Matthias Hirsch: Goldmine und Minenfeld
Liebe und sexueller Missbrauch in der analytischen Psychotherapie und anderen Abhängigkeitsbeziehungen
von Tilmann Moser
Matthias Hirsch ist einer der erfahrensten Theoretiker über Verstrickungen in der Psychoanalyse: vom "Realen Inzest" (1987) bis zu diesem letzten Buch, dessen Thema man als "drohenden Inzest" beschreiben könnte, spannt sich ein weiter Bogen, und immer stand auch der Körper im Mittel, auch wenn er auf ganz klassische Weise, auch für Hirsch der "unberührbare" blieb. Freud und vor allem die viel strengeren Nachfolge hatten es so quasi therapiegesetzlich statuiert. Der Körper bleibt in der Psychoanalyse das Gefährliche, außer er wird als "symbolischer Körper" in der Phantasie und rein sprachlich betrachtet.
Als Spezialist des Themas hat Hirsch in Supervisionen sicher viel zu hören bekommen von kollegialen Übergriffen, er kennt die Forschungsliteratur wie die Kämpfe um Reinheit, aber auch die Verteidigungsreden der Sünder wider das Missbrauchsverbot.
Freuds Gebot der "Abstinenz" und seine doktrinäre Verfestigung in der "neutralen" Psychoanalyse wandelt sich in letzter Zeit dadurch, dass die Analyse die intersubjektive, die wechselseitige Beeinflussung von Therapeut und Patient entdeckt hat. Das macht die Begegnung aber auch "gefährlicher", weil sich der Therapeut viel mehr einlässt und mehr von sich zeigen muss. Angesichts der viele Übergriffe haben die therapeutischen Verbände Ethikkommissionen und strenge Richtlinien ins Leben gerufen, auch gegen die Verführbarkeit und unerledigte Pathologie von Analytikern, die bei ihren Patienten selbst nach Erlösung suchen. Mit Bitterkeit vermerkt Hirsch, "dass geachtete Kollegen, die sich auch an der Spitze der Institutionen und Berufsorganisationen befanden, neben einem warmherzigen freundlichen ... Teil der Persönlichkeit einen anderen, abgespaltenen, verborgenen hatten, mit dem sie kalt Schutzbefohlene sexuell ausbeuteten." Ein beklemmendes Beispiel dafür findet sich in dem spannenden Therapiebericht von Margarete Akoluth "Unordnung und spätes Leid. Bericht über den Versuch, eine misslungene Analyse zu bewältigen" (2004).
Große Kapitel in Hirschs Buch sind auch den Vorgängen in Familien, Internaten und katholischen Institutionen gewidmet. Hirsch fügt eine so erhellende wie umfangreiche beißende Kritik an dem "Wendehals" Günther Bittner an, der sich vom Vorkämpfer absoluter Berührungslosigkeit zum Legitimierer von Sexualität innerhalb einer Analyse gewandelt hat. Besonders hervorzuheben sein gründliches Gutachten z einem Missbrauchsprozess in der Psychoanalyse. Dieses Buch verdient viele therapeutisch interessierte Leser.
Matthias Hirsch: Goldmine und Minenfeld. Liebe und sexueller Missbrauch in der analytischen Psychotherapie und anderen Abhängigkeitsbeziehungen. Psychosozial-Verlag, Gießen 2012, Ärzteblatt PP 1/2013