxen und zu provozieren: „Andreas, jetzt klettere mal runter von deinem Podest und probier', ob du einen Rat von Oskar annehmen kannst.“ Doch der meinte: „Ratschläge sind auch Schläge!, ein Spruch von meinem Alten, wenn meine Mutter ihm zusetzte mit ihren Lebensweisheiten, die er endlich erfolgreich beherzigen sollte.“ „ Also, sagte adreas, etwas kleinlaut geworden, „ich rüste mal ab und lausche dem konflikterfahrenen Oskar.“ „Deine Ironie kannst du mal beiseite lassen, sie klingt immer wie ein letztes Kampfmittel. In der Bank redest du freundschaftlich ruhig mit mir, nur hier vor den beiden Frauen wirfst du dich in die Brust! Genau so habe ich ihn anfangs erlebt, um auf eure Anfangsfrage zurück zu kommen, er entfaltet sein Balzgefieder, wie automatisch, wie vor seiner kleinen Schwester und deren Freundinnen. Ist das jetzt unfair, Andreas?“ „Ziemlich, du warst mal so beeindruckt von mir, und was ist davon geblieben?“ Die Stimmung drohte hitzig zu werden, doch Carmen kehrte zu Julias ratlosen Fragen nach dem Film zurück: „Was könnt ihr Beide machen, wenn ihr euch selbst immer wieder in die Falle des Machtkampfs gegangen seid?“ “Richtig“, meinte Andreas, rasch ruhiger geworden, „wir wollten ja euren Rat, keine überlegenen Ratschläge. Was habt Ihre aus eurer jahrzehntelangen Lebens- und Kampferfahrung herausgefiltert?“ „Erzählt euch viel über eurer Leben, über eure Pubertät, Kindergartenzeit, Elternehe, Geschwisterrollen und -konflikte, euren gelebten Lebensstoff eben, am besten in ruhigen Zeiten, spazierendgehend, Händchen haltend, mit ehrlicher Neugier, oder abends beim Rotwein, in immer neuen Runden, Fröhliches und Peinliches, Hemmendes und Förderndes, und vor allem: Gesteht euch eure offen und geheimen Wünsche aneinander ein, einschließlich der heimlichen Wünsche an die Sexualität. Sonst bilden sich da die gefährlichen Schweigezonen. So, ich beende die Halskette der Ratschläge, ich hoffe, es hat nicht zu weh getan.“. „Nein“, sagte Julia, „du kommst mir vor wie ein besserer großer Bruder, meiner war und bleibt ein Neidhammel, zum Kotzen!“ „Dann nehme ich also einen Ehrentitel entgegen, Gutenratschläger, weiß nicht, ob ich dem ein wenig gerecht werden kann, was meinst du, Carmen!“ „Von großen Brüdern verstehe ich leider nichts, ich hatte nur das Gör von Schwester neben mir, unter und über mir auszuhalten.“ In der Tat konnten „unsere Beiden“ immer wieder „vertrauensbildende Maßnahmen“ zwischen den anderen Beiden erreichen und die beruhigenden Gespräche in Gang halten, sodass sie wieder mehr unternahmen und sich gelegentlich ein Wellnesswochenende gönnten, mit Erinnerungen an Gelungenes und an Peinliches. Und Julia zog Carmen auch immer wieder verstohlen zur Seite und wollte einfach alles wissen über das Erleben der Schwangerschaft. Und Carmen liebte es, sich darüber zu verbreiten, so innig wie inzwischen fachfraulich.

Die Reihe der Gespräche in verschiedenen Rollen und Zusammensetzungen führte bei Andreas und Judit zum wachsenden Entschluss, endlich zusammen zu ziehen, nach einigem konfliktreichen Hin und Her und langen Diskussion, ob sie auch die Uni wechseln und in die dann etwas enge Zweizimmerwohnung von Andreas ziehen sollte, oder nur vorübergehend, und wer sich auf die Suche nach einer größeren Wohnung machen sollte, oder beide gemeinsam, und welche finanzielle Obergrenze sie sich dabei setzen wollten. Andreas verdiente schon ganz ansehnlich, Judit lebte noch von väterlicher Überweisung, das Gefälle gab Anlass zu neuen Diskussionen und Konflikten, bis zum Examen von Julia war es noch ein weiter Weg, und ob sich dann ihre beruflichen Wünsche erfüllen würden, war unklar, aber zur Sicherheit wollte sie das Referendariat für den Schuldienst absolvieren. Auf jeden Fall hasste sie ihre finanzielle Abhängigkeit von Andreas, denn ob der gestrenge Vater seine Überweisung weiter tätigen würde, wenn sie Stadt und Uni wechselte und ohne Trauschein mit ihrem ihm fast noch unbekannten „Galan“ zusammen lebte. Auf jeden Fall wollte sie nicht eine jahelang ausgehaltene Geliebte sein. Aber die Abhängigkeit vom Vater wäre ihr doch noch lieber gewesen als die von Andreas, obwohl der sich durchaus großzügig und nicht so kontrollierend und Bedingungen stellend zeigen wollte. Es standen ihr also schwierige Verhandlungen mit den Eltern bevor, vor denen ihr graute.

