Tilmann Moser

Amercan Sniper, der Rekortkiller. Eine Deutung

Psychoanalytische und sozialpsychologische Überlegungen

Dass der Film mit sechs Oscars in den USA alle Aufführungsrekorde bricht und bereits mehrere hundert Millionen Dollar eingespielt hat, erstaunt, verwundert, macht beklommen, erschreckt und scheint doch ein hypernationalistisches Phänomen, wird in den USA von rechts jedenfalls, begeistert begrüßt und kommentiert, in Europa eher ambivalent bis entsetzt rezensiert, trotz anerkannter filmischer Qualitäten. Die frühe Zerstörung der kindlichen Einfühlung wie des unreifen Überichs des späteren Helden wird gleich eingangs gezeigt: der Junge wird vom Vater zum vierjährigen Jäger dressiert, in einem Alter, in dem sonst Kinder an ihrer Tierliebe wachsen. Der Vater, Geschäftsmanna und auch frommer Diakon, teilt die Menschen ein in Schafe, Wölfe und Hütehunde. Die erste tödliche Schussszene im Film gestaltet überrumpelnd eine überwältigende und perfide Rechtfertigung des Schusses für den noch nicht moralisch einorientierten Zuschauer. Sie belehrt uns und mahnt: Die irakischen„Bestien“, als erste eine Frau, missbraucht ein natürlich, so wird suggeriert, grausam missbrauchtes Kind, es soll die von der Mutter aus ihren Gewändern ihm überreichte Rakete in eine Gruppe nichtsahnender GIs werfen, was natürlich ihren Tod zufolge hätte. Selbstverständlich muss der Held das Kind im allerletzten, rettenden Augenblick erledigen. Dann will die Mutter den Job übernehmen, der zweite Schuss erledigt sie auch sofort. Die ethische Einstimmung: Rettung der GIs in letzter Sekunde ist geschafft, alle weiteren Tötungen mit dem Zielfernrohr von hoch oben sind kein Problem mehr.

Soldat Kyfe, der Rekord-Scharfschütze, wollte angeblich gar kein Held sein, nur seinen engagierten Dienst für das Vaterland tun, aber mit rekordverdächtigem Killer-Ehrgeiz und meisterlicher handwerklicher Präzision. Zum Helden macht ihn erst der Film von Clint Eastwood als Regisseur und die zum Teil hymnischen Kommentare nationalistischer Amerikaner.

Ich untersuche zuerst die Autobiographie von Christ Kyle, die er mit zwei literarischen Helfern verfasste, erschienen 2012 unter dem Titel „American Sniper. The Autobiography of the Most Letal Sniper in U. S. Military History“, deutsch ebenfalls 2012, bereits in der sechsten Auflag 2015, als „Sniper. 160 tödliche Treffer – Der beste Scharfschütze des US-Militärs packt aus“. Danach gedreht ein zweieinhalbstündigen Film, der wochenlang auch die großen Säle deutscher Kinos füllte. Welche nationalen Wunden soll der als Seelentrost aufgenommene Film wohl heilen?

Das Filmepos

Wehe dem Land, das s o l c h e Helden braucht. (frei nach Brecht)Der Streifen endete nach fast drei Stunden mit einer Art Staatsbegräbnis für ihn. Die Straßen, durch die die Autokarawane zum Friedhof fährt, sind gesäumt mit begeistert US-Fähnchen schwingenden jugendlichen Fans und bewundernden, trauernden Bürgern besetzt. Eine Brücke über die Straße bildet eine staunende Galerie der Verehrer. Eine Ehrengarde gibt ihm das letzte Geleit, die Fahne auf seinem Sarg wird voll Andacht Fahne zusammengefaltet, ein Posaune erklingt zum Abschied und ein Kamerad heftet die 160zigste Abschussprämie zu den anderen auf den Sarg aus edelstem Tropenholz.Clint Eastwood kann sich nicht genug tun mit der endlosen Wiederholung von Kampfhandlungen, typischerweise Häuserkampf mit eingetretenen oder aufgesprengten Türen. Verängstigten Bewohner flehen um Gnade und fliehende Bösewichter werden nach wilden Verfolgungsjagden erledigt. Inmitten zerstörter Elendsquartiere und ganzer Straßenfluchten pirschen sich bis an die Zähne bewaffnete, das Sturmgewehr nach scharfen Kommandos schwenkende Elite-GIs an die nächste Türe, immer Deckung suchend vor den irakischen schurkischen Heckenschützen. Sie feuern und bringen notfalls feindverseuchte Häuser mittels Granaten zu Einsturz, womit die ganze böse Bewohnerbrut vernichtet ist. Leichenberge, die überstiegen werden müssen, zeugen von den Erfolgen des Straßenkampfes, die meisten Toten haben natürlich die Helden in ihren Tarnuniformen erledigt. Während man nach eineinhalb Stunden auf eine Ende hofft, beginnt der lange Schlusstumult mit ungeheurem Lärm und im durch einen wilden, alles verdunkelnden und verdeckenden Sandsturm, eine Anspielung wohl auf das, was anderen Orts und anderen Films Apokalypse genannt wird, aus der die Gerechten und Gottgefälligen fast unbeschädigt hervorgehen.Der Zuschauer ist bildlich und akustisch und ideologisch überwältigt, aber die Schlussszene der Erschießung des glanzvollen „Kreuzritters“ bleibt ihm erspart, das Bild könnte den Glanz der Bilder beschädigen. Laut schwatzend verlassen die meist jugendlichen Besucher die dichten Reihen der größeren‚ oft ausverkauften Säle des Kinos. Der uralte Clint Eastwood hat eine neue Helden-Identifikations-Figur für die an sich selbst zweifelnden USA mit Pomp inthronisiert, alle Einspielrekorde gebrochen und eine nationale Wegweisung in eine bessere Zukunft geschaffen.