Weitere Monate gingen ins Land, sie beschlossen, „vorläufig“ erst beengt zusammen zu ziehen, „man kann nie wissen“, einigten sich aber, um es dem Vater leichter zu machen, auf Halbe-Halbe der Zuwendungen und suchten zusammen einträchtig eine ausreichend breites Bett, was wiederum auf Kosten des jungen Bankers ging, da war gar nicht zu machen. Unter großem, manchmal höchst albernem Gelachter waren sie nebeneinander in mehreren Geschäften „probegelegen“ und hatten Andreas Bett, noch aus der Studentenzeit stammend, billigst weiterverkauft. Judit witzelte, als die zusammenklappbare Doppelbettmatratze kam: „Unser Hausstand nimmt Formen an! Praktisch, preiswert, zugeklappt raumsparend und kaum knarrend, weder beim Sitzen, beim Liegen und Lieben!“

Sie wickelte ihren schmalen Studendenhaushalt ab, es gelang ihr, sich für das kommende Semester umzuimmatrikulieren, und Andreas mietete einen Kleintransporter und holte, zusammen mit ihr, die restlichen Habseligkeiten „ab ins neue Heim“, wie er wieder einmal unbeherrscht ironisch, ja brüderlich großkotzig und ironisch verlauten ließ. Zuvor hatte sie mit ihren wenigen Freunden einen „Abschied gegeben“ und ihren Freund zur ihrer Zufriedenheit vorgestellt. Sie erhielt sogar Glückwünsche, weil dieser sich von seiner witzigsten und zuvorkommendsten Weise gezeigt hatte, ohne sich aufdringlich selbstbewusst zu zeigen, was sie befürchtet hatte. Sie hatte sehr wohl seine leichte Befangenheit beim Gedanken an seine bevorstehende Tauglichkeitsprüfung durch ihr Freunde gespürt. Zurückgekehrt in ihr neues enges Zweisamkeitsnest zeigte sie sich dankbar und erfreut und bezeichnete ihn als ihren Multifunktionsmann: Freund, Liebhaber, Helfer, großen Bruder, Financier, Dominator, Teilweichei, erotischen Überwältiger und Künstler, Tröster, Besserwisser und Diskussionspartner, gelegentlich sogar auf Augenhöhe. Immerhin konnte er geschmeichelt lachen und gelobte für einige Sparten eine Besserung, für andere eine Steigerung, „falls das überhaupt noch möglich ist!“ Beide hatten genug Humor, um manche kleineren Klippen in der Beziehung auf Anhieb zu umschiffen. Selbst Oskar und Carmen hatten ihnen beim Zusammenzugsfest eine günstige Prognose gegeben. Bei dieser Gelegenheit hatte sie auch einige von Andreas´ und Oskars Bankkollegen näher kennengelernt und ihre Befangenheit weitgehend verloren vor den kommenden Finanzgrößen.

Es ging nun schon fast auf die Geburt zu, Oskar ging zwei Mal, hochgelobt von Carmen, zur Schwangerschaftsgymnastik mit und lernte zehn weitere hochschwangere Frauen kennen, und zwei weitere kommende Väter. Die drei begrüßten sich neugierig und fragten nach ihrem Befinden, einer kam als Routinier zu seiner dritten Niederkunft, oder der seiner Gattin, und tat so cool wie möglich, die anderen waren vorzeitig aufgeregt und gelobten sich, bei der Geburt dabei zu sein, vorausgesetzt, seufzte Oskar, „wenn ich nicht schon vor dem Kreißsal ohnmächtig werde.“ Julia, inzwischen rundum informiert über Glück und Leiden „gesegneten Leibes“ zu sein, hatte angefragt, ob sie als “nahe und beruhigende Angehörige“ mit dabei sein dürfe, Carmen hätte zugestimmt, wollte sich aber erst erkundigen, ob ein solches „Einschmuggeln“ einer Freundin statthaft und nach den Krankenhaussitten erlaubt sei. Jedenfalls war die Beziehung zwischen den beiden Frauen so eng geworden, dass Carmen sich erfreut ausmalte, sie und Oskar würden links und rechts ihre Hand halten und ihr beistehen und Mut machen und pressen helfen.

Inzwischen wussten sie, dass es ein Mädchen werden würde oder größtenteils schon sei, die Neugier hatte gesiegt, und obwohl sich im Stillen jedes einen kleinen Geschlechtsgenossen für sich gewünscht hatte, gab sich Oskar tolerant und zufrieden und fühlte sogar einen heimlichen Reiz, ein Töchterchen zu kriegen, in das er sich sofort zu verlieben bereit war. Die Voruntersuchungen waren zufriedenstellend verlaufen, letzte Einkäufe gemeinsam getätigt, auch Carmens Mutter hatte sich pflichtgemäß angeboten, ihrer Tochter hilfreich zur Seite zu stehen, was diese zuerst dankend abgelehnt hatte, doch dann hatte Claudia ihr unbedingt geraten, diesen Beistand nach der Geburt anzunehmen, mütterlicher Rat sei nach einer ersten Geburt nicht zu verachten und fördere sogar eine Verbesserung der matt gewordenen Beziehung. Denn ein erstes Enkelchen sei das denkbar größte Geschenk, an beide Eltern!, derzeit werde in den Journalen sogar viel über Großelternglück gesprochen, als ein wahrer Jungbrunnen gegen das Altern, und das vollziehe sich ja dann bei ihnen am Ort, während viele Großeltern die weitesten Reisen unternähmen und unternehmen müssten, um den Nachwuchs zu besichtigen und eine stolze und soweit wie möglich regelmäßig Beziehung einzuleiten. Man höre auch oder lese viel über die neueste Technik des Skivens, also zu telefonieren mit gleichzeitiger wechselseitiger Besichtigung und anteilnehmender optischer Wonne.

Oskar kriegte neben der Liegenden und weiter zu Ende Brütenden kaum Mund und Ohr und tastende Hand von ihren Bauch, sodass es ihr manchmal fast lästig wurde: „Du führst dich auf wie ein Seismographentechniker, der den Zustand der Erdrinde beobachtet und einen Vulkanausbruch präszise vorhersagen will. Oder du meldest dreist deinen Besitzanspruch an, weil du meinst, du könntest dir so eine privilegierte Beziehung zu ihr erarbeiten. Du hast mich zwar ganz unwissend und unwillentlich geschwängert, aber ausgebrütet habe ich sie bis zum heutigen Tag, und neulich habe ich doch tatsächlich gelesen, man habe jetzt entdeckt, oder Freud oder wie der heißt, dass es bei Männern manchmal einen heftigen Gebärneid gebe, und dass sie sich deshalb wie die Irren in eine Schwangere hineinversetzen, um den angeblichen Penisneid der Frauen irgendwie auszugleichen. Kann man deine offensichtliche Dauerarbeit am Hoch-und Fühlposten so verstehen?“

„Du, ich bin einfach fasziniert, und tiefenpsychologische Deutungen verbitte ich mir, wer weiß, woher du sie beziehst, wahrscheinlich auch aus der ´Brigitte` oder der ´Freundin.` Von dir lasse ich mir die Vorfreude nicht verderben, wir werden uns noch genug streiten, wem von uns sie am ähnlichsten sieht, und ob deine oder meine Gene triumphieren.“ „Lieber Oskar, ich freue mich sehr auf einen gemeinsamen Triumph, du redest schon wie unsere Freunde, die wieder der Machtkampf überkommen hat. Übrigens, wärst du einverstanden, dass Julia bei der Geburt dabei ist, damit ich nicht so allein bin, wenn du ohnmächtig auf dem Klinikflur liegst? Und überhaupt: Wie soll sie denn heißen, in meine, mit Nachnamen, du müsstest sie entweder sofort als dein Kind anerkennen, sie adoptieren oder notfalls mich heiraten.“ „Ach so ist die Rechtslage? Sie wird normalerweise gar nicht meinen Namen tragen?“ „Das siehst du richtig.“ „Das kommt mir vor wie Betrug!“ „So ist das aber von Gesetzes wegen, und auch das Besuchsrecht und das Aufenthastsbestimngsrecht liegen bei mir, im Katastrophenfall.“ „Es gibt keine Katastrophe! Wenigsten habe ich noch keine Katastrophengefühle.“ „Ich seit längerem auch nicht mehr, doch es gab Zeiten, das war mir das nicht fremd. Kannst du dich erinnern?“ „Nur vage. Irgendwas war mit einer sogenannten Sexualstörung?“ „Richtig, aber die wäre für mich noch kein Trennungsgrund gewesen. Aber wie du sie zu heilen versucht hast mit dem Flittchen, wie hieß die noch mal?“ „Das hab` ich leider auch vergessen.“ „Schade, das ist doch unser gemeinsamer Erinnerungsbesitz. Außerdem glaub' ich dir das nicht, dass du ihren Namen nicht mehr weiß, schließlich hat sie dich von deiner Impotenz erlöst.“ „Ach ja, der sollte ich eigentlich noch einen späten Dankesbrief schreiben. Halt, doch nicht, die hat uns ja die HiV-Angst eingepflanzt, richtig, Schwamm rüber. Klang da noch ein leiser Vorwurf in deiner Stimme nach?“ „Nein Oskar, ich glaube, das grausige Jahr ist verziehen. Teilweise hab ich ja mitgespielt, nur um dich zu halten.“ „Dafür kriegst du, wenn es mir grad wieder mal einfällt, einen Extrakuss, ohne dass ich dich erinnern muss wofür. Und du fragst dann so rühren naiv: ´Wie hab` ich den verdient?` „Das binde ich dir dann nicht auf die Nase. Deine erfreute Überraschung gefällt mir so gut.“ „Also mach` weiter so!“ „Jetzt ist das süße Geheimnis doch gelüftet.“ „Dann mach halt ohne Geheimnis weiter. Ich habe immer eine Belohnung verdient!“ „Genau wie ich!“ „Also Gleichstand. Aber wie kannst du von drohender Katastrophe reden?“ „Ach, einfach so, damit du nicht abhebst vor lauter sehr verspätetem Glück über deinen Bauch, und mehr noch über das was drin ist.“ „Wie lange wirst du mir von meinem sehr verspäteten Jubel etwas unter die Nase halten?“ „So bald es hochkocht aus meiner Seele. Zeitlich gibt es da keine Garantie.“ „Dann lebe ich also zeitlos in Angst, wann es wieder blubbert?“ „Beruhige dich, aber vielleicht diente deine Verrücktheit nach meinem Bauch plus Inhalt auch dazu, etwas abzutragen von deiner schweren Schuld, an Abtreibung überhaupt gedacht zu haben.“ „Das mag wohl sein. Liebe Carmen, lass uns wieder friedlich sein. Aber wo du die Kleine nun demnächst für mich freigeben wirst und die Mutter ihre Dienste anbietet.“ … „Halt Freundchen, machst du Witze,`für dich`freigeben, oder ist es dein unveränderter Machogrößenwahn, dass ich sie nur für dich ausgetragen haben?“ „Dreimal sorry, mein Vater- und Besitzerstolz ist mir davon galoppiert, aber halb sollte es auch ein Scherz sein, sie wird mir ja auch ein Stück weit gehören!“ “Du Scheusal, wir sind beide die Eltern, doch du ein bisschen weniger als ich, weil du von Heirat nichts wissen willst und auch nicht so viel gekotzt hast wie ich noch vor Monaten.“ „Ok, ok, du bist auch nicht schlecht im mutterstolzem Witze-Machen, sogar drohende … Schwamm drüber. Weißt du eigentlich, w i e dich deine Mutter zur Welt gebracht hat? Normal, als Sturzgeburt, langwierig, mit extremen Schmerzen, unter Narkose, mit Dammriss, mit Kaiserschnitt oder Sauglocke?“ „Hör auf mit deiner Fragerei, dies alles habe ich sie auch gefragt, immer wieder, aber da stieß ich auf absolutes Schweigen, und wenn ich nach längerer Zeit doch wieder fragte, wurde sie ärgerlich, aber gab nie etwas preis. Also bleibt alles im Dunkeln, ist aber leider Anlass zu den merkwürdigsten, finstersten Phantasien. Ich weiß nur, dass mein Vater zu einem unbestimmten, jedenfalls mir unbekanntem Zeitpunkt vor, während oder nach der Geburt, besoffen im Wohnzimmer gelegen sein soll – das erzählte sie traurig oder höhnisch oder wütend immer wieder, je nach Tagesform, - und dass er eher täppisch fragte: `Geht es los?“ oder wahlweise „'Ist es da?“ oder 'Was ist es geworden?' So ganz hat sie ihm das vielleicht nie verziehen. Darin unterscheidest du dich von ihm, was ich dir hoch anrechne, dass du bereit bist: a) mitzugehen in die Klinik, b) eine Ohnmacht zu riskieren, c) dein, nein unserer Kind selbst in Empfang zu nehmen.“ „Ich werde tapfer sein!“

„Mein Lieber, das ist wohl das mindeste! Die werden angesichts immer wieder umkippender Väter wohl Medikamente haben, um dich wieder zu dir zu bringen. Notfalls küsse ich dich wach, wenn das Kind da ist.“

„Nennst du das Mut machen, was da aus deinem höhnischen Mund kommt. Überhaupt: hast du mich je als Feigling erlebt? Jetzt verwechselst du mich in der Aufregung total mit deinem Vater! Immer noch, weil ich nicht sofort vor Glück geplatzt bin, als ich mit zwei Monaten Verspätung von der Schwangerschaft hörte? Lass uns aufhören mit diesen offenen und verdeckten Vorwürfen, wir fiebern doch beide dem Ereignis gemeinsam entgegen.“ „Was wirst du denn tun an deinem Bankschreibtisch, wenn die Wehen beginnen? Soll ich dich anrufen? Brichst du dann auf, auch wenn du einen Kunden vor dir hast, der dir misstrauisch Löcher in den Bauch fragt? Hast du den Chef informiert, dass es bald losgehen kann? Oder soll ich den Notarzt anrufen, der mich vielleicht ein paar Tage zu früh in die Klinik fährt? Ich weiß, was ich mir wünsche, wenn es wirklich ernst aussieht: Dass du zwei drei Tage Urlaub nimmst und einfach bei mir zuhause bleibst! Ich brauche dich an meiner Seite, Bank hin oder her, oder lass dir zwei Arbeitstage abziehen, einen kriegst du hoffentlich sowieso frei, wenn die Kleine ankommt oder da ist.“ So bestimmt fordernd hatte er Carmen noch nie gesehen, und er versprach, sich ihrem Wunsch zu fügen.

Die letzten zwei Monate der Hochschwangerschaft und die herannahende Geburt hatten wichtige Veränderungen im Tagesablauf gebracht. Oskar bereitete pünktlich und kunstvoll das Frühstück, bevor er zur Bank ging. Angesichts der meist ungeheuerlichen Nachrichten aus Syrien und den wieder anschwellenden Flüchtlingsströmen und des wachsenden Zwist in und der Isolierung in der EU und der zunehmenden Isolierung und Anfeindung der Bundeskanzlerin hatten die Beiden die Gewohnheit aufgegeben, zusammen die Fernsehnachrichten um 19h oder spätesten um 20h anzusehen. Sie fühlen sich der Überschwemmung durch die Fülle der schrecklichen Meldungen nicht mehr gewachsen, und Oskar verzichtete anfangs schweren Herzens auf zwei oder drei der Talkshows mit dem fast immer gleichen Karussell der Teilnehmer, weil sie sich meistens um die gleichen Themen drehten. Das fiel ihm im Lauf der Wochen umso leichter, weil er und einige Kollegen in kurzen Pausen einen privaten Sender für kurz Meldungen einschaltete, schon um die neuesten Börsennachrichten zu sehen und zu kommentieren. Es gelang den Beiden, die Politik mit den sich häufenden Krisen in den Hintergrund zu drängen, sie waren also teilweise abgehängt von der äußeren Welt, bis auf Besuche von Andreas und Julia, und waren um so mehr füreinander da. Man könnte von einem immer stiller vor sich hinbrütenden Paar sprechen – natürlich abgesehen von Oskars Arbeitsalltag – Carmen hatte sich von den weiterlaufenden Ausbildungskursen beurlaube lassen. Sie hörten viel Musik, und Carmen genoss es, wenn Oskar ihr vorlas aus leicht verdaulichen Büchern, so lange, bis sie einschlief und erst viel später von der Couch in ihr Bett wechselte, wo seinerseits dann gegen Mitternacht Oskar schon kaum mehr wachzukriegen war. Aber zu ein paar halbwachen Zärtlichkeiten reichte es dann doch immer, und so schliefen sie händchenhaltend wieder ein, bis meist Carmen öfter in der Nacht wieder aufwachte, weil die Kleine in ihr zu unruhig war, oder weil sie sich umbetten musste in eine bequemere Haltung. Man könnte diese Wochen innig nennen, und so empfanden es beide, lebten wie auf einer zwar nicht ganz friedlichen, aber doch viel weniger stürmischen Insel als früher.

Die Geburt verlief dann so aufregend wie normal und glücklich. Damit enden Entwicklung und Reifung von Oskar und Carmen von ihrem zwölften bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, als eine nun dreiköpfige Familiebeginnt sie und mündet in eine vollkommen neue Phase, die weit weniger berichtenswert ist als alles Bisherige.